Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924

GA 265a — 11 November 1912, Berlin

Was Ist Kreide?

Aufzeichnungen aus dem Nachlass vermutlich von Gertrud von Tschirschky

Es ist heute der Beginn einer neuen Arbeitszeit, in der wir nach längerer Pause wieder einmal zu gemeinsamer Arbeit uns vereinigt haben. Diese unsere Arbeit ist eine zweifache: erstens, zu finden den Weg zu den spirituellen Welten, das ist Erkenntnis finden; und dann zweitens: Mitleben in den Weltkräften, in den Prinzipien, nach denen die Welt gestaltet wird, Mitkraften.

Erkenntnis finden ist schwer. Nehmen wir zum Beispiel einen ganz einfachen Gegenstand, ein Stück Kreide, um zu begreifen, was Maja ist. Es könnte der Satz geprägt werden, der ja schr einfach klingt: Um Erkenntnis zu finden, muss man aufsuchen die Beziehungen der Ereignisse zueinander.

Dies sei erläutert an einem zwar nur kleinen, aber charakteristischen Merkmal unserer Zeit. Es kam in diesen Tagen an ein Zeitungsausschnitt aus Bern, enthaltend die Anzeige, dass in Bern ein Vortrag stattfinden werde über «Die Gefahren im Spiritismus und in der Theosophie Doktor Steiners», und zwar in dem Saale, in dem meine Vorträge stattgefunden haben. Zu einer solchen Tatsache kann man nun, wenn man mit seinem Verstande an sie herangeht, allerlei sagen, zum Beispiel dass unsere Bewegung jung sei, leicht missverstanden werden könne und so weiter, dass also jemand ja vielleicht von bester Absicht geleitet sein könne, wenn er auf ihre Gefahren aufmerksam zu machen sich genötigt fühle.

Nun ist aber der eigentliche Sachverhalt folgender - und wer ihn nicht kennt, und man kann ihn nicht wissen, wenn man ihn nicht erzählt bekommt, kann mit Hilfe seines Verstandes nie auf ihn verfallen. Also folgende Tatsachenreihe: Ich war in Frankfurt und befand mich auf dem Platze vor dem Hotel zu irgendeiner Verrichtung; da kam der Hoteljunge hinter mir her, ich solle schleunigst ins Hotel kommen, man telefoniere nach mir; ich sagte, das würde ja noch Zeit haben, bis ich ohnehin zurückkäme. Dann ließ ein Herr anfragen, wann er mich sprechen könne, die Stunde wurde vereinbart, der Herr kam; es wurde nun viel geredet; was das Hervorstechende in seiner Art war, das war Torheit.

Hier, wo wir uns bewusst sind, dass wir nicht kritisieren wollen, dass Sympathien und Antipathien nicht mitsprechen, kann so etwas gesagt werden, weil es eben wahr ist. Der Herr war (... längliche Haare — diese Nuance ist mir leider entfallen G.v.T.) von großer Torheit. Wer von den Schwestern und Brüdern weiß, wie gearbeitet wird, der wird wissen, dass jeder, der kommt und Hilfe will sowie Erklärungen, beides bekommt, gleichviel welcher Eigenschaften er voll ist. Hier aber handelte es sich um einen der Fälle, die ja wirklich selten und nur, wenn es eben das Wohl der Bewegung erfordert, eintreten müssen: Der Herr musste energisch abgewiesen werden. Er erzählte, er sei schon so und so lange und so und so oft mir nachgereist, habe mich immer sprechen wollen, wollte nun allerlei Hilfsmittel von mir haben.

Das Erste natürlich, was in diesem Herrn lebendig wurde bei der Abweisung, war verletzte Eitelkeit, ungeheure verletzte Eitelkeit, die ihn natürlich bewog, sich gegen unsere Bewegung zu wenden. Was sich jetzt in Bern ereignet, ist das Resultat verletzter Eitelkeit; die Sache in Frankfurt ist noch gar nicht so lange her.

Ihr seht daran, dass die Gründe zu der jetzigen Handlung in einer Tatsachenreihe liegen, auf die man nie kommen könnte, wenn man verstandesgemäß, kritisch die Vorgänge jetzt in Bern beurteilen wollte. Es kommt heute auch nicht darauf an, zu erklären; es sollen nur Tatsachen erzählt werden, um ein Gefühl dafür zu erwecken, wie man an die Ereignisse des Lebens herangehen soll.

Eine Stimmung zu erzeugen für das, was in der Arbeit dieses Winters noch geschehen soll, eine Stimmung, wie man den Ereignissen des Lebens sich nahen soll, das war der Impuls, der für diese heutige Stunde aus der geistigen Welt herunterfloss. Denkt an etwas, wovon auch schon die Rede war, wenigstens für einen Teil der Brüder und Schwestern: Die Unsumme von Samen der Fische, von denen so wenige das erreichen, was als Ziel ihrer Entwicklung in ihnen liegt, ein neues Lebewesen zu werden; Unsummen gehen im Meere unter. Ebenso ein Kornfeld; ein winziger Teil der neuen Körner wird wieder zur Ähre, alle andern treten in niedere, unlebendige Daseinsformen ein, werden zu Mehl, zu Brot. Dieses muss man wirklich fühlen können, dieses Nichterreichen des veranlagten Zieles für die gewaltige Mehrheit. Aus dem Brot wird aber Nahrung für höhere Lebewesen, die ohne es nicht sein könnten.

