Sechster Vortrag

GA 277a — 15 September 1915, Dornach

Episodische Betrachtung über den Begriff der Liebe in seinem Verhältnis zum Begriff der Mystik

Meine lieben Freunde! Ich möchte heute noch einiges weitere ausführen zu dem Thema, das ja in den Betrachtungen dieser Tage von mir angeschlagen worden ist. Heute möchte ich ausgehen von der Frage: Wie alt ist eigentlich die Liebe?

Meine lieben Freunde, ich zweifle nicht daran, daß wohl die weitaus meisten Menschen aus einer gewissen oberflächlichen Anschauung der Dinge sogleich antworten werden: Die Liebe ist so alt wie die Menschheit. - Aber wer gewohnt ist, aus der Kulturgeschichte heraus zu sprechen, die er als mit geistigen Impulsen durchdrungen erkennt, der wird Ihnen eine andere Antwort auf diese Frage geben, weil er sich bemüht, die Dinge konkret und nicht in allgemeinen verschwommenen Begriffen ins Auge zu fassen. Die Liebe, meine lieben Freunde, ist höchstens 700 Jahre alt! Lesen Sie die ganze alte römische, die griechische Literatur und Dichtung, und Sie werden nirgends dasjenige finden, was man in der jetzigen Zeit mit dem Begriff der Liebe verbindet. Und wenn Sie Plutarch lesen, so werden Sie die beiden Begriffe Venus und Amor in sehr charakteristischer Weise deutlich voneinander unterschieden finden. Die Art und Weise, wie die Liebe in der Dichtung, namentlich in der Lyrik figuriert, wie sie den Mittelpunkt von soundso vielen lyrischen Ergüssen bildet, ist nicht älter als etwa 600 bis 700 Jahre. Das heißt, der Begriff von Liebe, mit der Bedeutung, wie sie heute dem Menschen gilt, wie man sie ihm heute beibringt, figuriert in den Gemütern der Menschen erst seit 6 bis 7 Jahrhunderten. Früher hat man nicht auch nicht in annähernd ähnlicher Weise - von diesem Begriff der Liebe gesprochen.

Das darf Sie nicht verwundern, nicht einmal theoretisch, nicht einmal erkenntnistheoretisch. Denn der Einwand, daß die Menschen ja immer Liebe geübt haben, der gilt nicht. Das ist genau so, wie wenn man sagen würde, wenn die kopernikanische Weltanschauung richtig ist, daß die Erde sich um die Sonne bewegt, so hat sie sich so doch auch schon während der lateinischen, griechischen, ägyptischen Zeit, ja solange die Erde steht, bewegt. - Ja, gewiß, aber gesprochen haben die Leute nicht von der kopernikanischen Weltanschauung. Der Einwand gilt also nicht, daß dasjenige, was im Liebe-Begriff ausgedrückt ist, schon früher, bevor der Liebe-Begriff selber da war, bestanden hat. Es bildeten eben die Erscheinungen, die Tatsachen der Liebe einen Komplex von Lebenstatsachen, aber man sprach darüber nicht. Aber in den vergangenen 600 bis 700 Jahren hat man es darin weit gebracht. Man hat es nicht nur dazu gebracht, daß die Liebe für viele heute als der Mittelpunkt alles Lebens gilt ich meine jetzt in der Weltanschauung -, sondern man hat es sogar dazu gebracht, daß es heute eine wissenschaftliche Theorie, die psychoanalytische gibt, die, wie ich Ihnen gezeigt habe, ganz und gar in den ordinärsten Liebesbegriffen «plätschert». Das ist der Gang der Entwickelung, gegen den wir uns, meine lieben Freunde, aufzulehnen haben, den wir in etwas anderes zu wandeln haben dadurch, daß wir die geisteswissenschaftliche Weltanschauung pflegen.

Ich würde mich eigentlich wundern, wenn viele oder alle unter Ihnen wirklich verwundert wären über den Ausspruch, daß der Begriff der Liebe erst 600 bis 700 Jahre alt ist, denn manche von Ihnen könnten wissen, daß ich auch in früheren Vorträgen dieselben Dinge ausgesprochen und ganz historisch charakterisiert habe.

Nun, jenes Naherücken des Begriffes der Liebe an alle möglichen Weltanschauungsbegriffe, wie das so abstoßend in der psychoanalytischen Weltanschauung hervortritt, das hat sich eben im Laufe der letzten Jahrhunderte langsam und allmählich herangebildet, und wir würden lange zu tun haben, um diesen Dingen so recht auf den Grund zu kommen. Aber durch einige Betrachtungen, die ich einmal wie episodisch, wie aphoristisch anstellen werde, möchte ich Ihnen doch auf den Weg verhelfen.

Nehmen Sie zum Beispiel einen Geist der heutigen Zeit, der so ganz in den Kulturbegriffen der heutigen Zeit darinnensteckt, davon ganz durchtränkt ist, der mit anderen Worten über die vermeintliche Erkenntnis nicht hinwegkommt, daß das äußere, das sinnlich-physisch Reale doch das Einzige ist, wovon man vernünftigerweise sprechen kann. Ich habe Ihnen einen sehr ehrlichen Typus dieser Leute schon vorgeführt in Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache und Verfasser eines philosophischen Wörterbuches.

Sehen Sie, ein solcher Mensch ist in einer eigentümlichen Lage. Fritz Mauthner ist Kritiker der Sprache; er weiß daher, daß es wenigstens das Wort «Mystik» in der Menschheitsentwickelung immer gegeben hat. Und da er Kritiker der Sprache ist, will er eine Antwort haben auf die Frage: Was steckt denn eigentlich hinter diesem Wort «Mystik», hinter den mystischen Bestrebungen?

Nun bedenken Sie einmal, meine lieben Freunde, wie wir uns durch eine reiche Literatur hindurch bemühen müssen, um dahinter zu kommen, wie jene Beziehung der menschlichen Seele zu den überirdischen Welten ist, die verdient, mit dem Wort «Mystik» charakterisiert zu werden. Bedenken Sie, wie ernst und würdig wir es mit solchen Auseinandersetzungen nehmen müssen, wie die sind in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», um Einsicht zu bekommen, wie die Seele sich stimmen muß, um den höheren Welten so gegenüberzustehen, daß man sagen kann: Die betreffende Seele ist die eines Mystikers, eines Menschen, der seine Vereinigung gefunden hat mit dem, was geistig die höheren Welten durchpulst und durchwellt. Also das muß man sich erst verschaffen, in das muß man sich erst hineinleben. Und eigentlich kann heute nur jemand wissen, was Mystik im Sinne der Gegenwart ist, der wirklich solche Erwägungen angestellt hat, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgesprochen sind, also der dieses Buch wenigstens mit Aufmerksamkeit einige Male durchstudiert hat.

Wenn nun ein Mann wie Fritz Mauthner solch ein Buch wie «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» in die Hand bekommt, so ist es für ihn selbstverständlich der barste Unsinn, denn er kann ja darin nichts lesen als Worte. Und er hat recht - er ist ja ehrlich -, wenn er Swedenborg gelesen hat und sagt: Der Swedenborg redet von Marsbewohnern, die ihre inneren Impulse verbergen können - ich kann davon gar nichts verstehen. - Ebenso könnte er auch sagen: Wahrhaftig, wenn ich ein solches Buch lese wie «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so ist da für mich darin aber auch gar nichts zu finden; es könnte sein, daß Engel es verstehen könnten, aber ich kann es nicht verstehen. - So kann man urteilen, und ich bin überzeugt, daß Fritz Mauthner dieses Urteil als ehrlicher Mann fällen könnte. Man muß einsehen, daß er ehrlicherweise, wenn er bei der Wahrheit bleibt, ein solches Urteil schließlich fällen muß, denn für ihn entfällt der Begriff der Mystik ganz und gar; für ihn ist nichts dahinter. Was in der «Theosophie» oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgeführt ist, das ist für ihn alles nur Worte, Worte, Worte. Und wenn er auf seine Art ein faustisches Streben hat, so sagt er: Ich suche alle Wirkenskraft und Samen in der physischen äußeren Welt und will nicht in Worten kramen. - In seiner Art ist das ganz richtig.

Aber nun ist er nicht nur ehrlich, sondern auch gründlich, und so sagt er sich: Sollten die Menschen wirklich niemals in ihrer Seele so etwas gehabt haben wie Mystik? Sie haben doch immer von Mystik gesprochen. Also was ist denn in der Seele des Menschen, was ihn dazu verführt hat, von Mystik zu sprechen?

