Zweiter Vortrag

Meine lieben Freunde!

Heute wäre es mir lieb, wenn dasjenige, was den Freunden auf der Seele liegt, sich wirklich aussprechen würde, damit wir auf das hingeordnet die Besprechung führen können.

Helene von Grunelius: Eine Frage, die uns allen am Herzen liegt, ist die, wie wir zurechtkommen sollen mit allen Meditationen, die wir haben. Zu welcher Zeit wir sie machen sollen, ob wir einen richtigen Rhythmus hineinbringen sollen, wie wir das machen sollen. Ob wir es so machen sollen, daß wir die, die wir zu Weihnachten bekommen haben, alle zu gleicher Zeit machen sollen? Bis jetzt wenigstens erscheint es uns so, daß die meisten von uns sich noch sozusagen erdrückt fühlen von dem ganzen Stoff von Meditation, und noch nicht richtig mit ihm zu leben wissen.

Nicht wahr, in bezug auf diese Dinge handelt es sich wirklich darum, daß nicht in einer solchen Art strikte Anweisungen gegeben werden sollen, denn es ist ein zu starkes Eingreifen in die menschliche Freiheit. Es wird auch, wenn man die Dinge richtig ansieht, nicht gut eine Bedrückung der Seele dabei herauskommen können. Es sind die Meditationen, die zu Weihnachten hier gegeben worden sind, eigentlich immer so gegeben worden, daß zu ihnen dazu gesagt worden ist, nach welcher Richtung hin sie die Seele bewegen. Das ist gesagt worden bei allen solchen Meditationen, wie diese sind. Dabei handelt es sich ja auch um solche Meditationen, wie sie jetzt in der ersten Klasse gegeben werden. Bei allen diesen Meditationen ist es etwas anderes, als wenn jemand kommt und wünscht, eine persönlich wirkende Meditation zu bekommen. Wenn jemand eine persönlich wirkende Meditation haben will, so muß man ihm natürlich bedeuten, ob er die betreffende Meditation des Morgens oder des Abends machen soll, wie er sich im Sinne dieser Meditation auch sonst zu verhalten hat und dergleichen. Das sind Meditationen, die eben in das esoterische Leben des einzelnen nach Maßgabe seiner Fähigkeiten und seines Karmas eingreifen sollen. Sie führen dann von selbst dazu, daß dieser einzelne Mensch nicht ein einzelner bleibt, sondern den Trieb in sich entwickeln wird, zu erkennen diejenigen, die mit ihm gleichen Strebens sind. Diese Meditation müssen wir als persönliche Meditation betrachten. Alles dasjenige, was sonst gegeben wird - wenn nicht etwa, was bis jetzt nicht vorgekommen ist, gesagt wird, es wäre gut, daß eine solche Meditation zu einer bestimmten Zeit oder unter besonderen Umständen oder mit besonderen Begleiterscheinungen zu machen ist -, alle solchen Meditationen, die gegeben werden wie die Meditation der esoterischen Unterweisung zu Weihnachten, die werden eigentlich so gegeben, daß man sich ganz genau vor Augen hält, was mit den Meditationen für eine Wirkung erzielt wird. Und dann handelt es sich darum, daß man die Lebensumstände, also dasjenige, was man hat als die besondere Situation seines Lebens, dazu benützt, um solche Meditationen zu machen. Nicht wahr, solche Meditationen werden einfach gemacht dann, wenn man die Muße für sie findet. Je öfter, desto besser. Sie werden immer die entsprechende Wirkung haben. Es sollte gerade bei solchen Meditationen sich wirklich darum handeln, persönliche Entwickelung anzustreben. Man sollte aus dem, was sich da dem Geiste ergibt, dann den Zusammenschluß suchen und findet ihn auch, so daß eigentlich am bedrückendsten sein müßte, wenn in ganz bestimmter Weise Maßregeln gegeben würden, um diese Meditationen, sei es von einzelnen oder von einer ganzen Gruppe, wie Sie sagen, gleichzeitig machen zu lassen. Das alles führt ja auch dazu, daß die Meditation etwas verliert, was sie eigentlich haben soll. Sehen Sie, jede Meditation wird beeinträchtigt dadurch, daß man von der Verpflichtung ausgeht, sie zu machen. Das müssen Sie sehr genau ins Auge fassen. Jede Meditation wird dadurch beeinträchtigt, daß man von der Verpflichtung ausgeht, sie machen zu müssen. Deshalb ist es bei den persönlichen Meditationen durchaus notwendig, daß diese persönliche Meditation allmählich übergeht in etwas im Menschen, was er seelisch empfindet wie einen Durst nach der Meditation. Und diejenigen Menschen machen eigentlich ihre Morgen- und Abendmeditation, die sie zu machen haben, am richtigsten, denen dürstet nach der Meditation, so wie der Mensch ißt, wenn ihn hungert. Wenn die Meditation etwas wird, ohne das man nicht sein kann, daß man der Seele gegenüber fühlt, als ob es zum ganzen Leben der Seele gehörte, dann ist die Meditation richtig empfunden.

