Esoteric Lessons 1913–1923

GA 266III — 21 March 1913, The Hague

Esoterische Stunde

Unsere heutige Betrachtung soll dem gewidmet sein, wie sich die Seele erheben kann in die geistigen Welten. Wer regelmäßig und mit Geduld und Eifer seinen Übungen obliegt, der muß auch weiterkommen; es kommt nur darauf an, daß er seinen Fortschritt auch bemerkt.

Nach der Meditation ist es gut, eine Ruhepause eintreten zu lassen, die Seele ganz leer zu machen und nur zu warten, welche Imaginationen uns aus höheren Welten kommen. - Viel hängt auch ab von der Stimmung, Verfassung unserer Seele: nur aus voller Andacht und Freude, nur mit größter Hingabe sollen wir an unsere Übungen herangehen. Die Erlebnisse, die sich einstellen, sind schr verschieden je nach der Individualität und dem Karma des Meditanten. Aus der Fülle derselben möchte ich heute zwei herausgreifen:

Das eine ist das Hinausgehobensein in den Raum, in die Unendlichkeit. Man fühlt sich wie erweitert, wie emporgehoben; damit ist natürlich verknüpft ein Verlassen des Körpers. Bei diesem Emporgehobenwerden sieht man eine Rötung; gelblichrötliche Wolken kommen uns entgegen, aus denen sich nach und nach Gestalten herauskristallisieren. Dieses Erlebnis löst aus ein Gefühl der Wonne, der Glückseligkeit.

Daneben tritt ein zweites Erlebnis auf, das des Hinuntertauchens, des Versinkens in die Tiefe. Dabei hat man ein Gefühl des Verengens, des Zusammenschnürens. Die geistigen Wesenheiten, die man bei diesem Untertauchen empfindet, erscheinen einem in blau-violetten Farbenerglänzungen. Sie lösen in uns aus ein Gefühl ehrfürchtigen Erschauerns und veranlassen den Menschen, eine Art Selbstschau über sich zu halten. Sie zeigen dem Menschen, wie er wirklich ist, alle seine Fehler und Irrtümer, alle seine moralischen Schwächen in ihrer ganzen Größe und Verwerflichkeit.

Zwar sind wir durch die Rückschau, die wir alle Abend anstellen, schon darauf hingelenkt; aber mit dem physischen Bewußtsein ist der Mensch doch nicht fähig, so klar zu erkennen. Diese aus der Tiefe auftauchenden Wesen bringen uns auch dazu, deutlich zu sehen, was Gewohnheitsfehler und falsches Denken in uns hervorbringen. Die Wesenheiten, die uns in bläulich-violettem Licht erscheinen und uns unsere Fehler zur Anschauung bringen, gehören den Angeloi an, während die oberen, die rötlich-gelben Lichtgestalten, die ihm gleich der strafenden Gerechtigkeit sein Urteil sprechen, den Archangeloi angehören. Diese Erlebnisse können auch in anderer Weise an den Menschen herantreten, nämlich durch Klänge, Töne. Das ist dann noch viel schauriger, noch viel schwerer zu ertragen, wenn ihm auf diese Weise sein Urteil mit Donnerstimme von dem Erzengel verkündet wird. Aber wenn der Mensch bis zu dieser Stunde gekommen ist, die eintritt, nachdem er die Erscheinung mit dem Hüter der Schwelle gehabt hat, dann muß er sich eben das Erschauern (Furcht) abgewöhnt haben.

Nur um verstanden zu werden, sei ein Beispiel erwähnt, es kann die Imagination aber ebenso gut anderes zeigen.

Die Gestalten, die da in blau-violetten Farbentönen aus der Tiefe aufsteigen, kann der Mensch sehen mit kummervollen, schmerzerfüllten Gesichtern. Über uns und unsere Fehler empfinden diese hohen Wesenheiten Betrübnis; das erweckt in uns ein Gefühl grenzenloser Scham. Sieht der Mensch nun seine Irrtümer ein, bereut er seine Fehler, so wird er das Antlitz dieser Wesen auch freudig erstrahlen sehen. Diese Verbindung zwischen dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos muß der Mensch fühlen.

Die Wesenheiten, die sich in rötlich-gelben Lichtwolken auf den Menschen herniedersenken und ihn im Kreise umgeben, so oft er das Zentrum ist, sie lösen als strafende Gerechtigkeit ein Gefühl der Furcht bei ihm aus. Dem kann sich aber zugesellen ein Gefühl der Freude, wenn ihm diese Wesenheiten zeigen, welche Entwicklungsmöglichkeiten in ihm vorhanden sind und wie es an ihm liegt, sie zur Ausführung zu bringen.

Immer aber, wenn der Mensch diese beiden Erlebnisse hat, daß sich diese aus den rötlichen Wolken zusammengeballten Gestalten zu vereinen suchen mit den aus der Tiefe aufstrebenden blau-violetten Gestalten, da entsteht in ihm etwas wie ein Widerstreit. Er hört deutlich eine Stimme, die da sagt:

Glaube das nicht, glaube dem, was aus deiner eigenen Seele kommt. Das ist gleichwertig dem, was du da draußen im Kosmos siehst!

Das ist Luzifers Stimme, und das ist die größte Versuchung, die der Mensch haben kann, da Luzifer alle anderen Wesenheiten an Schönheit, List und Verführung überstrahlt. Er steigt ebenfalls, wie die blau-violetten Wesenheiten, aus der Tiefe auf.

Klar müssen wir uns auch darüber sein, daß in diesen Gebieten nicht mehr die Form Bedeutung hat. Die Geister der Form, die Elohim, wie sie die Bibel nennt, haben ihre Bedeutung auf der Erde. Innerhalb der geistigen Welten finden wir, daß wir uns über sie erheben und uns den Geistern der Bewegung nähern können.

Eines sollten wir nie vergessen: das Gefühl tiefster Dankbarkeit gegenüber den höheren Wesenheiten und den geistigen Welten. Wie der Essäer jeden Morgen voller Dankbarkeit dem Nahen des Tagesgestirns entgegensah und betete, es möge erscheinen - so sollten wir auch mit ehrfürchtigem Dank gegen die geistigen Wesenheiten jeden Morgen zurückkehren in den Tempel unseres physischen Leibes, der uns durch die Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzeit hindurch so kunstvoll auferbaut worden ist und in dem wir uns allein aneignen können das Erden-Bewußtsein: Ex Deo Nascimur.

Und dann mit diesem gewonnenen Gefühl der Ehrfurcht und Dankbarkeit uns hineinleben in das Geistig-Göttliche, das, was uns erlöst von den Fesseln der Körperlichkeit, uns ins Geistig-Übersinnliche hineinbringt und zur größten Seligkeit verhilft, das so groß und gewaltig ist, daß der Esoteriker den Namen des allerhöchsten Wesens nicht auszusprechen wagt: In --- morimur.

Und endlich in dem letzten Gliede unseres aus zehn Worten gebildeten Rosenkreuzerspruches: Per Spiritum Sanctum reviviscimus wird ausgedrückt das Selbstbewußtsein, das den Menschen hinüberbringt in eine neue Inkarnation. Viel mehr noch als das Meditieren über die drei Glieder dieses wunderbaren Spruches, bestehend aus 2 x 3 und 1 x 4 Worten, wird uns weiterbringen das Leben in seinen Buchstaben und Vokalen.1

21 und 25 March 1913, The Hague

Wenn es uns gelingt, nach unserer Meditation vollkommene Seelenruhe zu haben, kann dadurch ein Gefühl über uns kommen, als ob wir nach oben zu über uns herausgehen und in Berührung kommen mit geistigen Wesenheiten um uns herum. Dieses Gefühl geht einher mit einem Sich-erweitert-Fühlen, ein Sich-Ausbreiten in einer Sphäre über uns. Aber auch nach unten können wir aus uns selbst kommen und kommen dann in Berührung mit anderen geistigen Wesenheiten. Das geht einher mit einem Gefühl des Enger-Werdens, wir steigen tief in uns selbst, wir fühlen es enger werden und kommen dann aus uns selbst auf dem Weg nach unten, wie bei dem anderen Gefühl auf dem Weg nach oben. Dieses Aus-uns-selbst-Herausgehen und das damit einhergehende Gefühl des Weiter-Werdens gibt ein Gefühl der Seligkeit, es ist, als ob wir aufsteigen zu geistigen Wesenheiten, die uns da entgegenkommen. Steigen wir nach unten, dann treffen wir geistige Wesenheiten, die uns tief das Bewußtsein unserer Mängel erkennen lassen, und wir werden eins mit diesen Wesenheiten. Aber wir merken dann auch, daß die Sphäre, worin wir uns auf diese Art befinden, sich anschließt an die Sphäre über uns, und daß jetzt, in der Erkenntnis unserer Mängel, wir die geistigen Wesenheiten fühlen, die uns dort entgegenkommen, als die Rächer der Engel, die kommen, um uns zu richten und zu strafen, die Erzengel mit dem feurigen Schwert. Dagegen fühlen wir die Wesenheiten der unteren Sphäre wie trauernd über unsere Fehler, und tief fühlen wir, daß nicht wir allein durch unsere Fehler betroffen sind, sondern daß geistige Wesenheiten, die Boten, die Engel über unsere Fehler trauern. Wir können das entweder nur innerlich erleben oder auch als Sehen einer farbigen Imagination. In diesem letzten Fall wird über uns die Sphäre sich ausbreiten in roten und rot-gelben Farben und unter uns in blauen und blau-violetten Farben, worin sich die geistigen Wesen offenbaren. Aber die beiden Sphären schließen sich aneinander, und wir fühlen uns selbst darin bewegend, zurückblickend auf unseren Körper, als auf etwas, was wir hinter uns gelassen haben. Zu diesen Erlebnissen können wir kommen, wenn wir auf die rechte Weise das Es denkt mich meditieren; und wenn wir uns des Nachts bewußt sein könnten des Wirkens der guten Götter, würden wir diese Imaginationen sehen können.

  1. März Wiederholung der Berliner ES. (s) als Zeichen des Luzifer. Gefühle (dort geäußert): Ahriman und Luzifer. Zehn Worte: Zehnfältige Wesenheit des Menschen, wovon die fünfte das Unaussprechliche ist.


  1. In einer anderen, gleichlautenden Vorlage folgt noch: E.D.N. — I. --- M. — P.S.S.R. ↩

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