Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 3 January 1917, Dornach

Introduction

anläßlich einer Aufführung des Paradeis-Spiels und des Christ-Geburt-Spiels vor deutschen Internierten aus Basel und Bern

Gestatten Sie, daß ich Sie vor allen Dingen aufs herzlichste begrüße und unsere Befriedigung zum Ausdruck bringe, daß wir Sie heute in unserer Mitte sehen können! Ich bitte Sie, dasjenige, was wir Ihnen werden bieten können, als etwas recht Bescheidenes hinzunehmen. Es soll nicht eine Probe einer vorzüglichen Aufführung oder einer besonderen künstlerischen Leistung sein, sondern, ich möchte sagen, mehr eine historische Darstellung. Und damit die Erwartungen nicht zu hoch gespannt werden, möchte ich nur mit ein paar Worten andeuten, wie es dazu gekommen ist, daß wir gerade diese zwei und einige andere solche Weihnachtspiele, Paradeis-Spiele und dergleichen, in einer etwas indirekten Beziehung mit unserer Sache seit Jahren in einfacher, primitiver Weise zur Aufführung bringen.

Es handelt sich dabei nicht eigentlich um solche Weihnachtspiele und Neujahrspiele, wie man sie sonst auch sehen kann, obwohl selbstverständlich eine Ähnlichkeit vorhanden ist. Ich selbst bin gerade auf diese Weihnachtspiele dadurch verfallen, daß, als ich im Jahre 1879 an die Wiener Technische Hochschule kam, ich dort einen Professor traf, der dann mir sehr intim befreundet wurde: Karl Julius Schröer. Karl Julius Schröer halte ich selbst - er ist längst tot — für einen der bedeutendsten germanistischen Forscher der neueren Zeit, obwohl er, wie es so manchen bedeutenden Menschen geht, gar wenig Anerkennung gefunden hat. Er war zuerst Professor an der Universität in Budapest, dann war er lange an dem deutschen Lyzeum in Preßburg, also einer Stadt auf dem Weg von Wien nach Budapest. Und nachdem zuerst der germanistische Forscher Weinhold begonnen hatte, die vorhandenen Reste alter Weihnacht- und Neujahrspiele aufzuzeichnen, wurde Karl Julius Schröer in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Preßburg aus aufmerksam auf besondere Darstellungen von Weihnacht- und Neujahrspielen, Paradeis-Spielen, welche in der Nähe von Preßburg unter den dortigen Bauern stattfanden.

Diese Weihnachtspiele hängen natürlich zusammen mit den sonst gesammelten Weihnachtspielen und Neujahrspielen in deutschen Gegenden. Sie sind aber, ich möchte sagen, um einen Grad echter, gerade die von Schröer gesammelten aus der Oberuferer Gegend - von Preßburg zu Fuß in einer halben Stunde zu erreichen, wo eine deutsche Enklave ist —, so daß man ein historisches Dokument an ihnen hat. Sie sind echter als diejenigen in den anderen Gegenden. Erhalten haben sie sich in der Weise, daß einfach die Bauern, die man für geeignet befunden hat, von einem ihrer Ältesten im Herbst, wenn nicht mehr Feldarbeiten zu verrichten waren, zusammenberufen wurden. Und nun wurden diese Weihnachtspiele, die traditionell aufbewahrt worden sind, einstudiert. Sie wurden, ich möchte sagen, in einer wirklich schönen, feierlichen Weise einstudiert, nicht so als irgend etwas bloß Künstlerisches, das man leisten wollte, sondern das hing zusammen mit der ganzen herzlichen Entfaltung der Leute. Man sieht dies schon daraus, daß diejenigen Bauern, die an dem Spiel teilnehmen durften, also die mitspielen sollten, in den Wochen, in denen die Proben stattfanden und in denen sie auswendig lernen sollten, sich wirklich auch moralisch dazu vorbereiteten. Sie sollten moralisch würdig sein, aufzutreten in diesen Stücken.

Es sind vier Bedingungen gewesen, die der Älteste, welcher jene Manuskripte hatte, die von Generation zu Generation fortgepflanzt wurden, mitteilte. Diejenigen also, die diese Dinge lernen durften, mußten vier Bedingungen erfüllen. Die erste war: sie durften in der Zeit, in der sie lernen und sich auf die Aufführungen vorbereiten sollten, nicht zu einem Dirndl gehen; zweitens durften sie keine Schelmenlieder singen, das ist ausdrücklich als eine Art Katechismus ihnen dargelegt worden; drittens durften sie sich nicht berauschen, überhaupt keine Ausgelassenheiten begehen, wie sie selbstverständlich sonst in diesen Gegenden gang und gäbe waren an den Sonntagen; und viertens mußten sie brav gehorchen dem, der der Älteste war und der sie diese Sachen lehrte, der sie mit ihnen einstudierte und so weiter. Wenn sie nun als würdig befunden waren, wurde ihnen eine Abschrift gereicht, und diese durften sie dann behalten. Im nächsten Jahre mußten diejenigen, welche weiter dazu bestimmt waren, diese Sachen abschreiben lassen. So ist es gar nicht so leicht für Schröer gewesen, als er erfahren hatte, daß da draußen auf dem Lande solche Sachen aufgeführt werden, sie richtig zu erhalten. Denn die Dinge waren von Jahr zu Jahr abgeschrieben worden. Ein Weihnachtspiel war im Jahre 1809 bei einer Überschwemmung sogar sehr korrumpiert worden; und es war außerdem sehr schwer, sie zu lesen, es fehlten in verschiedenen Manuskripten verschiedene Stelle. Aber sie lebten so in diesem Volk darinnen, daß zum Beispiel Schröer, als er diese Aufstellungen machte, aus gewissen Zusammenhängen merkte: Da muß etwas fehlen. - Da ließ er solch einen Mann kommen, der den Unterricht gegeben hatte und sagte: Denken Sie einmal nach, ob da etwas fehlt. — Ja, ja, sagte der, und konnte dann manchmal seitenlang ganze Strophen wiederum rezitieren, die ausgefallen waren, seit Jahren vergessen worden waren.

So, nicht wahr, wurden diese Dinge einstudiert. Und wie gesagt, in den vier Wochen vor Weihnachten bis zum Dreikönigstag wurden sie unter den Bauern aufgeführt. Und wir möchten Ihnen eine Art historische Erinnerung: damit geben. Während die Weihnachtspiel-Aufführungen etwa bis ins 11. Jahrhundert zurück nachweisbar sind, sind sie doch eben in der Gestalt vorhanden geblieben, in der sie gelebt hatten im 16., 17. Jahrhundert. Und konservativ ist man geblieben. Von Jahr zu Jahr wurde in der selben Gestalt aufgeführt. Es wurde dann so aufgeführt, daß die Bauern in den verschiedenen Ortschaften herumgingen; keine andere Musik durfte gehört werden. Einmal hat es Schröer selber gesehen, daß die Bauern in einem Dorfe, wo sie hingingen und die Spiele vorführen wollten, mit Musik empfangen wurden. Da waren sie sehr beleidigt, denn sie sagten, sie seien doch keine Komödianten. Sie führten das wirklich auf, ich möchte sagen, wie eine Art Gottesdienst.

In dieser einfachen, primitiven Weise, wie es bei den Bauern gemacht wurde, wollten wir es eigentlich aufführen, Aber Verschiedenes können wir nicht machen. Die Bauern gingen im Dorfe herum; es wurden die Sachen einfach in einem gewöhnlichen Wirtshaus aufgeführt. Und noch manches, was so drum und dran hängt, können wir nicht in der gleichen Weise tun. Der Teufel zum Beispiel zog sich immer viel früher an, zog mit einem Kuhhorn durchs Dorf, pustete in die Fenster hinein und erklärte den Leuten, sie müßten nun kommen. Wenn er irgendeinen Wagen fand, sprang er hinauf, zog die Leute herunter und nahm sie mit zur Aufführung. Und so zogen die Leute von Dorf zu Dorf und führten im Dialekte diese Dinge auf, in einem österreichischen Dialekt, ziemlich ähnlich dem bayrischen, also einem süddeutschen Dialekt, der in jenen Gegenden bei Preßburg heimisch ist.

Von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie, diese aus früheren Jahrhunderten bewahrten Dinge aufzunehmen, so anspruchslos, wie sie eben gemeint sind.

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