Und was ist die Kreide? In dem, was in urfernen Zeiten das Element der Erde war, lebten niedere Lebewesen, die Unmengen von Samen absonderten; wenig von diesem Samen erfüllte seinen eigentlichen Zweck, die Mengen schlugen nieder und wurden im Laufe der Zeiten zu dem, was wir nun als Kreide besitzen. Nur dem Überfluss an Samen von diesen niederen Lebewesen verdankt die Erde das, was sie als Kreidesubstanz jetzt in sich hat. (Knochen!)

Auch hier sollen wir fühlen, dass nicht unser Verstand uns aufklärend sein kann. Fühlen lernen sollen wir das Wirken im Göttlich-Geistigen. Dass es eben geistige Kräfte sind, die als äußeren Ausdruck das brauchen, was da scheinbar sein Ziel nicht erreicht, was scheinbar zugrunde geht, wovon Sinn und Zweck dem menschlichen Verstande zunächst verborgen bleiben.

Schon im Architektenhaus habe ich einmal Folgendes erzählt. Einem Elternpaar wurde eine Tochter geboren. Die Mutter starb am selben Tage; der Vater erfuhr, dass sein Schiff auf dem Meer untergegangen, sein Vermögen verloren sei; da traf ihn der Schlag. So war das Kind im zartesten Alter allein und arm im Leben. Eine Wohltäterin nahm es auf und vermachte ihm auch im Testament so viel, dass für ausreichenden Unterhalt gesorgt war. Als das Mädchen siebzehn Jahre alt war, starb die Pflegerin. Im Testament fand sich ein Formfechler, es wurde angefochten, das Mädchen ging leer aus. So stand es zum zweiten Mal in ihrem jungen Leben beraubt von Glücksgütern da, die sich ihr gezeigt hatten. Sie musste sich als Magd verdingen. Sie lernte einen Mann kennen, der große Liebe für sie fasste. Sie erwiderte auch diese Liebe und willigte ein, eine Ehe zu schließen, [um] aus dieser für sie so verzweifelten Lage herauszukommen. Da erwies es sich, dass die Ehe unmöglich war - es waren andere Zeiten als jetzt -, weil der Mann eines anderen Glaubens war. Er wollte aber nicht von ihr lassen, sondern seinen Vater bewegen, ihm die Erlaubnis zu geben, sich taufen zu lassen. Der Vater wollte nicht einwilligen, war aber schon alt; man wartete auf seinen Tod, der auch eintrat. Während der Mann zu seinem Vater gereist war, kränkelte das Mädchen, starb und wurde begraben. Darauf kam der Mann zurück, um sie zu ehelichen. Er hing so an ihr, dass er wenigstens ihre Leiche schen wollte. Er ließ das Grab öffnen, und man erkannte an der Lage des Leichnams, dass das Mädchen scheintot begraben worden war.

Also ein völlig zertretenes Leben! So zeigt es sich dem Beurteiler. Es verhielt sich aber so, dass das Mädchen in diesem Leben nicht genug Besitz ergriffen hatte von ihren Hüllen. So hatte auch der Scheintod stattfinden können. Eine starke Seele, die aber gerade nach früheren Inkarnationen nun einmal ein Leben durchmachte, das eben immer und immer wieder ein zertretenes war. Und der Sinn dieses zertretenen Lebens war, dass es ihr gerade dazu verhelfen sollte, in einem späteren, also dritten Leben, ihre Hüllen viel kraftvoller zu ergreifen als in dem Leben vor dem zertretenen. Gerade in diesem Zertretenwerden liegt die Kraftquelle fürs nächste Leben. Das muss gefühlt und verstanden werden, wie - das ist, in welcher Art - im göttlich-geistigen Schaffen gerade sich Kräfte physisch zum Ausdruck bringen.

Nicht mit menschlichem Verstande den Ereignissen im Weltenwerden sich nahen, sondern ein Gefühl, eine Stimmung sich aneignen, die geeignet sein kann, Erkenntnis aufzunehmen über die wahren Ursachen, über die wahren Gründe, die zu äußerem Gestalten Anlass geben. So wie jenes Mädchen ein zertretenes Leben durchmachte, um Kräfte für später zu gewinnen, so haben wir zu suchen hinter den Samen, den Körnern, die ihren eigentlichen Zweck nicht erreichen, waltend und wirkend Geistgewalten, die eben gerade in dieser Weise sich in der Materie zum Ausdruck bringen. Eine Stimmung für die geistigen Untergründe der Erscheinungen, ein Gefühl dafür uns aneignen ...

German original of What Is Chalk? · ← Previous · Next →