Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 29 August 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Spruch aus dem Seelenkalender (22.) von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (23.) von Rudolf Steiner
«Kinderlied» von Max Schuurman
«Glückselig» von Christian Morgenstern
«Frohsinn» von F. Hiller
«Zwei Segel» von C. F. Meyer (zwei Kinder)
«Die Spröde» von J. W. v. Goethe
«Die Bekehrte» von J. W. v. Goethe
«Andante grazioso» von Wolfgang Amadeus Mozart
Spruch aus dem Seelenkalender (24.) von Rudolf Steiner
«Urworte, Orphisch » von J. W. v. Goethe mit Musik von Leopold van der Pals
«IV. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
Kinderdarbietungen: «Fromme Wünsche» von Graben-Hoffmann; «Kleine Geschichte» und «Aus dem Skizzenbuch» von Christian Morgenstern; «Tanzliedchen» von Jan Stuten
Humoristischer Auftakt mit Musik von Jan Stuten
Humoresken von Christian Morgenstern: «Physiognomisches»; «Die Nähe»; «Palmström»; «Das böhmische Dorf»
Satirischer Auftakt von Leopold van der Pals
«Bildhauerisches» von Christian Morgenstern

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Wie sonst vor diesen eurythmischen Aufführungen sei es mir auch heute gestattet, einige Worte vorauszusenden. Ich tue das immer nicht aus dem Grunde, um etwa die Aufführung zu erklären, was unkünstlerisch wäre, sondern um über die Quelle - die besonderen Ausdrucksformen, die in Betracht kommen bei unserer eurythmischen Kunst - einiges zu sagen. Es ist ja ein neuer Versuch. Diese Eurythmie ist ein Versuch, Künstlerisches zu schaffen durch eine besondere Formensprache, die aber nicht ausgedacht ist, sondern die aus der menschlichen Natur, aus der menschlichen Wesenheit selber hervorgeholt ist. Die Eurythmie, so wie sie hier gedacht wird, ist eine sichtbare Sprache, ausgeführt durch Bewegungen, die der Mensch durch seine Organisation, durch seine Glieder hervorbringt oder auch, die einzelne Menschen durch Bewegungen im Raume oder Menschengruppen durch Bewegungen im Raume oder durch gegenseitige Verhältnisse hervorbringen.

Das alles könnte zunächst bei oberflächlicher Betrachtung wie eine Summe von Gebärden angesehen werden, und das Ganze der Eurythmie könnte verwechselt werden mitirgendetwas, was verwandt wäre mit Pantomime oder Mimik und dergleichen. Aber Eurythmie ist das Gegenteil von alledem. Wenn ich mich dieses Goethe’schen Ausdruckes bedienen darf: Es ist, um die Eurythmie zustande zu bringen, durch sinnlich-übersinnliches Schauen - Goethe hat diesen Ausdruck oftmals angewendet aus seiner Kunstgesinnung, aus seiner Kunstanschauung heraus -, es ist durch sinnlich-übersinnliches Schauen versucht zu erkennen, welche inneren Bewegungstendenzen der menschliche Kehlkopf und die anderen Sprachorgane in sich haben, wenn die zu hörende Lautsprache zustande kommt.

