Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924

GA 265a — 6 March 1912, Berlin

Feier Zum 70. Geburtstag Von Günther Wagner

Aufzeichnungen von Ida Knoch mit Ergänzungen von Lidia Gentilli-Arenson-Baratto und Erinnerungen von Karl Rittersbacher

Vater auf einem mit Rosen und Grün bekränzten Stuhl; Gretchen, Paula und ich neben ihm.

Eins bis sieben Hammerschläge zu Anfang und Ende, sonst immer sieben statt der üblichen drei. Gebet und so weiter wie gewöhnlich.

Ich weiß, dass ich aus dem Herzen und dem Gefühl aller spreche, wenn ich zuerst diese Worte an unsern lieben Bruder Günther Wagner richte. (Verlesen der mantrischen Zeilen):

Der Seele Erdenpilgerzug
Er führt auf steile Bergesgipfel
Da sprechen des Lebens spitze Steine
Es sind ihre Worte andres nicht
Als Rätsel nur und Fragen,
Die Sehnsucht gewaltig wecken:
Nur wenn in Seelen Bergeshütten
Wo Geistesstimmung ruhig waltet
Den Rätseln Lösung winkt
Und Ruhe Schnsuchtskräften:
Dann reifen Geistesfrüchte
Zu Keimen für Ewigkeiten. In deinen Lebenspilgerzug
Das Geistesauge lenkend
Erscheinen diese Worte mir
Als deines Wesens Zeichen.

Schon vor vielen Wochen war es mir ganz gewiss, dass heute eine solche intime Feier stattfinden würde, aber was ich sprechen würde, habe ich nicht gewusst bis heute Morgen, als ich mein Herz den Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen erschloss, um von ihnen Segen zu erbitten für unsern lieben Bruder Günther Wagner. Ehe das wiedergegeben wird, was da erschaut wurde, weiß ich mich mit euch, meine lieben Schwestern und Brüder, eins in dem Ausdruck der Liebe und Treue, die wir für unsern lieben und treuen Bruder Günther Wagner hegen.

Doktor Steiner hebt hervor, wie Vater jedem, der Trost, Kraft und Mut suchend an ihn herangetreten ist, geraten und geholfen hat, in immer gleicher Liebe und Treue, wie seine nach Harmonie suchende Seele überall harmonisierend gewirkt hat, wie er all das, was er durch ein langes, arbeitsreiches, immer nach Wahrheit strebendes Leben sich errungen hat, als Liebe wieder ausgestrahlt hat; wie er unserer Strömung der Theosophischen Gesellschaft seine Kraft geweiht hat. Doktor Steiner erinnert sich gern an so manchen Augenblick, wo er Vater nahe sein konnte — und so weiter, und so weiter.

Es waren nicht direkt Worte, die Doktor Steiner von den weisen Meistern des Ostens kamen, als er ihnen sein Herz heute Morgen meditativ erschloss, sondern mehr Bilder, indirekte Bilder sozusagen. In einer Gemeinschaft wie der hier versammelten könne er ja so etwas wie das, was er jetzt sagen würde, erzählen.

Zuerst erschienen Bilder, aus denen sich wieder andere ergaben. Da sah Herr Doktor Steiner also ein Mitglied des Ordens des heiligen Benedictus, umgeben von anderen Mitgliedern des gleichen Ordens; es waren dies der Abt - Sinibald - und die Älteren dieses Ordensklosters. Sie saßen zusammen, wie es selten vorkommt, nicht Übungen oder anderen Vorschriften hingegeben, sondern im Austausch mehr persönlicher Gedanken. Und der Abt, der 1227 Abt dieses Ordens wurde, erzählte seinen Älteren von seinem Vater, wie sehr er an diesem gehangen habe, dass dieser Vater mit dem Führer des dritten Kreuzzuges nach Palästina gezogen sei, wie der Vater erzählt habe von den mancherlei Strapazen, wie er Entbehrungen, Leiden durchgemacht, wie er gekämpft habe; aber auch von dem Leben im Orient erzählte der Vater, auch zum Beispiel, wie dort Glas gemacht wurde, wie die Purpurfarbe hergestellt wurde. - Und diese Erzählungen von dem Leben im Orient und seinen Eigenheiten machten auf den lauschenden Knaben einen großen Eindruck, mehr noch als die Erzählungen von den Kämpfen.

Der Vater des Abtes sprach auch davon, dass er und seine Mitkämpfer ein starkes Gefühl hatten davon, dass das, was Friedrich Barbarossa tat in dem Kreuzzug, mehr bedeutete, als nur die äußeren Geschehnisse erkennen ließen. Der Vater, der Johanniter-Ritter (?) war, stand dabei, als die Leiche des rotbärtigen Kaisers aus dem Flusse Saleph herausgezogen wurde, und er wusste, dass, auch als drei bestimmte Teile der Leiche bei Tyrus, bei Antiochia und bei Tarsus, dem Geburtsort von Paulus, begraben waren, seine Seele doch nach Europa zurückgeflogen war. Der Vater war Johanniter-Ritter gewesen, und der Abt behielt immer eine große Vorliebe für diese wie für die deutschen Ordensritter, obgleich sein Oheim, der Bruder seines Vaters (?), gegen diesen Orden war.

