Meditationen, Sprüche und Ratschläge für Lehrer und Erzieher
«Eine Art Gebet»
Wir wollen unsere Gedanken so gestalten, daß wir das Bewußtsein haben können: Hinter jedem von uns steht sein Engel, ihm die Hände sanft aufs Haupt legend; dieser Engel gibt Euch die Kraft, die Ihr braucht. - Über Euren Häuptern schwebt der Reigen der Erzengel. Sie tragen von einem zum andern, was einer dem andern zu geben hat. Sie verbinden Eure Seelen. Dadurch wird Euch der Mut, dessen Ihr bedürft. (Aus dem Mut bilden die Erzengel eine Schale.) - Das Licht der Weisheit wird uns geschenkt von den erhabenen Wesenheiten der Archai, welche sich nicht im Reigen abschließen, sondern aus Urbeginnen kommend sich offenbaren und in Urfernen verschwinden. Sie ragen nur wie eine Tropfenform hinein in diesen Raum. (In die Schale des Mutes hinein fällt von dem wirkenden Zeitgeist ein Tropfen des Zeitenlichtes.)

[Wiedergabe nach Aufzeichnungen von C. von Heydebrand. Siehe auch «Hinweise».]
Meditation
Im Schein des Sinnewesens,
Da lebt des Geistes Wille,
Als Weisheitslicht sich gebend,
Und innre Kraft verbergend; Im Ich des eignen Wesens,
Da scheinet Menschenwille,
Als Denkens Offenbarung,
Auf eigne Kraft sich stützend; Und eigne Kraft dem Lichte
Der Weltenweisheit machtvoll
Geeinet zu dem Selbste: Gestaltet mich, der ich mich
Zum Göttlich-Hohen wende
Erleuchtungskräfte suchend.
Meditation
Geistiges Blicken,
Wende dich schauend nach Innen;
Herzliches Tasten
Rühre am zarten Seelen-Sein;
Im ahnenden Geistes-Blicken,
Im herzhaften Seelen-Tasten,
Da webt sich Bewußt-Sein.
Bewußt-Sein, das aus dem Oben
Und dem Unten des Menschen-Wesens
Bindet Welten-Helle
An das Erden-Dunkel. Geistiges Blicken
Herzliches Tasten
Erblicke, Ertaste
Im Menschen-Innern
Webende Welten-Helle
In waltendem Erdendunkel:
Mein eigenes
Menschen-Bilde-Kraft
Zeugendes
Krafterschaffendes
Willentragendes
Selbst.
Meditation
In mir ist Gott
Ich bin in Gott
Brief an die Lehrkräfte der Freien Waldorfschule in Stuttgart
Goetheanum, 15. März 1925
Meine lieben
Lehrkräfte der freien Waldorfschule!
Es ist mir eine große Entbehrung, so lange nicht unter Euch sein zu können. Und ich muß jetzt wichtige Entscheidungen, an denen ich naturgemäß seit dem Bestande der Schule teilgenommen habe, in Euere Hand legen. Es ist eine Zeit der Prüfung durch das Schicksal.
Ich bin mit meinen Gedanken unter Euch. Mehr kann ich jetzt nicht, wenn ich nicht riskieren will, die Zeit der physischen Hinderung ins Endlose auszudehnen.
Gedankenwirksamkeit eine uns,
Da wir im Raum getrennt sein müssen.
Was wir schon gemeinsam vollbracht,
Es krafte jetzt durch die Lehrerschaft.
Es ziehe seine Kreise durch Ihren Eigenrat,
Da jener Rat, der so gerne käme,
Die Schwingen frei nicht hat.
So wollen wir denn die Gemeinsamkeit im Geiste um so inniger erstreben, so lange anderes nicht sein kann. Die Waldorf schule ist zwar ein Kind der Sorge, aber vor allem ist sie auch ein Wahrzeichen für die Fruchtbarkeit der Anthroposophie innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit.
Wenn die Lehrerschaft treu im Herzen das Bewußtsein trägt von dieser Fruchtbarkeit, dann werden die guten über dieser Schule waltenden Geister wirksam sein können; und in den Taten der Lehrer wird göttlich-geistige Kraft walten.
Aus solchem Gedenken heraus, möchte ich Euch allen die herzlichsten Gedanken und Grüße senden.
