The Problem of Faust
GA 273 — 10 December 1916, Dornach
Die «Romantische Walpurgisnacht»
Ich möchte Ihnen nur einige Bemerkungen machen über die «Walpurgisnacht», die wir gestern gespielt haben und morgen wieder spielen werden, weil es mir doch von Bedeutung scheint, eine richtige Vorstellung davon zu haben, wie sich diese «Walpurgisnacht» hineinstellt in den Fortgang und Gesamtzusammenhang der Faust-Dichtung. Es ist merkwürdig, daß, nachdem Faust Gretchen ins Unglück gebracht hat so weit, daß die Mutter durch Gift - durch den Schlaftrunk — zugrunde gegangen ist, nachdem der Bruder erschlagen worden ist durch die gemeinsame Schuld von Faust und Gretchen, Faust flieht und gewissermaßen Gretchen vollständig im Stiche läßt und nichts weiß von alledem, was vorgeht.
Solch eine Sache hat natürlich nicht geringen Eindruck gemacht auf diejenigen, die gerade mit einer gewissen Liebe die Faust-Dichtung betrachtet haben. Und ich will Ihnen nur die Worte Schröers vorlesen, der sicher den «Faust» mit einer ungeheuren Liebe betrachtet hat. Sie können über ihn in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» lesen. Karl Julius Schröer sagt über die «Walpurgisnacht»: «Es ist anzunehmen, daß Faust, von Mephisto fortgerissen, geflohen sei. Er ließ Gretchen im Jammer zurück. Ihre Mutter war tot, ihr Bruder erschlagen. Unmittelbar nach diesem Ereignis folgte ihre Entbindung. Sie verfiel in Wahnsinn, ertränkte ihr Kind und irrte umher, bis sie eingefangen und in den Kerker geworfen wurde.
Obwohl Faust alles, was nach dem Tode Valentins mit Gretchen geschah, nicht wissen konnte, so war er doch unter solchen Umständen geschieden, daß es ganz unnatürlich scheinen muß, ihn so wie hier - den zweiten Tag darauf? — als behaglichen Spaziergänger auf dem Blocksberge zu sehen. So erscheint er uns nämlich in den Worten Vs. 3838 ff. Es ist ersichtlich, daß auch die Walpurgisnacht nicht in vollem Zusammenhange mit dem Ganzen gedichtet ist. Der Dichter ist aus allem Pathos offenbar heraus und steht dem Stoff mit einer Anwandlung von Ironie gegenüber. Der allgemeine Grundgedanke, der den Auftritt mit dem Ganzen verbindet, ist deutlich. Mephistopheles führt Faust mit sich fort auf den Blocksberg, um ihn zu betäuben und Gretchen vergessen zu machen; die Liebe in Faust ist aber stärker, als Mephistopheles begreifen kann. Der Hexenspuk zieht ihn nicht an: das Bild Gretchens taucht in ihm auf mitten in dem wüsten Taumel. — Dieser Gedanke tritt, freilich nicht kräftig genug, hervor, und die ganze Walpurgisnacht erscheint im Verhältnis zur dramatischen Handlung viel zu groß. Sie war zu einem selbständigen Ganzen geworden, das noch obendrein durch den angeschlossenen Walpurgisnachtstraum übermäßig erweitert wird. Dies gilt natürlich nur vor der Walpurgisnacht als Bestandteil der Tragödie.»
Also selbst ein Mann, der den «Faust» sehr lieb hat, kann sich nicht eigentlich einverstanden erklären damit, daß zwei Tage, nachdem das große Unglück geschehen war, Faust als rüstiger Spaziergänger mit Mephistopheles zusammen auf dem Blocksberg erscheint.
Nun möchte ich zunächst rein äußerlich dem aber entgegenstellen, daß die «Walpurgisnacht» zu den reifsten Teilen der Faust-Dichtung gehört. Sie ist geschrieben 1800 bis 1801. Goethe hat als ganz junger Mann am «Faust» zu schreiben begonnen, so daß wir zurückgehen können in den Anfang der siebziger Jahre des i8. Jahrhunderts: 1772, 1773, 1774. Da beginnt er die ersten Szenen aufzuschreiben. Nun war er um so viel älter geworden, hatte die großen Erfahrungen hinter sich, die sich unter anderem auch ausgesprochen haben in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das früher geschrieben ist, und er fügt in seinen Faust jetzt die «Walpurgisnacht» ein; der «Walpurgisnachtstraum» ist sogar ein Jahr früher geschrieben als die «Walpurgisnacht» selber. Wir dürfen uns daraus doch die Vorstellung bilden, daß es Goethe sehr ernst war mit dem Hineingeheimnissen der «Walpurgisnacht» in den «Faust». Aber man kommt nie und nimmer aus einer gewissen Unmöglichkeit des Verständnisses heraus, wenn man nicht ins Auge faßt, daß Goethe wirklich spirituell die Sache gemeint hat.
Ich kenne so ziemlich die Faust-Kommentare, die geschrieben worden sind bis zum Jahre 1900 — später nur noch weniger -, aber bis zum Jahre 1900 kenne ich sie so ziemlich alle; nachher habe ich mich nicht mehr so stark mit dem, was darüber geschrieben worden ist, eingelassen. Aber so viel ist mir ganz gut bekannt, daß niemand eigentlich darauf eingegangen ist, die Sache spirituell zu nehmen. Nicht wahr, man kann leicht einwenden, daß es eigentlich eine Zumutung ist an unser: Empfinden, an unser Gefühl, daß Faust zwei Tage nach dem großen Unglück seelenvergnügt spazierengehen soll. Aber Goethe war wirklich nicht der plattherzige Wald- und Wiesenmonist, als der er oftmals vorgestellt wird, sondern er war ein Mensch, wie das gerade auch die Einzelheiten der «Walpurgisnacht» zeigen, welcher tief gründlich eingeweiht war in gewisse spirituelle Zusammenhänge. Wer bekannt ist mit diesen Zusammenhängen, der sieht daran, daß in der «Walpurgisnacht» nichts dilettantisch, sondern alles sachgemäß ist; er sieht daran, wenn ich mich jetzt des trivialen Ausdrucks bedienen will, daß etwas dahinter ist, daß es nicht eine bloße Dichtung ist, sondern daß es aus spirituellem. Verständnis geschrieben ist. Für den, der mit gewissen Dingen bekannt ist, ist es merklich gerade an Einzelheiten, ob jemand Wirklichkeiten erzählt - also ein Dichter mit spirituellem Verständnis schildert —, oder ob jemand sich etwas ausgedacht hat über geistige Welten und das, was damit zusammenhängt, etwa die Hexenwelt. In solchen Dingen muß man eben auch ein bißchen Aufmerksamkeit entwickeln.