Bei den andern Meditationen wird es sich darum handeln, daß man wirklich will, innerlich will Mediziner werden, daß man sich sagt: Das ist der Weg; und nun gehe ich so oft an die Meditation heran, als ich nur kann. Ich bin mir bewußt, wenn ich die eine oder die andere mache, hat sie diese oder jene Absicht. - Es muß also immer aus dem freien wollenden Innern des Menschen der Drang da sein nach einer solchen Meditation, dem Verrichten einer solchen Meditation. Und es ist eigentlich unvorstellbar, wie man sich bedrückt fühlen kann. Denn warum sollte dasjenige, nach dem man innerlich dürstet, zu gleicher Zeit bedrücken? Da ist es schon hinübergeleitet in eine Art pflichtgemäße Sache, und das sollte sie eigentlich niemals sein, niemals eine pflichtgemäße Sache. Gerade wenn es sich um das Arztwerden handelt, so sollte man im allertiefsten Sinne des Wortes bedenken: Arzt werden sollte nicht so aufgefaßt werden, wie man es heute auffaßt, in einen Beruf hineinzukommen. Sondern Arzt werden sollte man eigentlich durch innere Berufung, durch innere Hingabe an das Heilen und so weiter. Und wenn man diesen Trieb zu heilen im allgemeinen empfindet, dann wird man die Wegleitung haben an dieser Meditation und wird dann dem Ziele zugeführt. Es ist vielleicht bei wenigen Berufen so schädlich, wenn man den Beruf als äußere Verpflichtung auffaßt, wie gerade beim Arztberuf. Es gehört eben durchaus zum Arztberuf Liebe zur Menschheit und ein wirkliches selbstverständliches Sich-Hineinfinden in das Arztsein. Nun, wenn schon bei der heutigen Medizin, bei dem heutigen Medizinstudium es nicht gerade von großem Vorteil ist für das wirkliche Heilen, wenn Leute, die Arzt werden, weil sie nun etwas werden müssen, und weil das aus irgendeinem Zusammenhang heraus ihnen wünschenswert erscheint, Arzt zu werden, wenn das schon nicht besonders wünschenswert ist, ist noch weniger wünschenswert, daß jemand künstlich durch Meditieren Arzt werden will, wenn er nicht diesen Durst empfindet, von dem ich gesprochen habe. Denn die uralten Mittel, die esoterischen Mittel vorwärtszukommen fördern, wenn die Absicht eine richtige ist; sie fördern unendlich viel mehr als irgendein äußerer Entschluß, während sie, wenn sie nicht aus der richtigen Seelenstimmung heraus entsprießen, viel mehr schaden als die äußeren Lebensumstände. Nun müssen Sie aber das, was ich hier als Seelenstimmung bezeichne, auch im richtigen Sinne auffassen. Gewöhnlich wird im menschlichen Leben das, was man Karma nennt, nicht sehr ernst genommen. Man muß natürlich auch eine innere Berufung, sagen wir, vorgezeichnet erhalten dadurch, daß einen das Karma an einen bestimmten Platz hingestellt hat, und man muß sich dann klar sein darüber: Einer Verpflichtung zu folgen, ist von Schaden; aber dem Karma zu folgen ist das, was durchaus in der Richtung der menschlichen Entwickelung liegt. Es hat Sie alle Ihr Karma hingestellt, medizinisch zu wirken; nun müssen Sie nur tief genug in sich hineinschauen und Sie werden schon finden, dafS Sie den Durst wirklich empfinden. Und Sie werden die Augenblicke finden, die Stunden, in denen Sie solche Meditationen machen wollen.

Sehen Sie, wenn man ernsthaft einen so ernsten Beruf ergreift, so darf folgendes nicht sein, was gerade seit der Weihnachtstagung vielfach vorgekommen ist. Es bezieht sich nicht direkt auf das Ärztliche oder Medizinische, aber sehr stark auf das allgemein Menschliche, insoferne es in der allgemeinen anthroposophischen Bewegung liegt, so dafs es auch für Sie wichtig ist. Ich werde es schon an einem andern Ort erwähnen, aber weil es für Sie besonders intensiv gilt, will ich es auch hier sagen. Da ist gesagt worden zur Weihnachtstagung, daß ein neuer Zug kommen soll in die anthroposophische Bewegung, daß innerlicher gewirkt werden soll. Nun haben manche eine sonderbare Konsequenz daraus gezogen. Es gibt Leute, die sind gerade innerhalb der anthroposophischen Bewegung an bestimmten Plätzen, sie haben ihre Ämter. Und es gibt nun solche Leute, die Ämter haben, die schreiben: Ja, nun kommt ein neuer Zug - das verstehe ich vollständig - in die anthroposophische Bewegung hinein. Ich stelle mich vollständig diesem neuen Zug zur Verfügung, ich möchte nicht drinnen bleiben im alten Amt und stelle mich zur Verfügung. — Das kann niemals zu irgend etwas führen. Zu irgend etwas kann nur führen, wenn der Betreffende nun weiß, er muß an dem Platz, an dem in Wirklichkeit er steht, seine menschliche Entfaltung vollziehen, auch hinsichtlich der Kräfte, die er anwendet. Und das ist natürlich gerade bei Ihnen der Fall, die Sie den medizinischen Beruf begonnen haben. Sie müssen es als ein Karma betrachten und müssen sich klar sein, daß Sie in der Zukunft ungeheuer viel wirken werden; zweitens aber, daß der Durst, von dem ich Ihnen gesprochen habe, auf dem Wege des Meditierens sich zu nähern der eigentlichen Bereitschaft zum Arzt, sich immer wird finden lassen im menschlichen Gemüt.

