Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 17 January 1920, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
«Mailied» von J. W. v. Goethe
«Das Märchen vom Lieben und Hassen» aus Die Pforte der Einweihung von Rudolf Steiner
«Schwalben» von Christian Morgenstern
«Zum neuen Jahr» von Eduard Mörike mit musikalischem Auftakt von Leopold van der Pals
«Das Märchen von der Phantasie» von Rudolf Steiner
«Es keimen die Pflanzen» Spruch von Rudolf Steiner
«Die Metamorphose der Pflanzen» von J. W. v. Goethe
«Der vergessene Donner» von Christian Morgenstern Wellenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Die Lerchen» von Robert Hamerling
«Ecce Homo» von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (40.) von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (41.) von Rudolf Steiner
«Schwellengang» Bertha von Polzer-Hoditz
«Hellas» von Manfred Kyber
«Salome» von Manfred Kyber
Sehr verehrte Anwesende!
Bevor wir mit dieser eurythmischen Darbietung beginnen, gestatten Sie, dass ich wie immer einige Worte vorausschicke, nicht so sehr, um dasjenige, was Ihnen als eurythmische Kunstform versucht wird dargeboten zu werden, zu geben, etwa zu erklären, sondern um auf die Quellen dieser neuen eurythmischen Kunst hinzuweisen.
Diese eurythmische Kunst ist ja tatsächlich aus anderen Untergründen künstlerischen Schaffens hervorgeholt als manches an Nachbarkünsten, das man vielleicht damit leicht verwechseln könnte. Diese eurythmische Kunst ist eine Art stummer Sprache. Das hat aber nichts zu tun mit einer Wiedergabe von Zufallsgebärden oder überhaupt mit irgendeiner gewöhnlichen pantomimischen oder dergleichen Darstellung oder gar mit einer Tanzkunst, sondern es handelt sich um die Erschließung besonderer Kunstquellen dadurch, dass hier in besonderem Maße verwendet wird als künstlerisches Ausdrucksmittel der Mensch selbst mit seinen inneren Bewegungsmöglichkeiten. Die Anschauung, die dabei zugrunde liegt, geht ganz und gar hervor aus dem, was ich nennen möchte Goetheanismus, aus Goethe’scher Kunstanschauung und Goethe’scher künstlerischer Gesinnung. Nur wird man mancherlei noch zugeben müssen als in der Wirklichkeit herrschend, gesetzt, bestehend, von dem man heute dergleichen noch nicht gern zugeben möchte.
So ist, meine sehr verehrten Anwesenden, alles dasjenige, was mit den menschlichen Stimmorganen zusammenhängt, der Kehlkopf und seine Nachbarorgane, in einer merkwürdigen Art im Grunde genommen eine Nachbildung des ganzen Menschen als eines gesetzmäßigen Organismus. Man möchte sagen: Nur ins Knorpelige umgesetzt finden sich im Kehlkopf und in seinen Ansatzorganen die sämtlichen Organanlagen des Menschen. Nur ist das Merkwürdige, dass die Organe des Kehlkopfes sich nicht fortsetzen wie andere Bewegungsorgane des Menschen in Muskelapparaten, sondern dass dasjenige, was an Bewegungsmöglichkeiten, an Bewegungsansätzen aus dem menschlichen Kehlkopf entspringt, dass das unmittelbar übergeht an die umgebende Luft und dadurch den Ton, die Sprache hervorbringt. Derjenige aber, welcher die Möglichkeit hat, um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen: sinnlich-übersinnlich zu beobachten, in welchen Bewegungen der menschliche Kehlkopf hervorbringt dasjenige, was für uns der Gesang, was für uns die Sprache wird, der ist in der Lage, diese Bewegungen, die sonst nur unbeachtet - während wir der Sprache zuhören - von dem Kehlkopf und seinen Nachbarorganen ausgeführt werden, diese Bewegungen auf den ganzen Menschen zu übertragen.
Es ist dieses ein interessantes Übertragen aus dem Grunde, weil für den sinnlich-übersinnlichen Beobachter da in einer gewissen Weise klar ist, wie in dem Stimmlichen eines Wesens das ganze Verhältnis dieses Wesens zur umliegenden Natur und zu seiner eigenen Gestalt zum Vorschein kommt. Wer intuitives Auffassungsvermögen hat, der wird unschwer in dem Brüllen der Raubtiere eine gewisse Nachahmung der Gestalt der Raubtiere und namentlich der Bewegung der Raubtiere sehen, wie sich diese Bewegung aus dem Muskelapparat ergibt. Und wer würde nicht mit einer entsprechenden sinnlich-übersinnlichen Beobachtungsgabe sehen, wie der Gesang der Vögel, die Tonwandelung des Vogels ein wunderbarer Ausdruck ist der Bewegung des Vogels auf den Wellen der Lüfte selber.
Auf der anderen Seite kann man ja beobachten, wie gewisse Vogelarten ihre Tonwandelungen, ihre Gesangsgestaltung in begleitenden Bewegungen zum Ausdruck bringen. Wenn man solche Dinge sachgemäß studiert, dann kommt man dazu, übertragen zu können dasjenige, was sonst unsichtbar bleibt in den Bewegungen des Kehlkopfs und seiner Nachbarorgane, auf sichtbare Bewegungen des ganzen menschlichen Organismus, sodass man in der Tat dadurch eine Art stummer Sprache hervorrufen kann. Nur ist das Ausdrucksorgan für diese stumme Sprache der ganze Mensch. Und so, wie sie dann den bewegten Menschen vor sich sehen bei menschlichen Bewegungen, die ausgeführt werden durch die Glieder des Menschen selbst, Bewegungen, die ausgeführt werden vom Menschen im Raum, Bewegungen, die dadurch zustande kommen, dass die Menschen in einer Gruppe gegenseitig in gewissen Raumverhältnissen sich bewegen und dergleichen - all das ist so wenig etwas Willkürliches, was Sie hier sehen werden, wie die Melodien-Aufeinanderfolge der Musik oder der Harmonienzusammenklang in der Musik etwas Willkürliches ist. Es ist durchaus eine im Raum durch Bewegung vor sich gehende Musik. Und wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen an verschiedenen Orten ein und dieselbe Sache eurythmisch darstellen würden, so würde nicht mehr Individuelles sein können in dieser verschiedenen Darstellung, als Individuelles ist bei zwei Klavierspielern, die ein und dieselbe Sonate nach ihrer Auffassung spielen. Also jede Beliebigkeit im Gebärdenspiel und so weiter ist durchaus hier ausgeschlossen. Was Sie davon noch sehen werden, ist lediglich auf die Unvollkommenheit, welche noch anhaftet dieser unserer eurythmischen Kunst, zurückzuführen.
Wenn man bedenkt, wie der Mensch - namentlich der sprechende Mensch - eigentlich ein Ausdruck ist eines gesamten Universums, so muss man sagen, dass gerade dadurch, dass man hier den ganzen Menschen verwendet wie sonst irgendein Musikinstrument, so hier den ganzen bewegten Menschen verwendet als Ausdrucksmittel für eine Kunst. Es wird dadurch im Goethe’schen Sinne das erfüllt, was Goethe so schön von dem künstlerisch werdenden Menschen sagt: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, fühlt er sich wiederum als eine ganze Natur und bringt neuerdings eine Natur aus sich hervor. Er nimmt Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung zusammen und erhebt sich zuletzt zum Vollen des Kunstwerkes. Bedeutsam muss er sich zur Produktion des Kunstwerkes erheben, wenn er seinen eigenen Organismus als Instrument, als künstlerisches Ausdrucksmittel verwendet. Wir glauben in der Tat - obzwar diese eurythmische Kunst erst nur ein Anfang ist - mit ihr aber einen Anfang zu einer bedeutungsvollen Kunstform geben zu können. Es wird sich dasjenige, was hier versucht worden ist, immer mehr und mehr ausbilden.