Ich will Ihnen, obwohl ich auch diese Geschichte verhundertfachen könnte, eine einfache kleine Geschichte erzählen, welche Ihnen anschaulich machen soll, wie man erkennen kann an Einzelheiten, ob man es zu tun hat mit etwas, wo was dahinter ist oder nicht. Selbstverständlich kann man noch irren; da kommt es dann auf das, wie erzählt wird, an. Ich war einmal in einer Gesellschaft, in der Theologen, Historiker, Dichter und so weiter waren. In dieser Gesellschaft erzählte man - es ist das jetzt lange her, es war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also fast dreißig Jahre her — das Folgende: Einmal predigte in einer Pariser Kirche ein Domherr in sehr fanatischer Weise gegen den Aberglauben, indem er nur dasjenige zulassen wollte, was die Kirche zuläßt, und vor allen Dingen verwehren wollte, daß die Leute an gewisse Dinge glauben, welche eben ihm eigentlich unheimlich waren. So namentlich wollte er begreiflich machen, der betreffende Domherr in seiner fanatischen Predigt, daß Freimaurerei zwar ein sehr böses Ding sei — Sie wissen, katholische Geistliche predigen sehr häufig über Freimaurerei und reden dabei alles mögliche von der Gefährlichkeit der Freimaurerei —, aber nun wollte er nur gelten lassen, daß es eine sehr verwerfliche Lehre sei und daß auch die Menschen, die dabei sind, recht böse Menschen seien; er wollte aber nicht gelten lassen, daß irgend etwas Spirituelles in manchen solchen Brüderschaften stecke. Und das hörte denn ein Mensch an, der wiederum von einem andern hineingeführt war, und dem kam das sehr sonderbar vor, daß da der Domherr einer großen Gemeinde den Leuten etwas vorerzählte, was er für unrichtig hielt, weil er wirklich glaubte, daß geistige Kräfte durch solche Gesellschaften schon gehen. Die beiden erwarteten nach der Predigt den Domherrn, und nun beredeten sie sich mit ihm; er aber beharrte sehr fanatisch auf seiner Meinung, daß man es mit nichts Geistigem zu tun habe, sondern daß das eben bloß schlechte Menschen seien mit einer sehr bösen Lehre. Da sagte der eine, der etwas wußte über die Sache: Hochwürden, ich mache Ihnen den Vorschlag, kommen Sie nächsten Sonntag in einer bestimmten Zeit mit mir; ich werde Sie an einen verborgenen Ort einer gewissen Loge setzen, wo Sie die Dinge mit ansehen können. — Und der sagte: Ja, das werde ich tun, aber darf ich mir auch Reliquien mitnehmen? — Er fing nämlich an, sich zu fürchten! Er nahm sich also Reliquien mit; dann wurde er dahin geführt und saß dort im Verborgenen. Als das bestimmte Zeichen losging, da sah er, daß sich zum Präsidentenstuhle hin eine sehr merkwürdige Persönlichkeit blassen Gesichtes bewegte, und bewegte so, daß sie nicht die Füße vorsetzte, einen nach dem andern, sondern sich vorgleiten ließ. Das wurde nun in einer bestimmten Weise erzählt, und weiter erzählte der Betreffende, nun habe er seine Reliquien wirken lassen, den Segen gesprochen und so weiter, da sei plötzlich eine Unruhe in die ganze Versammlung gekommen, und die ganze Sache sei zerstoben!
Nachdem ein sehr fortgeschrittener Priester, der dabei war, ein Theologe, seine Meinung dahin abgegeben hatte, er glaube einfach nicht an die Sache, und ein anderer Priester vorbrachte, er habe in einem Kollegium in Rom gehört, daß für die Wahrhaftigkeit jenes Domherrn zehn Priester einen Eid in Rom abgelegt hätten, jener erste Priester aber noch meinte: Ich glaube lieber noch, daß zehn Priester einen falschen Eid ablegen, als daß das Unmögliche möglich ist, da sagte ich dazumal: Mir ist die Art und Weise genug, wie erzählt worden ist. Denn auf das Wie kam es an, auf die Sache von dem Fortgleiten.
Sie treffen dieses Fortgleiten auch hier in der «Walpurgisnacht»: Gretchen, wie es wieder erscheint, gleitet fort. Also selbst eine solche Einzelheit ist sachgemäß von Goethe dargestellt. Und so ist jede Einzelheit sachgemäß, nichts im spirituellen Sinne dilettantisch dargestellt.
Mit was haben wir es denn eigentlich zu tun? Mit etwas haben wir es zu tun, welches bezeugt, daß es für Goethe gar nicht in Frage kam, ob Faust nach zwei Tagen, nachdem das Unglück geschehen war, als ein seelenvergnügter Wald- und Wiesenwanderer auf dem Blocksberg erscheine, sondern wir haben es zu tun mit einem geistigen Erlebnis des Faust in der «Walpurgisnacht», das er nicht abweisen konnte, das gerade als Folge der ihn erschütternden Ereignisse, die er durchgemacht hat, kommt. Wir haben es also damit zu tun, daß Fausts Seele herausgerissen wird aus seinem Leib und Mephisto gefunden hat in der geistigen Welt. Und innerhalb der geistigen Welt machen sie die Wanderung nach dem Brocken, das heißt, sie kommen zusammen mit denjenigen, die auch nun, wenn sie die Brockenwanderung machen, aus ihrem Leibe herausgerückt sind, denn selbstverständlich liegt der physische Leib derjenigen Menschen, welche die Wanderung nach dem Brocken machen, im Bette.