Das habe ich über den Gebrauch der Meditationen sagen wollen. Es soll das so wirken, daß das eine das andere aufhellt und unterstützt, daß das eine von dem andern beleuchtet wird. Es kann durchaus so sein: Eine Meditation, die Sie machen, hat stark gewirkt; jetzt müssen Sie eine andere Meditation machen, damit sie diese Wirkung noch stärker beleuchtet. Eine Meditation machen Sie ein-, zweimal, eine andere zwölfmal. Das ist etwas, was sich ergibt, wenn Sie richtig sich zu Gemüt führen, was als Meditation gegeben ist, es innerlich erleben und auch das sich zu Gemüt führen, was in bezug auf das Ziel der Meditation gesagt worden ist. Wir müssen diese Gelegenheit dazu benützen, manches auszubauen, was zu Weihnachten berührt worden ist.

Helene von Grunelins: Ich hatte es auch nicht so aufgefaßt, als sollte man es zu bestimmten Zeiten machen; habe aber trotzdem eine gewisse Bedrückung empfunden, weil ich es als Pflicht aufgefaßt habe, diese Meditation zu machen, und manchesmal nicht die richtige Frische hatte, sie als Bedürfnis zu empfinden. Und nun kommt es ja vielleicht daher, jedenfalls bei mir, daß ich bis jetzt eben nicht so eingestellt war, wie man als Arzt eingestellt sein müßte, nämlich mit dem Willen zum Heilen. Ich glaube, daß es einigen von uns so gegangen ist. Man ist nicht Mediziner geworden, um zu heilen, wenigstens mancher von uns, sondern des großen Interesses wegen, das man hatte, den Menschen kennenzulernen - die kranken Zustände und die normalen Zustände -, und eigentlich ganz von der Erkenntnisseite aus an die Medizin heranzukommen. Es war mir auch bis Weihnachten etwas völlig Fremdes, der Wille zum Heilen, und so durch meine jetzige Arbeit war ich zuerst sehr unglücklich, weil ich viel zu tun hatte und im Anfang zu müde war, um Meditationen zu machen. Nun kam ich durch diese Arbeit mehr mit Patienten zusammen, so daß ich jetzt eine Ahnung habe von dem Willen zum Heilen; und so glaube ich, daß ich jetzt eher die Meditationen werde machen können, weil es dann aus dem wirklichen Bedürfnis heraus entspringt und die Meditation dann wirklich als ein Weg zum Ziel angesehen wird. Gerade diese Hingabe an das Menschheitsschicksal, dieses Mitgefühl, das man an allem hat als Arzt, und der Wille zum Heilen, das ist, weil man durch das Studium nicht darauf hingewiesen wurde und viel mehr von der Erkenntnisseite hinkommt an die Medizin, sicher etwas, was vielen von uns bis vor kurzem noch Schwierigkeiten gemacht hat.

Sie müssen dabei das Folgende bedenken. Wenn Sie auf medizinischem Gebiete diese beiden Dinge trennen, die Erkenntnisseite und den Willlen zum Heilen, so sprechen Sie eigentlich im Grunde vor der Realität, vor der Wirklichkeit in einem Widerspruch. Das ist gerade wichtig, sich klarzumachen, was hier auf diesem Gebiete vorliegt. Sehen Sie, von der Notwendigkeit, den Menschen zu erkennen, muß man ja auf den verschiedensten Gebieten des menschlichen Wirkens reden. Man muß zum Beispiel in der Pädagogik sehr stark reden von dem Ausgangspunkt der Menschenerkenntnis. Das geschieht auch bei uns. Man muß auch auf andern Gebieten, wenn man auf die Realitäten hinsieht, von Menschenerkenntnis reden. Menschenerkenntnis wäre notwendig für jeden, der über das bloß Handlangerische hinauskommen will. Für jeden ist Menschenerkenntnis notwendig. Daß solch eine Menschenerkenntnis nicht gesucht wird auf den verschiedenen Gebieten, das ist eine Folge des Irrtümlichen, in das die moderne Zivilisation verfallen ist. Sehen Sie, in einem gewissen Sinne wird ja Menschenerkenntnis gesucht, wenn auch eine solche nicht zustande kommen kann, weil sie heute wirklich nur auf anthroposophischem Wege zustande kommen kann. Sie wird gesucht von den Theologen, ich meine von den äußeren Theologen. Auch von den äußeren Pädagogen wird sie gesucht. Sie wird von den verschiedensten Leuten gesucht, diese Menschenerkenntnis. Die einzigen, die sie nicht suchen, sind die Juristen, weil Jurisprudenz heute etwas ist, von dem man überhaupt gar nicht sprechen kann als von etwas, das überhaupt etwas ist, was in die Welt in Wirklichkeit eingreift.

