Esoterische Stunde
Aufzeichnung A
Wir müssen uns einmal klar darüber werden, welches eigentlich die Grundlagen für eine esoterische Schulung sind und was eigentlich ihr Wesen ist. Die Schule, der wir angehören, ist so organisiert, daß darin verschiedene Kreise sind. Alle diejenigen, die neu hinzukommen, sind die «Suchenden». Wer dann weiter vorrückt, gehört zu den «Übenden». Und daran schließt sich an die eigentliche «Schulung». In diese drei Kreise zerfällt unsere Schule. Wir alle sind in die Esoterische Schule eingetreten, um gewisse Organe im Innern zu entwickeln, die uns fähig machen, die höheren Welten selbst zu erleben. Wie entwickelt man überhaupt Organe in sich? Alle unsere Organe sind entstanden durch eine frühere Tätigkeit von uns. Wir wollen uns das an einem Beispiel veranschaulichen: Es gab eine Zeit, wo wir alle noch keine Augen hatten. Damals bewegte sich der Mensch schwebend-schwimmend in einem wässerigen Urmeere. Da hatte er, um sich zu orientieren, ein Organ, das heute nur noch als Rudiment vorhanden ist. Es ist dies die sogenannte Zirbeldrüse. Sie liegt in der Mitte des Kopfes [unter der Schädeldecke], etwas nach innen gestülpt. Bei manchen Tieren kann man sie sehen, wenn man die Schädeldecke abhebt. Mit diesem Organ konnte der Mensch der Vorzeit wahrnehmen, ob er sich einem nützlichen oder schädlichen Dinge näherte. Vor allem aber war es ein Organ zur Wahrnehmung von Wärme oder Kälte. Wenn damals die Sonne auf die Erde herabschien, so konnte der Mensch sie zwar nicht sehen, aber die Zirbeldrüse zog ihn hin zu den Stellen des wässerigen Meeres, wo die Sonne das Wasser erwärmte. Und diese Wärme gab ihm ein Gefühl großer Seligkeit. An solchen Stellen des Wassers verweilte der Mensch lange und kam weit an die Oberfläche, so daß die Sonnenstrahlen ihn treffen konnten. Und dadurch, daß die Sonnenstrahlen direkt auf seinen Körper fielen, wurden unsere heutigen Augen gebildet. Zweierlei war also nötig, damit Augen entstehen konnten: Einmal mußte die Sonne herabscheinen, andererseits aber mußten die Menschen auch herzuschwimmen zu den von der Sonne erwärmten Stellen und sich der Sonne aussetzen. Hätten die damaligen Menschen das nicht getan, sondern sich gesagt: Ich will nur das entwickeln, was schon in mir liegt —, so hätten sie zwar eine immer größere Zirbeldrüse entwickeln können, ein Scheusal von einem Organ, aber Augen hätten sie nie bekommen.
Geradeso müssen wir es uns denken bei der Entwicklung geistiger Augen. Man muß nicht sagen: Die höheren liegen schon in mir, ich muß sie nur herausentwickeln. - Jene Menschen konnten auch nicht die Sonne aus sich herausentwickeln, aber wohl die Organe, um sie zu sehen. So können auch wir nur die Organe ausbilden, um die geistige Sonne, die höheren Welten zu sehen, sie aber nicht aus uns herausentwickeln. Und niemals können wir uns die Organe entwickeln, wenn uns nicht einerseits die geistige Sonne bescheint und andererseits wir uns nicht beeilen, uns ihr auszusetzen, damit sie uns bescheinen kann. Die Stellen, wo für uns die geistige Sonne scheint, das sind die esoterischen Schulen, und alle diejenigen, die es in die esoterischen Schulen treibt, werden von ihren Strahlen getroffen, wenn sie sich dementsprechend verhalten nach den Anweisungen der Schule.
Jedes Organ, das eine Vergangenheit hatte, wird auch eine Zukunft haben. Auch die Zirbeldrüse wird in der Zukunft wieder ein wichtiges Organ. Und diejenigen, die in den esoterischen Schulen sind, arbeiten jetzt schon an ihrer Ausbildung. Die Übungen, die wir erhalten, wirken nicht nur auf den Astral- und Ätherleib, sondern auch auf die Zirbeldrüse. Und wenn die Wirkung sehr eingreifend wird, so geht sie von der Zirbeldrüse aus in die Lymphgefäße und von da ins Blut. Aber nicht nur diejenigen, die jetzt okkulte Übungen machen, werden in Zukunft eine ausgebildete Zirbeldrüse haben, sondern alle Menschen. Und bei den Menschen, die die böse Rasse ausmachen werden, wird sie ein Organ für die schlimmsten und schrecklichsten Impulse sein und so groß sein, daß sie den größten Teil des Leibes ausmacht. Wie man viele Mücken aus der Entfernung als Mückenschwarm sieht, so würde man dann, da so viele drüsenartige Menschenkörper auf der Erde herumwandeln werden, die Erde selbst als eine große Drüse vom Weltenraum aus schauen können. Bei denjenigen aber, die ihre Zirbeldrüse in richtiger Weise ausbilden, wird sie ein schr edles und vollkommenes Organ sein.
Nun wollen wir die Übungen, die uns gegeben sind, näher betrachten und dabei eingedenk sein, daß diese Übungen es sind, die unsere Seelen empfänglich machen für die geistigen Sonnenstrahlen.
Gewissermaßen als Vorbereitung für die eigentlichen okkulten Übungen dienen die sechs Nebenübungen. Wer sich ihnen mit dem rechten Ernst und Eifer hingibt, in dem erzeugen sie diejenige Grundverfassung der Seele, die nötig ist, um die rechte Frucht von den okkulten Übungen zu haben.
- Gedankenkontrolle: Wenigstens fünf Minuten soll man sich täglich freimachen und über einen möglichst unbedeutenden Gegenstand, der einen von vornherein gar nicht interessiert, nachdenken, indem man logisch alles aneinanderknüpft, was sich über den Gegenstand denken läßt. Es ist wichtig, daß es ein unbedeutender Gegenstand sei, denn gerade der Zwang, den man sich dann antun muß, um lange bei ihm zu verharren, ist es, der die schlummernden Fähigkeiten der Seele weckt. Nach einiger Zeit bemerkt man dann in der Seele ein Gefühl von Festigkeit und Sicherheit. Nun muß man sich aber nicht vorstellen, daß dies Gefühl einen ganz heftig überrumpele. Nein, es ist dies ein ganz feines, subtiles Gefühl, das man erlauschen muß. Diejenigen, die behaupten, sie könnten absolut dies Gefühl nicht in sich verspüren, gleichen zumeist denen, die ausgehen, um unter vielen anderen Gegenständen einen ganz kleinen, feinen Gegenstand zu suchen. Sie suchen zwar, aber nur so obenhin, und da können sie den kleinen Gegenstand nicht finden, sondern übersehen ihn. Ganz still in sich hineinlauschen muß man, dann empfindet man dies Gefühl, und zwar tritt es hauptsächlich im vorderen Teil des Kopfes auf. Hat man es dort verspürt, so gießt man es in Gedanken ins Gehirn und ins Rückenmark. Allmählich meint man dann, es gingen Strahlen aus vom Vorderkopfe bis ins Rückenmark hinein.
- Initiative des Handelns: Dazu muß man sich eine Handlung wählen, die man sich selbst ausdenkt. Wer zum Beispiel als Tätigkeitsübung das Begießen einer Blume nahm, wie es in der Vorschrift als Beispiel steht, der tut etwas ganz Zweckloses. Denn die Handlung soll aus eigener Initiative entspringen, also muß man sie sich selbst ausgedacht haben. Dann macht sich bei dieser Übung bald ein Gefühl bemerkbar, etwa wie: «ich kann etwas leisten», «ich bin zu mehr tüchtig als früher», «ich fühle Tätigkeitsdrang». Eigentlich im ganzen oberen Teil des Körpers fühlt man das. Man versucht dann, dies Gefühl zum Herzen fließen zu lassen.
- Erhabensein über Lust und Leid: Es wandelt einen zum Beispiel einmal das Weinen an. Dann ist es Zeit, diese Übung zu machen. Man zwingt sich mit aller Gewalt, jetzt einmal nicht zu weinen. Dasselbe gilt auch vom Lachen. Man versuche einmal, wenn einen das Lachen ankommt, nicht zu lachen, sondern ruhig zu bleiben. Das soll nicht heißen, daß man nun nicht mehr lachen solle, aber man muß sich in der Hand haben, Herr werden über Lachen und Weinen. Und hat man sich ein paarmal überwunden, so verspürt man bald auch ein Gefühl von Ruhe und Gleichmut. Dies Gefühl läßt man durch den ganzen Körper fließen, indem man es vom Herzen aus zuerst in Arme und Hände gießt, damit es durch die Hände in die Taten ausstrahle. Dann läßt man es zu den Füßen strömen und zuletzt nach dem Kopfe. Diese Übung verlangt eine ernstliche Selbstbeobachtung, die man mindestens eine Viertelstunde am Tag durchführen soll.
- Positivität: Man soll in allem Schlechten das Körnchen Gute, in allem Häßlichen das Schöne, und auch noch in jedem Verbrecher das Fünkchen Göttlichkeit zu finden wissen. Dann bekommt man das Gefühl, als dehne man sich über seine Haut hinaus aus. Es ist ein ähnliches Gefühl des Größerwerdens, wie
es der Ätherleib nach dem Tode hat. Verspürt man dies Gefühl, so lasse man es von sich ausstrahlen durch Augen, Ohren und die ganze Haut, hauptsächlich durch die Augen.
- Unbefangenheit: Man soll sich beweglich halten, immer fähig sein, noch Neues aufzunehmen. Wenn uns jemand etwas erzählt, was wir für unwahrscheinlich halten, muß doch immer in unserem Herzen ein Winkelchen bleiben, wo wir uns sagen: er könnte doch Recht haben. - Dies braucht uns nicht kritiklos zu machen, wir können ja nachprüfen. Es überkommt uns dann ein Gefühl, als ströme von außen etwas auf uns ein. Das saugen wir ein durch Augen, Ohren und die ganze Haut.
- Gleichgewicht: Die fünf vorhergehenden Empfindungen sollen nun in Harmonie gebracht werden, indem man auf alle gleichmäßig viel achtet.
Diese Übungen brauchen nicht gerade je einen Monat gemacht zu werden. Es mußte eben überhaupt eine Zeit angegeben werden. Es kommt vor allem darauf an, daß man die Übungen gerade in dieser Reihenfolge macht. Wer die zweite Übung vor der ersten macht, der hat gar keinen Nutzen davon. Denn gerade auf die Reihenfolge kommt es an. Manche meinen sogar, mit der sechsten Übung, mit der Harmonisierung, anfangen zu müssen. Aber harmonisiert sich etwas, wenn nichts da ist? Wer die Übungen nicht in der rechten Reihenfolge machen will, dem nützen sie gar nichts. Wie wenn einer über einen Steg sechs Schritte machen muß und den sechsten Schritt zuerst machen will, so unsinnig ist es, mit der sechsten Übung beginnen zu wollen.
Dann haben die meisten von uns eine Morgenmeditation bekommen. Man soll das früh am Morgen machen zu einer Stunde, die man sich selbst festsetzt und die man so streng als möglich einhält. Man vertieft sich dabei zuerst in sieben Zeilen. Bei einigen von uns lauten sie folgendermaßen:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglänzt die Gottheit der Welt!
In der reinen Liebe zu allen Wesen
Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt.
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt!
Man soll nun bei der Meditation nicht spekulieren über diese sieben Zeilen, sondern ganz darin leben. Recht bildhaft soll man sie sich vorstellen. Also:
In den reinen Strahlen des Lichtes
da fühlt man sich umflossen von den Strahlenfluten des Lichtes, die von allen Seiten auf einen eindringen, man sieht ihren Glanz so deutlich, als man es nur vermag.
Erglänzt die Gottheit der Welt
man stellt sich vor, daß Gott es ist, der in diesen Strahlen auf einen einströmt, man sucht ihn zu fühlen und in sich aufzunehmen.
In der reinen Liebe zu allen Wesen
Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele
man stellt sich vor, wie man die göttlichen Strahlen, die man aufgenommen hat, zur Beglückung aller Wesen wieder ausstrahlen läßt.
Die Schlußzeilen sollen die Vorstellung und Empfindung erwecken, daß man ganz eingebettet sei in die Strahlen der Gottheit und daß man in ihnen sich selbst finde. Wer sich das besonders bildhaft vorstellen will, kann sich schließlich auch einen Baum vorstellen, den er liebgewonnen hat und zu dem er gern zurückkehrt.
Nach diesen sieben Zeilen ist uns ein Wort oder ein Satz gegeben zur Versenkung. Diese Konzentration auf einen Satz oder ein Wort, zum Beispiel «Stärke», ist sehr wichtig. Es ist das eine Art Losungswort, ein Kraftwort, das genau der Seelenverfassung jedes einzelnen angepaßt ist. Dies Wort soll man in der Seele erklingen lassen so etwa, wie man eine Stimmgabel anschlägt. Und wie man auf das Verklingen der Stimmgabel horcht, so soll man nach der Versenkung in das Wort es auch still verklingen lassen in der Seele, sich dem hingeben, was in der Seele durch dies Wort bewirkt wurde.
Zum Schluß versenkt man sich noch fünf Minuten in sein eigenes göttliches Ideal. Welcher Art das Ideal ist, kommt nicht in Betracht, es handelt sich nur um die Erzeugung der richtigen Seelenstimmung. Ob man dabei an den Meister oder an den Sternenhimmel denkt, ist einerlei. Es sind schon Atheisten gekommen, die meinten, sie hätten gar kein göttliches Ideal. Aber sie konnten auf den Sternenhimmel verwiesen werden, der doch jedem ein Gefühl der Ehrfurcht und Devotion abnötigt.
Wer einmal mit diesen Übungen begonnen hat, der sollte doch dabei bleiben und nicht, wenn es ihm gerade nicht paßt, aussetzen. Der Astral- und der Ätherleib gewöhnen sich bald an diese Übungen, und wenn sie sie nicht bekommen, so revoltieren sie. Eine Unterbrechung oder gar ein völliges Aufhören ist unter allen Umständen sehr gefährlich.
Wichtig ist auch die abendliche Rückschau. Sie muß von rückwärts nach vorwärts vollzogen werden, da wir uns gewöhnen sollen an die Wahrnehmungsart des Astralplanes. Man muß sich bei der Rückschau alles möglichst bildhaft vorstellen. Anfangs kann man freilich, wenn man achtzig bedeutende Erlebnisse hatte, sie nicht alle achtzig bildhaft vor die Seele rufen. Da muß man eben eine weise Auswahl treffen, bis schließlich das ganze Tagesleben wie ein Tableau sich vor einem abrollt. Wieder kommt es da viel mehr auf die kleinen unbedeutenden Handlungen an, denn gerade die Anstrengung ist es, die die Kräfte der Seele weckt.
Aufzeichnung B
Das, was uns heute obliegt, ist eine Instruktionsstunde und zwar eine zur Besprechung einiger elementarer Tatsachen der Esoterik.
Man unterscheidet in einer esoterischen Schule Suchende und Übende, und ebenso unterscheidet man Stufen, zu denen man aufrückt. Ihr alle, meine lieben Schwestern und Brüder, seid mehr oder weniger Suchende. Ihr wollet Übende werden. Ihr müßt nun Organe für diese Übungen entwickeln, wie geschieht das? Was jetzt Tätigkeit ist am Menschen, das wird später Organ. Das, was ich jetzt sagen werde, haben Verschiedene von Euch schon gehört, aber das macht nichts; wiederholtes Hören fördert die okkulte Kraft.
Ein Organ, das bei dem heutigen Menschen verkümmert ist, ist die Zirbeldrüse. Sie hat früher eine sehr wichtige Rolle gespielt. Diese Zirbeldrüse ist eben unter der Schädeldecke eingebettet, etwas umgestülpt; sie war früher das Organ, wodurch der Mensch, statt des Auges, das damals noch nicht vorhanden war, wahrnehmen, Wärme empfinden konnte. Durch dieses Organ fühlte sich der Mensch, der damals noch schwebte oder schwamm, in dem kalten Weltmeer angezogen von den darin befindlichen wärmeren Stellen, die von der Sonne bestrahlt waren. Dort fühlte der Mensch eine Art von Seligkeit. Hätten nun die damaligen Wesen nichts anderes tun wollen, als das in ihnen Liegende, also die Zirbeldrüse entwickeln, so wären sie Wesen mit ungeheuerer Zirbeldrüse, mit einem Scheusal von Organ geworden. Aber sie ließen sich von diesem Organ an die warmen, von der Sonne beschienenen Stellen im Weltenraum hinleiten und entwickelten so ihre Augen, zu denen sie damals erst den Keim hatten. Denn Tätigkeit wird später Organ. Sie empfanden Wohlbehagen an diesen warmen Stellen, aber als ihre Augen zum ersten Mal in die Sonne sahen, empfanden sie Schmerz. Durch Überwindung dieses Schmerzes errangen sich die Menschen die Fähigkeit des Sehens. So müßt Ihr es auch machen, mit den Euch gegebenen Übungen und dadurch werdet Ihr die Organe entwickeln, die Euch später in die höheren Welten hinaufleiten. Nicht in Euch findet Ihr den Gott, sondern Ihr müßt die Organe entwickeln, um zu Ihm hinauf zu gelangen. Zwei Wege werden Euch dazu gezeigt:
- durch Studium kommt Ihr vorwärts;
- durch diese Übungen, wenn Ihr nicht zu bequem seid, dieselben mit Geduld und Ausdauer zu machen.
Die Übungen teilen sich ein in eine Morgenmeditation, in eine Rückschau am Abend, und in jene Vorübungen, die Euch allen gegeben sind. Die sechs Stufen der Nebenübungen sind in der gegebenen Reihenfolge zu machen, denn nur dadurch wird okkulte Kraft entwickelt. Ist man fertig mit den sechs Monaten, so fängt man wieder von vorne an. (Als Beispiel wird gesagt, wir gehen über eine Brücke, mit sechs Schritten Länge, um an ein Ziel zu kommen. Da können wir auch nicht den sechsten Schritt zuerst machen, sondern wir müssen der Reihe nach die sechs Schritte machen, so auch hier. Der sechste Schritt harmonisiert die fünf Vorhergehenden; wollten wir ihn zuerst machen, so müßte man sich sagen: Harmonisiert sich etwas, wo nichts ist?)
Alles abstrakte Denken hat gar keinen Wert für die okkulte Entwicklung; das Denken in Bildern ist allein dasjenige, was da einen Wert hat.
Die sechs Stufen dieser Nebenübungen sind die folgenden:
Die erste Stufe ist Gedankenkontrolle,
die zweite Stufe: Initiative der Handlungen,
die dritte Stufe: Überwindung von Lust und Leid,
die vierte Stufe heißt Positivität,
die fünfte Stufe: Unbefangenheit,
die sechste Stufe: Harmonie der fünf Stufen.
- Gedankenkontrolle: Man nimmt sich dazu einen unbedeutenden Gegenstand, da es auf die Anstrengung, die die inneren Kräfte hervorholt, ankommt und nicht auf das Interesse von uns für den Gegenstand. Als Beispiel wird gegeben: ein Zündholz, eine Haarnadel, eine Stahlfeder etc. Man kann sich fragen: Wie ist der Gegenstand entstanden, aus was besteht er, wie wird er hergestellt, wo wird er hergestellt, was wäre, wenn der Gegenstand nicht in der Welt wäre?
Je mehr Ihr Euch anstrengen und überwinden müßt, je besser ist es.
Es ist derselbe Fall, wie damals, als das Auge entstand!
Fünf Minuten einen Gegenstand festhalten, der einen nicht interessiert, darauf kommt es an; da seid Ihr froh, wenn Ihr ihn fallen lassen dürft.
- Initiative der Handlungen: Einige meiner Schüler haben diese Übung falsch gemacht, indem sie das angegebene Beispiel, Blumen zu begießen, ausgeführt haben, statt, wie das gemeint war, eine Handlung zu verrichten, die man sonst nicht im Leben machen würde, eine Handlung selbst aus der eigenen Seele herausgeholt, muß es sein. Jeder muß die betreffende Initiativ-Handlung selber finden. Auf die Nützlichkeit derselben kommt es nicht an; sie soll nicht aus dem Zwang der äußeren Verhältnisse oder aus dem guten Herzen heraus geschehen, z. B. zehn Pfennige einem Armen schenken, auch nicht weil sie ethisch ist. Aus eigener Initiative und Selbstüberwindung heraus muß sie geschehen, Tätigkeit sein, die okkulte Organe schafft.
- Überwindung von Lust und Leid: Man muß mit dem starken Willen überwinden, daß uns Freude oder Leid nicht mit sich fortreißt. Wir müssen vom Pferde zum Kutscher werden (Plato). Kommt uns über irgend etwas das Weinen an, so sollen wir es mit aller Anstrengung unterdrücken und uns sagen: «Du weinst jetzt nicht». — Das gilt ebenso für das Lachen. Alles das ist nur für eine bestimmte Lebenszeit als Übung für einen Monat etwa, gedacht.
- Positivität: Was damit gemeint ist, ist ausgedrückt in der folgenden Legende: Der Christus Jesus ging mit seinen Jüngern spazieren, da sahen sie am Wege liegen einen schon stark verwesten Hund. Die Jünger wandten sich ab voll Ekel und sagten: «O, das häßliche Tier». - Der Christus Jesus aber blieb stehen und betrachtete liebevoll den Leichnam und sagte dann: «welch wunderschöne Zähne hat das Tier!»
So aus allem, selbst aus dem Häßlichsten, aus dem Schlechtesten, aus dem Verbrecher, aus der Unwahrheit, das Schöne, das Wahre herauszuziehen und zu sehen, das ist Positivität. Subtil beobachten sich selbst, das gehört dazu.
- Unbefangenheit: Unbefangen ist man, wenn jemand uns erzählt, daß ein gerader, senkrechter Turm über Nacht plötzlich schief steht, sagen wir in einem Winkel von 45 Grad, und wir dann nicht sagen: «Nein, das glaub ich nicht, das ist ja ganz unmöglich.» - Man muß das Gefühl in sich ausbilden, daß nichts unmöglich ist.
- Harmonie bringen in die fünf Stufen: Die fünf anderen Stufen sind die Vorbedingung zu dieser sechsten Stufe. Es kommt außerordentlich auf die Reihenfolge an. Man darf nicht den sechsten Schritt machen wollen vor den fünf ersten Schritten. Es harmonisiert sich nichts, wenn nichts zur Harmonie da ist! —
Während diese sechs Übungen an keine bestimmte Stunde des Tages gebunden sind, nur täglich, wie beschrieben, gemacht werden müssen, muß die Meditation immer zur selben Zeit ausgeführt werden. Man leitet die Meditation ein, indem man das Gefühl von Ruhe ca. zwei Minuten vor die Seele stellt. Ruhe ist ein Wort, das große okkulte Kraft in sich birgt. Allmählich wird sich ein Gefühl von Ruhe im ganzen Körper bemerkbar machen.