In den Zeiten, in denen man solche Dinge besonders intensiv getrieben hat, haben sich diejenigen, die diese Brockenwanderung machen wollten — der Tag dazu, respektive die Nacht, ist vom 30. April zum 1. Mai -, gesalbt mit einer gewissen Salbe, wodurch die vollständigere Trennung, die von astralischem Leib und Ich, hergestellt werden konnte, als sie sonst im Schlafe vorhanden ist. Dadurch machen 'sie im Geiste diese Brockenfahrt durch. Das ist ein Erlebnis - selbstverständlich recht niederer Art —, aber es ist ein Erlebnis, das schon durchgemacht werden kann. Nur darf niemand glauben, daß er irgendwo auf leichte Art Auskunft über die Zusammensetzung der Hexensalbe erlangen kann, geradesowenig als Sie Auskunft erlangen werden auf leichte Weise, wie man es so wie van Helmont macht, um mit bestimmten Chemikalien, die man einreibt an einer bestimmten Körperstelle, aus seinem Leib
bewußt herauszurücken. Das ist bei van Helmont geschehen. Aber derlei Dinge werden denjenigen nicht empfohlen, die -— wie der Franz in Hermann Bahrs «Himmelfahrt» - es zu langweilig finden, die Übungen zu machen, um die Sache in gerechter Weise zu absolvieren. Ich weiß aber wohl, daß mancher gar nicht unglücklich wäre, wenn ihm derlei Mittel verraten würden!
Faust trifft nun — also Faustens Seele - mit Mephisto wirklich die aus ihrem Leib herausgerückten und in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai sich zusammenfindenden Hexen. Das ist ein wirklicher geistiger Vorgang, und dieser wirkliche geistige Vorgang wird nun von Goethe sachgemäß geschildert. Goethe stellt also nicht nur dar, daß man eine subjektive Vision haben kann, sondern ihm ist klar, wenn man wirklich aus seinem Leib herausgeht, so trifft man auch andere Seelen, die aus ihrem Leib herausgegangen sind. Das deutet schließlich Mephisto sehr genau an, wenn er sagt:
In die Traum- und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Wirklich in eine andere Sphäre sind sie eingegangen. In die Seelenwelt sind sie eingegangen; da treffen sie mit den andern Seelen zusammen. Und in dieser Welt finden wir sie selbstverständlich so darinnen, wie sie darinnen sein müssen unter der Nachwirkung desjenigen, was aus ihrem physischen Leben ist. Faust muß ja wieder zurückkehren in seinen physischen Leib. Solange man überhaupt dazu veranlagt ist, wieder zurückzukehren in seinen physischen Leib, das heißt, nicht physisch stirbt, so lange trägt man, wenn man mit seinem astralischen Leib herausgeht, gewisse Neigungen, Affinitäten des physischen Daseins an sich. Daher sagt Faust sehr begreiflich, daß er sich wohl fühle in der Frühlingsluft, in der April-Mailuft; denn die vernimmt er natürlich, da er nicht ganz getrennt ist von seinem Leib, sondern nur heraußen ist und ihn wieder beziehen will, die vernimmt er natürlich durchaus. Man kann, wenn man so heraufßen ist wie Faust hier aus seinem physischen Leib, alles dasjenige, was flüssig, luftförmig ist in der Welt, wahrnehmen, nur nicht das Feste. In allen Wesen draußen in der Natur ist ja Flüssigkeit darinnen. Der Mensch ist weit über neunzig Prozent eine Flüssigkeitssäule, und nur ganz wenig Prozent feste Körper sind in ihm. Also Sie dürfen nur nicht glauben, daß er, wie er so draußen ist, nicht einen andern Menschen sehen könnte; nur sieht er bloß dasjenige, was flüssig ist. Deshalb kann er auch die Natur, die vom Flüssigen durchdrungen ist, wahrnehmen. Sachgemäß alles, was da geschildert ist! Faust kann es so wahrnehmen. Aber Mephistopheles - also Ahriman -, ein ahrimanisches Wesen hat kein Verständnis für die gegenwärtige Erde; er gehört eigentlich demjenigen an,was zurückgeblieben ist; daher hat er es gar nicht besonders gern, wenn es beim Frühling ankommt. Erinnern Sie sich,wie ich in einem der letzten Vorträge auseinandersetzte, im Winter kann man sich erinnern an das Mondhafte. Aber das jetzige Mondhafte, wenn der Mond der Erdenmond ist, sagt ihm gar nicht besonders zu. Dasjenige Mondhafte aber, was mit dem früheren Mondhaften zusammenkommt, wenn das Feurige, Leuchtende aus der Erde hervorkommt, das ist sein Element: die Irrlichter, nicht das Mondenlicht. Ganz sachgemäß dieser Zug zu den Irrlichtern, die er herausholt aus dem noch jetzt in der Erde Mondhaften!
Ich bemerke nur nebenbei: das Manuskript, das vorliegt zu der «Walpurgisnacht», ist undeutlich, und es muß irgendeine Nachlässigkeit vorliegen, denn in den Ausgaben findet sich überall etwas fast Unmögliches; und eigentlich ist mir erst, als wir hier unsere Vorübungen machten zu der Vorstellung, aufgefallen, daß Korrekturen notwendig sind gerade in der «Walpurgisnacht». Es ist in den Ausgaben so, daß erstens dieser Wechselgesang zwischen Faust, Mephistopheles und den Irrlichtern nicht verteilt ist auf die einzelnen Personen. Nun haben die Gelehrten allerlei Verteilungen gemacht, aber die stimmen nicht, so daß ich so verteilt habe, daß dasjenige, was sich so sehr häufig findet als dem Faust zugeteilt, dem Mephistopheles gehört:
In die Traum- und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Führ’ uns gut und mach’ dir Ehre!
— sagt er zum Irrlicht —
Daß wir vorwärts bald gelangen
In den weiten, öden Räumen.
Selbst bei Schröer finde ich es hier bei Faust angezeichnet, das gehört aber dem Mephistopheles, wie es auch gestern gesprochen worden ist, wenn Sie sich erinnern. Das Nächste:
Seh’ die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüberrücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!