Nun sehen Sie, das Wesentliche ist nun, daß Menschenerkenntnis für die verschiedensten Gebiete des Lebens etwas spezialisiert werden muß. Der Arzt braucht eine etwas andere Menschenerkenntnis als der Pädagoge; nur eine etwas andere. Es wäre notwendig, daß die Pädagogik so viel als nur möglich von Medizin durchzogen würde, wieder daß die Medizin so viel als nur möglich von Pädagogik durchzogen würde. Diese Fäden sollten durchaus gebildet werden, das Hinundhergehen von der einen und der andern auf Menschenerkenntnis beruhenden Betätigung. Wenn wir nun auf das Konkrete einer Menschenerkenntnis eingehen, dann müssen wir uns ja das Folgende fragen: Sehen Sie, Sie sagen: die Krankheitszustände des Menschen erkennen. — Das ist ein Vorurteil, das aus dem Materialismus vorliegt. Das ist schon ein materialistisches Vorurteil. Was heißt denn: die Krankheitszustände eines Menschen erkennen im Konkreten? Wie erkenne ich die Krankheit, die, sagen wir, in der Leber, in der Milz, in der Lunge, im Herzen lokalisiert ist? Wie erkenne ich sie? Wenn ich weiß, welcher Heilungsprozeß zugrunde liegen könnte, um den Krankheitsprozeß zu besiegen. In Wirklichkeit ist der Krankheitsprozeß die Frage, und man bleibt bei der Frage stehen, wenn man nur die Krankheitszustände erkennen will. Die Antwort ist der Heilungsprozeß. Man weiß gar nichts über einen Krankheitsprozeß, wenn man nicht weiß, wie er geheilt werden kann. Die Erkenntnis besteht in dem Wissen, wie der Krankheitsprozef3 weggeschafft werden kann, so daß ein medizinisches Studium ohne den Willen zum Heilen gar nicht da sein kann. Es heißt nichts: Krankheitszustände erkennen. So wie man, ohne gleich überzugehen von der Pathologie zur Therapie, Pathologie treiben würde, um angeblich den Menschen zu erkennen, so würde man auch ein krankes Organ beschreiben. Aber eine solche Beschreibung taugt gar nichts, hat nicht den geringsten Wert. Denn für die bloße Beschreibung, für die abstrakte Erkenntnis, für das, was man jetzt als Naturerkenntnis betrachtet, ist es heute ganz einerlei, ob es sich um eine gesunde oder kranke Leber handelt. Es ist gar nicht zu unterscheiden naturwissenschaftlich, was eine gesunde und was eine kranke Leber ist, höchstens durch den Umstand, daß eine gesunde öfter vorkommt als die kranke. Das ist aber ein äußerlicher Umstand. Wollen Sie die kranke Leber erkennen, müssen Sie eingehen auf das, was die kranke Leber heilen kann. Und dann, sehen Sie, handelt es sich um folgendes.

Worauf beruht die Heilung? Daß ich weiß, welche Substanzen, welche Kräfte ich anwenden muß auf den Menschen, damit der Prozeß der Krankheit übergeht in den Prozeß der Gesundheit. Da wird vermittelt eine solche Erkenntnis dadurch, daß ich zum Beispiel weiß, sagen wir Equisetum übernimmt im Menschen, im menschlichen Organismus die Tätigkeit der Niere. Wenn also die Tätigkeit der Niere vom astralischen Leibe aus nicht genügend besorgt wird, so lasse ich sie durch Equisetum besorgen. Ich unterstütze den astralischen Leib durch Equisetum arvense. Nun, damit ist aber erst die Antwort gegeben darauf, was da eigentlich vorliegt. Derselbe Prozeß, der äußerlich zum Equisetum führt, der geht auch in der menschlichen Niere vor sich, und ich muß den Equisetumprozeß im Zusammenhang mit der menschlichen Niere betrachten; dann aber stehe ich schon auf dem Boden der Heilung. So also kann es sich nie darum handeln, in einer bloß abstrakten Weise Pathologie zu treiben, Beschreibung von Krankheitszuständen zu treiben, denn das ist eigentlich in Wirklichkeit nichts. Der Krankheitszustand soll eigentlich nur angesehen werden vom Menschen, indem er weiß, so und so wirkt ein gesundendes Heilmittel. Es soll das Gefühl, das man gegenüber der Erkenntnis hat, überall, auf allen Gebieten des Lebens zur Realität hin drängen, nicht zu formalem Auffassen. So war es ja, als das Wissen überall ein Mysterienwissen war. Da mußte man denjenigen, die bloß erkennen wollten, das Wissen vorenthalten und gab es nur denen, die den Willen hatten, dieses Wissen in Realität überzuführen.

Ja, ist das eine Antwort auf Ihre Frage?

Helene von Grunelius: Vielleicht habe ich mich etwas übertrieben ausgedrückt, wenn ich nur von der Gesundheit und der Krankheit gesprochen habe. Eigentlich rechne ich das, wie die Menschen geheilt werden sollen, auch noch zum Erkenntnismäßigen. Ich meine etwas anderes. Daß man, trotzdem man wissen kann, wie der Mensch geheilt werden kann, nicht den Willen haben kann, ihn zu heilen. Bis jetzt hatte ich innerlich nicht den Impuls, nur deshalb den Menschen zu erkennen und zu erfahren, wie man heilt, um eben Menschen zu heilen. Ich hatte nicht diesen Impuls, daß ich meine ganze Arbeit, mein ganzes Studium und alles, was ich aufnehme an Wissen, innerlich durchpulst sein lasse davon: ich muß den Menschen heilen können.

Das ist Hypertrophie der Erkenntnis.

Helene von Grunelius: Das ist aber bei mir so, und es ist eine Tatsache, die ich hinstellen wollte, weil sie eben existiert, und es wird vielleicht sehr eigenartig vorkommen—

Sehen Sie, es ist nur gut, daß - es wird Ihnen furchtbar trivial und einfach erscheinen -, es ist nur gut, daß das die Uhren nicht machen können, sonst würden Uhren entstehen, die richtig aufgezogen sind nach allen Richtungen der Uhrmacherkunst, aber sie würden nicht gehen wollen. Der Mensch kann dadurch, daß er seinen Willen nach der einen Seite oder nach der andern hin hypertrophieren läßt, das eine oder das andere ausbilden, aber es ist dann etwas, was nicht in der gesunden Entwickelung der Menschennatur liegt. Das Wissen vom Heilen sollte eigentlich gar nicht da sein ohne den Willen zum Heilen, und Sie sollten eigentlich heute von etwas ganz anderem sprechen. Sie sollten nicht davon sprechen, sondern Sie sollten eigentlich sagen: Ja, ich habe erst kurze Zeit Medizin studiert, nun steckt in mir ein unbändiger Wille zum Heilen. Ich muß mich zurückhalten, daß dieser Wille, der vom Wissen kommt, daß der nicht ausbricht und ich nun anfangen will, alle Gesunden zu heilen. — Es ist nicht spaßhaft, daß ich das sage. Es sollte eigentlich die Stimme der Zurückhaltung sein, die sich ausspricht. Es sollte gar nicht möglich sein zu sagen: Ich habe angestrebt das Wissen vom Heilen, aber nicht den Willen zum Heilen. - Denn ein Wissen, das also real ist, kann sich gar nicht vom Willen trennen, das ist ganz unmöglich.

Ein andrer Teilnehmer: Ich glaube, das, was Fräulein von Grunelius gesagt hat, ist vielmehr etwas, ein Zustand, der geradezu herangezogen wird durch das Studium, wie es auf den Universitäten ist. Es scheint mir das ein Ergebnis zu sein, welches man durch zehn bis zwölf Semester vorfindet als Endergebnis des Studiums. Die ganze Einstellung der medizinischen Wissenschaft ist tatsächlich auf das Erkenntnismäßige gerichtet, ohne hinüberzuführen zum Therapeutischen. Man lernt in den Hörsälen, in den klinischen Semestern, da hört man während der ganzen Vorlesung nur etwas von Diagnose und ganz zum Schluß, wenn eigentlich schon das Krankenbett hinausgefahren ist, und der Professor nicht weiß, was er tun soll, bis der neue Patient kommt, da werden ein paar Worte hingeworfen von Therapie, mit denen man gar nichts anfangen kann. Das hat auch einmal ein Privatdozent zum Ausdruck gebracht. Es war in einem gynäkologischen Kurs und der Oberarzt, der sprach von der Tätigkeit des Arztes in der Praxis: «Ist es Ihnen nicht aufgefallen, meine Herren, daß im Grunde genommen so wenig von Therapie gesprochen worden ist? Sie werden das erst dann verspüren, wenn Sie in die Praxis hineingestellt sein werden. Mir ist es so ergangen: ich hatte einen Kopf voll Wissen und da fiel es mir erst ein, daß ich das nie gehört hatte ...» Er schilderte das auch, daß nur fünf Minuten von der Therapie und vierzig von der Diagnose gesprochen wird. Und es war keinem Mediziner aufgefallen, daß sie nichts gehört hatten von der Therapie während ihres ganzen Studiums. Das führt mich auch auf eine Frage, da sich mir aus dieser Grundeinstellung der heutigen Wissenschaft Konflikte ergeben als junger Mensch, der als Mediziner etwas anderes gesucht hat in wissenschaftlicher Medizin. Durch diese ganz oberflächliche Einstellung, die sich in allem möglichen äußert, ergeben sich bei der Diagnose gerade oft Dinge, die einem in der Seele zuwider sind und ungeheuerlich erscheinen. So möchte ich das an einem Beispiel klarmachen. Eine Patientin kam einmal zu mir und fragte, ob ich ihr nicht helfen könne. Sie litt an einer rezidivierenden Entzündung der Stirnhöhle, und sie war nun öfter zu einem Spezialisten gegangen. Es wurde von der Nase her eine Perforation gemacht und so weiter. Und sie sagte, sie könne es nicht länger mehr ertragen, sie fühle sich zu physisch interpretiert und sie könne das nicht mehr mitmachen, ob ich ihr nicht anders weiterhelfen könne. Diese Einstellung, die von der Patientin so fein empfunden wurde, das ist die, die einem überall begegnet, die ganz an der Oberfläche herumtasten und suchen will, was doch zu nichts führt. Eine Einstellung, die man nur als Zynismus bezeichnen kann. Das, was sich ergibt, ist auch nur etwas, was an der Oberfläche bleiben kann und nicht zu dem führt, was vorliegt, und so habe ich mich oft gefragt: Ist es eigentlich gut oder überhaupt nötig, daß man auf diese Methoden soweit eingeht, wie sie einem doch einmal gegeben werden, wie man sie durchmachen muß im Studium, die sich zu einer Ungeheuerlichkeit steigert bei den gynäkologischen Untersuchungsmethoden, die in gar keinem Verhältnis stehen zu dem, was dabei herauskommt. Ist es notwendig, daß man alle diese Methoden durchmacht? Ich habe das Gefühl, als ob das, was an Heilinstinkten in einem Menschen vorhanden ist, ganz unterdrückt wird dadurch, daß man das alles mitmacht. Ich möchte erzählen, was mir ein alter Kollege gesagt hat. Er sprach nicht von einem Arzt, sondern von einem Bauerndoktor im Bayrischen Hochgebirge. Der machte allerlei orthopädische Sachen mit einer großen Leichtigkeit, so daß er berühmt wurde. Seine Kunst war bekanntgeworden einem Orthopäden in München, der hatte davon gehört, suchte ihn auf und sagte ihm, er solle einmal zu ihm kommen in die Klinik. Dieser Mann sah die Einrichtungen in der Klinik, der Professor sagte ihm, er solle ihm zeigen, wie er das mache. Der Bauerndoktor sah sich das an, und von dem Tage an konnte er nicht mehr heilen. - Sollen wir das mitmachen, was uns von der wissenschaftlichen Medizin vorgelegt wird an Methoden, an wissenschaftlichen Methoden, oder sollen wir es möglichst nicht mitmachen?

