Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 23 May 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

«Veni Creator Spiritus» von J. W. v. Goethe
Spruch aus dem Seelenkalender (7.) von Rudolf Steiner
«Alle» von C. F. Meyer
Spruch aus dem Seelenkalender (8.) von Rudolf Steiner
Aus der 8. Symphonie von Anton Bruckner
«An den Mond» von J. W. v. Goethe
Spruch aus dem Seelenkalender (9.) von Rudolf Steiner
«Waldkonzerte» von Christian Morgenstern
Aus der C-Dur Symphonie von Franz Schubert
«Meine Göttin» von J. W. v. Goethe
«Das Leben ist ein schlechter Spaß» von J. W. v. Goethe
Kinderdarbietungen
«Kleiner Tanz» von J. S. Bach (Kindergruppe mit Eurythmisten)
«An mein Kalb» von Fercher von Steinwand
Kinderdarbietungen (Anapäste; «Ein Rätsel» von Rudolf Steiner)
Humoresken von Christian Morgenstern: «Bildhauerisches»; «Palma Kunkels; «Die Oste und die Weste»
Tropfenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Humoresken von Christian Morgenstern: «Elster»; «Anfrage»; «Antwort»; «Entwurf zu einem Trauerspiel»
Tropfenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Diese einleitenden Worte erlaube ich mir auch heute wiederum wie sonst vor diesen eurythmischen Darbietungen vorauszuschicken, nicht aus dem Grunde, um etwa die Vorstellung selbst zu erklären; das wäre unkünstlerisches Beginnen, denn Eurythmie soll sein eine wirkliche Kunst. Die muss wirken durch dasjenige, was sie unmittelbar der Anschauung darbietet, darf nicht nötig haben irgendeine Erklärung hinterher. Aber dasjenige, was mit der Eurythmie versucht wird in der Tat - trotzdem es heute noch an seinem Anfange steht, im Anfange seiner Entwicklung steht -, [versucht wird] sowohl in Bezug auf die Aufsuchung von besonderen künstlerischen Quellen, wie auch mit Bezug auf die besonderen künstlerischen Formgebungen, die nötig sind und in Betracht kommen, ist etwas durchaus Neues, und darüber dürfen vielleicht einige Worte gesagt werden.

Sie werden auf der Bühne den bewegten Menschen, auch bewegte Menschengruppen sehen. Dasjenige, was da zum Ausdrucke kommt durch die Bewegung der Glieder, namentlich der Arme und Hände an dem Menschen oder auch der übrigen Glieder, was zum Ausdrucke kommt durch die besondere Stellung von Personen in Gruppen, durch die wechselnde Stellung, durch die Bewegung von Gruppen, das könnte ja zunächst aufgefasst werden wie eine Art von Gebärdengebung, die herausgeboren wäre aus dem Moment, also momentan aus dem, was gleichzeitig mit der Eurythmie unternommen wird, desjenigen, was gleichzeitig rezitiert wird, also die gesprochene Dichtung, oder auch die Musik, die da antönt. Es ist aber nicht so. Es handelt sich nicht um Zufallsgebärden. Es handelt sich überhaupt um nichts Mimisches, Pantomimisches, sondern um eine wirkliche sichtbare Sprache, die geradeso innerlich gesetzmäßig ist, so aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgeholt ist wie die Lautsprache.

Ersichtlich wird das vielleicht, wenn ich hinweise auf die Art, wie diese sichtbare Sprache der Eurythmie gefunden wird. Indem ich zu Ihnen hier mit Hilfe der Lautsprache spreche, werden die Bewegungen, die hervorgerufen werden im menschlichen Kehlkopf und auch den anderen Sprachorganen, sie werden dann auf die Luft übertragen, und die Luft trägt gewissermaßen auf den Flügeln ihrer Wellen die Töne zu dem Ohr der Menschen hin. Man kann nun, wenn man diese besondere Fähigkeit in sich entwickelt, dasjenige wahrnehmen an dieser Lautsprache, auf das die Aufmerksamkeit im gewöhnlichen Leben selbstverständlich nicht gerichtet wird: Das sind die Bewegungstendenzen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Nicht diejenigen Bewegungen, die der Kehlkopf selbstverständlich auch anregt, die sich dann als Vibrationsbewegungen, als Zitterbewegungen auf die Luft übertragen, sondern diejenigen Bewegungen, die als in viel, viel größerem Stile, möchte ich sagen, ablaufende Bewegungstendenzen vorhanden sind. Die lassen sich studieren, sodass man sagen kann: Jeder Formulierung der Lautsprache, jedem Laute, aber auch der besonderen Nuancierung und Akzentuierung und Modulierung des Gesprochenen entsprechen gewisse Bewegungstendenzen. Die lassen sich durch, wenn ich den Goethe’schen Ausdruck gebrauchen darf sinnlich-übersinnliches Schauen erkennen, und lassen sich dann auf den ganzen Menschen übertragen. Sodass dasjenige geschieht, was man nennen könnte: die Anwendung des Goethe’schen Metamorphoseprinzips auf die Betätigung des ganzen Menschen.

Das Goethe’sche Metamorphoseprinzip, das heute durchaus noch nicht hinlänglich gewürdigt ist, was ganz gewiss in der Weltanschauung der Zukunft eine große Rolle spielen wird, das beruht ja darauf, anzuschauen die Verwandlung der organischen Glieder an den Lebewesen. Wenn ich das Hauptsächlichste hier hervorheben will - aber eben nur das Hauptsächlichste -, so könnte ich ja sagen: Goethe sieht die ganze Pflanze an als eine Umwandlung des einzelnen Blattes. Das einzelne Blatt ist eine primitive ganze Pflanze; die ganze Pflanze ist nur ein kompliziertes gewordenes Blatt. So kann man es - aber auch das muss natürlich, wenn es Eurythmie werden soll, künstlerisch durchdrungen werden -, so kann man das Goethe’sche Metamorphosenprinzip auch anwenden auf dasjenige, was als Bewegungstendenzen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane der gesprochenen Sprache zugrunde liegt. Und wenn man cs verwandelt dann ausführen lässt durch den ganzen Menschen, so wird dadurch vor Ihnen hier auf der Bühne gewissermaßen der ganze Mensch zu einem sichtbaren Kehlkopf.

Sie sehen dasjenige als Bewegungen vor sich, was sonst als Bewegungstendenzen — unbemerkt bleibend - sich abspielt bei der Lautsprache. Dadurch aber sieht man ja gewissermaßen hinein in die tiefere Gliederung der menschlichen Organisation und holt heraus aus denjenigen Quellen, die der menschlichen Form, der menschlichen Bewegung, dem ganzen menschlichen Leben zugrunde liegen, diese sichtbare Sprache der Eurythmie. Man verwendet dabei den ganzen Menschen als ein künstlerisches Werkzeug.

Man erreicht dadurch - wie gesagt, das alles soll nur so aufgefasst werden, dass es in bescheidenstem Sinne gemeint ist, denn wir stehen durchaus noch im Anfange der Entwicklung der eurythmischen Kunst -, aber man erreicht durch diese eurythmische Kunst das, dass man wirklich den Menschen, der ein Abbild, ein Mikrokosmos der ganzen Welt ist - wie das selbst die trockensten Philosophen schon zugestanden haben -, dass man diesen Menschen auch künstlerisch zum Ausdrucksmittel macht für dasjenige, was sonst nur durch ein objektives Werkzeug oder durch objektive Mittel wie Farben und Formen und dergleichen zum Ausdrucke gebracht wird. [Man erreicht das, indem man] durch ein begrenztes Glied, den Kehlkopf und seine Nachbarorgane, nun diesen Menschen selbst, den ganzen Menschen zum Ausdrucksmittel macht, sichtbarlich vor die Welt hinstellt, damit erfüllend in einer gewissen Beziehung dasjenige, was Goethe so schön nennt: Das Wesen des Menschen, das sich dadurch offenbart, dass, wenn der Mensch sich sieht an den Gipfel der Natur gestellt, er sich wiederum als eine ganze Natur fühlt, Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung zusammennimmt, und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt. - Wie könnte der Mensch zum eigentlich künstlerischen Ausdruck sich intensiver erheben, als wenn er dasjenige, was in ihm selber als einer Formensprache gesucht werden kann mit Hilfe seiner Organisation, wenn er sich selber als künstlerisches Ausdrucksmittel verwendet.