— das gehört dem Irrlicht.
Dann ist die Reihe an Faust, in den hereinkommen diejenigen Dinge, welche ihn erinnern an das erschütternde Erlebnis, das er hinter sich hatte:
Durch die Steine, durch den Rasen
Eilet Bach und Bächlein nieder.
Hör’ ich Rauschen? Hör’ ich Lieder?
Hör’ ich holde Liebesklage,
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wieder.
Dann ist merkwürdigerweise gerade bei Schröer das nächste dem Mephistopheles zugeteilt; das ist natürlich dem Irrlicht zuzuteilen.
Uhu! Schuhu! tönt es näher... und so weiter.
Das hat Schröer dem Mephistopheles zuerteilt; das ist natürlich falsch. Dann ist das letzte dem Faust zuzuteilen:
Aber sag’ mir, ob wir stehen,
Oder ob wir weitergehen?
Alles, alles scheint zu drehen,
Fels und Bäume, die Gesichter
Schneiden, und die irren Lichter,
Die sich mehren, die sich blähen.
Ich will gleich bemerken, daß auch in dem Nachfolgenden sich noch Fehler befinden. Nachdem Faust die Worte gesprochen hat:
Wie ras’t die Windsbraut durch die Luft!
Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!
finden Sie dem Mephistopheles zugeteilt eine lange Rede; sie gehört nicht dem Mephistopheles - sie ist in allen Ausgaben dem Mephistopheles zugeteilt -, nur die drei Zeilen gehören dem Mephistopheles:
Du mußt des Felsens alte Rippen packen,
Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft.
Ein Nebel verdichtet die Nacht. Höre, wie’s durch die Wälder kracht!Aufgescheucht fliegen die Eulen... und so weiter.
Das gehört nun dem Faust. Und erst wieder die letzten Zeilen:
Hörst du Stimmen in der Höhe?
In der Ferne, in der Nähe?
Ja, den ganzen Berg entlang
Strömt ein wütender Zaubergesang!
gehören dem Mephistopheles. Das mußte korrigiert werden, weil die Dinge doch richtig stehen müssen. Dann habe ich mir nur eine Zeile einzuschieben erlaubt. Weil natürlich einiges, gerade wenn es unter Hexen zugeht, wirklich nicht aufführbar ist, habe ich mir eine Zeile einzuschieben erlaubt, aber die gehört ja nicht dazu.
Nun, ich muß gestehen, es hat mich eigentlich etwas betrübt, zu sehen, wie korrumpiert die Überlieferung ist in sämtlichen Ausgaben, und wie niemand darauf gekommen ist, die Sachen in der richtigen Weise zu verteilen. Man muß durchaus sich klar sein darüber, daß Goethe den «Faust» so nach und nach geschrieben hat, und daß natürlich — er nannte das Manuskript selber ein konfuses Manuskript — manches schon durchaus korrigiert werden muß; es muß aber sachgemäß. geschehen. Nicht Goethe soll korrigiert werden selbstverständlich, aber diejenigen, welche die Ausgaben gemacht haben.
Aus dem Gesagten ist also verständlich, daß Mephistopheles sich auch des Irrlichtes als Wegeweiser bedient, und daß sie gleichsam einziehen in eine Welt, die eben so wahrgenommen wird, so beweglich, wogend, wie wahrgenommen wird, wenn das Feste fort ist. Nun versetzen Sie sich in alles dasjenige, was da gesprochen wird, wie sachgemäß wiederum das Feste fortgelassen ist, wie das durchaus stimmt mit allem, daß Goethe nun die Irrlichter, Mephisto, Faust als Wesen, die außer dem Leibe sind, zeigt. Mephisto hat nicht einen physischen Leib, er nimmt ihn nur an; Faust lebt augenblicklich nicht in seinem physischen Leib; Irrlichter sind elementarische Wesenheiten, die natürlich nicht den physischen Leib ergreifen können, weil der fest ist. Das alles, indem Goethe es zusammen wie Wechselgesang fortführt, zeigt, daß er uns einführen will in das Wesenhafte der geistigen Welt, nicht in etwas bloß Visionäres, sondern in das Wesenhafte der geistigen Welt. Daß es nun aber, wenn man so im Geistigen ist, auch anders aussieht, darauf werden wir gleich aufmerksam gemacht, denn wahrscheinlich wird ein ganz gewöhnlicher Beschauer nicht im Berg den Mammon glühen sehen, das Gold im Inneren. Überhaupt das Ganze, was beschrieben wird —- man braucht das nun nicht zu erklären -, zeigt, wie hier eine außer dem Leibe befindliche Seele geschildert wird. Wir haben es also zu tun mit einem wirklichen Zusammenhang, der uns dargestellt wird innerhalb geistiger Wesenheiten, und Goethe läßt einfließen dasjenige, was ihn selber verbindet mit der Erkenntnis der geistigen Welt. Daß Goethe so sachgemäß den Mephistopheles überhaupt in seine Dichtung einführen konnte, bezeugt, daß er schon mit diesen Dingen gut bekannt war, daß er bekannt war damit, daß Mephistopheles ein Wesen ist, das zurückgeblieben ist. Daher führt er Zurückgebliebene sogar ein. Denken Sie doch einmal - eine Stimme, die kommt:
Welchen Weg kommst du her?
Eine Stimme von unten — das ist also eine solche Stimme, die mehr von einem Wesen herrührt, das untermenschliche Instinkte hat — antwortet ihr:
Übern Ilsenstein!
Da guckt’ ich der Eule ins Nest hinein.
Die macht’ ein paar Augen!
Stimme: O fahre zur Hölle!
Was reit’st du so schnelle!
Stimme: Mich hat sie geschunden,
Da sieh nur die Wunden;
Nun bedenken Sie, daß später darauf geantwortet wird:
Stimme, oben: Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!
Stimme von unten: Wir möchten gerne mit in die Höh.
Stimme von oben: Wer ruft da aus der Felsenspalte?