Während seiner theologischen Studien dachte der Abt oft nach darüber, ob die Idee hinter den Dingen stände, über diese aristotelische Idee, oder ob die Idee vor den Dingen dagewesen sei, wie Platon sagt. — Er trat, durch langjährige Familienbeziehungen dazu veranlasst, in den Orden des heiligen Benedictus ein und war auch von vornherein zu einer leitenden Stellung in demselben ausersehen.

Bei den Übungen, die von morgens vier Uhr bis Sonnenuntergang vorgenommen wurden, war es sehr selten, dass der Abt und die Älteren seines Ordens zu einem so persönlichen Ideenaustausch zusammenkamen, und alle gingen, nachsinnend über das Gehörte, davon. Der Abt saß noch lange allein und überdachte das Gesagte. Und als er dann durch den Gang, den Meditationsgang, zurückging, Milde und Liebe im Ausdruck, kam ihm ein achtjähriger Knabe entgegen, der auch das Ordenskleid des heiligen Benedictus trug. Vielleicht regte dieser milde Blick, den er bei dem Abt gewahrte, den Knaben zu einer Frage an, die wir nicht anders als dreist bezeichnen können. — Das Bild wird stark gefühlsmäßig gegeben an dieser Stelle. - Dieser achtjährige Knabe in dem Ordenskleid des heiligen Benedictus sagte zu dem Abt: «Hochwürdiger Herr, ich vermag nicht, mir eine Vorstellung von Gott zu bilden.» Milde schaute der Abt den Knaben an nach dieser dreisten Rede; er antwortete nichts, sondern schritt schweigend davon. Und erst, als er so weit entfernt war, dass der Knabe ihn nicht mehr hören konnte, sprach der Abt wie zu sich selber: «Es wird noch eine lange Zeit vergehen müssen, bis man sich eine richtige Vorstellung von Gott wird machen können.»

Meine lieben Schwestern und Brüder, dies ist das, was sich mir ergab, als ich mich, Segen für unsern lieben Bruder Günther Wagner erbittend, an die weisen Meister des Ostens wandte. Es kann sich ja nun ein jeder dabei denken, was er für richtig hält nach seiner Veranlagung. Bei der Milde des Blickes, die das Bild zeigte, ist bei dem, der euch dies erzählt hat, kein Zweifel über die Persönlichkeit des Abtes. Ihr sollt, wenn dergleichen erzählt wird, es nicht aus Autoritätsglauben hinnehmen; jeder kann sich seine eigenen Anschauungen bilden. Aber der Erzähler dieser Bilder ist sich selbst, wie gesagt, vollständig sicher und gewiss über die Person des Abtes.

Bei dem Rosenkreuzerschluss legte Doktor Steiner drei rote Rosen neben den Kasten mit dem geweihten Wasser und so weiter und schwenkte auch zum Schluss das Rauchgefäß noch mehrmals extra über dieselben. Dann sagte er: Nun wird unsere liebe Schwester Helene Lehmann diese drei Rosen unserem lieben Bruder Günther Wagner bringen als Zeichen unsrer Liebe und Treue.

Als Doktor Steiner dann ganz nach Schluss besagten Kasten fortgetragen hatte und dann wieder bei Vater vorüberkam, gab er diesem auf jede Wange einen Kuss.

In einer Abschrift der Aufzeichnungen von Ida Knoch durch Lidia Gentilli-Arenson-Baratto findet sich am Schluss noch die folgende zusätzliche persönliche Bemerkung:

Das rote Buch, aus dem Doktor Steiner vorlas, war ein rotes Buch, das Paula Hübbe-Schleiden ihm geschenkt hatte (sagte Gretchen Wagner). Sie frug mich dann, wer der Knabe geworden wäre, das habe sie dann nie gewusst. Ich stellte die Gegenfrage, ob sie glaube oder gehört hätte, wer der Knabe wäre in diesem Leben. Sie antwortete sehr bestimmt, dass alle wussten damals, und es wurde allgemein gesagt, dass Doktor Steiner es selber gewesen sei, nur, sie wüsste gerne, wer damals der Knabe geworden wäre, das wüsste sie nicht, und niemand hat es ihr damals gesagt. Damit schloss unser Gespräch, das stattfand heute. - 27. Februar 1960.

Zusätzlich liegen noch die folgenden persönlichen Erinnerungen von Karl Rittersbacher an Gespräche mit Günther Wagner vor, die dieser seiner maschinenschriftlichen Abschrift der Ida Knoch’schen Aufzeichnungen dieser Stunde durch Nelly von Lichtenberg an fügte:

Mit Herrn Günther Wagner kam ich zu mehreren persönlichen Begegnungen durch Fräulein Mathilde Hoyer, welche Ostern 1926 die erste Klasse der Freien Waldorfschule Hannover (1926) begründet hat (darüber habe ich einen Bericht im Nachrichtenblatt der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft «Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht», Nr. 43 und 44 vom 21. und 28. Oktober 1928, gebracht, einer Anregung von Frau Marie Steiner folgend).

Herr Wagner hatte in Hannover eine Farbenfabrik begründet. Er erzählte gelegentlich eines Besuches im Herbst 1927 bei ihm in der Wohnung, dass die Farben noch mit der Hand gerieben wurden, dass er 20 Mitarbeiter hatte. Ich erfuhr weiter, dass er mit 50 Jahren die auf rund 200 Arbeiter angewachsene Fabrik dem Schwiegersohn übergab, der Oberreisender bei ihm gewesen war: der spätere Hannoversche Senator Fritz Beindorff. Dieser Hochmeister einer Freimaurer-Vereinigung hatte für die neu gegründete Freie Waldorfschule nichts übrig. Ich erfuhr das drastisch bei einem persönlichen Besuch in seinem Büro.

Herr Günther Wagner lebte, wie er erzählte, von einer ihm ausgesetzten Rente in Berlin und Lugano. In Berlin als Bibliothekar der Theosophischen Gesellschaft, Literatur aus Indien ins Deutsche übertragend. Er wurde mit Freunden auf Doktor Rudolf Steiner aufmerksam und berichtete, wie er mitbestrebt war, dass die Theosophische Landesgesellschaft Deutschland zustande kommen konnte. Es mussten dazu sieben Zweige bestehen von mindestens je sieben Mitgliedern. Das gelang, indem in Leipzig noch geworben wurde. Dann wurde Doktor Rudolf Steiner als Generalsekretär berufen. Es war für Günther Wagner und seine Pflegerin, Paula Hübbe-Schleiden, geborene Stryczek, bei der Trennung 1912/13 klar, dass sie nur mit Rudolf Steiner gehen konnten (wörtlich zu mir!).

Nach dem oben Mitgeteilten - so Günther Wagner wörtlich bei einem Besuch - bat Rudolf Steiner ihn ins Nebenzimmer und sagte: «Der Abt waren Sie und der Junge, ihr Schüler, war ich. Und so sehen wir uns wieder. Und ich ging dann vom Monte Cassino, wo das geschah, später nach Köln.»

Günther Wagner fügte hinzu: «Ich fuhr zum Monte Cassino, aber ich hatte keinerlei Erinnerungen. Ich erzählte das alles Emil Bock. Dieser sagt mir: Aber Herr Wagner, da hätten sie eine Benediktinerkutte anziehen müssen und hinten heraufsteigen müssen, die alten Serpentin-Wege hinauf, da hätten sie schon etwas merken können.»

Herr Wagner hatte einen stillen, hellen Blick, in dem Güte lebte, der von tiefer innerer Ruhe zeugte. Noch im hohen Alter spielte er gern Klavier (Schubert, Impromptu auswendig). Er besaß ein Päckchen Briefe von Rudolf Steiner.

In einem späten Karmavortrag nannte Rudolf Steiner ihn den «Nestor der Anthroposophischen Gesellschaft» (wörtlich: «... und vielleicht wird sich das allerälteste Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, das zu unserer großen Freude heute wiederum hier ist - Herr Günther Wagner, den ich aufs Herzlichste [wie eine Art von Senior der Anthroposophischen Gesellschaft hier] begrüßen möchte —, daran erinnern, wie stark dazumal der Widerstand für vieles war, was vom Anfange an von mir der anthroposophischen Bewegung einverleibt werden sollte.» —- Es handelte sich besonders um «praktische Karma-Übungen». - Siehe Karmavortrag vom 5. September 1924, Anfang, Band IV, Esoterische Betrachtungen, Gesamtausgabe!).

Rudolf Steiner soll mehreren Mitgliedern früher am 70. Geburtstag karmische Hinweise gegeben haben.

Günther Wagner bedauerte, dass er die neu gegründete Schule nicht finanziell unterstützen konnte, da ihm nur die vom Schwiegersohn bewilligte Rente zur Verfügung stand. Er lebte auch im Schwarzwald in Frauenalb, wo Fräulein Hoyer und ich ihn auch besuchten.

Bei dem Besuch von Frau Marie Steiner im September 1927 in der damals kleinen Schule (zwei Klassen) waren Günther Wagner und Paula Hübbe-Schleiden dabei. (Siehe Bericht im Nachrichtenblatt!)

Marie Steiner lud damals das kleine Kollegium zum Mittagessen im Hotel ein.

Ein persönliches Wort: Die hier weitergegebenen Inhalte besonders über karmische Tatsachen bedeuteten uns damals Konkretisierung des Denkens über Schicksal und Schicksalsgesetze. Es hörte sich das schlicht an und wirkte unmystisch realistisch.

German original of Celebration of Günther Wagner's 70th Birthday · ← Previous · Next →