Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 25 May 1919, Stuttgart
Ansprache zur Eurythmie
Das Stenogramm für diese Ansprache war teilweise schwer zu entziffern und lückenhaft; die Spuren davon trägt der folgende Text
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich unserer Aufführung in eurythmischer Kunst einige Worte voranschicke. Es wird dies umso mehr notwendig sein, als es sich bei dieser Vorführung durchaus nicht um irgendetwas in sich heute schon Vollendetes handelt, sondern erst um eine Probe, ich könnte vielleicht auch sagen, um den Versuch einer Probe. Es dürfte /unleserliches Wort] naheliegen, dasjenige, was heute geboten ist, mit allerlei Nachbarkünsten zu vergleichen. Wir sind uns durchaus dessen voll bewusst, dass wir mit solchen Nachbarkünsten durchaus nicht konkurrieren dürfen. Solche Nachbarbewegungskünste haben von ihrem Gesichtspunkte aus heute eine gewisse Vollendung schon erfahren. Nicht irgend[et]was, was damit in Konkurrenz treten soll, wollen wir daneben hinstellen, sondern etwas, was eben ein anderes ist, was auch andere eben Kunstgrundlagen und auch /unleserliches Wort] eine andere Kunstgesinnung braucht.
Wenn ich mit wenigen Worten ausdrücken soll, wie eurythmische Kunst bestrebt ist, sich in das Kulturleben der Gegenwart hineinzustellen, so möchte ich sagen: In ihr soll leben und weben Goethe’sche Kunstgesinnung und dasjenige, was wir glauben, als Goethe’sche Kunstüberzeugung zu verstehen. Goethe hat ja gegenüber allem Künstlerischen das schöne Wort ausgesprochen: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der [empfindet die lebhafteste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der] Kunst.» Und nur aus seiner großen, umfassenden Weltanschauung heraus konnte er eine solche Kunstüberzeugung [herausbilden].
Man würdigt heute noch nicht genug, was auf einem einzelnen Gebiet des Lebens und der Weltanschauung durch Goethes umfassenden Geist eigentlich für die Menschheit geleistet ist und noch lange nicht in der Kulturentwicklung ausgearbeitet ist. Man braucht nur auf eines zu schauen, meine schr verehrten Anwesenden, bei Goethe, auf dasjenige, was gesagt ist mit den Worten: Die ganze Pflanze, sie ist nichts anderes als ein komplizierter ausgestaltetes Pflanzenblatt, und das Pflanzenblatt ist nichts anderes als eine prinzipiell vereinfachte Pflanze. Und das, was Goethe so über die Pflanze aus seiner umfassenden und eindringlichen Weltanschauung heraus sagt, es lässt sich anwenden auf alles Lebendige, nicht [allein] aber bloß für die geistige Anschauung /Lücke im Text], sondern auch insbesondere bis zum Menschen herein auf alles künstlerisch Intuitive.
Von dieser Grundlage geht das aus, was eurythmische Kunst sein will. Es soll ein Geheimnis enthüllen, dasjenige große Geheimnis, meine sehr verehrten Anwesenden, das im gewöhnlichen Leben verborgen bleibt - wie überhaupt die künstlerischen Geheimnisse - und das sich abspielt zwischen den menschlich gesprochenen Worten, den gesungenen Lauten, dem musikalisch gespielten Ton und dem Hören. Der Hörende muss im gewöhnlichen Leben, in der Prosa des Lebens, viel unterdrücken, was in ihm lebt. Es ist ein geheimnisvolles Mitschwingen der Sprachorgane des Hörenden, wenn der gesprochene, der gesungene, der musikalisch angeschlagene Ton an ihn klingt. Es ist aber nicht nur ein Nachklingen und Mitklingen — geheimnisvoll neben dem menschlichen Organismus des Kehlkopfs und seiner Nachbarorgane -, sondern [ein Nachklingen und Mitklingen] des ganzen Menschenwesens. Auf diese Geheimnisse [zwischen dem Hörenden und dem Sprechenden, Singenden und dem im Musikalischen sich Offenbarenden] schauend erkennt er das, was in den Bewegungen des ganzen Menschen, wenn sie erfasst werden können aus der ganzen Wesenheit des Menschen, liegt: ein völlig in den ganzen Menschen und seine Bewegung übergegangener Kehlkopf. Der ganze Mensch kann Kehlkopf werden; indem er es wird, [drückt er aus, was unterdrückt ist] in der Prosa des Lebens.
Dasjenige, was in ihm vibriert und webt, das, was da unterdrückt wird, soll durch Eurythmiekunst zur [Darstellung] kommen. Auf der Bühne soll der ganze Mensch Kehlkopf werden. Dasjenige aber, was durchklingt die künstlerisch gestaltete Sprache, den musikalisch künstlerisch gestalteten Ton als menschliche Seelenstimmung, als Rhythmus, Alliteration, Reim, Assonanz, als Seelenempfindung und Seelenleben, das soll in den Gruppeneurythmie-[Bewegungen], in den Bewegungen im Raum, die ausgeführt werden durch eine Anzahl von Darstellern, zur Offenbarung kommen. Dadurch kann etwas erreicht werden, was ebenso wie die musikalische Kunst eine innere Gesetzmäßigkeit hat.
In dieser eurythmischen Kunst ist nichts Ausdruck einer bloß augenblicklichen, inneren Seelenerregung, nichts bloß Geste, nichts bloß Pantomime; wo Sie so etwas sehen werden, rührt [es] nur davon her, dass [die Dinge] noch nicht zur vollkommenen Ausbildung gekommen sind. Das, was in den einzelnen Bewegungen aufeinanderfolgt, ist durchaus in der Gesetzmäßigkeit dieser aufeinanderfolgenden Bewegungen selbst gelegen - wie in der musikalischen Kunst. /[Unverständliche Passage, siehe Hinweise.] Wenn zwei eurythmische Darsteller [unleserliches Wort] oder [zwei eurythmische] Gruppen eine [identische] Dichtung oder Musik darstellen, so ist der Unterschied kein größerer als der ist [bei zwei Aufführungen] der Musik Beethovens.
Selbstverständlich ist dadurch auch der begleitenden Rezitation und Musik eine wichtige Aufgabe gesetzt. Diese Aufgabe wird man heute noch schwer begreifen, da die [Rezitation heute] gesetzmäßig ganz übergegangen ist in eine bloße [Wiedergabe dessen] was prosaisch in der Dichtung liegt, das sich [...] /unleserliche Wörter] ist. Ich darf bei dieser Gelegenheit an eines erinnern, was [...] /unleserliche Wörter] ein solcher Dichter wie Schiller. Schiller empfand, bevor [er eine] Dichtung gestaltete, immer eine unbestimmte Melodie in seiner Seele, und die Umgestaltung dieser [Melodie], die Umgestaltung dieser Bewegung, das, [was] über[geht in] dasjenige, was er dann an Reimung und ganzer Gestaltung der Dichtung hineingeheimnisst, das ist dasjenige, was Rezitation wieder herausholen wird, wenn sie zum Beispiel sich anlehnt an das, was unsere Raumbewegungskunst, unsere Eurythmie ist.
Das ist dasjenige, was befruchtend wirken muss, abgeleitet von den menschlichen Worten und Musik aus auf die Bewegung des menschlichen Körpers, aber wiederum zurückwirken muss von der Bewegung des menschlichen [Körpers] in die künstlerisch gesprochenen Worte und Musik. Denn im Grunde ist wiederum, wie das eine Pflanzenblatt nur lebt in der ganzen Pflanze, [der] komplizierten, so ist in demjenigen, was der einzelne Mensch künstlerisch zur Rezitation, zum künstlerischen Sprechen bringt, /unverständliche Passage, siehe Hinweise].
Aber all dasjenige, was ich so als das Wesen dieser eurythmischen Kunst in diesen wenigen, intimen Worten auseinandersetzen konnte, das bitte ich Sie so zu betrachten, dass wir wirklich heute mit dieser Kunst ganz im Anfang stehen. Wir kennen die Unvollkommenheiten, alle diejenigen Fehler durch uns selbst, die man uns vorwerfen kann. Wir sind ganz gewiss die strengsten Kritiker desjenigen, was hier geboten werden [kann]. Aber wir hoffen auch, dass dasjenige, was nur ein Anfang sein soll, ein /unleserliche Wörter], damit aus dieser Zusammenarbeit des künstlerisch Gewollten und der Öffentlichkeit dasjenige entstehen kann, was, wenn es uns genügt, /unleserlich] vielleicht [...] /unleserliche Wörter] sind, wo entstehen wird eine Vervollkommnung einer menschlichen Bewegungskunst, die nicht Tanzkunst ist, sondern etwas ist, was beseelen soll dasjenige, was der Mensch bei äußerer Bewegung seines Körpers zu offenbaren vermag.
Dann wird diese Kunst auch [...] /unleserliche Wörter] [den] sozialen] Bedingung[en] außerordentlich heilsam werden können. Die Menschen [...] /unleserliche Wörter] beseelt werden können, wenn Eurythmie [so] in sie hineinkommt wie sie [schon] lag in den Urbewegungen des Urmenschen, wenn diese [...] /unleserlich; Lücke?] wiederum begonnen werden /unleserliches Wort] unserer entwickelten Kultur, dann wird Beseelung von vielem eintreten, was heute unbeseelt im Leben lebt, und das wird sozial wirken. In diesem Sinne bitte ich, dasjenige, was wir nun bieten können, nicht als vollständig anzusehen, sondern als eine Probe, ja, ich sage es offen, zunächst als den Versuch einer Probe, von dem wir aber hoffen, dass er zu immer größerer Vollkommenheit gedeihen könnte.