Und dann werden wir durch eine Stimme angesprochen, die dreihundert Jahre kriecht. Das heißt: Goethe ruft die Geister auf, die dreihundert Jahre zurück sind. Drei Jahrhunderte liegt die Entstehung des Faust zurück, der Faust-Sage; im 16. Jahrhundert ist sie entstanden. Die Geister, die zurückgeblieben sind aus jener Zeit, die sich nun vermischen mit denen, die als gegenwärtige Hexen nach dem Brocken kommen, .treten auch auf, denn die Sachen muß man wörtlich nehmen. Also Goethe sagt: Oh, es walten in unserem Zusammenhang immer noch solche Seelen mit, und sie sind verwandt den Hexenseelen, da sie zurückgeblieben sind dreihundert Jahre. - Da, wo alles unter die Leitung des Mephistopheles kommt, in der «Walpurgisnacht», können solche, ich möchte sagen, noch ganz junge «MephistopherIn» auch erscheinen mitten unter den Hexenseelen. Und dann kommt eine Halbhexe, welche aus der Gegenwart ist; denn die Stimme, die früher gerufen hat:
Nehmt mich mit. Nehmt mich mit!
Ich steige schon dreihundert Jahr,
das ist nicht die Halbhexe, sondern ein wirklich dreihundert Jahre altes Wesen. So alt werden die Hexen nicht, wenn sie auch auf den Blocksberg gehen. - Die Halbhexe, die trippelt langsam, kommt langsam in die Höhe. Da also trifft sich wirklich Geistiges, sogar Geistiges, welches die Zeit überwunden hat, gewissermaßen zurückgeblieben ist in der Zeit. Manche Worte sind geradezu wunderbar. Das sagt die eine Stimme, gerade diejenige, die dreihundert Jahre schon steigt:
Und kann den Gipfel nicht erreichen.
Ich wäre gern bei meinesgleichen.
Damit drückt Goethe sehr schön aus, daß die Hexenseelen und diejenigen, die auf solche Weise Verstorbenen angehören, die so intensiv zurückbleiben, etwas Verwandtes haben. Zu «ihresgleichen» wollen diese zurückbleibenwollenden Seelen. Sehr interessant!
Dann sehen wir, wie Mephistopheles immer eigentlich den Faust beim Gewöhnlichen, beim Trivialen erhalten will; er will ihn unter den Hexenseelen erhalten. Aber Faust will die tieferen Geheimnisse des Daseins kennenlernen, und deshalb will er noch mehr, noch weiter; er will zu dem wirklich Bösen, zu den bösen Urgründen:
Doch droben möcht’ ich lieber sein!
Schon seh’ ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muß sich manches Rätsel lösen.
Für dieses Tiefere, was Faust selbst im Bösen aufsuchen will, hat Mephistopheles nicht das rechte Verständnis; er mag auch nicht den Faust dahin führen, denn da wird die Geschichte nämlich etwas penibel. Zu den Hexen noch geführt zu werden als Seele, das geht; aber wenn einer wie Faust in diese Gemeinschaft hineingeführt wird, dann kann er, wenn er weiterkommt zum Bösen, für manche Menschen höchst gefährliche Dinge entdecken, denn man würde den Ursprung für so manches, was auf der Erde ist, da im Bösen entdecken. Daher war es auch für manche Leute besser, die Hexen zu verbrennen. Denn wenn man auch selbstverständlich die Hexerei nicht gerade zu protegieren braucht, so könnte doch dadurch, daß Hexen auftreten und gewissermaßen durch ihre medialen Eigenschaften von gewissen Menschen, die hinter manche Geheimnisse kommen wollen, benützt werden könnten, so könnte, wenn die Medialität weit genug ginge, der Ursprung von manchem, was in der Welt ist, dadurch ans Tageslicht kommen. Dazu läßt man es nun nicht kommen; daher verbrannte man die Hexen. Diejenigen, welche die Hexen verbrannt haben, hatten ein entschiedenes Interesse daran, daß nicht dasjenige verraten werden könnte, was herauskommt, wenn irgendein Kundiger weiter in die Hexengeheimnisse hineingeht. Nun, auf solche Dinge kann man nur hinweisen. Man würde von mancherlei den Ursprung gefunden haben, und niemand, der eigentlich so etwas nicht zu scheuen hat, ist für das Hexenverbrennen gewesen.
Aber Mephisto will, wie gesagt, Faust mehr beim Trivialen erhalten. Und Faust wird dann schon ungeduldig, denn er hat von einem Mephistopheles doch die Vorstellung, daß er ein wirklicher Teufel ist, und daß er ihm nicht triviale Zauberkünste vormache, daß er ihn ordentlich ins Böse hineinführe, nachdem er ihn schon einmal aus dem Leibe herausgebracht hat. Dann will er, daß er sich ihm als «Teufel» produziert und nicht als ein ganz gewöhnlicher Zauberer, der nur in die Kinkerlitzchen der geistigen Welt einzuführen vermag. Aber Mephistopheles lenkt ab; er will doch nur in das Triviale einführen. Außerordentlich interessant ist nun, wie von dem eigentlich Bösen, das dem Faust nicht jetzt schon in diesem Stadium verraten werden soll, Mephistopheles ablenkt und ihn wieder so auf das Elementare aufmerksam macht. Und eine wunderbare Stelle ist diese:
Siehst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen;
Mit ihrem tastenden Gesicht
Hat sie mir schon was abgerochen.
Wunderbar sachgemäß ist das in die Geruchsphäre Heruntergerückte! Es ist wirklich so: in dieser Welt, in die Mephistopheles da den Faust eingeführt hat, da riecht sich’s viel mehr, als sich’s schaut. «Tastendes Gesicht» — wunderbar anschaulich ausgedrückt, weil es nicht solch ein Geruch ist, wie die Menschen ihn haben, weil es auch nicht ein Gesicht ist, weil es so ist, wie wenn man aus den Augen etwas herausstrecken könnte, um mit feinen Augenstrahlen die Dinge zu betasten. Daß so etwas in den niederen Tieren lebt, das ist wahr, denn die Schnecke hat nicht bloß Fühler, sondern diese Fühler verlängern sich in außerordentlich lange Atherstangen, und mit denen kann wirklich solch ein Tier dasjenige, was weich ist, betasten, aber nur ätherisch betasten. Denken Sie, wie sachgemäß, gar nicht dilettantisch.
Aber nun kommen sie zu einem munteren Klub — wir sind natürlich in einer geistigen Welt! -, da kommen sie zu einem munteren Klub. Und Goethe hatte schon verstanden, nicht einer zu werden von der Sorte, die von der geistigen Welt nur reden mit einem tragisch verlängerten Gesicht, sondern auch mit dem nötigen Humor und mit der nötigen Ironie zu sprechen, wenn diese am Platze sind. Warum sollten denn nicht ein alter General, ein Minister, «Seine Exzellenz», ein Parvenu und auch ein Autor, wenn sie gerade miteinander ihre Sachen sprechen und etwas im Deutschen nennt man es picheln -, etwas Wein schlürfen, und nach und nach das selber so wenig interessant finden, was sie reden, daß sie dabei einschlafen, warum sollten sie denn nicht, wenn sie unter der besonderen Wirkung desjenigen stehen, was im Klub spielt, wenn sie so ein bißchen knobeln und noch die Spielleidenschaft unter ihnen ist, warum sollten denn nicht diese Seelen so herausrücken, daß man sie in einem munteren Klub unter den andern, die da herausgegangen sind, zusammen findet? In einem Klub: den General, Seine Exzellenz den Minister, den Parvenu und nun auch den Dichter? Warum sollte denn das nicht sein? Die trift man also auch, denn sie sind außer ihrem Leibe. Und wenn man Glück hat, so kann man auch solch eine Gesellschaft finden, denn sie sind manchmal schon so, die Gesellschaften, daß sie miteinander durch ihr eigenes Amusement einschlafen. Sie sehen, Goethe verkennt nicht gerade die Sache. Aber Mephistopheles ist so überrascht, daß hier einmal durch die Natur selber, ohne daß es durch etwas anderes als nur durch einen etwas abnormen Fortgang des naturgemäßen Lebens so weit kommt, sie in ihren Seelen in diesen Zustand geraten, — er ist so überrascht, daß es in dieser Weise an ihn herantrritt, daß er sich noch an ältere Schichten seines Daseins erinnern muß. Deshalb wird er plötzlich alt an der Stelle, das kann er in der Gestalt gar nicht erleben; da pfuscht es ihm sogar herein aus der Menschen welt, und das möchte er nicht. Denn sogar zu dem Irrlicht sagt er, es soll nicht zickzack gehen, sondern gerade, sonst bläst er ihm sein Flackerlicht aus. Es will das Irrlicht, indem es zickzack geht, den Menschen nachmachen; er will aber geradeaus gehen, die Menschen gehen zickzack. So stört ihn auch, daß da nur durch einen abnormen Gang des Lebens — nicht durch Höllenveranstaltung — vier ehrenwerte Mitglieder der menschlichen Gesellschaft in die Blocksbergzone eintreten.
Dann aber geht es schon wieder besser. Zunächst ist die Trödelhexe da, die natürlich auch aus ihrem Leib gefahren ist, mit all ihren Künsten, die so schön angeführt werden:
Kein Kelch, aus dem sich nicht in ganz gesundem Leib
Verzehrend heißes Gift ergossen,
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswürdig Weib
Verführt, kein Schwert, das nicht den Bund gebrochen.
Da fühlt er sich schon wiederum, da ja diese Hexe ganz gewiß «gesalbt» ist, in seinem Elemente, spricht sie als «Frau Muhme» an; aber er sagt:
Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
Geran geschehn! Geschehn getan!
Verleg’ sie sich auf Neuigkeiten!
Nur Neuigkeiten ziehn uns an.
Er möchte etwas haben, das den Faust mehr interessieren kann. Faust aber ist gar nicht so sehr angezogen, fühlt sich nun darinnen in einem sehr niedrigen geistigen Elemente und sagt jetzt — und das bitte ich Sie zu beachten -, sagt jetzt wunderbar:
Daß ich mich nur nicht selbst vergesse!
Daß ich nicht das Bewußtsein verliere! — Also er will nicht die ganze Sache bei herabgedrängtem Bewußtsein, atavistisch etwa erleben, sondern bei vollem Bewußtsein erleben. Aber bei einer solchen Hexenmesse könnte man leicht das Bewußtsein herablähmen, das soll nicht sein. Denken Sie sich, wie weit Goethe geht.
Und jetzt wird darauf hingewiesen, wie das Seelische heraus muß aus dem Leibe, wie auch noch ein Stück Ätherleib herausgeholt werden muß, was während der ganzen Erdenentwickelung sonst nicht geschieht, als wie in einem besonderen Herausfahren, ich möchte sagen, in einer Art Natur-Initiation. Der Ätherleib des Faust ist mitgegangen zum Teil; das wird, weil der Ätherleib - ich habe das öfter erwähnt - des Mannes weiblich ist, als Lilith gesehen. Das führt hinauf in Zeiten, in denen der Mensch überhaupt nicht so konstituiert war. Lilith ist der Sage nach Adams erste Frau und Luzifers Mutter. Also hier sehen wir, wie schon luziferische Künste, die dem Mephistopheles auch zu Hilfe stehen, mitspielen, wie aber doch etwas Niedriges dabei ist. Das ist in der nachfolgenden Rede der Fall, die einer Verführung gleichkommt. Faust fürchtet sich ohnedies schon, daß ihm das Bewußtsein schwinden könnte, und dafür möchte Mephistopheles schon sorgen, daß Faust das Bewußtsein verliert und so recht untertaucht. Er hat ihn nun dazu gebracht, sogar ein Stück Ätherleib herauszuziehen, so daß er die Erscheinung der Lilith haben kann. Er möchte schon, daß es recht weit käme, daher verführt er ihn zu diesem Hexentanz, wo er selber mit der alten Hexe tanzt und Faust mit der jungen Hexe. Und da ergibt sich denn, daß Faust nicht das Bewußtsein verlieren kann. Er kann nicht das Bewußtsein verlieren!