Für die Schüler lege ich noch ein kurzes Schreiben bei, das ich bitte, in den Klassen zu verlesen.
Allerherzlichst
Rudolf Steiner
Grundstein-Spruch
für die Freie Waldorfschule Stuttgart
Es walte, was Geisteskraft in Liebe
Es wirke, was Geisteslicht in Güte
Aus Herzenssicherheit
Aus Seelenfestigkeit
Dem jungen Menschenwesen
Für des Leibes Arbeitskraft
Für der Seele Innigkeit
Für des Geistes Helligkeit
Erbringen kann.
Dem sei geweiht diese Stätte:
Jugendsinn finde in ihr
Kraft begabte, Licht ergebene
Menschenpfleger.
In ihrem Herzen gedenken des Geistes,
der hier walten soll, die, welche
den Stein zum Sinnbild
hier versenken, auf daß
er festige die Grundlage,
über der leben, walten, wirken soll:
Befreiende Weisheit,
Erstarkende Geistesmacht,
Sich offenbarendes Geistesleben. Dies möchten sie bekennen:
In Christi Namen
In reinen Absichten,
Mit gutem Willen.
Spruch für einen verstorbenen Schüler
In künftiges Erdenleben
Dich kräftig einzuführen,
Warst du uns übergeben
Durch deiner Eltern Willen. Im Schmerz an des Todes Pforte
Zu sprechen vermögen allein
Die seelenbeflügelten Worte,
Die dem reifenden Leben bestimmt. So nimm statt der Schule Lenken
Für irdisches Tun und Leben
Der Lehrer liebend Gedenken
Hinüber in jenes Geistessein, Wo die Seele umwebet
Der Ewigkeit helles Lich
Und der Geist erlebet:
Das Gottes-Willens-Ziel.
Widmung
Die Jugend erziehen
Heißt im Heute das Morgen
Heißt im Stoffe den Geist
Heißt im Erde[n]leben das Geistessein
pflegen.
Spruch
Dem Stoff sich verschreiben
Heißt Seelen zerreiben Im Geiste sich finden
Heißt Menschen verbinden Im Menschen sich schauen
Heißt Welten erbauen
Motto für die Pädagogik
Durchdringe dich mit Phantasiefähigkeit,
habe den Mut zur Wahrheit,
schärfe dein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit.
Ehrfurcht, Enthusiasmus, schützendes Gefühl
Erfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht.
Enthusiastischer Hinweis auf das, was dem Kinde nachfolgt.
Schützende Bewegung für das, was das Kind erlebt.
Vier goldene Regeln für den Lehrerberuf
Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative
im großen und im kleinen Ganzen.
Der Lehrer soll ein Mensch sein, der Interesse
hat für alles weltliche und menschliche Sein.
Der Lehrer soll ein Mensch sein, der in seinem
Inneren nie einen Kompromiß schließt mit dem Unwahren.
Der Lehrer darf nicht verdorren und nicht versauern.
Für die Schule in Hamburg-Wandsbek
Aus dem Ernst der Zeit
muß geboren werden
der Mut zur Tat. Gebt dem Unterricht
Was der Geist Euch gibt,
und Ihr befreit die Menschheit
von dem Alpdruck,
der auf ihr lastet durch
den Materialismus.
Die drei goldenen Regeln
der Erziehungs- und Unterrichtskunst
Religiöse Dankbarkeit gegenüber der Welt, die sich in dem Kinde offenbart, vereinigt mit dem Bewußtsein, daß das Kind ein göttliches Rätsel darstellt, das man mit seiner Erziehungskunst lösen soll. In Liebe geübte Erziehungsmethode, durch die das Kind sich instinktiv an uns selbst erzieht, so daß man dem Kinde die Freiheit nicht gefährdet, die auch da geachtet werden soll, wo sie das unbewußte Element der organischen Wachstumskraft ist.
Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen
In Liebe erziehen
In Freiheit entlassen
Drei goldene Regeln
für die Gedächtnisentwicklung
Begriffe belasten das Gedächtnis;
Anschaulich-Künstlerisches bildet
das Gedächtnis;
Willensanstrengung, Willensbetätigung
befestigt das Gedächtnis.
