An Horst von Henning in Weimar

Berlin, 12. August 1904

Mein verehrter lieber Herr von Henning!

Verzeihen Sie die verspätete Antwort.1 Ich werde erst jetzt allmählich aus der Arbeitslast herauskommen. Und künftig sollen Sie gewiß nicht mehr so lange zu warten brauchen. Ich war froh, Sie im Bade zu wissen, und hoffe, daß Ihre Erholung einen recht guten Fortgang genommen hat. Praktische Meditationsarbeit während einer Erholungszeit zu beginnen, ist nicht gut. Weder für die Gesundheit, noch für die Meditation. Raten kann ich Ihnen nur, wenn Sie Meditation üben wollen, sie während der ganz gewöhnlichen Berufstätigkeit zu beginnen. Denn Meditation soll keine Zeit rauben. Das ist sogar Grundbedingung, wenn sie fruchtbar sein soll. Ich will Ihnen nun «im Vertrauen» (das heißt nur für Sie) angeben, worin die Meditation besteht. Abends vor dem Einschlafen, - ganz kurz, drei bis vier Minuten - Rückschau auf das, was man den Tag über getan hat und erlebt hat. Es kommt dabei darauf an, daß man die wichtigsten Begebenheiten des Tages an sich vorüberziehen läßt. Man fragt sich dabei: Habe ich dieses Ereignis so mit beobachtendem Blicke verfolgt, daß ich für mein künftiges Leben daraus lernen kann; und wie hätte ich es tun müssen, um diesen Zweck zu erreichen? Oder bezüglich einer Handlung, die man getan hat: Habe ich diese so getan, daß ich jetzt, wo ich nicht mehr mitten darinnen stehe, sondern mich betrachte, als ob ich ein anderer wäre, mir noch recht geben kann? Das alles soll so geschehen, daß man vor sich selbst lernt, daß man das Leben zu einer Lektion macht. Man erreicht dadurch wirklich nach und nach die Erhebung zum «höheren Selbst», das über das niedere hinausgeht. Und - glauben Sie das der okkulten Erfahrung - : nicht nur zur Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten, sondern auch zur Gesundung in jeder Beziehung trägt das bei.

Dann am Morgen: Gleich nach dem Aufstehen. Bevor man Nahrung zu sich genommen hat, verwendet man ein paar Minuten - länger erst später - zur eigentlichen Meditation. Wenn 1/4 Stunde möglich ist, dann ist es besser. Sie besteht in einer Erhebung zum «höheren Selbst», wofür es eine ganz bestimmte Formel gibt, die man in Gedanken vor sich hinsagt. Ich teile Ihnen diese Formel «im Vertrauen» sofort mit, wenn Sie mir schreiben, daß Sie sie verwenden wollen. Dann schließt sich zweitens daran eine Konzentration, bestehend in einem Leermachen des Bewußtseins von allem, was uns das Leben des Alltags bringt. Da muß für ein paar Minuten alles aus dem Bewußtsein entschwinden, was uns sonst beschäftigt, auch die Erinnerung an die Geschäfte und Obliegenheiten des Alltags. Dann lassen wir in dieses also entleerte Bewußtsein einen Satz aus einer inspirierten Schrift eintreten und geben uns ganz seinem Eindrucke hin. Wir spekulieren nicht über den Satz, wir leben mit ihm, wie wir mit einem geliebten Kinde leben. Und wir behalten diesen selben Satz dann wochenlang bei. Denn erst dann gibt er uns seine Kraft her. Erst dann, nach Wochen, ersetzen wir ihn durch einen andern Satz. So nehmen Meditierende zum Beispiel «Licht auf den Weg» Satz für Satz durch, was ihrer Meditation lange Inhalt gibt. «Licht auf den Weg», «Die Stimme der Stille», «Bhagavad Gita» gehören zu den besten Meditationsbüchern.

Der letzte Teil der Meditation ist dann das Erzeugen der devotionellen Stimmung in sich gegenüber dem, was Einem das Höchste, das Göttliche ist. Da kommt nicht diese oder jene Vorstellung vom Göttlichen in Betracht, sondern diejenige, welche uns - nach unserer Subjektivität - wirklich intim ist. Dem Christen kann es Christus, dem Hindu der «Meister», dem Mohammedaner «Mohammed» sein, ja es kann sich ein moderner Wissenschafter in die «göttliche Natur» devotionell versenken. Es kommt auf das devotionelle Gefühl an, nicht auf die Vorstellung, die man sich vom «Göttlichen» macht.

Wenn Sie, mein lieber Herr von Henning, fortschreiten wollen in der Entwickelung der mystischen Kräfte, so kann ich Ihnen die Wege dazu noch weiter angeben. Ich sage Ihnen im Voraus, daß dadurch gewiß keine Gefahr in irgendwelcher Hinsicht verknüpft ist. Und im Anschlusse an Ihre Frage und bei der Art, wie ich Sie kenne, darf ich Ihnen sagen, daß es einen «engen Kreis» gibt, in den ich Sie aufnehmen darf, wenn Sie wollen. Sonst gibt es für den Anfang keine Verpflichtung, als die gegen sich selbst, die ich Ihnen schon in diesem Briefe ausgesprochen habe. Nur noch die völlige Enthaltung von Alkohol kommt in Betracht. Die aber muß sein, weil sonst alle okkulte Arbeit unter gewöhnlichen Umständen umsonst ist. Wenn Sie also Meditation suchen, dann schicke ich Ihnen die «Regeln» und Sie können sich entscheiden. Wenn Sie aber ohne solchen Anschluß Meditation üben wollen, so stehe ich Ihnen auch ratend zur Seite; nur bietet der Anschluß an den «engeren esoterischen Kreis» zugleich die okkulte Einschaltung, die an sich schon Hilfe und seelischen Fortschritt bringt.

Damit möchte ich Ihre mir so willkommene Karte beantworten. Wenn Sie den Anschluß nicht wünschen, dann bitte ich Sie über das zu schweigen, was ich Ihnen geschrieben habe.

Herzliche Grüsse von Ihrem

Dr. Rudolf Steiner

Berlin W, Motzstrasse 17

Horst von Hennings Antwort:

Weimar, 24. Oktober 1904

Mein lieber und verehrter Herr Dr.!

Wenn ich Ihnen erst heute, nach Verlauf von über zwei Monaten, für Ihr gütiges Schreiben danke, so geschieht dies nicht aus Trägheit oder Indifferenz, sondern, weil ich gerade in letzter Zeit außergewöhnlich mit Arbeit überlastet war und mir zur Beantwortung Ihres so ernsten Briefes die notwendige Ruhe fehlte. Gleichzeitig fand ich auf diese Weise Zeit genug, mich zu prüfen und freue mich nun umsomehr, das, was ich Ihnen bei Gelegenheit Ihres letzten Hierseins infolge der besonderen Umstände nur andeuten konnte, nun schriftlich wiederholen zu können, nämlich daß ich mich sehr freuen würde, wenn Sie mich als Ihren Schüler betrachten und mich als solchen zur Aufnahme in den «engeren Kreis» vorbereiten wollten, sofern Sie mich dessen fähig und würdig erachten. - Das mir von Ihnen entgegengebrachte Vertrauen hat mich beglückt und werde ich mich redlich bemühen, die mir durch den «Eintritt» etwa auferlegten Pflichten zu erfüllen und so bewußt beizutragen zum Wohle meiner Mitmenschen. Es ist, wie ich Ihnen versichern kann, nicht der Wunsch nach persönlichen Vorteilen (auch nicht nach solchen geistiger Natur), der mich antreibt, den Anschluß an den esoterischen Kreis zu suchen, sondern die innere Überzeugung, daß die mir innewohnenden Eigenschaften mir die Pflicht auferlegen, diesen Weg zu beschreiten, wenn mir die Hand dazu freiwillig geboten wird, und ist es mir ernst mit meinem Entschluß, geistig fortzuschreiten, soweit dies in meinen Kräften steht.

Ich richte deshalb die herzliche Bitte an Sie: nehmen Sie meine Führung in Ihre Hände und geben Sie mir, was Sie mir nach Lage meiner Verhältnisse und Fähigkeiten jeweilig geben zu dürfen glauben; an gutem Willen, Dankbarkeit und Geduld soll es meinerseits nicht fehlen.

Unter treulichen Grüßen

Ihr allzeit dankbar ergebener

Horst von Henning



  1. Die Karte, auf die hier geantwortet wird, liegt nicht vor. ↩

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