Nun haben wir also von Goethe richtig geschildert eine Szene, die unter Geistern vorgeht. Wenn die Seelen aus dem Leibe sind, können sie es erleben. Goethe konnte es so darstellen. Aber auch andere Seelen können hineinkommen in solche Gesellschaft. Sie bringen nur wiederum ihre irdischen Eigenschaften mit. Goethe wußte wohl, daß in Berlin Nicolai lebte, der sogar ein Freund Lessings war. Dieser Nicolai war einer der fanatischsten Aufklärer seiner Zeit, derjenigen Menschen, die dazumal — ja, wenn es schon einen Monistenbund gegeben hätte, so wären sie ihm beigetreten, wären sogar «Vorstände» im Monistenbund geworden, denn von solcher Sorte waren die Menschen im 18. Jahrhundert! -, die dazumal gegen alles Spirituelle zu Felde zogen. So einer ist der Proktophantasmist — das Wort will ich nicht übersetzen, das können Sie sich im Lexikon nachschlagen -, aber das ist so einer. Also der Nicolai, der hat nicht nur, als Goethe «Die Leiden des jungen Werther» schrieb, «Die Freuden des jungen Werther» geschrieben, um die Goethesche Sentimentalität zu verspotten vom freigeistigen Standpunkte aus, sondern er hat auch, um dadurch, heute würde man sagen, richtig Monist sein zu können, in der Berliner Akademie der Wissenschaften über die Verwerflichkeiten des Aberglaubens der geistigen Welt geschrieben. Und er konnte das! - Er litt an Visionen, sah hinein in die geistige Welt; aber er hatte das ärztliche Gegenmittel, das man schon damals kannte; er ließ sich nämlich an einer gewissen Gegend des Leibes Blutegel setzen. Da vergingen die Visionen. Und daher konnte er in jenem Vortrage der Akademie der Wissenschaften eine materialistische Deutung des Visionären geben; denn er konnte zeigen an seinem eigenen Beispiel, daß man, wenn man sich Blutegel setzen läßt, dann die Visionen vertreibt. Also ist alles nur unter dem Einflusse des Materiellen! Goethe hat da nicht etwa nur so blindlings aus der Luft gegriffen, sondern er hat den Nicolai, Friedrich Nicolai, geboren 1733, Buchhändler und Schriftsteller, gestorben i811, sehr gut gekannt. Und damit kein Zweifel ist, daß er den Nicolai meint, so läßt er den Proktophantasmist noch sagen, nachdem dieser unter die Geister als Geist selber gezogen ist und sie wegdiskutieren wollte, er läßt ihn nach einiger Zeit sagen:
Ihr seid noch immer da! Nein! das ist unerhört.
Sie sollten jetzt schon weg sein, denn er will sie ja wegdiskutieren.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!
Heute würde man sagen: wir haben ja den Monismus verbreitet.
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Nun muß er es doch sehen, denn er kann es ja wirklich sehen; er ist ja einer, der an Visionen leidet, denn solche Menschen sind nun auch geeignet, sich zu vereinigen in der «Walpurgisnacht».
Goethe hat wiederum nicht dilettantisch geschildert, sondern einen Menschen genommen, der durch seine Imaginationen, wenn die Sache gerade günstig abläuft, in der Nacht vom 30. April auf i. Mai eben auch bewußt in die geistige Welt eintreten und den Hexen begegnen kann. Es muß gerade ein solcher sein. Goethe schildert nicht dilettantisch, sondern er verwendet schon Menschen, die durchaus brauchbar sind. Aber sie bleiben in den Neigungen, in den Affinitäten, die sie auf der Welt haben. Daher will er, der Proktophantasmist, auch als Geist die Geister abschaffen; und Goethe macht das sehr deutlich. Denn Friedrich Nicolai selber hat als Nachtrag zu dieser Abhandlung — die Abhandlung über die Blutegelgeistertheorie — einen Geisterspuk auch besprochen, welcher sich zugetragen hat auf dem Gute Wilhelm von Humboldts in Tegel. Wilhelm von Humboldt wohnte in der Nähe von Berlin, in Tegel; Friedrich Nicolai hat sich auch als ein Aufgeklärter über den hergemacht; deshalb läßt Goethe ihn sagen:
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.
Tegel ist ein Vorort von Berlin, da hatten die Humboldts ein Gut; dort ist der Spuk passiert, um den sich Goethe sehr wohl bekümmerte; auch wußte er, daß den der Friedrich Nicolai beschrieben hat, aber als Gegner, als Aufgeklärter.
Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt
Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!
Na, selbst im Hause des aufgeklärten Wilhelm von Humboldt in Tegel spukt’s. Den «Geistesdespotismus» will er nicht leiden, denn die Geister folgen ihm nicht, die sind nicht gehorsam:
Mein Geist kann ihn nicht exerzieren.
Und um vollends hinzuweisen darauf, daß er wirklich in sachgemäßer Weise eine Persönlichkeit nimmt, wie eben den Nicolai, führt er noch die Worte an:
Heut, seh ich, will mir nichts gelingen;
Doch eine Reise nehm’ ich immer mit,
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
Nämlich Nicolai hat damals eine Reise durch Deutschland und die Schweiz gemacht und beschrieben; da hat er alles aufgezeichnet, was ihm so begegnet ist an Merkwürdigem, und da finden sich viele recht gescheite, aufgeklärte Bemerkungen. Besonders hat er sich überall gegen den Aberglauben gewendet, wie er es nannte. Also selbst auf die Schweizer Reise wird angespielt!
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
Die Teufel, weil er gegen die Geister vorgegangen; die Dichter — «Die Freuden des jungen Werther» — gegen Goethe.
Solchen Leuten gegenüber ist schon Mephistopheles im klaren. Deshalb sagt er:
Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen,
Das ist die Art, wie er sich soulagiert,
Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergetzen,
Ist er von Geistern und von Geist kuriert.
Auch ein Hinweis eben auf die Blutegeltheorie des Friedrich Nicolai. Sie können sie in den Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Berlin lesen. 1799 hat Friedrich Nicolai diesen Vortrag gehalten.
Nun aber, nachdem diese Sache abgetan ist, sieht Faust eine sehr gewöhnliche Erscheinung: ein rotes Mäuschen springt aus dem Munde der schönen Hexe. Das ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung und ist ein Beweis dafür, daß Faust voll bewußt geblieben ist; denn, wenn er nicht voll bewußt, sondern nur traumhaft wäre, so würde es bei dem roten Mäuschen bleiben, aber er kann diese zunächst durch sinnliche Triebe hervorgerufene Vision nun in dasjenige verwandeln, was es wirklich für ihn sein soll. Die Szene erstarrt — ich denke, das ist ein großer Eindruck - und das rote Mäuschen wird zum Gretchen. Es bleibt nur der rote Blutstrang um den Hals. Die Imagination hat sich aufgelöst. Faust vermag überzugehen von einer niedrigen Imagination zu dem Sehen der Seele von Gretchen, die durch ihr Unglück nun vor ihm in ihrer wahren Gestalt sichtbar wird.
Sie mögen denken, wie immer Sie wollen, aber die Zusammenhänge in der geistigen Welt sind mannigfaltig, vielleicht auch verwirrend; und das, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe über die Verwandlung einer niedrigen Vision von einem roten Mäuschen in etwas Höheres, Wahrhaftiges, Tiefes, das ist durchaus eine geistige Tatsache. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die ganze Szene von Goethe ursprünglich anders gedacht war; es findet sich eine kleine Skizze, in der die Szene etwas anders dargestellt wird, so, wie Mephistopheles sie dem Faust vorzaubern möchte; aber Faust ist genug bewußt geworden, um sich hier dem Mephistopheles zu entziehen und eine Seele zu sehen, zu der ihn Mephistopheles selber nie geführt hätte; selbst für Mephistopheles bleibt sie die «Medusa», woraus Sie sehen, daß Goethe darauf hindeuten will, wie zwei verschiedene Seelen ein und dieselbe geistige Wirklichkeit in ganz verschiedener Weise deuten können; die eine wahr, die andere in der einen oder andern Richtung falsch. Mephistopheles aus seinen niederen Trieben heraus, welche solche Erscheinungen färben, kommt zu dem frivolen Ausspruch: Jeder sieht eben so etwas wie sein Liebchen. Und jetzt sehen wir auch, daß es sich um ein geistiges Erlebnis des Faust handelt, zu dem er hat kommen müssen. Er ist nicht der rüstige Spaziergänger, sondern er ist derjenige, der ein geistiges Erlebnis durchmacht; und das, was er hier sieht als Gretchen, das ist im Grunde genommen dasjenige, was in ihm lebt, und was das andere nur an die Oberfläche führt.
Nun will Mephisto den Faust ablenken von dem Ganzen, was nun die tiefere geistige Wirklichkeit ist, und führt ihn dann vor etwas - am Schlusse der «Walpurgisnacht» muß das durchaus so angesehen werden -, was Mephisto nur hereinversetzt: nämlich eine Art Theater. Das ist durchaus eine Zauberkunst des Mephistopheles. Aufgeführt wird dasjenige, was folgt: «Der Walpurgisnachtstraum». Aber das Ganze wird in die Blocksbergszene versetzt, weil es so dargestellt werden soll, wie Mephisto eben Faust haben will, und der ganze «Walpurgisnachtstraum», über den ich heute nicht weiter reden will, der wird eigentlich von Mephisto vorgeführt, um Faust in ganz bestimmte Gedankenrichtungen hineinzubringen. Aber eine merkwürdige Art von dichterischer Umschreibung ist da. Erinnern Sie sich, wie Mephisto sagt:
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab’ ich dich schon unbedingt
Im «Walpurgisnachtstraum» ist alles vernünftig; aber Faust soll vorgemacht werden, daß er sich an diesem Vernünftigen nur ergötzen soll. Goethe hat das italienische «dilettare» umgedeutet in das deutsche «dilettieren»; es ist eigentlich «ergötzen». Und Servibilis ist schon von Goethe erfunden als ein Diener des Mephistopheles, der Faust dazu bringen soll, daß er sich an dem Vernünftigen ergötzt, das heißt, daß er es in einer niedrigen, frivolen Weise nehme. Deshalb wird, trotzdem der «Walpurgisnachtstraum» ernst zu nehmen ist, gesagt:
Gleich fängt man wieder an.
Ein neues Stück, das letzte Stück von sieben;
Soviel zu geben ist allhier der Brauch.
Ein Dilettant hat es geschrieben,
Und Dilettanten spielen’s auch.
Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
Mich dilettiert’s den Vorhang aufzuziehn.
Also das ist die Art, wie Mephistopheles jetzt Faust dazu verführen will, daß er das Vernünftige des «Walpurgisnachtstraumes» verachte. Deshalb läßt er es ihm in einer solchen Aura gleichsam vorgesetzt sein. Denn das ist ihm recht, wenn er das Vernünftige hereinschwindeln kann auf den Blocksberg; das findet er gut. Denn nach seiner Ansicht gehört es dahin.
Sie sehen, wir haben es wirklich bei Goethe hier zu tun mit einer Dichtung, die über die niedrigere spirituelle Welt durchaus handelt, und die uns zeigt, daß Goethe beschlagen war in spirituellen Erkenntnissen. Auf der andern Seite kann uns auch das aufmerksam machen, wie sehr es nötig ist, daß die Menschen ein wenig an Geisteswissenschaft herankommen, denn sonst — wie soll man Goethe verstehen? Selbst Goethe liebende, hervorragende Menschen können sonst nur finden, daß dieser Goethe ein so gräßlicher Kerl ist!
Das sagen sie nicht, sie vertuschen es dann. Das gehört auch zu den Lebenslügen!
Er ist ein so gräßlicher Kerl, daß er, nachdem er den Faust das Unglück hat anstellen lassen mit Gretchens Mutter, mit Gretchens Bruder, ihn nach zwei Tagen als Wanderer seelenvergnügt nach dem Blocksberg führt. Aber man muß immer wiederholen: Goethe war schon nicht jener quietschvergnügte Wald- und Wiesen-Goethe, als der er den Menschen bisher erschienen ist, sondern man wird sich bequemen müssen, zu erkennen, daß in ihm etwas ganz anderes noch ist, und daß vieles erst ans Tageslicht kommen muß, was in Goethes Dichtung steckt.