Ernst und Verantwortung
Wir müssen ja alle durchdrungen sein:
Erstens von dem Ernst der Sache. Es ist eine ungeheuer wichtige Sache für uns gerade.
Zweitens müssen wir durchdrungen sein von der Verantwortung, die wir tragen, sowohl der Anthroposophie gegenüber wie der Kulturbewegung gegenüber, der sozialen Frage gegenüber.
Und dann drittens das, was wir als Anthroposophen besonders uns vorhalten müssen: die Verantwortung gegenüber den Göttern.
«Meditationsformel»
Wir wollen arbeiten, indem wir einfließen
lassen in unsere Arbeit dasjenige, was aus
der geistigen Welt heraus auf seelisch
geistige Weise und auf leiblich-physische
Weise in uns Mensch werden will.
Gebet
Lieber Gott, mache, daß ich mich in bezug auf meine persönlichen Ambitionen ganz auslöschen kann.
Christus, mache besonders an mir wahr den paulinischen Ausspruch: Nicht ich, sondern der Christus in mir.
Das Wesen von Erziehung und Unterricht
Lebendig werdende Wissenschaft!
Lebendig werdende Kunst!
Lebendig werdende Religion!
«Neue Devise»
Ich will lernen,
Ich will arbeiten
Ich will lernend arbeiten
Ich will arbeitend lernen
«Devise»
Suchet das wirklich praktische materielle Leben,
aber suchet es so, daß es Euch nicht betäubt über
den Geist, der in ihm wirksam ist.
Suchet den Geist, aber suchet ihn nicht in über-
sinnlicher Wollust, aus übersinnlichem Egoismus,
sondern suchet ihn, weil Ihr ihn selbstlos im
praktischen Leben in der materiellen Welt anwenden wollt.
Wendet an den alten Grundsatz:
Geist niemals ohne Materie. Materie niemals ohne Geist —
in der Art, daß Ihr sagt: Wir wollen alles Materielle
im Lichte des Geistes tun, und wir wollen das Licht des
Geistes so suchen, daß es uns Wärme entwickele für unser
praktisches Tun.
Der Geist, der von uns in die Materie geführt wird,
die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu
ihrer Offenbarung, durch die sie den Geist aus sich
selber heraustreibt; die Materie, die von uns den
Geist geoffenbart erhält — der Geist, der von uns an
die Materie herangetrieben wird, die bilden dasjenige
lebendige Sein, welches die Menschheit zum wirklichen
Fortschritt bringen kann, zu demjenigen Fortschritt,
der von den Besten in den tiefsten Unter
gründen der Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann.
Spruch-Fragmente
Das Licht macht sichtbar
Stein Pflanze Tier und Mensch
Die Seele macht lebendig
Kopf, Herz, Hand und Fuß
Es freut sich das Licht
Wenn Steine glänzen
Pflanzen blühen, Tiere laufen
Und Menschen Arbeit leisten
So soll die Seele sich freuen
Wenn das Herz
Die Sonne gibt
Den Pflanzen Licht,
Weil die Sonne
Die Pflanzen liebt;
So gibt ein Mensch
Dem andern Licht
Spruch
Sonnenliebe dringt leuchtend
In das Pflanzenleben,
Und machet es grün;
So kam die Menschenliebe
In die Herzen Sonnenlicht durchdringt
Die Pflanze liebevoll,
Und machet sie grün;
Menschenliebe durchdringt
Die anderen Menschen Sonnenlicht machet
Die Pflanzen grün, Leuchtende Sonne
Tagbeschützendes Wesen
Spruchgut für Schüler
Morgenspruch für die vier unteren Klassen
Der Sonne liebes Licht,
Es hellet mir den Tag;
Der Seele Geistesmacht,
Sie gibt den Gliedern Kraft;
Im Sonnen Lichtes Glanz
Verehre ich, o Gott,
Die Menschenkraft, die Du
In meine Seele mir
So gütig hast gepflanzt,
Daß ich kann arbeitsam
Und lernbegierig sein.
Von Dir stammt Licht und Kraft,
Zu Dir ström’ Lieb’ und Dank.
