Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 24 August 1915, Dornach
Siebte Stunde
In dieser Stunde gab Rudolf Steiner die Dichtung der «Zwörf Stimmungen» als weiteres, urbildliches Beispiel für die Darstellung eines Makrokosmischen auf mehreren Kreisen. «Auch dieser Tag», schrieb Lory Maier-Smits in die DruckJahnen, «begann damit, dass Dr. Steiner das ganze Gedicht auf unvergessliche Weise vorlas.» Alice Fels erzählt: «Rudolf Steiner las zum ersten Mal diese Dichtung im weißen Saal des Goetheanum vor, beginnend mit zartestem Piano und sich steigernd bis zur Strophe des Löwen.» Um die «Zwölf Stimmungen» einstudieren und aujführen zu können, wurden 15 Menschen zu den bisherigen aktiven Teilnehmern (Elisabeth Dolfus, Tatiana Kisselelf, Lory Smits, Erna Wolfram) hinzugebeten, die dann auch an den weiteren Stunden teilnahmen. Es waren dies Ilse Aisenpreis, Assja Bugae]f-Turgeniejf, Luna Drexler, Ela Dziubanjuk, Alice Fels, Frl. Freytag, Hilde Hamburger-Boos, Alexandrine Knottenbelt, die Zwillinge Else und Kamma Low, Nina Mordowin-Bogojawlensky, Frl. Müller, Natalie Pozzo, Edith Röhrle und Margarita Woloschin. «Bei der ersten Anlage dieser Dichtung», so Alice Fels, «beherrschten damals nur die fünf ersten Eurythmisten die Konsonanten für die Tierkreisstrophen. Rudolf Steiner antwortete auf meine Frage: dann sollen die anderen eben Vokale machen.»
Die «Zwölf Stimmungen» wurden in den folgenden Jahren mehrmals in Dornach aufgeführt, zu Lebzeiten Rudolf Steiners zuletzt bei der vorläufigen Eröjfnung des Ersten Goetheanum am 26. September 1920. Die Farben und Laute zu den Planeten und Tierkreiszeichen wurden 1917 und 1918 gegeben (siehe S. 467, 469), die Planeten- und Tierkreisgebärden aber erst im Juli 1924 beim Lauteurythmiekurs, obwohl sie schon seit 1914 existierten (siehe S. 192197).
Die «Zwölf Stimmungen» als Beispiel für eine Darstellung auf Kreisen
Sowohl Marie Steiner als auch Mieta Waller schrieben Bemerkungen neben einige der Strophen oder Zeilen, die im Folgenden vermerkt werden. Wenn sich die Bemerkung nur bei Mieta Waller findet, wird dies durch [MW:] angezeigt, wenn nur bei Marie Steiner durch [MSi:]. Wenn keine der beiden abgekürzten Namen da steht, findet sich die Bemerkung in beiden Aufzeichnungen. - Zudem sind im Folgenden die Änderungen vermerkt, die der Text der «Zwölf Stimmungen» im Erstdruck 1916 (in: Rudolf Steiner: Drei Gedichte, Berlin 1916) erfuhr; die Druckfahnen mit den Korrekturen Rudolf Steiners liegen im Rudolf Steiner Archiv vor (Standort: RSA 067). Die Zeichensetzung folgt durchgehend der Fassung 1916.