Sehen Sie, ich habe einmal als ganz junger Mann einen Theologen gekannt - er ist jetzt schon tot -, der war ein hervorragender Theologe und auch ein philosophisch ganz durchgebildeter Mensch, der hat mit vollem Recht gesagt: Eigentlich ist hinter jedem Irrtum auch etwas Reales oder Wahres, was man suchen muß, und kein Spleen ist so groß, daß man nicht das Reale, das hinter ihm eben steht, suchen müßte. - Nun, in diesem Sinne sagt sich auch Fritz Mauthner: Es muß in der Mystik doch etwas stecken. Das heißt, Fritz Mauthner muß sich sagen, wenn so vertrackte Kerle heute noch da sind, die Bücher schreiben wie «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und von einer mystischen Beziehung des Menschen zu den geistigen Welten reden, so ist das natürlich der bare Unsinn; aber es muß doch in der Menschennatur etwas leben, was solche Gefühle hervorbringt, die diese vertrackten närrischen Mystiker eben ihre Mystik nennen. Es muß so etwas geben. Wenn man versucht, darauf zu kommen, wo Fritz Mauthner eigentlich das findet, was der Mystik zugrunde liegt, so ergibt sich wahrhaftig nicht viel mehr als höchstens, daß man über seinen Artikel «Mystik», wenn man ihn durchgelesen hat, sich zuletzt sagt: «Der Zopf, der hängt ihm hinten». Wenn man diesen Artikel nimmt, so findet man darin wirklich nichts anderes, als daß sich alles in Worte und Worterklärungen herumdreht. Weil ich aber dahinterkommen wollte, wo denn Fritz Mauthner in seiner Art hinter das Reale dieser Mystik zu kommen sucht, so habe ich versucht, in seinem Wörterbuch nachzuschlagen, wo man bei ihm das finden könnte... [Lücke im Stenogramm].

Und da habe ich denn nicht nur den Artikel «Mystik» aufgeschlagen, sondern auch den Artikel «Liebe». Und ich finde eigentlich, daß dieser Artikel «Liebe» noch zu den am allerbesten geschriebenen gehört, denn er ist eigentlich ganz nett. Er stellt zuerst auch die Worterklärungen, die Definitionen der Liebe bei Spinoza, die kurze grobe Definition der Liebe bei Schopenhauer zusammen und erklärt dann auch, daß man unterscheiden müsse zwischen der wirklichen, seelisch gemeinten Liebe und der bloßen Erotik, dem Physischen, des in der Sexualität Beschlossenen. Also das alles läßt Mauthner gelten, und er schwingt sich sogar sehr schön zu Folgendem auf:

«Ich glaube, die einseitigen Denkgenies haben wohl für das pathologische Liebesgefühl, für den höchsten Grad der Liebe selten oder nie Verständnis gehabt, haben keine eigenen Erfahrungen gesammelt und sich nur bemüht, die Beschreibungen der Dichter begrifflich zu ordnen.»

Also er sagt: die Philosophen, die werden nicht viel von Liebe gewußt haben, die haben ja bei den Dichtern nachgeschaut.

«Ich glaube, der höchste Grad des Liebesgefühls ist nur vom Künstler (etwa seit Petrarca) erfahren und beschrieben worden, ging durch die Macht der Nachahmung oder der Mode in die Vorstellungen der Gemeinsprache über, beherrscht in der Poesie sechs Jahrhunderte lang die Phantasie der Leser und ist gerade jetzt im Begriffe, von einer anderen Mode abgelöst zu werden. Der höchste Grad des Liebesgefühls ist eine ebensolche Rarität wie eine große Kunstschöpfung und wie die religiöse Vereinigung mit Gott, die Franziskus erlebt haben mag; dennoch schwätzt alle Welt von Religion, von Kunst und von Liebe. Was man so nennt, ist nur ein Surrogat für ein Gefühl, das von einer Million von Schwätzern kaum einer erlebt hat.»

Na, schön!

«Der höchste Grad der Liebe, dessen Existenz ich also nicht leugne, hat wirklich etwas von einem Wunder an sich, man hat ja auch die Wunder als pathologische Erscheinungen erklären wollen. Ereignet sich der allerseltenste Fall, daß beide Geschlechtspartner den stärksten Grad der Liebe fühlen, so vollzieht sich gegen alle Naturgesetze das Wunder, daß Eines das Andere hebt, daß beide über der Erde schweben. Das dos uoi nov orw des Archimedes ist oder scheint aufgehoben. Ob Glück oder Tod, die Sehnsucht der Mystik ist erfüllt.»

Da haben Sie es! Es gibt also für einen Menschen wie Mauthner, der ganz und gar auf dem Boden unserer modernen Weltanschauung steht, nur das Liebesgefühl als einzige Möglichkeit, wo der Mensch doch solche Gefühle haben kann, die der vertrackte Mystiker in seinem Verhältnis zum Geistigen findet. Die sind nur im Liebesgefühl vorhanden. Denn das ist wirklich ein ehrlicher Satz eines solchen Menschen, der alle Beziehung zur geistigen Welt verloren hat: «Ob Glück oder Tod, die Sehnsucht der Mystik ist erfüllt.»

Dann sagt Mauthner weiter:

«Ich habe bei dieser kleinen Untersuchung die vielen anderen Bedeutungen des Wortes Liebe absichtlich übersehen. Jetzt muß ich aber doch darauf hinweisen, daß auch die Mystik ihre Vereinigung mit Gott wie den brünstigsten und geistigsten Liebesgenuß empfindet, und daß namentlich Spinoza seine erste Liebesdefinition (im 3. Buche der Ethik und dann im 5. Buche) dazu benützt, den amor Dei, den amor erga Deum als die höchste Seligkeit des Menschen zu verkünden. Das Wesen der Mystik, die Sehnsucht, das Unaussprechliche auszusprechen, hat zu einem solchen Mißbrauch des Liebesbegriffes geführt, aber nicht nur in Spinozas pantheistischer Verstiegenheit, auch in Schopenhauers metaphysischen Zynismen steckt etwas von dieser bildhaften Mystik, die auch Cousin meinte mit seinen Worten: Wir lieben das Unendliche und bilden uns ein, die endlichen Dinge zu lieben. Durch alle Grade der sogenannten Liebe geht das wohlbekannte Gefühl, in welchem wir den Geschlechtspartner mit einem adjektivischen Worte lieb nennen; unsere Empfindung dabei, die ebenso subjektiv ist, haben wir überall mit dem falsch gebildeten verbalen Wort lieben bezeichnet: der Versuch, für die Empfindung ein objektives, substantivisches Wort zu bilden, das Wort Liebe, hat in der Sprache solches Glück gehabt, daß die Menschen sich eingeredet haben, die Empfindung wäre ebenso häufig zu finden wie das Wort.»

Also Sie sehen, meine lieben Freunde, wenn die moderne Welt des Materialismus aus ihren Grundimpulsen heraus versucht, sich einen Begriff von Mystik zu bilden, dann ist sie dazu gezwungen, sich zu sagen: Das, was der Mystiker erträumt, findet man realiter bloß im Liebesgefühl; das heißt, es wird alles Geistige heruntergeholt in eine verfeinerte Erotik.

Charakteristisch ist es, daß zum Beispiel Mauthner die eigentümliche Art heranzieht, wie Nietzsches Geisteswesen von einer Freundin Nietzsches, von Frau Lou Andreas-Salome, in ihrem Buch über Nietzsche charakterisiert worden ist: eben auch als eine Art verfeinerter Erotik. Und es ist interessant, wie sich Fritz Mauthner gerade zu dieser Darstellung Nietzsches durch Frau Lou Andreas-Salome stellt. Er sagt:

«Neuerdings hat nach so vielen Männern auch eine Frau die Philosophie der Liebe zu erkennen versucht, Lou Andreas-Salomé, die von der Firma Nietzsche um ihres vorzüglichen NietzscheBuches willen gründlich gehaßte Freundin Nietzsches. Frau Lou ist in ihren Ausführungen sehr fein; sie wagt es, die Treue grundsätzlich nicht als Eigenschaft der Liebe anzuerkennen, und sie schlägt die Brücke zwischen der Phantasie des Künstlers und der Phantasie der Liebenden (Die Erotik S. 25f.). Aber auch Frau Lou vergeistigt den Akt so sehr, daß eine begriffliche Scheidung zwischen dem Wollustgefühle und der geistigen Begleiterscheinung nicht zustande kommt.»

Männer und Frauen also sprechen sich so aus, wie man in der gegenwärtigen Zeit selbst im Denken genötigt ist, an die Stelle der Beziehungen der Seele zur geistigen Welt das zu setzen, was die Menschenseele durchpulst als mehr oder weniger - das hängt vom Charakter des Menschen ab - verfeinerte Erotik.

Alle diese Dinge hängen doch mit dem materialistischen Grundzug unserer Zeit zusammen. Dieser materialistische Grundzug unserer Zeit hat zugleich notwendig zur Folge, daß sich Unwahrhaftigkeit einstellt, namentlich da, wo man nicht so ehrlich zu Werke geht, daß man sagt: Wir kennen eigentlich von Mystik nichts als die reale Seite, die identisch ist mit dem Erotischen. Die Unwahrhaftigkeit kommt dann zutage, wenn man das Erotische meint, aber über das Erotische den Schleier mystischer Begriffe hinüberlegt. Wahrhaftiger ist wirklich noch ein Materialist, der einfach sagt: Ich sehe in der ganzen Mystik eigentlich nur Erotik -, als derjenige, der von der Erotik ausgeht, aber um es zu kaschieren, in mystischen Formeln bis in die höchsten Welten hinaufklettert. Man kann manchmal geradezu die Leitern sehen, auf denen solche Leute hinaufkraxeln bis in die höchsten Plane, um das mystisch zu kaschieren, was eigentlich nichts weiter ist als Erotik. Wir haben also auf der einen Seite die theoretische Angliederung des Mystik-Begriffes an den Begriff der Erotik, auf der anderen Seite den Zug unserer Zeit, herunterzusinken in Erotisches und das Hineintragen von allerlei möglichst unklarer Mystik, unklarer, unverstandener Mystik in die schwüle Erotik.

Meine lieben Freunde, daß klare Vorstellungen über diese Dinge in der Anthroposophischen Gesellschaft sich verbreiten mögen, das war dasjenige, warum ich vor einiger Zeit als Aufforderung an Sie gerichtet habe, daß Arbeit geschehe, um jene mystische Verschrobenheit auszumerzen, welche aus der eben charakterisierten Vermischung entsteht; daß in einer gewissen Weise gerade diejenigen, die gut erkennen den Charakter edler Geistigkeit, wiederum sich aufschwingen zu dem Standpunkte, von Geistigem zu sprechen da, wo Geistiges wirklich vorhanden ist, und nicht die subjektiven Emotionen in geistige Formen einzukleiden. Und weil mir bewußt ist, daß nicht überall klare Begriffe in dieser Beziehung herrschen, meine lieben Freunde, deshalb habe ich vor einiger Zeit den Appell an die Gesellschaft gerichtet, einige Klarheit über diese Dinge zu schaffen. Aber die Zeit wird lehren, ob wir dazu imstande sind.

Ich habe gestern angedeutet, daß in älteren Zeiten, ja bis in unsere Zeit herauf, man ein anderes, viel radikaleres Mittel gewählt hat, um die Bedingungen zu erfüllen, die einer geisteswissenschaftlichen Gesellschaft - welcher Form auch immer - zugrunde liegen müssen: Man hat einfach einen Teil der Menschheit, das eine Geschlecht ausgeschlossen, damit das andere dadurch bewahrt geblieben ist vor allerlei Vermischungen höherer geistiger Begriffe mit Begriffen des natürlichen Menschenlebens auf dem physischen Plan. Geistiges zu denken gehört der geistigen Welt an, und im gesunden Sinne müssen wir uns dazu aufschwingen, zu wissen, daß es viel, viel schlimmer ist, von gewissen Dingen des naturgemäßen Zusammenlebens der Menschen in mystischen Formeln zu sprechen, die nicht hingehören in dieses Gebiet, als dieses Gebiet in voller Wahrheit mit dem rechten Namen zu benennen und sich einzugestehen, wie dieses Gebiet eben ein Gebiet des physischen Planes sein muß. Für den, der in wahrem Sinne ein Mystiker ist, ist es eine furchtbare Sache, wenn irgend jemand einfach denjenigen Trieb, der ihn dazu bringt, das zu erfüllen, was - verzeihen Sie - Schopenhauer in seiner eigentümlich grobklotzigen Charakterisierung der Liebe mit folgenden Worten bezeichnet: «Die sämtlichen Liebeshändel der gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen Menschengeschlechts» - das ist nicht meine, sondern Schopenhauers Ansicht! « ernstliche meditatio compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes.»