Morgenspruch für die oberen Klassen
Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fühlend leben,
In der der Mensch beseelt,
Dem Geiste Wohnung gibt;
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn’- und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da draußen,
In Seelentiefen, drinnen. —
Zu Dir o Gottesgeist
Will ich bittend mich wenden,
Daß Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse. —
Spruch zum Beginn
des freien christlichen Religionsunterrichts
Im hellen Sonnenlichte,
Das Kraft der Erde bringt;
Im grünen Pflanzenwesen,
Das aus den Tiefen dringt,
nd auch in Weltenweiten,
Die Sternen Wohnung geben,
Und in dem Menschenauge,
Wo Sinneskräfte weben:
Da ahn’ ich Gotteswalten,
Das mir im Geist erscheinet,
Mit dem in Seelengründen
Mein ganzes Sein sich einet;
Daß so selbst Geist ich werde
Als Mensch im Stoff der Erde.
Sprüche
Der Sonne Licht
Es scheinet uns
Der Seele Kraft
Sie ist erwacht
Aus Schlafes Ruhe Der Sonne Licht
Es hellt den Tag
Nach finstrer Nacht:
Der Seele Kraft
Sie ist erwacht
Aus Schlafes Ruh’:
Du meine Seele
Sei dankbar dem Licht
Es leuchtet in ihm
Des Gottes Macht;
Du meine Seele
Sei tüchtig zur Tat
Spuch zum Beginn des altsprachlichen Unterrichts
Wer der Sprache Sinn versteht,
Dem enthüllt die Welt
Im Bilde sich; Wer der Sprache Seele hört,
Dem erschließt die Welt
Als Wesen sich; Wer der Sprache Geist erlebt,
en beschenkt die Welt
Mit Weisheitskraft; Wer die Sprache lieben kann,
em verleiht sie selbst
Die eigne Macht. So will ich Herz und Sinn
Nach Geist und Seele
Des Wortes wenden; Und in der Liebe
Zu ihm mich selber
Erst ganz empfinden.
Spruch-Fragment für den Altsprachenunterricht
Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen,
Es strahlet die Geistessonne den Menschenseelen;
Die Erdenwesen, sie hungern nach Sonnenhelle,
Die Menschenseelen, sie dürsten nach Geistessonne
Und Sonnenhelle, sie nähret die Erdenwesen
Und Geistessonne, sie tränket die Menschenseelen
Spruch für die abgehende zwölfte Klasse
In den Weiten der Lebenswege
Soll sich spiegeln,
Was im lieben Jugendhause
Wie das Siegel
Echten Menschenwesens
In das Herz
Sich geprägt. In der Tiefe der Erinnerung
Soll sich stark erweisen,
Was die Seele durfte finden
In Herzenskreisen —
Durch die Geistesführerschaft,
In den Kräften
Lieber Lebensschulung. Meine Gedanken fliegen zur Schule hin
Dort wird mein Körper gebildet
Zur rechten Tätigkeit
Dort wird meine Seele erzogen
Zur rechten Lebenskraft
Dort wird mein Geist erweckt
Zum rechten Menschenwesen. Meine Gedanken sollen hineilen zu
der lieben Waldorfschule; dort wird mein
Körper gestaltet zu rechter Tüchtigkeit und
Arbeit, dort wird meine Seele entwickelt
zu starker Lebenskraft, dort wird mein Geist
erweckt zu wahrem, tüchtigem Menschentum.
Sprüche
Im Lernen erwirbt der Mensch
sich Lebenskraft. Ich will achtgeben auf mich
im Sprechen und Denken. Ich will achtgeben auf mich
im Sprechen und Handeln. Lernen, aufmerksam sein,
Fleiß entwickeln
Es sei mir ins
Herz geschrieben
Brief an die Schülerinnen und Schüler der Freien Waldorfschule in Stuttgart
Goetheanum, 15. März 1925
An meine lieben Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule.
Zu meinem großen Leide kann ich durch lange Zeit jetzt nicht unter Euch sein. Und es gewährte mir doch stets die größte Befriedigung, wenn ich unter meinen lieben Schülerinnen und Schülern einige Zeit zubringen konnte. So lange es nicht sein kann, will ich viele herzliche und gute Gedanken zu Euch senden.
Ihr habt mir ja auch durch Übersendung von Eueren Arbeiten große Freude gemacht. Ich sende Euch den herzlichsten Dank dafür.
Hoffentlich kann ich bald wieder unter Euch erscheinen.
Allen einen herzlichsten Gruß
Rudolf Steiner