Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924
GA 265a
Brief Von Elisabeth Winkler An Johanna Und Lina Arnold
Charlottenburg, 9. Februar [1913]
Liebes Fräulein Arnold,
haben Sie vielen Dank für die Übersendung der Esoterischen Stunden und seien Sie bitte nicht böse, dass beifolgende kleine Sendung nicht schon vor der Generalversammlung in Ihre Hände gelangt ist. Es war mir beim besten Willen nicht möglich, da ich erstens die Vorträge gern nochmal durchschen und einige Begleitworte hinzufügen wollte; vor allem hätte ich mir das beides geschenkt, so ließ es sich aus einem dritten Grunde nicht machen: die beifolgende Esoterische Stunde, die ich Ihnen gern beilegen wollte, war nicht zu finden, erst gestern habe ich sie in einem alten Kuvert entdeckt. Geht es Ihnen auch so (in Parenthese), dass der theosophische Stoff so anwächst, dass man Mühe hat, ihn unterzubringen? Nun, nach ziemlich beendeter Jahresversammlung ist es aber das erste, dass ich Ihnen die versprochenen fünf Vorträge mit herzlichem Gruß übersende. Behalten Sie sie gern zirka vier Wochen, man muss sie ja öfters lesen; nur die Esoterische Stunde, die für Fräulein Scholl bestimmt ist, hätte ich gern, vielleicht nach einer Woche zurück. Porto bezahlt natürlich jeder das seine, wir sind doch Theosophen, und Sie sehen ja, dass ich Sie schon zu zweimaligem Schicken veranlasse.
Besten Dank für Ihre freundliche Erkundigung nach meiner Rückreise. Sie verlief ganz gut - überhaupt, so abgespannt ich mich in Köln gefühlt, hier war alles vorbei, ich fühlte mich wie neugeboren, sehr frisch und fidel und bin auch durch das Vortrags-Labyrinth der letzten Woche ausgezeichnet hindurch gekommen, obgleich ich die kleine Komtess Hamilton schon seit dem 30. [Januar 1913] als Gast hatte, man täglich spät ins Bett kam, und ich doch auch noch als lästige Neben-Beschäftigung - die Schule hatte. Freilich muss ich sagen, dass ich - entgegen früheren Jahren - Resignation, über die Ihnen ja Vortrag Drei erzählen wird, geübt habe. Ich rechnete von vornherein damit, dass ich vieles nicht würde hören können, vielleicht hat sich’s gerade deshalb günstig gefügt. Bei einer Esoterischen Stunde am Sonnabend hat der Doktor noch auf mich gewartet; er hatte mir sagen lassen, ich solle aber ein Auto spendieren. Auch die ganz köstliche Beschreibung seines Lebens, die mehr als einmal herzliches Lachen auslöste, habe ich größtenteils gehört; [der Vortrag] erscheint sehr bald im Druck, freilich unter Auslassung einiger Kunststellen, fürchte ich, zweieinhalb Stunden zirka hat das gedauert.
Von Frau Wandreys drei Vorträgen über den «Faust» habe ich zwei gehört, sie sprach schr intim, vielen, glaube ich zu hoch, aber sie wirkte sehr gut in ihrer Ruhe und Vornehmheit. Sonst ist sie persönlich für einen nicht mehr da, und das ist schwer für mich, da ich früher so ganz anders zu ihr gestanden. Ich frage mich: Muss das so sein? - Und lässt sich nicht der Doktor, der so hundert Mal höher steht, zu jedem herab? Ist nicht der Christus Jesus gerade zu den verirrten Schäflein gekommen? Alles wäre gut gewesen in Köln, hätte ich sie, wie sie mir versprochen, einmal sprechen können. Mich quälte etwas, was zu Hause passiert war, Frau Wandrey kennt meine Familie genau, und es wäre ihr ein Leichtes gewesen, mir zur Ruhe zu verhelfen. - Es geht eben alles daraufhin, dass man allein fertig werden soll. Ich habe keinen Menschen mehr, nicht im Exoterischen, nicht im Esoterischen, aber vielleicht bin ich in Jahr und Tag soweit, das als das Selbstverständliche zu empfinden.
Um das Bild, das ich Ihnen von der Jahresversammlung entworfen, etwas zu komplettieren, möchte ich Ihnen noch sagen, dass der aus vier Vorträgen bestehende Zyklus sehr schön war. Nummer Zwei brachte genau das, was vor ein oder zwei Jahren in einer Esoterischen Stunde gesagt worden ist. Wirklich, bei dem Tempo, in dem der Doktor jetzt vorgeht, kann einem der Atem vergehen. Sollte ich zum Ausarbeiten kommen, so stehen sie Ihnen gern einmal zur Verfügung.
Grandios war der Schluss: Wie auch an anderem Orte sagte cr, dass man uns in Zukunft hassen würde, nicht nur draußen in der Welt, sondern auch bei den Pseudo-Theosophen, darum wäre Wachsamkeit am Platze. Und wenn man - alle Sentimentalität bei Seite - unser Streben in die geistige Welt als Gebet auffassen könne, so solle man nicht vergessen, dem «Betet» das «Wachet» voranzusetzen: «Wachet und betet!»
Was er möglich gemacht hat in diesen Tagen, und wie er es möglich gemacht - mir ist’s unfasslich. Sie müssen bedenken, dass täglich von zehn oder halb elf bis zwei Uhr und von viertel vor vier oder vier bis zirka sechs Uhr Vorträge waren und dann um acht Uhr sein Vortrag.
Einen schönen Vortrag habe ich auch gehört von Arenson; von all den andern Johannes-Bau Verein, Unger, Schröder, Peipers weiß ich nichts, aber gegen den Doktor fällt ja alles so furchtbar ab.
Eben fällt mir ein, dass wir uns ja vielleicht schon zu Ostern sehen. Schreiberin dieses hat nämlich die Absicht, nach dem Haag zu gehen. Der Zyklus beginnt am 18. [März 1913] mit zwei öffentlichen Vorträgen. Am 20. [März] beginnt der eigentliche Zyklus; das Thema lautet ungefähr: Okkulte Wirkungen auf Äther- und Astralleib und Ich und dauert bis zum 29. [März]. Mir passt’s ganz gut so, da ich am 19. [März] Ferien bekomme bis zum 3. April. Die Reise kostet von hier 23 Mark, dauert zwölf Stunden, Aufenthalt dort etwas teuer.
Vreedes bringen uns unter in einer Pension, wo Logis inklusive dem Frühstück drei Mark kostet. Gutes vegetarisches Restaurant ist da. Es wäre riesig nett, wenn sie kämen.
Von ganzem Herzen hat mich gefreut, dass Sie, liebes Fräulein Lina, nun auch zur Esoterischen Schule zugelassen sind. Die ganze Sache bekommt nun einen Sinn.
Hoffentlich ist Ihre Unterredung nach Wunsch verlaufen. Lassen Sie sich’s alle Drei recht gut gehen und also auf Wiedersehen auf holländischer Erde!
Unter herzlichen Grüßen
Ihre getreue Elisabeth Winkler
Liebes Fräulein Johanna,
ich will für Sie noch hinzufügen, dass diese Tage nun die Freimaurer[-Dienste] sind. Gestern um fünf und acht Uhr für alle Grade, wegen Platzmangel getrennt, schr ernst, heut nur erster Grad-Einführungen, morgen höhere Grade.
Kann einem da nicht der Verstand stillstehen? Und nun denken Sie, was der Doktor sagte: Leute, die besonders auf einen Glauben eingeschworen und daher Materialisten sind, fühlen sich in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt absolut nicht wohl, sie finden keinen Anschluss in der spirituellen Welt, sind erbost und voller Wut gegen die spirituelle Welt.
Nun wissen wir, dass seit dem Mysterium von Golgatha der Ätherleib des Christus sich immer mehr mit der Erde vereint; in leuchtenden Lichtwellen ist er im Umkreis der Erde sichtbar. Auf diesen Ätherleib des Christus haben diese wütenden Materialisten des neunzehnten Jahrhunderts vom Astralen aus einen Angriff verübt, sodass gewissermaßen ein zweites Mysterium von Golgatha, eine zweite Kreuzigung des Christus stattgefunden hat.
Ist das nicht furchtbar, ergreifend? Zum Schluss sagte der Doktor: Da die heiligen Mysterien durch jene Pseudo-Theosophen verraten, entweiht wären, so müsse im Auftrag der weisen Meister des Ostens eine völlige Änderung des Rituals vorgenommen werden.