Rudolf Steiner: «Zwölf Stimmungen» Widder
Erstehe, o Lichtesschein, [Sonne]
Erfasse das Werdewesen, [Venus]
Ergreife das Kräfteweben, [Merkur]
Estrahle dich seinerweckend [Mars] [1916: Seinerweckend]
Am Widerstand gewinne, [Jupiter]
Im Zeitenstrom verrinne (Saturn] [1916: zerrinne]
O Lichtesschein, verbleibe! [Mond] Stier
Erhelle dich, Wesensglanz,
Erfühle die Werdekraft
Verwebe den Lebensfaden
In wesendes Weltensein,
In sinniges Offenbaren,
In leuchtendes Seingewahren. [1916: Seins-Gewahren]
O Wesensglanz, erscheine! Zwillinge
Erschließe dich, Sonnesein,
Bewege den Ruhetrieb,
Umschließe die Strebelust
Zu mächtigem Lebenswalten [1916: Lebewalten]
Zu seligem Weltbegreifen
Zu fruchtendem Werdereifen,
O Sonnesein, verharre! Krebs
Du ruhender Leuchteglanz,
Erzeuge Lebenswärme,
Erwarme Seelenleben [1916: Erwärme]
Zu kräftigem Sich Bewähren, [1916: sich]
Zu geistigem Sich Durchdringen, [1916: sich]
In ruhigem Lichterbringen
Du Leuchteglanz, erstarke! Löwe
Durchströme mit Sinngewalt
Gewordenes Weltensein,
Erfühlende Wesenschaft
Zu wollendem Seinentschluss
In strömendem Lebensschein, [MW] Nachmittags-Stimmung
In waltender Werdepein,
Mit Sinngewalt erstehe! Jungfrau
Die Welten erschaue Seele!
Die Seele ergreife Welten,
er Geist erlasse Wesen,
Aus Lebensgewalten wirke,
Im Willenserleben baue, [Jupiter gelassen mächtig]
Dem Weltenerblühn vertraue. [1916: Weltenerblüh’n]
O Seele, erkenne die Wesen! Waage [MW:] Geichgewicht
Die Welten erhalten Welten,
In Wesen erlebt sich Wesen,
Im Sein umschließt sich Sein.
Und Wesen erwirket Wesen
Zu werdendem Tatergießen,
In ruhendem Weltgenießen. [1916: Im ruhenden] [MSt:] Saturn: der die Mächtigkeit beharren macht. [MW] Saturn der macht es zur Dauer
O Welten, traget Welten! Skorpion [MSt:] der alles abdämpft und zum Ersterben führt [MW:] der alles abdämpft und dem Absterben entgegenbringt
Das Sein es verzehrt das Wesen,
Im Wesen doch hält sich Sein.
Im Wirken entschwindet Werden,
Im Werden verharret Wirken.
Im strafenden Weltenwalten, [1916: In strafendem] Jupiter: waltende Gerechtigkeit
Im ahndenden Sichgestalten. [1916: In ahndendem Sich Gestalten] [MSt:] Karmisches Sich-Erfüllen // [MW:] Karma
Im Wesen erhält sich Wesen. [1916: Das Wesen erhält die Wesen.] [MSt:] Antwortet Mond der Sonne Schütze Das Werden erreicht die Seinsgewalt,
Im Seienden erstirbt die Werdemacht,
Erreichtes beschließt die Strebelust
In waltender Lebenswillenskraft.
Im Sterben erreift das Weltenwalten,
Gestalten verschwinden in Gestalten.
Das Seiende fühle das Seiende! Steinbock
Das Künftige ruhe auf Vergangenem,
Vergangenes erfühle Künftiges
Zu kraftendem Gegenwartssein. [1916: Zu kräftigem Gegenwartsein.]
Im Innern Lebenswiderstand (1916: inneren] [MSt:] Selbst in diesem Druck ist der Mars noch
Erstarke die Weltenwesenskraft [1916: Weltenwesenwacht,]
Erblühe die Lebenswirkensmacht.
Vergangenes ertrage Künftiges! Wassermann [MSt:] das Verfließend Schöpferische // [MW] Verfließendes schöpfend
Begrenztes sich opfere Grenzenlosem.
Was Grenzen vermisst, es gründe
In Tiefen sich selber Grenzen;
Es hebe im Strome sich,
Als Welle verfließend sich haltend,
Im Werden zum Sein sich gestaltend
Begrenze dich, o Grenzenloses! Fische [ersterbendes Werden]
Im Verlorenen finde sich Verlust,
Im Gewinn verliere sich Gewinn,
Im Ergriffenen suche sich das Greifen [1916: Begriffenen]
Und erhalte sich im Erhalten. [MSt:] Mars kräftig
Durch Werden zum Seinerhoben [Jupiter mächtig]
Durch Sein so dem Werden verwoben.[1916: zu dem Werden] [MSt:] Saturn zur Dauer machen
Der Verlust sei Gewinn in sich! [1916: Gewinn für sich!] [MSt:] Saturn in Egoismus abschließen // [MW:] Mond, der alles zum innersten Egoismus abschließt
Gewisse zwölfstrophige Gedichte kann man nun so ausführen, dass durch zwölf Personen ein Tierkreis gebildet wird, darin sieben Planeten (= 19 Personen).
Vorhergehen kann diesem Tanz ein Auftakt. Geeignet ist der ätherische Wellenlauf.
Auftritt
Alle Planeten treten von links auf vom Zuschauer aus betrachtet]. Widder, Stier, Zwilling, Krebs, [Wassermann, Fische] treten auch von links auf. - Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock treten von rechts auf.

Es treten auf:
1. Mond
2. Saturn und Widder und Waage
3. Jupiter und Stier und Jungfrau
4. Mars und Zwilling und Löwe
5. Sonne und Krebs und Steinbock
6. Venus und Fische und Skorpion
7. Merkur und Wassermann und Schütze
Das Abgehen geschieht umgekehrt. Wer zuerst hereingekommen ist, geht zuletzt heraus. Also:
- Merkur und Wassermann und Schütze etc.
Erläuterungen zur Ausführung
Auf dem äußern Kreis stehen die zwölf Tierkreiszeichen, im Mittelpunkt der Mond; und die fünf Planeten und Sonne bewegen sich im Kreise von einem Bild in das andere.
Dann wird in jedem Sternbild eine Strophe getanzt. Es fängt an die Sonne im Zeichen des Widder. Das betreffende Sternbild tanzt stehend die sieben Zeilen alle, während die Planeten in folgender Reihenfolge ihre Zeile tanzen: Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Mond; jeder tanzt eine Zeile. Wenn die Sonne ihre Zeile fertig hat, beschreibt sie einen Kreis um den Mond und zieht dann mit den übrigen Planeten zum nächsten Bild. Die Sonne muss aber jede der zwölf Strophen durch den ganzen Kreis gehen, ihre Schlussgebärde halten und dann zum Schluss alle Planeten in das nächste Sternbild mitnehmen.
Dann schreiten sie um ein Sternbild weiter (Höhepunkt: Löwe-Jungfrau). Die Planeten, wenn möglich auch die Tierkreisbilder, halten ihre Schlussgebärde, verbleiben während ihrer Pausen in der letzten Stellung.
Jupiter, Saturn: Um den Reim zu betonen, in der gleichen Stellung. Bei Jupiter und Saturn die Gebärden halten, der Reim verstärkt.
Weitere Gesichtspunkte
19 = 12 + 7. Zahl der wirklichen Buchstaben.
Alle Dichtung ist daraus entstanden und muss so aufgebaut werden. Jedes Gedicht, wo zum Ausdruck kommt die Entstehung und der Verlauf, kann so gemacht werden wie dieser Planetentanz.
Außerdem gehört die kleine Tafelzeichnung hierher, aus der man sieht, dass der Tageslauf gemeint ist:
Ja, er gab auch an, wie man empfinden müsse beim Widder den Morgen, bei Krebs den Höhepunkt des Tages.
Was ich ganz genau weiß, sind nur die Angaben, die er 1915 machte. Und das ist eben: Widder = Sonnenaufgang; Krebs = 12 Uhr mittags, und Löwe =3 Uhr nachmittags. Aber Sonnenaufgang z.B. ist ja doch sehr verschieden [im Laufe des Jahres], und so habe ich eigentlich nie versucht, eine ganz regelmäßige Einteilung zu finden. Warum ich diese von Dr. angegebenen Zeitangaben immer so betone, ist nur, weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, dass man nur von «Monatssprüchen» spricht.
Vielleicht müsstest Du betonen, dass 1915 noch keine Laute zu den Tierkreisbildern und Planeten gegeben wurden und eben auch noch nicht die Stellungen.
Das Ideal eines solchen Gedichts [ist] so, dass, wenn Sie mitten in der Nacht aufwachen [und man Ihnen] eine Zeile vorliest, muss man gleich wissen: Jupiter in Widder.