Also in seiner grobklotzigen Metaphysik sagt Schopenhauer: Die sämtlichen Liebeshändel der gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen Menschengeschlechtes ernste Meditation über die Zusammensetzung der künftigen Generation, von der wiederum zahllose solche Generationen abhängen.

Wenn jemand einen so gearteten Trieb nicht in seiner Wahrheit gelten läßt, sondern ihn dadurch verbrämt, daß er etwa sagt: Ich bin verpflichtet, dies oder jenes zu tun, um einer sehr bedeutenden Individualität die Möglichkeit zu verschaffen, in die Welt hereinzukommen -, dann ist das etwas Greuliches für denjenigen, der in Ernst und Würde Mystik pflegen will.

Und auch das ist zu berücksichtigen, meine lieben Freunde, daß Mystik nicht ein Faulbett sein soll für die Menschheit. Sie wird aber zu einem gemacht, wenn gesunde Begriffe durch kranke Begriffe auf mystische Art ersetzt werden. Hier auf dem physischen Plan hat der Mensch zu gelten durch dasjenige, wozu er den guten Willen hat zu arbeiten, wirklich zu arbeiten. Wenn er nicht arbeiten will und seinen Wert sich erschleichen will dadurch, daß er nicht durch das, was seine Arbeit wert ist, taxiert sein will, sondern dadurch, daß er sagt: Nun, ich habe Anspruch darauf, als etwas Besonderes genommen zu werden, weil ich diese oder jene Wiederverkörperung bin -, dann heißt das, sich aufs mystische Faulbett zu legen; man will anerkannt sein für etwas, ohne daß man etwas tut. Das ist der ganz gewöhnliche, triviale Begriff der Sache. Und wenn die Bemühungen in unserer Zeit dahin gehen müssen, meine lieben Freunde, dahin gehen müssen heute in unserer Zeit, rückhaltlos vor beiden Geschlechtern Geisteswissenschaft zu pflegen, so muß, so wie früher ein Zwangsdamm vorhanden war, heute ein Damm darinnen bestehen, daß die beiden Geschlechter in dem Ernst und in der Würde ihrer Lebensauffassung, in der Entfernung aller Phantastik, die doch immer mit den untergeordneten Trieben der Menschheit zusammenhängt, in Ernst und Würde die Erkenntnis der höheren Welten suchen. Dann wird es nicht möglich sein, daß Irrtümer über Irrtümer sich über dasjenige verbreiten, was in der oder jener phantastischen Seele aus der Pflege des mystischen Faulbetts heraus entsteht. Die Mystik, meine lieben Freunde, verlangt nicht, daß man fauler werde als die anderen Menschen draußen im Leben, die nichts für Mystik übrig haben, sondern daß man noch fleißiger als diese werde. Und die mystische Moral kann nicht ein Hinuntersinken sein unter die Anschauungen der anderen Menschen, sondern ein Hinaufsteigen über diese. Und wenn wir uns nicht bemühen, solche Dinge wie das, was ich als «Sprengelismus» bezeichnen möchte - wenn wir uns nicht bemühen, alles ähnliche wie den «Sprengelismus» auszumerzen aus unserer Gesellschaft, dann, meine lieben Freunde, kommen wir nicht weiter!

Ich werde nun in diesen Betrachtungen fortfahren, je nachdem, wie es sich aus dem Verlaufe der heutigen Versammlung ergibt.1 Es wird sich ja zeigen, wie weit die heutige Versammlung kommt, und dann werde ich ankündigen, wann ich diese Betrachtungen fortsetze.



  1. Da Rudolf Steiner nicht daran teilnahm, wurde auch nicht stenographiert. ↩

German original of Community Life, Inner Development, Sexuality and the Spiritual Teacher · ← Previous · Next →