Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 17 August 1919, Dornach

20. Ansprache zur Eurythmie

Sehr verehrte Anwesende! Die eurythmische Kunst, von der wir Ihnen eine Probe vorzuführen uns erlauben, soll auf Goethe’scher Kunstgesinnung beruhen, wie alles dasjenige, was in diesem Bau hier angestrebt wird und mit ihm zusammenhängt, im Wesentlichen sein will eine Fortsetzung alles desjenigen, was in der Anlage liegt innerhalb der Goethe’schen Weltanschauung. Künstlerisch auf einem bestimmten Gebiete, einem engbegrenzten Gebiete das Große und Umfassende der Goethe’schen Weltanschauung anzuwenden, das liegt dem Versuch einer Eurythmie zugrunde. Und ich muss, um deutlich zu machen, wie die durch die menschlichen Gliedmaßen und durch die Bewegung von Menschen oder Menschengruppen im Raume bewirkten künstlerischen Ausdrucksformen, [um] begreiflich zu machen, wie diese künstlerischen Ausdrucksformen in der Eurythmie verwendet werden, in ein paar Strichen dasjenige zeichnen, was der Goethe’schen Weltanschauung zugrunde liegt, was heute eigentlich noch immer nicht in genügendem Maße gewürdigt wird.

Das, was die Goethe’sche Weltanschauung vermöchte, es entspringt ja nicht einseitig aus einer bloß theoretischen Betrachtung der Welt. Alles, was bei Goethe zur Idee über Natur und Welt der Menschen führte, das ist zu gleicher Zeit durchwärmt von wirklicher Kunstempfindung. Kunst ist bei Goethe wissenschaftlich durchleuchtet, Wissenschaft ist bei Goethe künstlerisch in Gedanken geformt. Daher lässt sich von seiner Weltanschauung zur künstlerischen Gestaltung überall die Brücke schlagen.

Nun kann man in einfacher Weise zum Ausdrucke bringen, wie er das Werden des Lebendigen in der Natur anschaut. Goethe sah in dem einzelnen Pflanzenblatte, wenn es noch so einfach gestaltet war, in der Anlage eine ganze Pflanze. Und wiederum in der ganzen Pflanze sah er nur ein kompliziert aufgebautes Pflanzenblatt. Sodass sich Goethe vorstellte: Das Gesamtlebewesen Pflanze besteht aus vielen, vielen einzelnen Pflänzchen. - Das ist eine Anschauung, die auf alles Lebendige, insbesondere auf den Gipfel des Lebendigen in der Natur, auf den Menschen, angewendet werden kann. Man kann dabei — wie Goethe als Morphologe - zunächst nur an die Metamorphose der Formen denken, man kann denken, dass die Gesamtform eines Organismus kompliziertere Gestaltung ist der Form eines einzelnen Organes. So hat zunächst Goethe den Gedanken selber ausgebildet.

Man kann aber auch daran denken, dass dasjenige, was ein Organ ausführt am lebendigen Organismus, dass das in der Anlage im Kleinen dasjenige ist, was der ganze Organismus ausführt und wiederum umgekehrt. Man kann denken, dass die Betätigung des Gesamtorganismus eine kompliziertere Offenbarung desjenigen ist, was das einzelne Organ ausführt. Dieser Gedanke, dessen Fruchtbarkeit wie gesagt erst in der Zukunft voll eingesehen werden wird, auch von der Wissenschaft, dieser Gedanke liegt unserer eurythmischen Kunst zugrunde.

Wenn wir dem sprechenden Menschen zuhören, dann ist natürlich zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die Lautfolge, auf dasjenige gerichtet, was sich im Tönen in der Sprache zum Ausdrucke bringt. Aber für den, der im Sinnlichen das Übersinnliche schaut, für den, der intuitives Schauen hat und durch dieses intuitive Schauen die Geheimnisse der Natur durchdringen kann, für den ist im Kehlkopf und in den Nachbarorganen eine unsichtbare Bewegung bei jedem einzelnen Laute vorhanden. Und die Lautfolge stellt sich in unsichtbaren Bewegungen dar.

Wir können uns auch veranschaulichen, wie zwar nicht im Sichtbaren - aber doch von der Wissenschaft Gewussten - die Bewegungsanlage des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane zum Ausdrucke kommt. Sie wissen ja, dasjenige, was man spricht, was heraustönt aus dem Sprachorganismus, das setzt sich in der Luft um in Bewegungswellen. Diese Bewegungswellen, wir sehen sie nicht; wir hören dasjenige, was gesprochen wurde. Der übersinnlich Schauende sieht dasjenige, was in den Wellen der Luft liegt, während wir sprechen. Er schaut es in den geheimnisvollen Bewegungsanlagen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Der Kehlkopf ist ein einzelnes Organ des menschlichen Organismus.

Wie die ganze Pflanze ein komplizierteres Blatt ist im Goethe’schen Sinne, so kann der ganze Mensch mit seinen Gliedern zur Bewegung aufgerufen werden, die nur komplizierter dasjenige darstellen, was beim Sprechen als einzelnes Organ der Kehlkopf darstellt. Dann wird dasjenige Wesen des ganzen Menschen zum Ausdrucke kommen, was man eine sichtbare Sprache nennen kann. Und eine sichtbare Sprache ist diese Eurythmie, die wir anstreben. Was Sie von dem einzelnen Menschen auf der Bühne durch die Bewegungen der Glieder des menschlichen Organismus werden dargestellt sehen, das stellt gewissermaßen den sichtbar gewordenen, bewegten Kehlkopf und seine Nachbarorgane dar: Der ganze Mensch wird durch die Eurythmie zum Kehlkopf. Also nach außen wird geoffenbart dasjenige, was sonst übersinnlich in den Bewegungsanlagen des Kehlkopfes vorhanden ist.

Man könnte auch die Sache noch anders ausdrücken: Sie werden wissen, sehr verehrte Anwesende, wenn Sie nur ein wenig Selbsterkenntnis üben, dass eigentlich, wenn wir einem Menschen zuhören, in uns immer eine innere übersinnliche Nachahmungskunst steckt. Wir halten uns zurück, und wahr ist es einfach, dass wir zuhören, indem wir gewisse, mit den Schwingungen des Sprechens mitschwingende übersinnliche Bewegungen in unserem Organismus zurückhalten. Diese Bewegungen, die wir beim gewöhnlichen Zuhören, wenn wir stillstehen oder -sitzen und zuhören, zurückhalten, die werden durch die Eurythmie vor das Auge hingestellt. Der in Bewegung geratene Zuhörer, der gleichsam überall das Spiegelbild desjenigen zeigt in seinem Zuhören, was gesprochen wird, das ist der Eurythmist.

Nur kommt zu dem, was ich genannt habe «der ganze Mensch wird Kehlkopf» hinzu, dass ja dasjenige, was von dem Menschen gesprochen wird, durchwärmt ist von der Empfindung der Seele, dass es durchtönt wird von Lust, Freude, Enthusiasmus, von Schmerz, von Leid; dass Stimmungen durchvibrieren. All das kann auch durch die Eurythmie zum Ausdrucke kommen. Wir bringen es zum Ausdruck, [nicht,] indem wir nun den stehenden Menschen in Bewegung kommen lassen oder den an einem Platze befindlichen Menschen eurythmisieren lassen, sondern indem wir den einzelnen Menschen im Raume sich bewegen lassen oder Menschengruppen im Raume gewisse Formen bilden lassen oder gewisse Bewegungen im Verhältnis zueinander ausführen lassen. Wenn also der Mensch selber im Raume sich bewegt, so drückt das dasjenige aus, was seelisch als Stimmung, als Enthusiasmus, als Leid und Lust durch die Sprache vibriert. Auch dasjenige, was in der künstlerisch gestalteten Sprache zum Ausdruck kommt beim Dichter in Rhythmus und Reim - all das wird durch die Bewegungen ausgedrückt.

Dabei bitte ich Sie zu berücksichtigen, dass die eurythmische Kunst nicht Mimik, nicht Pantomimisches, nicht Gebärdenkunst ist, dass sie nichts zu tun hat mit der gewöhnlichen Tanzkunst. Bei all diesen Kunstformen kommt dasjenige, was in der Seele lebt, durch eine unmittelbare Geste oder dergleichen, durch eine unmittelbare Bewegung zum Ausdruck. Die Eurythmie ist etwas wie die Musik selbst. Nichts Willkürliches liegt in der Bewegung, die ausgeführt wird, sondern etwas so Gesetzmäßiges liegt in der einzelnen Bewegung und Bewegungsfolge, dass man sagen kann: Wie in der Musik die Harmonien stehen, wie die Melodie, die Aufeinanderfolge der Töne sich offenbaren, so ist eine innere Gesetzmäßigkeit in dem, was durch die Eurythmie dargestellt wird.

Daher kann es auch durchaus so sein, dass Sie jeden Eurythmisten etwa nur seine individuellen Möglichkeiten zum Ausdrucke bringen sehen - nichts Willkürliches. Das Gegenteil ist der Fall. Geradeso, wie wenn eine Beethovensonate von zwei Menschen auf dem Klavier vorgetragen wird, individuell Verschiedenes auftritt, aber die vorgetragene Sache dieselbe ist, so ist es, wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen dasselbe eurythmisch zur Darstellung bringen. Es ist eine individuelle Auffassung darinnen, aber grundsätzlich geht es über jede Willkür hinaus - wie beim Musikalischen selbst.

Dasjenige also, was der Mensch sonst beim Sprechen, im Singen, im Musikalischen, überhaupt der künstlerisch gestalteten Sprache offenbart, das wird zur sichtbarlichen Sprache in der Eurythmie. Daher werden Sie auf der einen Seite parallel gehen sehen Musikalisches, das in anderer Weise bewegt zum Ausdrucke bringt dasjenige, was in der menschlichen Seele lebt. Sie werden parallel gehen sehen der eurythmischen Darstellung die Rezitation, die wiedergeben soll die künstlerische, die dichterische Sprache, was dann im Rezitatorischen in der eurythmischen Kunst als Begleitung zur Darstellung kommt. Dabei zeigt sich, dass, indem man die Eurythmie begleitet durch Rezitation, diese Rezitation selbst wiederum zurückgehen muss auf bessere Zeiten der rezitatorischen Kunst, als die heutigen sind. Heute liebt man es, ich möchte sagen prosaisch zu rezitieren, den Prosainhalt zu betonen, den Hauptwert darauf zu legen, dass der Inhalt dichterisch dargestellt zum Ausdruck kommt. Wenn wir weiter zurückgehen in der Entwicklung der Rezitationskunst, so sehen wir, wie dasjenige, was Inhalt ist, gewissermaßen nur als Gelegenheit ergriffen wird, um Rhythmen, um innere Bewegung, um das eigentlich Künstlerische eben darzustellen. Nicht nur, dass in gewissen Urzeiten der Kunst die Rezitatoren, die aufgetreten sind, ich möchte sagen in primitiver Eurythmie begleitet haben dasjenige, was sie rezitiert haben, und gerade auf den Aufbau der Verse, auf dasjenige, was sonst künstlerische Gestaltung ist, den höchsten Wert gelegt haben. Beim wirklichen Dichten finden wir auch, dass aus einer inneren Musik, das heißt, aus Rhythmus und Gestaltung des Tones die Dichtung hervorgeht. Wir wissen ja, dass Schiller bei vielen seiner Dichtungen nicht zunächst den Inhalt des Gedichtes in die Seele herein fasste, sondern dass ihm der Inhalt des Gedichtes noch ganz ferne liegen konnte, dass ihm aber ein melodiöses Element in der Seele lebte, und dieses noch wortlose, noch gedankenfreie melodiöse Element, das setzte er dann erst um und fügte sozusagen den Wortinhalt der Dichtung hinzu. Heute wird aus der Prosa, aus dem Novellistischen heraus rezitiert. Das würde neben der Eurythmie nicht gehen.

Daher wird so leicht verkannt dasjenige, was als Rezitationskunst auftreten musste in der Eurythmie. Diese Rezitationskunst muss wiederum das eigentlich Künstlerische in der gestalteten Sprache betonen, nicht das, was heute so leicht das bloß inhaltlich Prosaische liebt.

Insofern Sie noch Mimisches oder Pantomimisches sehen werden, bitte ich Sie, betrachten Sie es als etwas, was noch unvollkommen ist. Denn ich darf wohl, nachdem ich diese Worte vorausgeschickt habe über die Absichten der eurythmischen Kunst, ich darf wohl besonders betonen, dass wir genau wissen, dass die eurythmische Kunst erst im Anfange steht, dass sie vielleicht überhaupt erst das Wollen einer Absicht ist. Aber in dieser Absicht liegt etwas, was eine Kunst werden kann, was sich neben die anderen Künste vollberechtigt hinstellen kann. Nicht nur, dass das Künstlerische auf der einen Seite von Menschen ergriffen werden kann im echt Goethe’schen Sinne durch diese eurythmische Kunst, [sondern man kann sich auf der anderen Seite auch dem Glauben hingeben, dass sie als Pädagogisch-Didaktisches wirken kann in der Zukunft: als beseeltes Turnen neben dem rein auf Physiologie, auf die Körperlichkeit gebauten Turnen. Und wir werden in der Pädagogik als beseeltes Turnen, das zu gleicher Zeit Kunst ist - es kann auch als Eurythmie aufgefasst werden -, allmählich in unsere Erziehung und Pädagogik der Waldorfschule eine Bewegungskunst des menschlichen Organismus, die beseelt ist, einfügen - gegenüber dem seelenlosen, bloß auf die Körperkultur gerichteten Turnen.] Nach diesen zwei Seiten hin möchte Eurythmie befruchten.

Im Wesentlichen natürlich kommt es darauf an, dass der Mensch ja auf der Stufenleiter des Organischen, des Lebendigen, das höchste Wesen ist, was wir zunächst auf Erden kennen, und dass daher in ihm zum Ausdrucke kommen kann wirklich ein höchster Extrakt des Naturgesetzlichen. Daher kann, wenn wir den Menschen selbst zum Werkzeug künstlerischer Darstellung bilden, im höchsten Maße das erfüllt werden, was Goethe erhofft von menschlicher künstlerischer Wirksamkeit, indem er sagt: Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, bringt er in sich selbst wiederum einen Gipfel hervor, nimmt Maß, Harmonie, Ordnung und Bedeutung zusammen, und erhebt sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes. — Darin sieht Goethe etwas wie die Lösung des Welträtsels, wenn die Menschheit im Spiegel der Kunst dasjenige, was die Welt an Geheimnissen enthält, wiederum zurückbekommen kann. Und wenn der Mensch selbst sich als das Instrument dieses Zurückwerfens betrachtet, dann erfüllt er offenbar etwas, was man wie eine Zusammenfassung der verschiedensten sonstigen künstlerischen Motive auffassen kann.

Aber ich bitte Sie nochmals, betrachten Sie das, was wir eben darbieten können, mit Nachsicht, denn es ist ein Anfang, und wir sind selbst die strengsten Kritiker, kennen genau dasjenige, was noch unvollkommen ist, aber wir sind des Glaubens, dass dieses Unvollkommene, wenn es von uns selbst noch oder von anderen weiter ausgearbeitet werden wird, [dass] es eine vollberechtigte Kunstform neben anderen Kunstformen bilden wird.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →