Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 1 February 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Nicht etwa um dasjenige, was wir nun versuchen wollen auf der Bühne vor Ihnen darzustellen, zu erklären, sondern um auf die Quellen der eurythmischen Kunst hinzuweisen, möchte ich diese paar Worte, die ich nun sprechen werde, unserem Versuch einer eurythmischen Aufführung voranstellen. Denn selbstverständlich wäre ein künstlerischer Versuch nicht wirklich künstlerisch, wenn dasjenige, was dargeboten wird, erst einer Erklärung bedürfte - denn die Kunst muss durch ihren unmittelbaren Anblick selber für sich sprechen. Hier handelt es sich darum, dass diese eurythmische Kunst, ich darf sagen aus neuen Kunstquellen geschöpft wird und dass sie sich auch des besonderen Werkzeuges des Menschen selbst in einer Weise bedient, wie das bisher in der Kunst noch nicht geschehen ist. Wie alles dasjenige, für das dieser Bau, das Goetheanum, eine Art Repräsentation darstellt, zuletzt zurückführt auf Goethe’sche Weltanschauung, so führt auch unsere Eurythmie zurück auf Goethe’sche Kunstanschauung, Goethe’sche Kunstgesinnung; und zwar so, dass diejenige Anschauung vom Lebendigen, die Goethe zu der seinigen gemacht hat und die wahrhaftig noch lange nicht genügend verstanden und gewürdigt wird, zugrunde gelegt wird der Ausbildung einer besonderen Bewegungskunst.

Diese Bewegungskunst oder Eurythmie kann nicht verwechselt werden — oder sollte wenigstens nicht verwechselt werden - mit allerlei Ähnlichem wie Tanzkünsten, Gebärdenkünsten, mimischen Künsten und dergleichen. Denn gerade alles das, was Gebärde, Mimik ist, das ist im Grunde genommen bei unserer Eurythmie vermieden. Es handelt sich bei dieser Eurythmie um eine wirkliche stumme Sprache als Ausdrucksform.

Die dichterische Kunst, sie bedient sich ja zunächst der Lautsprache. Allein, die Lautsprache ist ein Zusammenfluss von zwei Elementen: Von der Verstandesseite her fließt in die Lautsprache hinein dasjenige, was vorstellungsmäßig, ideenmäßig ist. Aber derjenige, der das Sprachliche, insbesondere wenn es dichterisch, künstlerisch gestaltet wird, empfindungsgemäß verfolgen kann, der wird gewahr, dass aus dem ganzen Menschen heraus die Sprache durchdrungen ist von einem Willenselemente, sodass Vorstellungselement und Willenselement in der gesprochenen Sprache zum Ausdrucke kommt auch dann, wenn sich die dichterische Kunst dieser gesprochenen Sprache bedient.

Nun kann man aber sagen: Künstlerisch ist alles dasjenige nicht, was durch die Vorstellung, durch die Idee, durch die Gedanken vom Menschen erfasst wird. Künstlerischer Eindruck entsteht nur dadurch, dass wir gewissermaßen in das schaffende Weben der Welt uns versenken mit Ausschluss des abstrakten, des intellektuellen Elementes, sodass wir in der Sprache, deren sich gerade die Kunst bedienen muss, gewissermaßen die Notwendigkeit haben, nicht ganz künstlerisch zu wirken. Der wirklich künstlerische Mensch empfindet daher auch, dass in der Sprache nur so viel wirklich künstlerisch sein kann, als auf der einen Seite in diese Sprache ein musikalisches Element hineinfließt, auf der anderen Seite ein plastisches, ein gestaltendes Element hineinfließt.

Man kann ja sagen: Unser Zeitalter ist nicht ein sehr künstlerisches Zeitalter, unser Zeitalter empfindet auch die Dichtung prosaisch, dem Inhalte nach. Andere Zeitalter, die durch eine gewisse Naivität der Menschen mehr im künstlerischen Auffassen drinnen stecken, die sahen in der Dichtkunst nicht den wortwörtlichen Inhalt an, sondern sie sahen das rhythmische, das taktmäßige, das melodiöse Element, das dem wortwörtlichen Inhalt nur zugrunde liegt, als das Wesentliche an - oder auch das plastische, das gestaltende Element.

In der Eurythmie ist versucht worden zu studieren - durch dasjenige, was man im Goethe’schen Sinne sinnlich-übersinnliches Schauen nennen könnte - alles das, was in dem menschlichen Kehlkopf, in seinen Nachbarorganen an Bewegungsanlagen vorhanden ist, wenn der Mensch die Lautsprache ertönen lässt. Bei der Lautsprache ist es allerdings so, dass der Mensch unmittelbar den Luftwellen mitteilt dasjenige, was er aus den Bewegungsanlagen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane heraus offenbaren kann. Aber studiert man die wirkliche Organisation des Menschen gerade durch Geisteswissenschaft, dann kommt man darauf, dass der Kehlkopf und dasjenige, was ihn umgibt zur Entstehung der Sprache, im Grunde genommen im Kleinen eine Wiederholung ist des ganzen menschlichen Organismus. Und wenn man herausbekommt, welche Bewegungsanlage hinausfließt in die Bewegung der Luft - die ja vorhanden ist, wenn wir die Lautsprache zur Geltung bringen -, dann kann man nicht die Bewegung selbst, aber die Bewegungsanlagen durch den ganzen Menschen zum Ausdrucke bringen. Und so werden Sie sehen - ohne dass irgendwie etwas Willkürliches zugrunde liegt - vor Ihnen auf der Bühne den ganzen Menschen oder Menschengruppen gewissermaßen zum Kehlkopfe werden, sodass in dem, was der Mensch durch seine Glieder ausdrückt oder in dem, was dann die Gruppen durch ihre Stellungen, durch ihre Bewegungen im Verhältnisse zueinander ausdrücken, dasselbe angeschlagen wird, was sonst wirkt vom Kehlkopfe aus in die Luftschwingungen hinein.

Für denjenigen, der für solche Dinge Verständnis hat, möchte ich sagen: Wie sich das Licht als kleine Schwingung zu den größeren, ausgebreiteten Schwingungen der schwingenden Elektrizität, die der drahtlosen Telegraphie zugrunde liegt, verhält, so verhält sich dasjenige, was im Kehlkopfe vorgeht, zu dem, was ausgebildet wird für die ganze menschliche Beweglichkeit in der Eurythmie. Es ist also nicht etwa so, dass versucht wird durch Zufallsgebärden, durch irgendwelche bloße Mimik etwas auszudrücken, sondern so, wie gesetzmäßig Laut an Laut sich schließt in der menschlichen tönenden Sprache, so schließt sich Bewegung an Bewegung in dieser stummen Sprache der Eurythmie. Dadurch aber, dass ausgeschlossen ist das Gedankenelement, dass nur das Willenselement in Bewegung gebracht wird, dadurch wird die Auffassung desjenigen, was eurythmisch dargestellt wird, eben von vornherein eine künstlerische. Das Gedankenelement, das ideelle Element, wird ausgeschlossen. Und indem man den Menschen selbst als Instrument für die Eurythmie-Darstellung benützt, sieht man, wie sich in diesem Menschen, in seinen Bewegungsmöglichkeiten, alle Welträtsel anschauen lassen. Das ist das Wichtige, dass sich die Welträtsel in den Bewegungen, die hier eurythmisch ausgeführt werden, anschauen lassen.

Deshalb aber ist es wirklich so, dass entweder Musikalisches, das Sie ja selber auf der einen Seite hören werden, begleitet werden kann, illustriert, möchte ich sagen, werden kann durch das Eurythmische oder dass Sie Dichterisches, das in Begleitung der eurythmischen Darstellung rezitiert wird, zugleich mit der Rezitation empfangen. Durch die Rezitation lebt die Dichtung in der Lautsprache. Aber der Dichtung liegt schon das plastische oder das musikalische Element zugrunde — wenn die Rezitationskunst nicht so getrieben wird, wie sie vielfach in der Gegenwart getrieben wird, wo sie nicht auf ihrer Höhe steht, sondern so, [dass] sie von vornherein Künstlerisches bewirkt. Nicht so, dass Rezitationskunst betrieben wird, wo man auf den wortwörtlichen Inhalt Rücksicht nimmt, sondern auf das melodiöse, taktmäßige, rhythmische Element. Dieses liegt zugrunde der Eurythmie, und dies muss zur Geltung gebracht werden in der Rezitation, die die Lautfolge begleitet. So wie die Tonfolge durch das Musikalische begleitet wird, so muss die stumme Kunst der Eurythmie durch die Rezitationskunst begleitet werden von dem, was man auf der anderen Seite anhört als Dichtung.

Das alles, was Eurythmie heute schon bieten kann, ist aber eigentlich nur ein Anfang, und in dieser Beziehung bitte ich Sie auch, mit der Vorstellung Nachsicht zu haben, denn wir wissen genau, dass wir von dem, was uns als eurythmische Kunst vorschwebt, heute nur einen Anfang erst geben können. Man wird besonders dann sehen, wenn die Dinge, welche dichterisch ausgestaltet sind, durch Eurythmie wiedergegeben werden, dass sich diese eurythmische Wiedergabe besonders für diejenigen Dichtungen eignet - wie zum Beispiel das «Quellenwunder», das Sie heute sehen werden -, die schon von vornherein nicht auf den wortwörtlichen Inhalt, sondern auf den Rhythmus, auf den Rhythmus der aufeinanderfolgenden Gedanken, auf den Rhythmus in Bezug auf den Sinninhalt hin gebildet sind. Das lässt sich besonders gut eurythmisch ausdrücken, was gewissermaßen toneurythmisch empfunden ist, indem es hingeschrieben wird.

Und so werden Sie sehen, wie dadurch, dass der Mensch selbst für diese stumme eurythmische Sprache als Instrument benutzt wird, wie die Goethe’sche Kunstgesinnung wirklich erfüllt wird, jene Goethe’sche Kunstgesinnung, die besonders schön zum Ausdrucke kommt, wenn Goethe in seinem Buch über Winckelmann sagt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt - dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» - In der Tat wird das versucht in der Eurythmie, dass überwunden werde alle bloß subjektive Willkür, die ja selbstverständlich unser Sprechen durchdringen muss, dass dasjenige, was zum Ausdrucke kommt, mit einer inneren Notwendigkeit zum Ausdrucke kommt, wie wenn der Mensch ein Ausdrucksmittel der ganzen Natur selber wäre, in die er eingeschaltet ist.

Daher empfindet man auch, wenn man eurythmisch darstellt, besonders stark so etwas, wie wir dann nach der Pause im zweiten Teil des Programmes versuchen wollen darzustellen. Da werden wir versuchen, eurythmisch wiederzugeben dasjenige, was wir einen Gnomen- und Sylphen-Chor nennen. Heute glaubt man ja, dass die Wahrheit der Natur nur in abstrakten Gedanken und in abstrakten Naturgesetzen sich offenbart. Es wird eine Zeit kommen, wo man wissen wird, dass die Natur in sich, die schaffende Natur in sich viel reicher ist, viel innerlich inhaltsvoller ist als dasjenige, was der abstrakte Gedanke und das abstrakte Naturgesetz geben kann, und dass in der Tat eine tiefe Wahrheit ist in einem solchen Ausspruche wie dem Goethe’schen: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» - Das kann nicht bloß aus abstrakten Gedanken, aus dem Experiment, aus dem Naturgesetz heraus kommen. Was man braucht, um die Natur zu verstehen, das ist dasjenige, was allmählich gefühlt werden muss: Es muss sich ergeben das Verständnis der Natur vom bloß abstrakten Gedanken zum wirklichen Erfassen, zum künstlerischen Erfassen, zum künstlerischen Durchschauen der Naturrätsel und Naturgeheimnisse. Dann findet man sich hinein in jenes Wechselgespräch zwischen dem Menschen und der Natur, wie ich es versucht habe, in dem Gnomen- und Sylphen-Chor zum Ausdrucke zu bringen.

Aber wie alles, was hier durch diesen Bau sich darstellen will, ja eigentlich eine Zukunftssache ist, so möchte ich noch einmal betonen, dass ich Sie bitte, unsere Vorstellung mit Nachsicht aufzunehmen. Denn wir wissen genau, heute können wir nur einen Anfang, vielleicht nur [einen] Versuch eines Anfanges unserer eurythmischen Kunst schon geben. Aber wir sind auch überzeugt, dass, wenn dasjenige weiter ausgebildet wird, was als Impetus zugrunde liegt diesem Wollen der eurythmischen Kunst, dann werden - namentlich wenn die Zeitgenossen der Sache ihr Interesse entgegenbringen - entweder noch durch uns selbst oder wahrscheinlich durch andere diese eurythmischen Versuche zu einer vollständigen Kunst ausgebildet werden, die sich dann neben die anderen Kunstformen wirklich als etwas Berechtigtes, als etwas Gleichberechtigtes wird hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →