Über Ernährung und innere Entwicklung
Unsere heutige Zeit steht unter dem Zeichen der Reform. Überall Reformbewegungen, Reformbestrebungen. Unzufrieden mit dem Bestehenden, Althergebrachten, und unbefriedigt von den gemachten Erfahrungen, suchen die Menschen etwas Neues herauszugestalten, herauszubilden und in irgend etwas anderem ihr Heil zu versuchen. Und das muß so sein. Denn alles im Weltall, das große Ganze, alle Kulturen, der einzelne Mensch, - alles, alles ist im Werden, im Entwickeln begriffen; es gibt keinen Stillstand.
Wie groß und gewaltig sind oft die Ideen der einzelnen Reformstifter, aber wie verzerrt und ins Extreme geführt werden sie von der großen Menge. Nehmen wir einmal eine unserer hervorragendsten Reformbewegungen heraus. Es gibt eine Bewegung, die noch in keiner Kulturepoche zu bemerken war, die auf manchen sehr befremdend wirkt: es ist die «Frauenbewegung». Der Drang zum Sich-Mitbetätigen an den großen Aufgaben der Kultur und des sozialen Lebens treibt die Frau dazu, nach Wertschätzung und Gleichberechtigung mit dem Manne zu ringen. Auch die Zeitverhältnisse zwingen die Frau dazu. Sie will nicht mehr im kleinen Kreise walten, gefesselt an unbefriedigende Verhältnisse, oder einsam in der Welt stehend, ohne fördernde Arbeit, ohne eine Lebensaufgabe. Nein, sie will mitarbeiten im Kulturleben, auf eigenen Füßen stehend, mit den gleichen Rechten wie der Mann. Das wunderbare Ideal einer Hausfrau, das Schiller in seiner «Glocke» uns so schön zeigt: «Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau», ist eben für die große Mehrheit unserer weiblichen Welt kein Ideal mehr. Aber wie mißverstanden und ins Extrem führend ist dieser Drang nach Selbständigkeit und Freiheit, weil die Frau noch nicht erfaßt hat, daß nicht allein das Selbständigsein im Berufsleben die Frau frei und selbständig macht oder das willkürliche Handeln nicht in die Sphäre der Freiheit fällt, sondern daß wir vor allen Dingen in unserem Innern selbständig und frei werden müssen; daß erst die Durcharbeitung unseres ganzen Seelenlebens, die Veredelung und Läuterung unseres Charakters uns zum selbständig freien Wesen macht. Mögen dann die äußeren Verhältnisse sein, wie sie wollen, das hat keinen großen Einfluß.
Die Errungenschaft der inneren Selbständigkeit gibt der Frau dann auch das Anrecht auf äußere Freiheit und Selbständigkeit, und erst dann kann sie eine Mitarbeiterin des Mannes werden, aber nicht seine Rivalin. Den Weg, um zu dieser wahren inneren Selbständigkeit zu gelangen, kann uns nur die Geisteswissenschaft zeigen. Alles andere Freiheitsstreben führt zu keinem hohen Ziel.
Gehen wir in ein anderes Gebiet, in das der Naturheilmethode. Man hat gefunden, daß die vielen Erkrankungen der heutigen Zeit zurückzuführen sind auf das jetzige Kulturleben. Der Kampf ums Dasein läßt den Menschen kaum zur Ruhe, noch viel weniger zur Gesundung kommen. Man glaubt, weil unsere Vorfahren so ganz. in der Natur lebten, in frischer Luft, unbeengt von der Kleidung, bei einfacher Ernährung, das wäre ausschlaggebend gewesen für ihre Gesundheit. Und weil die medizinische Wissenschaft in manchen Fällen nicht mehr das Richtige findet, so glaubt man, daß ein Zurück zur Natur, ein Leben mit der Natur das Gesündeste wäre. Man nimmt Erde, Wasser, Luft und Wärme und wendet sie in allen erdenklichen Fällen an. Aber dabei bedenkt man nicht, daß der Mensch ein individuelles Wesen ist, das nicht mehr mit allen Elementen Verwandtschaft hat. Bei manchen sind Sonnenbäder ganz und gar nicht angebracht; bei einem anderen können Wasserkuren von größtem Schaden sein. Wenn einmal vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus den Menschen Gesundheit werden soll, dann wird individuell vorgegangen werden müssen. Da wird jeder das zur Heilung bekommen, was seiner innersten Natur, seinem Temperament, seinem ganzen Charakter, seinem geistigen Aufbau zuträglich ist. Der Mensch aber steht stets doch in engstem Zusammenhang mit den ewigen Gesetzen; und nur nach diesen kann eine vollständige Heilung des Menschen, eine vollständige Harmonie des Menschen mit seinem physischen und psychischen Organismus herbeigeführt werden. Es gibt für den Menschen kein «Zurück zur Natur» in dem Sinne, als er in der Natur das Höchste zu sehen glaubt, sondern ein «durch die Natur zum Geist».
Hand in Hand mit der Naturheilmethode geht gewöhnlich der Vegetarismus. Man ist davon überzeugt, daß in der tierischen Nahrung etwas enthalten sei, was nicht gesundheitsfördernd wirkt, man glaubt, daß es für den Menschen zuträglicher wäre, reine Pflanzenkost zu genießen, und man geht sogar so weit, daß man Milch und die daraus bereiteten Käse und dergleichen nicht zur Ernährung geeignet hält. Von überall her nimmt man die pflanzlichen Erzeugnisse, um so recht Abwechslung und einen vollen Ersatz für die Fleischnahrung zu bekommen. Diese Lebensweise ist sehr bekömmlich, aber ob jeder das auf lange Zeit durchführen kann, das ist eine andere Frage. Denn vegetarisches Leben ohne geistiges Streben führt zur Krankheit. Man sagt, daß der Vegetarismus in Griechenland Jahrhunderte vor Christus bekannt gewesen sei und daß der große Weise des Altertums, Pythagoras, der Stifter des Vegetarismus sei. Da muß man sich doch fragen: Wer war denn Pythagoras, und warum lebte er denn vegetarisch? Und damit kommen wir in das Gebiet der Geheimschulen, der Mysterien.
Zu allen Zeiten und zerstreut über alle Weltteile hat es von jeher Geheimschulen gegeben, deren Mitglieder sich befleißigten, durch strenge Selbstzucht, durch fleißiges Studium, durch Meditation, in das verborgene Sein der Welt zu gelangen, hinter den Schleier des Vergänglichen zu schauen. In Griechenland war es besonders Pythagoras, einer der größten Eingeweihten, der in diesem Sinne wirkte. Er hatte Schüler um sich versammelt, die er durch vorausgegangene strenge Proben in die Mysterien einführte. Zugleich damit aber wurden auch strenge Diätvorschriften erlassen. Berauschende Getränke waren ganz verpönt. Ebenso war der Genuß besonders von Fleisch und Bohnengemüse streng untersagt. Auch in späteren Zeiten wurden in allen Geheimschulen für die Lebensweise der Schüler Vorschriften gegeben. Denn der Schüler soll lernen, die Nahrung nach den Grundsätzen der geistigen Erkenntnis zu wählen. Er muß wissen, daß in dem, was er als Nahrung zu sich nimmt, die Kraft gewisser Wesenheiten liegt. Und wenn der Mensch zum Herrscher seines Organismus werden will, so muß er seine Nahrung bewußt wählen.
Wenn man begreift, welche Wesenheiten durch diese oder jene Nahrung angezogen werden, dann erkennt man auch, welche Bedeutung die Ernährung hat.
In den früheren Zeiten, da kannte man auch in den großen Religionsgemeinschaften, zum Beispiel der jüdischen und der katholischen Religion, die Wirkung der Nahrungsmittel. Ein Zuwiderhandeln gegen die Vorschriften wurde mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft bestraft.
Auch im Brahmanismus war die Zeit von Weihnachten bis Ostern dem Vishnu geweiht. Diejenigen, welche sich seine Diener nannten, feierten diese Zeit durch Enthaltsamkeit, zum Beispiel von allen Hülsenfrüchten, des Öles, Salzes, Fleisches und berauschenden Getränken. Man hatte in jener Zeit noch das lebendige Gefühl des Zusammenhanges des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, und man forderte von jedem erwachsenen Gliede der Gemeinschaft, daß es zu ganz bestimmten Zeiten sich aufnahmefähiger mache für gewisse geistige Kräfte, damit es mit der ganzen Natur eine Wiedergeburt und ein Auferstehungsfest feiere. Es waren diese Zeiten die vor Weihnachten und Ostern.
Nun wollen wir einmal betrachten, was die Nahrung eigentlich ist. Fast keinem Gebiet bringt man so großes Interesse entgegen wie der Ernährung; denn die Anforderungen, die die heutige Zeit an die Leistungsfähigkeit des einzelnen stellt, bedingt es, sich gut und kräftig zu ernähren. Wir sehen, wie wir der Nahrung bedürfen, um unseren Körper kräftig zu erhalten. Durch die Nahrungsstoffe führen wir dem Körper aufbauende und erhaltende Kräfte zu. Nach wissenschaftlichem Standpunkt ist die Ernährung eine Energie-Zufuhr. Die Geheimwissenschaft sagt aber: In der ganzen Natur manifestiert sich die Dreiheit. Jedes Ding besteht aus Form, Leben und Bewußtsein. Alles in der Natur ist belebt und durchgeistigt. Wir entnehmen nun unsere Nahrung dem Tier- und dem Pflanzenreich. Das Tier hat seinen physischen, ätherischen und astralischen Leib auf der physischen Welt; das Gruppen-Ich der Tiere ist auf dem Astralplan. Wenn das Tier tot ist, dann ist die Wirkung der tierischen Natur noch nicht aufgehoben; denn das Prinzip wirkt nach dem Tode des Tieres weiter. Ebenso ist es bei der Pflanze. Die Pflanze hat ihren physischen und ihren ätherischen Leib auf der physischen Welt; ihren Astralleib in der Astralwelt; das Ich der Pflanze ist im Devachan. Das Prinzip, das in der Pflanze wirkt, wird auch nach der Zubereitung der Pflanze noch wirksam sein. Denn die Nahrungswirkung erstreckt sich nicht bloß auf den physischen und Lebensleib, sondern auch auf die andern Wesensteile des Menschen.
Und nun wollen wir einmal im Zusammenhang mit unserem geistigen Streben über die Ernährung sprechen. Wohl werden Meditations- und Konzentrationsübungen die Hauptsache sein, doch wird es nicht so unwesentlich sein, wie der Strebende sich ernährt, wenn die Bearbeitung des Astralleibes beginnt.
Vor allen Dingen ist es wichtig, Alkohol in jeder Form zu meiden, sogar die mit Alkohol gefüllten Süßigkeiten sind von sehr schädlicher Wirkung. Alkohol und geistige Übungen führen auf die schlimmsten Pfade. Von wissenschaftlichem Standpunkt aus ist ja schon der schlimme Einfluß des Alkohols auf die Gehirnfunktion nachgewiesen; wievielmehr sollte ein Mensch, der sein ganzes Streben auf das Geistige richtet, sich eines Genusses enthalten, der das Erkennen des Geistigen vollständig ausschließt. Der Genuß von Fleisch und Fisch ist nicht ratsam. Im Fleisch genießt der Mensch die ganze Tierleidenschaft mit, und im Fisch genießt er das ganze Weltenkama1 mit. Pilze sind ungemein schädlich: sie enthalten hemmende Mondenkraft, und alles, was auf dem Mond entstanden ist, bedeutet Erstarrung. Ebenso sind Hülsenfrüchte nicht sehr ratsam wegen zu großen Stickstoffgehaltes. Stickstoff verunreinigt den Ätherkörper.
Wir wollen einmal einige der gröbsten niederen Eigenschaften herausgreifen und in Zusammenhang bringen mit den verschiedenen Nährstoffen.
Wenn ein Mensch große Selbständigkeit besitzt und sehr zum Egoismus neigt, der sollte wenig konzentrierten Zucker genießen; denn Zucker fördert die Selbständigkeit. Ist dagegen jemand ohne inneren und äußeren Halt und glaubt immer, der Anlehnung und Stütze bedürfen zu müssen, so sollte er reichlich Zucker genießen, um selbständiger zu werden. Wird jemand [sehr] vom Zorn beherrscht, dann sollte er nicht viel Gewürze in den Speisen genießen, ganz besonders Salz und Pfeffer meiden. Wenn jemand sehr zur Bequemlichkeit und Trägheit veranlagt ist, der meide besonders stickstoffhaltige Nahrung (sie verunreinigt den Ätherkörper), er wähle vielmehr Gemüse und Obst als Nahrung.
Will sich jemand an das schwierige Problem wagen: an die Beherrschung der Geschlechtsleidenschaft, derjenigen Leidenschaft, die in niederer Art ausgeübt, den Menschen unter das Tier herabwürdigt, umgewandelt aber ihn seiner Göttlichkeit am nächsten bringt, der sollte so wenig als möglich eiweißreiche Nahrung genießen. Bei zu reichlichem Genusse von Eiweiß-Stoffen wird das Überhandnehmen der Fortpflanzungsstoffe hervorgerufen, und damit wird die Beherrschung der Geschlechtsleidenschaft sehr erschwert.
Für jemand, der sehr zu Neid, Mißgunst und Hinterlist neigt, sind Gurken und Kürbisse und all die Rankengewächse nicht zuträglich. Auch beim Früchtegenuß muß man etwas vorsichtig sein. Menschen, die sehr zur Gefühlsschwärmerei neigen, sollten keine Melonen genießen. Der süße, berauschende Duft dieser Frucht verdunkelt jedes klare Verstandesbewußtsein. Auch sehr reichlicher Apfelgenuß ist nicht für jeden so vorteilhaft. Bei gewissen Menschen steigert er die Herrschsucht und führt oft zu Rohheit und Brutalität. Kirschen und Erdbeeren sind ihres hohen Eisengehaltes wegen nicht jedem bekömmlich. Zuträglicher sind schon Bananen, Datteln und Feigen.
Auch bei Nüssen kann man eine bestimmte Auswahl treffen. Will sich jemand einer denkerischen Schulung unterziehen, dann braucht er vor allen Dingen einen gutgebauten, gesunden Gehirnapparat. Selten aber liefern die Eltern in der heutigen Zeit ihren Kindern solch gut gebautes Gehirn, dann bedarf es der Nachhilfsmittel, um seinen Gehirnapparat zu stärken. Und da ist es vor allen Dingen die Haselnuß, die die Substanz liefert zum Aufbau des Gehirnes. Alle andern Nußarten sind weniger wertvoll, Erdnüsse sind überhaupt zu meiden.
Was nun die Fette anbelangt, so sollten wir der aus der Milch bereiteten Butter den Vorzug geben; auch Haselnußbutter wäre noch anzuraten.
Nun kämen wir zu den Genußmitteln: Kaffee und Tee. Kaffeegenuß unterstützt das logische Denken; aber von Kaffeegenuß allein werden wir noch keine logisch denkenden Menschen, denn da gehört noch mehr dazu. Und bei Menschen, bei denen nicht das denkerische Prinzip vorherrscht, wie das häufig bei Frauen geschieht, da führt der zu reichliche Kaffeegenuß zu Hysterie.
Teegenuß erzeugt gute Einfälle. Man kann aber seine guten Einfälle auch durch besondere Übungen erhalten.
Während der Zeit des geistigen Strebens ist es ganz besonders wichtig, daß der Mensch recht mäßig lebt. «Mäßigkeit läutert die Gefühle, erweckt die Fähigkeit, erheitert das Gemüt und stärkt das Gedächtnis, die Seele wird durch dieselbe fast ihrer irdischen Last enthoben und genießt dadurch eine höhere Freiheit», sagt schon ein alter Weiser.
Würde der Mensch viel und oft essen, er könnte keinen fruchtbringenden Gedanken erzeugen. Denn, nimmt die Verdauung sehr viel Kraft in Anspruch, dann bleiben keine Kräfte übrig für die Denkfähigkeit. Gerade Menschen, welche die Welt mit den Produkten ihres Geistes erfüllten, haben bei sehr spärlicher Kost gelebt. Schiller, Shakespeare und viele unserer Dichter, denen wir heute herrliche Werke verdanken, haben sich durch schwere Entbehrungen hindurchgearbeitet. Der Geist ist niemals so klar als nach langem Fasten. Auch in der Geschichte religiöser Orden und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen findet man zahlreiche Beispiele von den Wirkungen enthaltsamen Lebens. Die größten Heiligen lebten nur von Früchten, Brot und Wasser, und kein wunderwirkender Heiliger wäre bekannt, der bei einem opulenten Mahle göttliche Kräfte in Wirksamkeit setzte.
Auch all die großen Weisen des Altertums waren berühmt durch ihre Mäßigkeit.
Wenn nun der Mensch weiter geht in seinem geistigen Streben, wenn in das Ich immer mehr die Gesetze des Wahren und Guten einfließen, wenn die Strahlen der großen Geistessonne immer mehr das Ich durchfluten und durchleuchten, dann beginnt die bewußte Durcharbeitung des Lebens- oder Ätherleibes. Die urewige Wesenheit des Menschen, das, was von Verkörperung zu Verkörperung geht, das lebt sich in jeder neuen Verkörperung so aus, daß es eine gewisse Wechselwirkung der vier Glieder (physischer, Äther-, Astralleib und Ich) der menschlichen Natur hervorruft; und aus dem, wie diese vier Glieder zusammenwirken, entsteht das Temperament des Menschen. Je nachdem sich das eine oder andere dieser Glieder besonders hervortut, je nachdem tritt uns der Mensch mit diesem oder jenem Temperament entgegen. Ob die Kräfte des einen oder des anderen vorherrschen und über die anderen ein Übergewicht haben, davon hängt die eigentümliche Färbung der Menschennatur ab, das, was wir die eigentliche Färbung des Temperaments nennen.
Man unterscheidet vier Haupt-Temperamente: Das cholerische, sanguinische, phlegmatische und melancholische Temperament. Dieselben sind bei den einzelnen Menschen in der mannigfaltigsten Weise gemischt, so, daß man nur davon sprechen kann, daß dieses oder jenes bei einem Menschen vorherrscht. Wenn nun der Mensch an sich arbeitet, dann bringt er Harmonie, Ordnung, Gleichmäßigkeit in diese Temperamente. Wohl werden bei der Bearbeitung der Temperamente geistige Übungen die Hauptsache sein, doch wird es auch hier nicht unwesentlich sein, wie der Mensch sich ernährt.
Wenn bei einem Menschen das physische Prinzip vorherrscht, so wird dies oft eine Art Hindernis in der Entwicklung. Der Mensch muß aber Herr seines physischen Leibes sein, wenn er ihn gebrauchen will. Ist der Mensch nicht fähig, sein Instrument vollständig zu gebrauchen, so daß die anderen Prinzipien eine Hemmung erfahren, entsteht Disharmonie zwischen dem physischen Leib und den andern Gliedern. Wenn nun der Melancholiker an sich arbeitet, dann soll er nur Nahrung genießen, die ganz nahe der Sonne wächst, Nahrung, die weit weg von der Erde gedeiht, die an der vollen Sonnenkraft gereift ist; und das wäre Obstnahrung. So wie durch geistige Übungen die geistige Sonne einen Menschen durchglüht und durchleuchtet, so sollte im Physischen durch die Sonnenkräfte, die in der Obstnahrung enthalten sind, das Verfestigende und Erstarrende im Melancholiker durchsetzt und durchwebt werden.
Beim Phlegmatiker, wo der Ätherleib vorherrschend ist, der die einzelnen Funktionen im Gleichgewicht hält, wo das in sich gestützte Innenleben das innere Behagen erzeugt und der Mensch in diesem inneren Behagen vorzugsweise lebt, so daß er sich so recht wohl fühlt, wenn in seinem Organismus alles in Ordnung ist, und er gar nicht geneigt ist, sein inneres Interesse nach außen zu richten oder gar ein starkes Wollen zu entwickeln - solch ein Mensch sollte Nahrung zu sich nehmen, die nicht unter der Erde wächst, ganz besonders nicht die Nahrungsmittel, deren Gedeihen oft zwei Jahre in Anspruch nimmt, bis sie an die Erdoberfläche kommen; zum Beispiel Schwarzwurzeln sollte ein Phlegmatiker nicht genießen. Das Samenkorn dieser Pflanze braucht so lange, bis es sich den äußeren Kräften erschließt, und auch beim Phlegmatiker muß manches durchgearbeitet sein, bis er tätigen Anteil nimmt an der Außenwelt. Das Prinzip dieser Pflanzen würde nur seine innere Behaglichkeit noch vermehren.
Beim Sanguiniker, wo das Vorherrschen des Astralleibes da ist, wo der Mensch Interesse hat für einen Gegenstand, ihn aber bald wieder fallen läßt, wo das Schnell-Entflammtsein und das rasche Übergehen zu einem andern Gegenstand sich zeigt, sollten sogar Wurzelgemüse als Nahrung gewählt werden. Man könnte beinahe sagen: Ein Sanguiniker muß sogar durch die Nahrung an das Physische gefesselt werden, sonst könnte ihn seine Leichtbeweglichkeit zu weit führen.
Wenn das Ich das Vorherrschende ist, wenn das Ich mit seinen Kräften besonders wirkt und die anderen Glieder der menschlichen Natur beherrscht, dann entsteht das cholerische Temperament. Der Choleriker muß vor allen Dingen vor erhitzenden und erregenden Speisen sich hüten; alle reizenden, stark gewürzten sind für ihn von größtem Schaden.
Man sollte wohl annehmen, daß bei einer Höherentwicklung das Temperament keine große Rolle mehr spielt und daß auch die Ernährung keinen Einfluß mehr hat. Auf der Meisterschaftsstufe ist das wohl der Fall, denn der Meister bedarf keiner festen Nahrung; ebenso wird ihn auch das Temperament nicht mehr beeinflussen oder beherrschen. Aber er wird die Temperamente benützen zur Wirksamkeit in der physischen Welt. Das cholerische Temperament nimmt er zur Ausübung seiner magischen Handlungen, die Ereignisse und Begebenheiten der physischen Welt läßt er vorüberziehen wie ein Sanguiniker; im Lebensgenuß wird er sich verhalten wie ein Phlegmatiker; und über seinen geistigen Erkenntnissen und Erlebnissen wird er brüten wie ein Melancholiker.
Bis wir aber dahin gelangen, hat es noch eine kleine Weile Zeit! Wir sollten versuchen, unser ganzes Leben in Einklang zu bringen mit unserem geistigen Streben. Nicht nur eine kleine Zeit des Tages unseren Idealen gemäß leben, sondern unsere Beschäftigungen darnach einteilen, unsere Genüsse in dem Sinne wählen und selbst unsere Ernährung so regeln und dahin wirken: ein harmonischer, in sich feststehender Mensch zu werden, um sich dann im Leben nach besten Kräften betätigen zu können. Das Leben schenkt uns nichts, es muß alles errungen werden.
Hierher gehört das schöne Goethe-Wort: Ein ernstes Wollen, ein beharrlich Streben, führt einzig dich ans Ziel. Das Glück, kein bloßer Zufall ist es, und das Leben gibt nur, was du ihm gabst, zurück.
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In der maschinenschriftlichen Vorlage heißt es «Weltenkarma», was sehr fragwürdig erscheint. ↩