Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 1 May 1920, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Spruch aus dem Seelenkalender (3.) von Rudolf Steiner
«Antepirrhema» von J. W. v. Goethe
Spruch aus dem Seelenkalender (4.) von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (5.) von Rudolf Steiner
«Zum neuen Jahr» von Eduard Mörike
Musikalischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Die Harzreise im Winter» von J. W. v. Goethe
Musik aus der 4. Sinfonie von Anton Bruckner
«Urworte, Orphisch » von J. W. v. Goethe
Elegischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Stummer Auftakt «Flammen»
«Napoleon im Kreml» von C. F. Meyer
«Das Göttliche» von J. W. v. Goethe
«Mailied» von J. W. v. Goethe
«Gleich und Gleich» von J. W. v. Goethe
Heiterer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Fünf Dinge» von J. W. v. Goethe
«Fünf andere Dinge» von J. W. v. Goethe
Heiterer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Humoresken von Christian Morgenstern: «Das Problem»; «Das Perlhuhn»; «Den Originalen»; «Ein modernes Märchen»
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich auch heute - wie immer vor diesen eurythmischen Darbietungen - einige Worte voraussende. Es geschieht das nicht, um den Inhalt der Vorstellungen selbst etwa zu erklären, denn Künstlerisches muss selbstverständlich durch den unmittelbaren Eindruck wirken und die Voraussendung einer Erklärung wäre eigentlich etwas Unkünstlerisches. Allein, es wird versucht mit dem, was wir hier Eurythmie nennen, aufzufinden neue Möglichkeiten des künstlerischen Wirkens, neue Möglichkeiten der Bewegungen, [nämlich] dass in der Eurythmic angestrebt wird eine Art von wirklicher stummer Sprache. Sie werden auf der Bühne Bewegungen des einzelnen Menschen sehen, Bewegungen gegenseitiger Positionen von Menschengruppen. Dasjenige, was durch den einzelnen Menschen oder durch Menschengruppen zum Ausdrucke kommt, das ist nicht so gemeint, dass Gebärdenspiel oder Pantomimisches oder irgendetwas anderes Mimisches im Spiele wäre, das zufällig gefunden wäre, um auszudrücken das begleitende Dichterische oder das begleitende Musikalische. Sondern dasjenige, was hier als Bewegungen sich darbietet, ist so gesetzmäßig aus der ganzen Organisation des Menschen herausgeholt, wie die Lautsprache selbst herausgeholt ist. So wie nicht der einzelne Laut mimisch gedeutet werden kann, so kann auch nicht die einzelne Gebärde, die in der Eurythmie auftritt, mimisch oder tänzerisch gedeutet werden, sondern es handelt sich darum, dass - wenn ich den Goethe’schen Ausdruck gebrauchen darf - durch sinnlichübersinnliches Schauen gewissermaßen die Gesetzmäßigkeiten der Lautsprache gefunden werden können.
Wenn ich zu Ihnen hier spreche, so überträgt sich ja der Luft die Bewegung. Diese Bewegungen sind allerdings zunächst kleine Zitterbewegungen. Sie sind nur die Fortsetzung desjenigen, was als Bewegungen die Lautsprache bewirkt aus Kehlkopf und den übrigen Sprachorganen. Aber diesen zunächst wirklichen Bewegungen des Kehlkopfes und der übrigen Sprachorgane liegen zugrunde Bewegungstendenzen.
Man kann gewissermaßen zusammenfassen, wie man, sagen wir die Windungen einer Schraubenlinie zusammenfassen kann, indem man die Achse der Schraube als Bewegungstendenz in Anspruch nimmt, - so kann man zusammenfassen dasjenige, was der Lautsprache an Bewegungen zugrunde liegt, in Bewegungstendenzen. Und diese Bewegungstendenzen kann man übertragen nach dem Goethe’schen Metamorphoseprinzip auf den ganzen Menschen; sodass gewissermaßen der ganze Mensch oder auch Menschengruppen vor Ihnen wie ein lebendiger Kehlkopf, ein stummer Kehlkopf auftritt.
Das ist das Eigentümliche der Eurythmie, dass sie nicht aus irgendwelchen Zufallsphantastereien herausgewachsen ist, sondern aus einer Gesetzmäßigkeit, die ebenso innerliche Notwendigkeit enthält, wie die Gesetzmäßigkeit der Lautsprache oder des Gesanges selbst. Sodass, wenn wir die Eurythmie begleiten hören von der Rezitation und die Lautsprache das Rezitatorische, das Gedicht zum Ausdrucke bringt - oder irgendetwas Musikalisches durch das Instrument oder auch durch den Gesang zum Ausdrucke gebracht wird, so ist die eurythmische Darstellung nur eine andere Form, nur eine andere Sprache. Aber allerdings eine Sprache, von der man sagen kann, dass sie in vieler Beziehung diejenigen künstlerischen Bestrebungen zustande kommen lässt, die von einem großen Teil gerade der heute künstlerisch Strebenden gesucht werden.
Man sucht ja heute, und alle möglichen künstlerischen Bestrebungen liegen vor - viele davon sind durchaus unbedeutend, weil man schon als Maler, als Bildhauer durchaus heute noch nicht in der Lage ist, die Formen aus Farben und Formen herauszufinden, welche in einer neuen Art sich annähern können den elementaren Quellen, aus denen für den Menschen überhaupt das Künstlerische fließt.
In der Eurythmie haben wir das Merkwürdige, dass wir den Menschen selber als das Werkzeug verwenden, durch das ausgedrückt wird. Und wie der Mensch auch sonst der ganzen Welt gegenüber erscheint als eine Zusammenfassung, als ein Mikrokosmos, als eine kleine Welt, so bietet er insbesondere dann, wenn man dasjenige, was sonst zur Befriedigung des egoistischen oder des sozialen Willens aus den Gliedern hervorgeht, wenn man das verwendet als Ausdrucksmittel für dasjenige, was die menschliche Seele erlebt, erlebt zum Beispiel durch die Dichtung, erlebt durch die Musik, dann erhält man dadurch, dass der Mensch selbst Ausdrucksmittel ist in dieser Darstellung, bei der man ja den Blick auf den Menschen selbst hinrichtet, man erhält dadurch ein sinnliches Bild.
Und dieses sinnliche Bild ist durch und durch, weil es eben vom Menschen selber gebildet wird, durchseelt, durchgeistigt. Es erscheint ja wirklich unmittelbar ein Sinnlich-Übersinnliches: ein Physisches — der Mensch in Bewegung - zu gleicher Zeit so, dass wir wissen, dasjenige, was da im Raume Bewegungen darstellt, ist geistig-seelisch belebt. Das gibt die Möglichkeit, Sinnlich-Übersinnliches vor uns zu entfalten. Und sinnlich-übersinnlich muss ja der Inhalt jeder wahren Kunst sein. Wenn die Kunst sich durchtränkt von Ideen, von Gedanken, so wird sie eben unkünstlerisch. Je mehr das gedankliche Element vorliegt in der Kunst, desto weniger künstlerisch ist die Kunst.
Daher wird auch die Sprache, die Lautsprache - gerade indem sie sich immer mehr und mehr weiterbildet -, ungeeigneter und immer ungeeigneter zur Dichtung. Und vieles von dem, was man heute gegenüber der Dichtung empfindet, ist ja eigentlich nur die Empfindung des wortwörtlichen Prosainhaltes. Die Zeit liegt schon hinter uns, in der man im Beginne des 19. Jahrhunderts in gewissen Romantker-Kreisen Gefallen gefunden hat im Anhören der Dichtungen, bei denen man gar nicht die wortwörtliche Sprache verstand, bei denen man sich nur ergötzte an Rhythmus und Takt, an dem, was in der Dichtung das eigentlich Künstlerische ist.
Wir müssen sogar, indem wir das Eurythmische begleitet sein lassen von der Rezitation, die Rezitation wiederum zu ihren guten alten Formen zurückführen. Heute sieht man in der Rezitation die Vollkommenheit darinnen, dass der Inhalt in der richtigen Weise, wie man sagt, recht innerlich herausgeholt wird aus dem Menschen. Goethe hat noch mit dem Taktstock wie ein Kapellmeister selbst seine «Iphigenie» einstudiert mit seinen Schauspielern, viel mehr Wert legend auf den jambischen Schritt und Vers als auf den wortwörtlichen Inhalt. Von diesem rein Künstlerischen ist man heute mehr oder weniger abgekommen.
Nun sehen Sie, man verspürt das auch, wenn man das individuell Menschliche wirken lassen will. Man verspürt es an der Sprache, wenn man dasjenige, was Inhalt des Willens ist, in die Wortformen gießen soll. Vielleicht erscheint es vielen der verehrten Zuhörer paradox, aber es ist doch so: Wer ein gewisses feines Mitfühlen hat für dasjenige, was man heute empfinden kann in einem vorgerückten Stadium der Menschheitsentwicklung, was man innerlich erleben kann, wenn man das ausdrücken will in der konventionellen Sprache, dann ist es so, wie wenn einem das, was man erlebt, mehr oder weniger in der Kehle stecken bleibt. Nur Menschen, die ein gewisses Talent dafür haben, im Konventionellen aufzugehen, auch wenn sie Dichter sind, die finden sich befriedigt an der Lautsprache im Ganzen. Man kann sagen: diese Lautsprache, die nötigt uns überall, unkünstlerisch zu werden, weil sie in das gedankliche Element, das beim Fortschreiten in der Zivilisation immer konventioneller und konventioneller wird, hineingeht, weil sie das gedankliche Element bevorzugt. Dieses gedankliche Element [haben wir] ja nur in der begleitenden Rezitation, die aber auch auf das Künstlerische zurückgehen muss, sonst könnte sie gar nicht einhalten den parallelen Gang zur eurythmischen Darbietung. Dagegen in der eurythmischen Darbietung haben wir ganz und gar das menschlich Willensmäßige einer Dichtung oder ein Musikalisches, da haben wir ganz und gar - wenigstens die Möglichkeit haben wir, das rein Künstlerische zum Ausdrucke zu bringen.
Daher hat die Eurythmie, die ja zunächst eine stumme Sprache ist, gerade die Möglichkeit, recht im unmittelbaren Darstellen künstlerisch zu werden, indem das Dargestellte ganz sinnlich und zugleich ganz geistig ist. Das ist. da das Erfordernis an etwas, das im wirklichen Sinne künstlerisch wirken soll.
So glauben wir gerade mit unserer Eurythmie auf einem Gebiete entgegenzukommen dem, was heute auf den verschiedensten Kunstgebieten - und schon seit längerer Zeit - angestrebt wird. Man kann wiederum durch die Eurythmie zurückgehen auf das tiefste menschliche Empfinden, das man nicht durch die Sprache, das man wohl aber durch die stumme Sprache der Eurythmie ganz individuell menschlich zum Ausdrucke bringen kann.
Man möchte sagen: Wenn der Mensch träumt, so ist er gewissermaßen im untermenschlichen Bewusstsein. Wenn der Mensch träumt, dann ist er selbst als ganzer Mensch ruhig. Bewegungen sind es nicht, die er ausführt. Vorstellungen sind es nur, die den Traum erfüllen, und die Bewegungen stellen wir im Traum auch nur vor. - Das eurythmische Spiel ist der Gegenpol des Träumens, ist ein stärkeres Aufwachen des Menschen. So wie im Traume die Bewegungen unterdrückt werden und nur das Vorstellungsmäßige ins Bild schießt, so ist es beim eurythmischen Spielen so, dass das Vorstellungsmäßige zurücktritt und gerade die Bewegung herauskommt. Das ist ein stärkeres Aufwachen, das ist eine Erhöhung des Bewusstseins. Das ist etwas, wonach unsere Zeit gerade hinstreben muss. Es ist wahrhaftig bei einer ernsten geisteswissenschaftlichen Bewegung nicht richtig, wenn man den Menschen einlullen will in ein mystisches Träumen. Das ist eine Abirrung. Alles Traumhaft-Mystische ist eine Abirrung von dem, was heute gewollt werden muss aus den wahren Aufgaben der Zeit heraus. Und aus den wahren Aufgaben der Zeit heraus ist gerade diese Kunstrichtung der Eurythmie auch hervorgeholt. Sie ist nicht eine Abdämpfung, nicht ein Herabdämpfen des menschlichen Bewusstseins ins Träumen, sie ist eine Heraufentwicklung des menschlichen Bewusstseins in ein starkes Wachsein. Daher wird sie eine Bedeutung für die Pädagogik haben.
Diese Eurythmie als Kindereurythmie, von der Sie heute auch Proben sehen sollen, wird gerade erzieherisch wirken auf die Initiative des menschlichen Willens, was das gewöhnliche, rein physiologische Turnen nicht tut. Und so wird man auch über dieses didaktische Moment in der Zukunft anders urteilen gegenüber der Eurythmie als heute.
Aber wir sind selbst die strengsten Kritiker, und auch heute wiederum bitte ich Sie wie immer um Nachsicht. Wir stehen erst im Anfange einer Entwicklung, wissen ganz gut, dass vieles noch zu tun ist. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die vor Monaten da waren und sich unsere Leistungen angesehen haben, werden schon sehen können, wie wir namentlich in dem Herausbilden der Formen und dem künstlerischen Gestalten der Formen vorgerückt sind. Nach und nach wird alles Mimische verschwinden, und das Künstlerische wird in den Vordergrund treten. Nichts Symbolisches darf bleiben, wie cs vielleicht im Anfang geschah und vielleicht auch heute noch nicht ganz und gar verschwunden ist. Wir werden aber die Möglichkeit finden, Symbolisches, Allegorie ganz auszuschalten, und das schöpferische Gewahrwerden, das die bewegte Sprache der Eurythmie ist, künstlerisch zum Ausdrucke bringen. Dann wird sich zeigen, dass zwar jetzt noch diese Eurythmie im Anfange ihrer Bestrebung ist, wie die Zuhörer, die früher schon da waren, sehen werden, aber schon vorwärtsgekommen ist, und dass wir der Überzeugung sind, dass dasjenige, was heute noch unvollkommen ist, einer größeren Vervollkommnung fähig ist. Sodass Eurythmie als Kunst einmal so dastehen wird - vielleicht wird es nicht mehr durch uns, sondern durch andere in dieser Weise weitergebildet -, dass sich die Eurythmic als eine vollkommene Kunst neben ihre älteren vollberechtigten Schwesterkünste wird hinstellen können.