Das ist in Bezug auf die Formgebung gegenüber den Quellen gesagt. Sie werden daraus sehen, dass angestrebt wird — wenigstens als ein Ideal -, verschwinden zu lassen aus unserer eurythmischen Kunst alles dasjenige, was Mimisches, Pantomimisches ist. Wenn solches da oder dort noch darinnen ist, so ist es nur, weil sie eben noch sehr im Anfange ihrer Entwicklung ist, und es wird dies nach und nach ganz verschwinden. Aber auch alles Naturalistische soll verschwinden. Denn nicht darum handelt es sich zum Beispiel, dasjenige, was in der Dichtung zum Ausdrucke kommt, seinem wortwörtlichen Inhalte nach wiederzugeben naturalistisch in der Eurythmie, sondern es handelt sich darum, das gerade wiederzugeben, was der Dichter in der Dichtung aus seinem Stoffe gemacht hat.

Hierinnen empfindet unser heutiges, unkünstlerisches Zeitalter eben eigentlich außerordentlich unkünstlerisch, daher auch beim Rezitieren immer mehr auf den wortwörtlichen Inhalt, das heißt, auf den Prosainhalt Wert gelegt wird, Rücksicht nur darauf genommen wird - viel mehr als auf das eigentlich Künstlerische in der Dichtung. Das Künstlerische der Dichtung liegt niemals indem wortwörtlichen Inhalte. Schiller hat in seinen bedeutendsten Gedichten, bevor er angefangen hat, immer etwas wie eine Art von unbestimmter Melodie in seiner Seele gehabt, gar nichts vom wortwörtlichen Inhalt, eine unbestimmte Melodie, sodass aus dieser selber unbestimmten Melodie «Der Taucher» oder irgendein anderes Gedicht werden konnte. Den Inhalt hat er erst dazu gefunden zu dem Musikalischen. Das eigentlich Künstlerische der Dichtung, das [ist] doch dasjenige, was als Musikalisches in Rhythmus, Takt, Harmonie und so weiter dem melodiösen Element in dem Thematischen der Dichtung zugrunde liegt oder auch in dem, was als plastisches Bilden der Dichtung zugrunde liegt. Das muss ja auch in der Eurythmie hervorgeholt werden. Daher muss auch die Rezitation und Deklamation zu den früheren künstlerischen Formen des Rezitierens zurückkehren: nämlich gerade zum Hervorheben des Rhythmischen, des Taktmäßigen und so weiter.

Und dieser Versuch der Eurythmie wird wohl einmal, wenn man objektiver über ihn denken wird, so aufgefasst werden, dass er ein Weg ist zurück zum eigentlich Künstlerischen, das ja in unserer Dichtung gar nicht mehr in vollem Maße zum Ausdrucke kommt, weil wir immer zu sehr das wortwörtliche Element, den Gedankeninhalt, die Prosa suchen. Nicht den Gedankeninhalt müssen wir suchen, nicht das [Was], sondern mehr das [Wie] muss gesucht werden. Durch die Eurythmie soll wieder mehr der Weg gesucht werden, über das Wie zum Was zu kommen; und dieser Weg wird gefunden werden. Es wird ja auch der Weg gefunden vom Gedanken- zum Willenselement des Menschen hin.