Von dieser Seite gefaßt, hat die Frage eine außerordentlich große Wichtigkeit. Sie haben schon recht, und ich wollte auch nicht von persönlichen Eigentümlichkeiten von Fräulein von Grunelius sprechen, sondern ich wollte nur dasjenige charakterisieren, was ganz notwendigerweise als eine Gesinnung vorlag aus dem heutigen Studium. Aus dem naturgemäßen Medizinstudium würde man gar nicht darauf kommen, daß man den Menschen seinen Krankheitszuständen nach kennen will oder von Heilprozessen wissen will, ohne den Willen zum Heilen zu haben. Das würde aus einem naturgemäßen Studium gar nicht herauskommen; das kommt nur heraus aus der Einrichtung des heutigen Medizinstudiums. Auf der einen Seite muß gesagt werden, daf3 eigentlich das weitaus meiste, was heute der Medizinstudierende in seinen Semestern studieren muß, überhaupt mit Heilen nichts zu tun hat, daher im Grunde genommen nur eine Belastung der menschlichen Seele ist mit unmöglichen Dingen. Sehen Sie, das heutige Medizinstudium ist ungefähr so, wie wenn Sie, sagen wir einen Bildhauer veranlassen wollten, vor allen Dingen zuerst Marmor und Holz ihren naturwissenschaftlichen Eigenschaften nach kennenzulernen. Es geht ihn ja eigentlich gar nichts an. Dieses und vieles von dem, was heute entweder in den Lehrbüchern steht oder auf der Klinik getrieben wird, geht die Medizin nichts an. In dem Augenblick, wo Sie übergehen von dem physischen Beschreiben, was da die Dame empfunden hat, als sie sich zu leiblich interpretiert fand, in dem Augenblick, wo Sie übergehen zum Ätherleib, da verlieren die meisten Dinge, die in den medizinischen Büchern drinnenstehen, ihre Bedeutung, weil Sie indem Augenblick, wo Sie zum Ätherleib übergehen, eine ganz andere Orientierung zu den Organen bekommen. In dem Augenblick, wo Sie übergehen vom physischen Leib zum Ätherleib, können Sie überhaupt nicht mehr mit der intellektuellen Erkenntnis allein auskommen. Sie lernen viel mehr, wenn Sie etwas bildhauen lernen, die Handgriffelernen, das Raumgefühl, das der Bildhauer braucht. Für die Erkenntnis des astralischen Leibes lernen Sie viel mehr, wenn Sie das Musikalische anwenden können. Ungeheuer viel lernen Sie für die Formung des menschlichen Organismus, wie sich diese Formung herausbildet aus dem astralischen Leibe. Indem der Mensch in Betätigung übergeht, ist er eigentlich aufgebaut wie eine musikalische Skala. Nach einer Richtung beginnt hier hinten die Prim, geht über in die Sekund, geht über in die Terz im Unterarm; wo es zwei Terzen gibt, hat der Mensch auch zwei Knochen, und da kommen Sie auf ganz andere Dinge, als die sind, die heute angewendet werden zu einer wirklichen Menschenerkenntnis, und es wäre ein ganz anderer Lehrgang notwendig für den angehenden Mediziner, als er heute da ist. Der heutige Lehrgang ist ja gerade durch das entstanden, was jetzt durch Fräulein von Grunelius herausgekommen ist, daß die Therapie in den Nihilismus hineingekommen ist. Nicht nur von der Wiener Medizinerschule, sondern überall ist etwas Nihilistisches hineingekommen. Und ich muß sagen, unter den Medizinern, den Professoren und Dozenten, die wissenschaftliche Fächer vertreten, da waren wenigstens ernste Leute, die aus ihrer Kurzsichtigkeit heraus wissenschaftlich sind. Es war wenigstens ein gewisser Ernst da. Aber wenn man an diejenigen herankommt, die Arzneimittellehre dozieren, da hört der Ernst auf. Da glaubt der Dozent selber nicht mehr an das, was er doziert. Wo der Ernst beginnen sollte im Lehrgang, wo das Therapeutische beginnt, da hört der Ernst auf. Woher soll der Heilwille kommen? Aus dem Studiengang der Mediziner, wenn der so ist, daß man sagen muß, es müßten eigentlich so ähnlich, wie ich das skizziert habe im Anschluß an den Weihnachtskurs, die medizinischen Studien hintereinander folgen. Und das ist natürlich etwas ganz anderes, als was heute überhaupt getrieben wird, denn das führt nicht zur Arzneikunst. Es muß sich der praktische Arzt meistens mit großer Mühe einiges aneignen, wenn er weggekommen ist von der Universität. Das ist manchmal nicht so ganz leicht, weil alle die Dinge ihm nicht nur nutzlos sind, sondern sogar oftmals schädlich. Er kann den eigentlichen Krankheitsprozeß nichtsehen, weil er alle möglichen Dinge im Kopf, in Erinnerung hat, und den eigentlichen Krankheitsprozeß kann er nicht sehen. Das ist die eine Seite.

Nun aber sehen Sie, die andere Seite, die ist doch die: Sie sind hier eine Gruppe von jungen Medizinern. Sie wollen nicht nur geistig wirkliche Ärzte werden, was man ja natürlich am besten dadurch erreichen würde, daß man sagen würde: Laßt das ganze Medizinstudium, Ihr findet heute keine medizinische Fakultät, wo Ihr Medizin studieren könnt. Kommt hierher und lernt hier das Nötige. - Das wäre das, was man ganz radikal sagen könnte. Aber was würde denn der junge Arzt machen? Die Welt würde Sie zurückschicken, weil sie Sie nicht als Arzt anerkennen würde. Es bleibt für die jungen Mediziner nichts übrig, als das Ganze durchzumachen, um durch das, was am Goetheanum erfahren werden kann von der Medizin, geheilt zu werden. Aber Sie müssen eben dazukommen, wenn auch mit allem Widerwillen das regelmäßige richtige Studium durchzumachen; das geht nicht anders. Das ist notwendig. Dies ist die andere Seite. Dann aber werden, wenn recht viele solche da sind, die das Studium kennengelernt haben und von dem, was sie kennengelernt haben, nun wissen, wie es nicht sein soll - nicht wahr, Magnetopathen und Laienärzte schimpfen auch über die Universität, doch hat das keinen Wert - die werden aus dem Erleben heraus zum Erkennen kommen, und die werden die rechten Pioniere sein, um ein vernünftiges Medizinstudium in der Welt zu haben. Das soll durch Sie angestrebt werden, möglichst ein allgemeines öffentliches Urteil hervorzurufen über das, was da vorliegt.

Sehen Sie, im Grunde ist es ja so: Sie wissen ja, nicht Sie allein reden so, wie Sie gesprochen haben. Es gibt viele Ärzte, die so reden, aber diejenigen, die so reden, brauchen eben gerade noch dasjenige, was hier geboten wird. Warum? Man kann natürlich heute, wenn man ein vernünftiger Mensch ist und Arzt wird und das Universitätsstudium durchgemacht hat, die offizielle Medizin kritisieren. Man hat sie durchgemacht, man weiß, was man nicht hat. Aber wirksam kann das doch erst werden, wenn man etwas an die Stelle zu setzen hat. Dann wird die Sache erst wirksam sein. Das ist natürlich die andere Seite. Deshalb fassen Sie ja alles dasjenige, was ich hier sage, nicht so auf, daß ich irgend jemand von den jungen Medizinern abhalten wollte, sein Studium zu vollenden. So schlimm das auch sein mag, aber es muß heute noch in den sauren Apfel gebissen werden. Wenn man auf der Grundlage dessen, was nicht sein soll, reden kann, wird erst allmählich eine Verbesserung eintreten.

Sehen Sie, in dieser Beziehung istnochrechtvviel zu tun. Ich glaube, ich habe es schon einmal erzählt. Ich wurde einmal aufgefordert, einiges Medizinische in einer Gruppe von Medizinern in Zürich zu sprechen, und da war auch mitgekommen ein Professor der Gynäkologie. Nun, ich sah ihm das an, er war gekommen mit der innerlichen Meinung: Nun wollen wir uns einmal diesen Kohl anhören, damit wir wenigstens schimpfen können und sagen können, wir waren dabei. Er kam wirklich ganz fidel in Ulkstimmung, um sich diesen Kohlanzuhören. Dann wurde er immer sonderbarer und sonderbarer und hörte in einer sonderbaren Weise zu. Es war ihm höchst unangenehm, daß es kein Kohl war, daß es so etwas war, von dem man nicht sagen konnte: das ist der reine Unsinn. Das machte mir ganz besonderen Spaß. Ich sprach ihn an: Herr Professor, Sie haben einen sonderbaren Eindruck gehabt. - Er sagte dann: Ja, darüber kann man nicht reden, das ist halt ein anderer Standpunkt. — Das ist ein Fortschritt, wenn man so weit kommt, daß die Leute überhaupt meinen: das ist ein anderer Standpunkt. Was ist denn aufgetreten neben der wissenschaftlichen Medizin, die doch noch turmhoch überragt das, was von der Laienmedizin erreicht worden ist? Ich weiß, daß wichtige Fortschritte gemacht worden sind von den Laien; das tut aber nichts. Die Steuerung bei der Dampfmaschine ist von einem kleinen Jungen gemacht worden, weil er sich langweilte. Man wird von ihm nicht sagen können, daß er Maschinenbauer sein konnte, weil er das gefunden hatte. Das, was heute dasteht und hauptsächlich über die wissenschaftliche Medizin schimpft, das ist wirklich nicht berechtigt dazu, über die Medizin zu schimpfen, und es redet über etwas, was es nicht kennt. Das muß erst errungen werden, daß man nicht verwechselt das Anthroposophische in der Medizin mit dem, was sonst da ist. Wird das einmal errungen, daß man die Sache ernst nimmt, weil die Menschen, die das vertreten, eben zeigen, daß es ihnen ernst ist, dann wäre schon ein bedeutender Fortschritt gemacht.

Das möchte ich besonders Euch jungen Freunden ans Herz legen, alles das, was Ihr aufnehmt an Esoterischem, dahin gipfeln zu lassen, daß Ihr auch vor der Welt wirken könnt, daß sich tatsächlich ein sachgemäßer Heilwille entwickelt. Es kann sich nicht darum handeln, sich egoistisch in seinem Herzenskämmerchen abzuschließen, sondern sich einzusetzen dafür, daß das Medizinische weiterkommt und so weiter, so wie sich die Pädagogen einsetzen dafür, daß die Pädagogik weiterkommt.

