Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 25 August 1918, Dornach

1. Ansprache zur Eurythmie

Zu Ehren des Besuches von Hendrik zu Mecklenburg-Schwerin, Prinz der Niederlande (1876–1934) am Goetheanum wurde der «Prolog im Himmel» aus Goethes «Faust» gegeben und durch eine Ansprache Rudolf Steiners eingeleitet.

Programm zur Aufführung

Ich darf mir vielleicht erlauben, ein paar Worte vorauszuschicken den folgenden Vorstellungen über den Sinn und die Absichten, die wir mit der eurythmischen Kunst verbinden. Ein Stückchen von dieser eurythmischen Kunst soll ja zur Vorstellung kommen.

Wir denken uns unter dieser eurythmischen Kunst etwas, ich möchte sagen wie eine Erneuerung, aber in durchaus moderner Form, eine Erneuerung der alten Tempel-Tanzkunst. Wenn man heute an die Inaugurierung von dergleichen denkt, so ist es natürlich notwendig, dass man dann den ganzen Sinn der menschlichen Kunstentwicklung ins Auge fasst und den Sinn der menschlichen Kulturentwicklung überhaupt, wenn irgendetwas, das neu sein soll, in die Gegenwart hereinkommt. Wenn man heute die verschiedenen Zweige der Menschheitsgeistesentwicklung ansieht, so bewegen sie sich nebeneinander. Kunst, Religion, Wissenschaft, überhaupt alle menschlichen Geistesbewegungen, sind eigentlich aus einer Wurzel entsprungen. Und wenn man in älteren Zeitepochen, den Urkulturen sozusagen, sich die göttlich-heiligen Geheimnisse der Menschheit ansieht - sie konnten, insofern sie dem Sinnensein entnommen werden konnten, so angesehen werden, dass es schöne Kunst war. Dasselbe konnte auch so angesehen werden, dass es auf das Erkenntnisvermögen wirkte, dann war es Wissenschaft. Dasselbe konnte aber auch so angesehen werden, dass es auf die menschliche Hingabe wirkte, dann war es Religion.

So gliederte man sich aus Religion, Kunst und Wissenschaft, gliederten sich wiederum die einzelnen Kulturzweige in die einzelnen Künste. Wenn man heute einen einzelnen Kunstzweig ins Auge fasst, insbesondere einen solchen, wie er bestehen soll, dann handelt es sich darum, sich hineinzustellen in diesen ganzen geistigen Zusammenhang, der uns heraufschimmert und heraufleuchtet aus der [Geschichte der] Menschheit herein.

So etwas trat an uns heran, als wir durch äußeres, man könnte sagen Schicksal veranlasst wurden, an die Inaugurierung dieser Eurythmie zu denken. Bei dieser handelt es sich ja nicht um irgendetwas Willkürliches, rein aus der Phantasie heraus zu schaffen, sondern darum, etwas hineinzustellen in die Welt, das aus dem Geistigen, aus den spirituellen Gesetzen des Weltendaseins selbst heraus entnommen ist. Alles dasjenige, was man in die Welt hineinstellen kann, findet sich aber in irgendeiner Form an dem Menschen. Der Mensch ist wirklich eine kleine Welt, ein Mikrokosmos, innerhalb der großen Welt des Makrokosmos. Das ist entnommen dem Wirken und Weben eines organischen Systems des Menschen, dem Wirken und Weben der unsichtbaren Kräfte, die immer wirksam sind — wir nennen sie die ätherischen Kräfte in unserer Geisteswissenschaft -, die immer wirksam sind, wenn wir sprechen oder denken. Wir haben nicht nur diesen sichtbaren physischen Kehlkopf, den die Anatomie oder Physiologie vorliegen hat, sondern dahinter die unsichtbare Kräftemasse des Kehlkopfes und die daran sich schließenden Organe. Da zeigen sich dem sehenden Auge, wie wir sprechen, zu gleicher Zeit Bewegungen eines lokal begrenzten Teiles dieses Organismus.

Nun handelt es sich darum, das, was sonst von Natur aus da ist, zur Kunst zu erheben, ganz in dem Stil und Sinne, wie Goethe eine in der Weise seiner Metamorphosenlehre veränderte Kunstauffassung gedacht hat. Er hat ja, als er in Italien sich eine Vorstellung bilden wollte von den griechischen Kunstwerken, gesagt: Da ist Notwendigkeit, da ist Gott. - Da, meinte er, offenbart sich das Göttliche im Menschen. Und für ihn handelte es sich darum, dass in jeder Kunst der Mensch zum Bewusstsein kommt seines Verbundenseins mit dem ganzen All. In seinem Sinne handelt man, wenn man dasjenige, was in lokaler Abgrenzung in der Natur im Dasein wirkt, im unsichtbaren Teile des Kehlkopfes, überträgt auf den ganzen Menschen.

Und so übertragen wir denn zunächst in Bewegungen der menschlichen Glieder dasjenige, was sonst im Sprechen, im Singen, in der Musik nur ausgeführt wird von dem unsichtbaren Teil des Kehlkopfes und seinen Nachbarorganen. Hier ist nichts Pantomime, sondern hier ist alles streng gesetzmäßig. Jeder einzelne Vokal kehrt wieder, kehrt wieder in seinen entsprechenden Zusammenhängen, Satzformen, Gliederung der Sprache, des Musikalischen. Das alles soll auch in dieser Raumbewegungskunst des Menschen zum Ausdruck kommen.

Nun haben wir, indem wir sprechen und singen, nicht nur den unsichtbaren Kehlkopf in Bewegung, sondern wir senden in die Bewegungen des Kehlkopfs hinein, ich möchte sagen unser Gemüt, unser Herz, unsern ganzen Menschen. Das liegt nur in den Untertönen, man möchte besser sagen in der Untertönung desjenigen, was wir aussprechen. Wenn wir Wärme, wenn wir Begeisterung, wenn wir Rhythmus, wenn wir künstlerische Gestaltung hineinbringen in das Gesprochene, dann ist das entsprechend im Sprechen etwas Verhaltenes. Das lösen wir auf, und es erscheint in den Gruppentänzen. Diejenigen Bewegungen, die die Gruppe ausführen, die herauskommen durch die Stellung der einzelnen Persönlichkeiten in den Gruppen, die entsprechen dem, was nicht wirklich ausgeführt wird vom Menschen, sondern was nur in diesem unsichtbaren Kehlkopf veranlagt ist, was Untertönung ist. Dasjenige, was der einzelne Mensch für sich im Raume ausführt, das ist ganz ein Abbild desjenigen, was in jedem Sprechen des Menschen der unsichtbare Kehlkopf ausführt. So ist es also im Wesentlichen ein Verwandeln des ganzen Menschen in einen lebendigen Kehlkopf, ein Beziehung-Bringen zum einzelnen Menschen, so wie der Kehlkopf im gegenseitigen Besprechen in Beziehungen kommt. Es ist Natur in die Kunst heraufgezogen. Man könnte sagen: Kunst ist höhere Natur in der Natur. - Das ist hier in der entsprechenden Kunst gemeint.

Ich bitte sehr, auch diesen Zweig, der eine Episode, ein Einschiebsel ist unseres eigentlichen geisteswissenschaftlichen Wirkens, so zu betrachten, dass er so, wie er sich jetzt darstellt, durchaus erst im Anfange ist. Und es sind erst schwache Versuche, die ausgeführt werden sollen. Aber alles, was in die Welt tritt, kann ja erst keimhaft in die Welt treten, gerade wenn es als erster Versuch auftritt. Als solche ganz anspruchslosen Versuche ist dasjenige zu nehmen, das wir nun in einzelnen Dichtungen und in einer eurythmischen Ausgestaltung des Goetheschen «Prolog im Himmel», dem Anfang des «Faust», darzubieten uns erlauben.

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