[Ob die folgende Angabe Annemarie Dubachs zum Lantieren der Strophen dass die Planeten die Vokale eurythmisieren, die Tierkreiszeichen die Konsonanten -schon damals gegeben wurde oder erst später entstand, ist nicht bekannt.]
Die erste Zeile jeder Strophe [...] wird von der Darstellerin der Sonne [...] vokalisiert. [...] Während der 1. Strophe eurythmisierte der «Widder» [...] alle Konsonanten des Textes; jetzt [Stier-Strophe] konsonantisiert der «Stier» [...]; während der 3. Strophe «Zwillinge» [...].
Notizblätter Rudolf Steiners zu den «Zwölf Stimmungen»
Erstehe o Lichtesschein / Erfasse das Werdewesen / Ergreife das Kräfteweben / Erstrahle dich seinerweckend / Vom Widerstand gewinne / Im Zeitenstrom verrinne / O Lichtesschein verbleibe—
Erhelle dich Wesensglanz / Erfühle die Werdekraft / Verwebe den Lebensfaden / In wesendes Weltensein / In sinniges Offenbaren / In leuchtendes Seingewahren / O Wesensglanz erscheine.
Erschließe dich Sonnesein / Bewege den Ruhetrieb / Umschließe die Strebelust / Zu mächtigem Lebewalten / Zu seligem Weltbegreifen / Zu fruchten dem Werdestromreifen / O Sonnesein verharre.
Du ruhender Leuchteglanz / Erzeuge Lebenswärme / Erwarme Seelenleben / Zu kräftigem Sich Bewähren / Zu geistigem Sich Durchbedringen / In ruhigem Welt Lichterbringen / Du Leuchteglanz erstarke.
Durchströme mit Sinngewalt / Gewordenes Weltensein / Erfühlende Wesenschaft / Zu wollendem Seinentschluss / In strömendem Lebensschein / In waltender Werdepein / Mit Sinngewalt erstehe.
Die Welten erschaue Seele / Das Fremde / Die Seele ergreife Welten / Der Geist erfasse Wesen / Aus Lebens Gewalten wirke / Von Im Willens Erleben Kühnhe baue / Dem Welten Ersehlie Sem entsehlies Erblüh’n vertraue / O Seele erkenne die Wesen.
Die Welten erhalten Welten / Zu In Wesen erlebt sich Wesen / Im Sein umschließt sich Sein / Und Wesen erwirket Wesen / Zu werdendem Thatergießen, / In ruhendem Weltgenießen / O Welten traget Welten.
Das Sein, es verzehrt das Wesen / Im Wesen doch erhält sich Sein / Er gründet / Im Wirken entschwindet Werden / Im Werden verharret Wirken / In strafendem Weltenwalten / Im ahndenden Sichgestalten / Das Wesen erhält die Wesen.
Das Werden erreicht des sich die Seins Gewalt / Im Seienden erstirbt die Werdemacht / Erreichtes beschließt die Strebelust / In waltende Lebenswellwillenskraft / Im Sterben erreift Geburten das Weltenwalten / Versehwindend / Gestalten verschwinden in Gestalten. / Das Seins G Seiende fühle das Seiende.
Das Künftige ruhe auf Vergangnem / Vergangnes erfühle Künftiges / Zu ruhendem kraftendem Gegenwartslebensein; / Im innerem Wid Lebenswiderstand / Erstarke das Weserhafte die Weltenwesenkraft / Erblühe das die Lebenswirkensmacht / Vergangnes ertrage Künftiges
Begrenztes sich oft opfere Grenzenlosem / Das Was Grenzen vermisst es gründe / In Tiefen sich selber Grenzen / Es fließe halte hebe im Strome sich / Als Welle verfließend sich haltend / Im Werden zum Wesen Sein sich gestaltend / Die Grenzen sie / G O Grenze / Verharre Begrenze dich, o Grenzenloses.
Im Verlorenen finde sich Verlust / Im Gewinn / Gewonnenem / Im Gewinn verliere sich Gewinn / Im Ergriffenen suche sich das Greifen / Und erhalte sich im Erhalten / Durch Werden zum Sein erhoben / Durch Sein so dem Werden verwoben / Der Verlust sei Gewinn in sich.