Ein Produkt ist umso mehr unkünstlerisch, je mehr also der Gedanke überwiegt. Der Gedanke in unserer Schriftsprache hat schon eine abstrakte Form angenommen in unseren zivilisierten Sprachen. Er ist entweder der Ausdruck des menschlichen ungestalteten, unbildlichen Inneren oder aber er ist da zum menschlichen Verkehr, er hat eine konventionelle Form erhalten. Dadurch dass wir dasjenige, was am Gedichte das eigentlich Dichterische ist, in diese sichtbare, bewegte Sprache übertragen, dadurch führen wir den Gehalt der Dichtung zurück vom Gedanken auf das zugrundeliegende, waltende Willenselement. Und in dem bewegten Menschen haben wir im Wesentlichen das Willenselement.

Das Willenselement ist nun dasjenige, das mit der ganzen Persönlichkeit zusammenhängt, nicht bloß mit dem abstrakten Wortwörtlichen. Das Willenselement haben wir da vor uns. Und wir können eigentlich viel mehr aus dem ganzen Menschen heraus etwas hinstellen, wenn wir es in dieser sichtbaren Sprache der Eurythmie geben, als wenn wir es in der Lautsprache geben, wo also der Gedanke zu sehr alles vermitteln soll.

Dann bitte ich Sie, zu berücksichtigen, dass - trotzdem wir uns bemühen, vorwärts zu kommen in dieser Eurythmie - sie noch im Anfange ihrer Entwicklung ist. Diejenigen der verehrten Zuschauer, welche öfter hier waren, werden ja sehen, wie wir namentlich in der Formgebung uns jetzt bemühen, über das Naturalistische und über das Mimische immer mehr hinauszukommen. Wir haben Fortschritte gemacht in Bezug auf die Formgebung in den letzten Monaten. Aber bei alledem muss doch gebeten werden am Ausgangspunkt einer jeden solchen Vorstellung eben um Nachsicht, aus dem Grunde, weil man es zu tun hat mit einem Anfang, vielleicht sogar nur mit dem Versuch eines Anfangs. Aber dem liegt auch die Überzeugung zugrunde, dass dieser Anfang sich wird vervollkommnen können und dass einstmals - vielleicht nicht mehr durch uns, aber durch andere - in der Zukunft noch Mannigfaltiges und Vieles hereingetragen wird werden können. Sodass in der Zukunft diese Eurythmie, diese eurythmische Kunst neben die anderen vollwertigen Künste als etwas Vollberechtigtes im menschlichen Kulturleben sich wird hinstellen können.

[Vor der Pause:]

Nach dieser Pause werden wir neben anderem noch etwas Humoristisches bringen und vor allen Dingen etwas Kindereurythmie. Ich darf vielleicht zu dieser Kindereurythmie noch bemerken, dass hierbei sich ausdrücken soll eine zweite Seite dieser unserer eurythmischen Kunst.

Gewiss soll zuerst vor allem anderen Eurythmie ein künstlerischer Ausdruck sein, eine künstlerische Sache sein. Dann aber wird sie sich trotzdem noch erweisen mit einem pädagogisch-didaktischen Element, indem dasjenige, was durch das Turnen erreicht werden kann, wobei man ja eigentlich nur das Physiologische des Menschen berücksichtigt, eine wesentliche Bereicherung erfährt durch dieses beseelte, durchgeistigte eurythmische Turnen, das zugleich ja Eurythmie sein kann. Es wird schon einmal auch über diese Dinge objektiver gedacht werden. Dann wird man sich sagen: Es ist zwar gut, dass die Kinder turnen lernen, es wird den Körper stählen, es ist etwas, das den Körper kräftiger macht. Allein, durch dieses durchseelte Turnen der Eurythmie wird gerade dasjenige, was das gewöhnliche Turnen nicht heranentwickeln kann und was in unserem Zeitalter so sehr fehlt, es wird das im Menschen heranentwickelt, was ich nennen möchte Willensinitiative. Es wird Willensinitiative in der Seele ausgestaltet.

Insofern ist dasjenige, was bei der Kindereurythmie in Betracht kommt, ein pädagogisch-didaktisches Element, ist etwas, was zum künstlerischen Element der Eurythmie noch hinzukommt.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →