Esoteric Lessons 1910–1912

GA 266II — 23 February 1912, Stuttgart

Esoterische Stunde

Im Verlauf der letzten Vorträge haben wir erfahren, daß unser ganzes Dasein gelenkt und geleitet wird durch hohe Wesenheiten, deren jede in ihrer besonderen Eigenschaft am Weltenwerden und an unserer speziellen Menschlichkeit arbeiten. Wenn wir uns durch Konzentration und Meditation mit ihnen in Verbindung bringen wollen, müssen wir uns mit einem Demutsgefühl erfüllen, welches sich nicht vergleichen läßt mit der Demut, wie wir sie wohl im täglichen Leben haben können, denn jenes Demutsgefühl steht zu hoch über jedem menschlichen Begreifen, wenn wir uns im Geiste mit diesen hohen Wesenheiten, die zugleich auch unsere Lehrer sind, verbinden in der geistigen Welt. Erst später bekommt der Mensch das Unterscheidungsvermögen, die wahren Wesenheiten von seinen eigenen Kraftausstrahlungen aus seinem Inneren zu unterscheiden. Ein Wahrzeichen kann gegeben werden, welches zur wirklichen Erkenntnis führt, ob das Geschaute aus höheren Welten kommt oder aus unserem eigenen Inneren: Man verspürt es am Herzen, es durchzieht sich dasselbe mit einer Wärme und Erregtheit, die aus dem Kosmos in das Herz hineinstrahlen, denn das Herz steht einerseits im Zusammenhang mit dem Zeichen des Tierkreises des Löwen und andererseits mit der Sonne, und die Wärme: dieser’ Kräfte wirkt mit beim geistigen Schauen.

Was heißt es nun, Esoteriker zu sein?

Der Mensch ist durch alle Phasen seines Erdenseins hineingestellt in sein Karma, dem er unmöglich entrinnen kann, denn die Folgen seines Wollens, Fühlens und Denkens und besonders seiner Taten folgen ihm unwiderruflich durch all seine Inkarnationen hindurch, sei es früher oder später. Die Schuld, die er gemacht, die muß er auf dieser Erde tilgen, je nach den Umständen, in welche er durch seine Inkarnation gebracht ist. Dafür sorgt die göttliche Führung. Ehe der Mensch selbst seine Entwicklung in die Hand nimmt, geht alles nach geregelten Gesetzen, die durch nichts verschnellt [beschleunigt]1 werden können. Tritt er nun in eine esoterische Schulung, so geschieht etwas ganz anderes mit dem Menschen. Da macht er sich frei von der Führung, er nimmt nun seine Entwicklung selbst in die Hand, er wird qualitativ ein anderer Mensch. Wodurch? Alles was er früher als begehrenswert erachtete, verliert jetzt im großen und ganzen seinen Wert für ihn, seine Anschauungen und Gesinnungen werden andere, er sieht, daß er früher oft mitleidlos und hart gehandelt hat; sein Verantwortungsgefühl wird von jetzt an ein viel subtileres und er versucht nach jeder Richtung hin seine begangene Schuld auszugleichen, kostet es ihn selbst auch große Opfer äußerlich und innerlich.

Die Meditation und andere Übungen, die dem Esoteriker gegeben werden, verwandeln durch ihre tägliche Wiederholung seinen Ätherkörper, vorausgesetzt daß er sie im wahren Sinne, das heißt mit den richtig empfundenen Gefühlen und durch innerlich auftauchende Bilder empfunden werden. Dann löst sich allmählich der Ätherkörper los vom physischen Leibe und formt sich um. Wenn nun diese Übungen lange Zeit mit Geduld und Hingabe des ganzen Seins gemacht worden sind (dieses darf aber jedesmal nur kurze Zeit geschehen), dann wird sich allmählich ganz leise beim aus dem Schlaf aufwachenden Menschen etwas Wunderbares bemerkbar machen, was er nicht mit Worten ausdrücken kann, denn es ist ein ganz zartes Gefühl von einem Erlebnis in der geistigen Welt, aus der er eben zurückgekehrt ist. Nach einem Verlauf sieht er Farben vor sich auftauchen, in denen sich Formbildungen entwickeln, darin tritt ihm etwas ganz anderes entgegen, als was er bisher gewöhnt gewesen war zu sehen. Gewarnt aber muß werden, daß man diese Gebilde - und noch viele andere Dinge, die aufsteigen werden und die im Anfang der geistigen Entwicklung auch den Dingen in unserer täglichen Umgebung gleichen - nicht gleich für geistige Erlebnisse hält, denn sehr oft kommen sie als unsere eigenen seelischen Eigenschaften aus unserer eigenen Seele, aus der sie hinausstrahlen. Nun macht aber die esoterische Schulung des Menschen nicht allein besser, das muß ausdrücklich betont werden. Möge der Mensch eine noch so hohe intellektuelle Entwicklung haben oder moralische Tugenden, es verbergen sich in seiner Seele noch immer unausgeglichene schlechte Eigenschaften, die meistens durch konventionelle Sitten übertüncht worden sind. Der Mensch ist eigentlich schlechter, als wie man ihn für gewöhnlich ansieht. Bei einer esoterischen Entwicklung, die der Mensch jetzt selbst in die Hand nimmt, treten seine Untugenden unvermeidlich hervor, und hier muß der Esoteriker seine ganze Kraft aufwenden, um sie zu besiegen, er holt sich sein Karma selbst herauf und verschnellt [beschleunigt] es durch seine Entwicklung. Mögen wir dieses gut begreifen, denn wir haben einen anderen Lebensweg betreten; wir sind jetzt Genossen unserer hohen geistigen Lenker geworden, die uns bisher allein gelenkt haben, denn jetzt haben wir selbst die Führung übernommen und auch die volle Verantwortung dafür.

Nun wird oftmals gesagt, es sei nichts anderes als Egoismus vom Menschen, daß er sich schneller entwickeln will als seine Nebenmenschen. Dem ist aber nicht so. Sobald uns klargeworden ist durch unsere Lehre, daß wir göttlichen Ursprungs sind und daß wir uns wieder hinaufentwickeln müssen zu unseres Daseins Urquell, zur Göttlichkeit, dann ist es sogar eine Unterlassungssünde, wenn wir sagen: ich warte meine Zeit ruhig ab, ich will der Gottheit nicht vorgreifen, sie wird mich doch einmal zum Ziele führen. - Wenn der Mensch so spricht, so liegt viel von geistigem Hochmut darin, denn die Götter haben die Keime unserer geistigen Anlagen in uns gelegt und wenn uns dieses bewußt ist, so muß es unsere Pflicht sein, diese Kräfte nicht brach liegen zu lassen und ihr Aufblühen dem allgemeinen Strom der Entwicklung zu überlassen. Wir müssen die Entfaltung unserer geistigen Organe selbst in die Hand nehmen, wir müssen uns nicht mehr führen lassen, sondern selbst Genossen unserer Führer werden. Es ist ein schwerer Weg. Von Egoismus kann da keine Rede sein, denn wir haben Verpflichtungen unsern Führern gegenüber, die uns so weit den Weg gezeigt haben.

Wenden wir jetzt unsere Gedanken wieder empor zu der hohen Wesenheit, welche den heutigen Tag besonders unter ihrer Obhut hat. Es ist immer eine günstige Konstellation, wenn eine E.S. an einem Freitag gehalten wird, wegen des großen Einflusses, den diese Wesenheit in unsere Gedanken und Gefühle eingießt: (Mantram) [Tagesspruch].

Wir haben in der vorigen Stunde besprochen, weshalb wir Esoteriker werden sollen; heute möchte ich Ihnen noch die wahre Bedeutung der täglichen Meditation sagen. Die Meditationen sind geprüft und uns gegeben von den Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen für die Esoterik. Ihre Kraft ist unumstößlich, wenn sie im wahren Sinne mit heiligster Hingabe ausgeführt werden. Man sollte die Meditation in Anwendung bringen kurz vor dem Einschlafen, nachdem man alle Gedanken, die uns noch an das Tagesleben mit seinen Freuden und Genüssen, mit seinen Sorgen und Mühen verknüpfen, aus unserer Seele verbannt haben. Die Meditation muß unser letzter Gedanke sein, den wir mit hinübernehmen in die andere Welt, damit die geistigen Wesenheiten sich mit ihnen verbinden können. Wir tauchen unter in ihre Ätherkörper, sie durchdringen uns mit ihren Kräften, damit wir neue Kräfte und frische Gesundheit für den kommenden Tag von ihnen empfangen können. Wie oft gehen leider viele Menschen hinüber in ihr Schlafleben mit Gedanken an allerlei Genüsse des alltäglichen materiellen Lebens. Diese Gedankenausstömungen erzeugen Schwingungen, welche abstoßend auf die geistigen Wesenheiten wirken, und der Mensch wirkt dadurch in hohem Maße seiner geistigen sowohl wie seiner gesundheitlichen Entwicklung entgegen. So wie wir nun des Abends untertauchen in die geistige Atmosphäre, so sollen wir auch wiederum des Morgens beim Erwachen nicht gleich Beschlag nehmen von alledem, was unser Leben am vorigen Tage von Mühen und Lasten, Sorgen, Begierden und Leidenschaften erfüllt hat. Drängen wir dies alles noch eine Zeitlang hinweg, lassen wir unsere Gedanken noch ein wenig verweilen in den Gebieten, aus denen wir eben entstiegen sind; und wir werden auch hier nach längerer oder kürzerer Übung empfinden, wie auch dieses unsere Entwicklung fördert und nicht allein für unser inneres Wesen, denn auch aus unseren Augen, aus unseren Händen wird ihre strahlende Kraft, die in uns eingeflossen ist, übergehen in unsere Taten zum Heile der Menschheit.



  1. Die Aufzeichnung stammt von einer Holländerin. ↩

German original of Esoteric Lesson