Nun handelt es sich darum, dass Sie auf der Bühne sehen werden diese stumme Sprache der Eurythmie begleitet auf der einen Seite vom Musikalischen, auf der anderen Seite vom Rezitatorischen. Denn dasjenige, was unsere Sprache durch die Dichtkunst zum Ausdrucke bringt, das kann durchaus - aber mehr durch die rhythmische Kunst - zum Ausdruck gebracht werden, wobei man sich nur klar sein muss, dass dadurch, dass die Bewegungen - die sonst für die Luft geartet sind, wenn der Kehlkopf sie vollzieht -, dass, indem diese Bewegungen übertragen werden auf die Muskeln und dadurch der ganze menschliche Organismus als Bewegungsapparat verwendet wird, dass dadurch diese Bewegungen, die sonst mit größerer Schnelligkeit vor sich gehen, mit einer gewissen Langsamkeit vor sich gehen. Also dass auch in der Geschwindigkeit der Bewegungen dasjenige berücksichtigt werden muss, was sich naturgemäß dadurch ergibt, dass man überträgt dasjenige, was sonst in einem Organ im Kehlkopf ausgeführt wird, auf den ganzen Menschen.
In dem Rezitatorischen, das parallel gehen wird, werden Sie eine etwas andere Handhabung der Rezitationskunst bemerken, als Sie sonst gewohnt sind - insbesondere in der Gegenwart. Dasjenige, was gerade durch die eurythmische Kunst aus der Dichtung hervorgeholt werden kann, das ist ja das eigentlich Künstlerische. Man braucht sich nur zu erinnern, wie Goethe, selbst wenn er seine Dramen, seine «Iphigenie» mit seinen Schauspielern einstudiert hat, dies mit dem Taktstock in der Hand gemacht hat - nicht so, wie man heute glaubt, dass die Hauptsache darinnen liegt, im Rezitieren das Prosaische, des Inhaltes besonders hervorzubringen. Sondern diese noch viel künstlerischen Naturen der Goethe-Zeit - wir finden Ähnliches auch bei Schiller, Ähnliches bei Herder -, sie wussten, dass das Taktmäßige, das Rhythmusmäßige, überhaupt das Formale, das der Sprachgestaltung zugrunde liegt, das das eigentliche Element der Dichtkunst ist und dass das in erster Linie beim Rezitieren berücksichtigt werden muss.
So wird versucht, gerade in unserer Rezitationskunst in der Art und Weise des Sprechens, ich möchte sagen eine unsichtbare Eurythmie zu üben, die Sprache so zu behandeln, dass in dieser Sprachbehandlung jene Linien im Lautlichen drinnen sind, welche Sie sonst für das Auge sichtbar als den bewegten Menschen auf der Bühne sehen. Aber Sie sehen auch, meine sehr verehrten Anwesenden, dass es sich gerade durch das Eurythmische, das hier besonders betrieben werden soll, notwendig macht, wiederum auf die Elemente des Künstlerischen zurückzugehen, die heute mehr oder weniger - gerade in der Kunst der Zeit- weniger berücksichtigt werden. Manchmal glaubt man heute sehr künstlerisch zu sein und ist eigentlich durchaus nicht künstlerisch, indem man nicht das eigentlich Formale der Kunst wirklich als das Räumlich-Zeitliche, das Bewegungsmäßige zugrunde legt, indem man nicht das berücksichtigt, [sondern] dasjenige, was eben auch der Prosa zugrunde liegt, in den Vordergrund auch der Dichtkunst stellt und eigentlich die Rezitationskunst so einrichtet, als wenn man einen Inhalt, nicht eine innere Bewegung mitteilen wollte.
So glauben wir, dass auf das Künstlerische gerade durch solche Darbietungen für unsere Zeit besonders hingewiesen werden kann. Im Übrigen bitte ich Sie, diese Vorstellung mit Nachsicht aufzunehmen, denn ich betone immer wieder, dass diese eurythmische Kunst durchaus im Anfange ihres Werdens steht. Aber wir sind auch überzeugt davon, dass sie vervollkommnungsfähig ist und dass, wenn sie durch uns oder wahrscheinlich durch andere von ihrem Anfange, in dem sie jetzt steht, zu immer größerer und größerer Vervollkommnung getrieben wird - es liegen viele Entwicklungsmöglichkeiten in ihr —, dann wird sie sich als vollberechtigte Kunst neben andere Künste, die älter sind, hinstellen können.