Es ist mir nicht möglich, im einzelnen auseinanderzusetzen, wie die Mehrzahl der Dinge, die heute getrieben werden im medizinischen Studium, eigentlich unnötig sind zum Begreifen des gesunden und kranken Menschen in seinem wechselseitigen Verhältnis, aber wenn Sie eingehen auf das, was von mir in den verschiedenen Kursen und Zyklen geboten ist, werden Sie schon darauf kommen. Es ist so, wie wenn ein Kind geboren würde und man vor der Frage stände, wie soll man das Kind ernähren, und man fragte sich: Ist es denn möglich, das Kind zu ernähren, bevor man ihm erst eine Ansicht über die Nahrungsmittel beigebracht hat? — Mit vielen Dingen ist es so. Ich meine es nicht physisch, sondern geistig, daß man die Intuition hat, den Prozeß zu begreifen. Da ist es oft bei der Diagnose auch manchmal viel nötiger, statt von der landläufigen Diagnose auszugehen, auf die erste Ursache zurückzugehen, die irgendwie in einer bestimmten Zeit weit zurückliegen kann beim Patienten. Nicht wahr, den Zustand des kranken oder gesunden Organismus im Moment, wo der Patient kommt, zu erkennen, das wird heute gelehrt, dafür gibt es Methoden. Aber die Denkweise, wodurch man daraufkommt, dem Patienten sagen zu können, du hast vor fünfzig Jahren das und das durchgemacht, das ist die erste Ursache der Erkrankung - die hat man nicht, da verläßt man sich auf das, was der Patient sagt, und das ist anfechtbar. Gerade diese erste Ursache ist die äußere Ursache, die von außen herankommt. Von einem Arzt in Kristiania wurde mir ein Mann vorgeführt, der sechzig Jahre alt war. Er hatte allerlei Ausschläge, die leicht zu diagnostizieren waren. Aber es half nichts, was angewendet wurde. Nun brachte ihn der Arzt zu mir-ich erwähne ein Beispiel von Hunderten-, und es war vor allen Dingen klar, will man überhaupt eingreifen, so muß man wissen, wovon die Geschichte ausgeht. Es war nicht sehr schwer. Sehr bald hatte ich heraus, der Mann hatte vor dreißig oder fünfunddreißig Jahren einen starken Vergiftungsprozeß durchgemacht. Das lag in ihm. Ich sagte ihm, er solle sich erinnern, was er durchgemacht habe vor fünfunddreißig Jahren. Er sagte mir: Darnach hat mich noch niemand gefragt! Ich war in der Schule. Neben unserem Klassenzimmer war ein chemisches Laboratorium, da sah ich ein Glas mit Flüssigkeit stehen. Ich war durstig und trank. Da war ich furchtbar vergiftet, denn das warSalzsäure. — Das zu wissen, ist ungeheuer wichtig. Das hebt heraus von dem augenblicklichen Bestand. So ist es zuweilen wichtig, sagen wir bei irgendwelchen hysterischen Nervenzuständen, zu wissen, ob die betreffende Person den Schock des Fast-Ertrinkens durchgemacht hat. Man muß durchaus auf diese Dinge eingehen. Aber man geht selbstverständlich darauf ein, wenn man Anteil nimmt an dem Menschen, den man heilen will. Es muß alles Medizinische ausgehen vom Anteil am Menschen. Hat man diesen Anteil nicht, dann wird man die bedeutsamsten Dinge vergessen. Das ist dasjenige, was nach dieser Richtung hin zu betrachten ist.

Haben Sie alle vor, morgen noch da zu sein? Dann werden wir morgen die Betrachtungsweise fortsetzen. Ich möchte Ihnen nur, ohne daß dies natürlich jetzt erklärt werden kann - ich will aber morgen eine Erklärung vorausschicken —, zur weiteren Betrachtung eine Anzahl von Zeilen geben, die gerade eine Art zentrale Meditation werden können nach der Richtung hin, die gestern hier angeschlagen worden ist. Sie werden so darauf kommen, was in den Menschen hereingebaut ist aus dem Kosmos, aus dem Umkreis der Erde, von irdischen Kräften, wenn Sie immer weiter darauf die Aufmerksamkeit richten. Wenn Sie sich fragen bei der Gestaltung eines Auges: «Wie ist das aus dem Kosmos heraus gestaltet?» — bei der Lunge: «Wie ist diese aus den Kräften des Umkreises heraus gestaltet, aus dem, was sich planetarisch bewegt auch in den Elementen der Luft und des Wassers? — Wie ist dasjenige, was im Menschen Stoffwechselorgane gestaltet, mit dem Irdischen zusammenhängend?» - wenn Sie sich diese Fragen durchwegs überall stellen und nach folgender Anweisung meditieren, dann werden Sie lernen, in den Menschen hineinzuschauen.

Schau, was kosmisch sich fügt,
Du empfindest Menschengestaltung.

— das im Zusammenhang mit dem Mond.

Schau, was luftig dich bewegt

— zum Beispiel im Atem oder in der Blutzirkulation —

Du erlebest Menschenbeseelung.

— das ist im Zusammenhang mit der Sonne.

Schau, was irdisch sich wandelt,

— vorzugsweise das, was den Menschen auch den Tod bringt —

Du erfassest Menschendurchgeistung.

— das im Zusammenhang mit Saturn.

Schau, was kosmisch sich fügt, ☾
Du empfindest Menschengestaltung. « Schau, was luftig dich bewegt ○
Du erlebest Menschenbeseelung. Schau, was irdisch sich wandelt, ♄
Du erfassest Menschendurchgeistung.

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