Gemeint sind nicht diejenigen Bewegungen, welche zustande kommen, damit zunächst der Sprachorganismus des Menschen die Luft bewegt und dann diese Vibrationen, diese Schwingungen sich fortpflanzen im Raume, in das Gehör dringen und dadurch das Hören von Tönen, das Hören des Lautes vermittelt wird. Gemeint sind nicht diese Bewegungen, sondern Bewegungen, die durch sinnlich-übersinnliches Schauen beobachtet sind, innere Bewegungstendenzen, besser gesagt. Dadurch, dass der Kehlkopf und die anderen Sprachorgane unmittelbar mit der äußeren Luft in Beziehung stehen, dadurch übertragen sich die Bewegungstendenzen auf die äußere Luft und dadurch kommt die Sprache zustande. Aber dasjenige, was in der Sprache liegt, ist ja in einem gewissen Sinne der Ausdruck des ganzen Menschen. Und von dieser Erkenntnis geht anschauend künstlerisch aus dasjenige, was der Eurythmie zugrunde liegt. Es wird hervorgeholt aus dem ganzen Menschen dasselbe an Bewegungstendenzen, was sonst bloß aus dem Kehlkopf und dem Sprachorganismus kommt. Der ganze Mensch wird so in Bewegung gebracht wie sonst nur der Kehlkopf und seine Nachbarorgane. Nur aber natürlich, wenn der ganze Mensch in Betracht kommt und in Bewegung gebracht wird, so übertragen sich die Bewegungen nicht in derselben Weise stumm auf die äußere Luft, sondern sie übertragen sich zunächst auf die menschlichen Bewegungsorgane selbst, auf das Muskelsystem. Und dadurch kommt dann nicht eine hörbare, sondern eine stumme, eine sichtbare Sprache zustande, eine sichtbare Sprache, in welcher der ganze Mensch in Bezug auf sein Seelen- und Geistesleben sich offenbaren kann. Daher kann auch dasjenige, was im Musikalischen sich auslebt und dasjenige, was man sonst hört, indem der Mensch spricht, das kann in die sichtbare Sprache der Eurythmie umgesetzt werden. Man möchte sagen: Der ganze Mensch wird zum Sprachorgan, wird zum Kehlkopf.

Hier auf der Bühne ist dasjenige, was man sonst hört, indem der Mensch spricht, anzusehen. Man sieht es, indem der Mensch oder Menschengruppen sich bewegen. Das alles ist aber entsprechend einer inneren Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus. Sodass nicht gefragt werden kann: Wie ist der augenblickliche Zusammenhang irgendeiner Bewegung mit demjenigen, was etwa in einem parallelgehenden Gedichte rezitiert wird? Sondern man muss so wie im Musikalischen, wo man das eigentlich Künstlerische in dem fortlaufenden Strom des Tongebildes sieht, so muss man das Künstlerische in der Eurythmie sehen aus der Art, wie sich eine Bewegung aus der andern ergibt. Nicht dasjenige, was Inhalt, prosaischer Inhalt der Dichtung ist, soll in dieser Bewegung zum Ausdruck kommen, sondern gerade das Künstlerische.

Diejenigen der verehrten Anwesenden, die früher schon etwas von dieser Eurythmie gesehen haben, werden ja aufmerksam darauf geworden sein, dass wir gerade in den letzten Monaten einen Fortschritt versucht haben in Bezug auf diese eurythmische Kunst, werden gesehen haben, wie versucht worden ist, mehr und mehr alles Pantomimische und Mimische - Kinderkrankheiten in der Eurythmie, wir sind zunächst noch damit im Anfange, aber es sind Kinderkrankheiten, in die man in der Eurythmie damit verfallen ist, wenn es einmal vorkam -, das konnte alles mehr und mehr abgestreift werden, um lediglich dasjenige wiederzugeben, was nicht der Prosainhalt der Dichtung ist, sondern was an innerem Rhythmus, an innerem Takt, Formung der Gedanken und dergleichen, in der Dichtung zum Ausdrucke kommt. In unserer so unkünstlerischen Zeit kann einiges Künstlerische nun wiederum eingefügt werden. Denn es ist ja heute Mode geworden, zum Beispiel im Rezitieren lediglich den Prosainhalt einer Dichtung irgendwie «gefühlvoll» oder dergleichen, wie man das so schön nennt - in der Eurythmie heutzutage rezitatorisch eine Unmöglichkeit - wiederzugeben. Das ist dasjenige, was nicht begleiten könnte die Eurythmie. Die muss schon in der Rezitation den Hauptwert auf dasjenige gelegt bekommen, was das eigentlich Künstlerische der Dichtung ist. Heute ist es ja so, dass eigentlich neunundneunzig Prozent aller Gedichte, die geschrieben werden, am besten ungeschrieben blieben, weil sie ja im Grunde genommen doch nur in Verse gebrachte Prosa sind. Jene innere Gestaltung, die der wirkliche Dichter, entweder musikalisch oder plastisch, dem Prosainhalt gibt, das ist dasjenige, was eigentlich in der Eurythmie zum Vorschein kommen soll, was vor allen Dingen aber in der sichtbaren Sprache der Eurythmie zum Vorschein kommen muss.

Schiller - ich muss immer wiederum daran erinnern — hat, wie andere große Dichter, im Sinne gehabt, in der Seele gehabt, bevor er den Prosainhalt zu einem Gedichte suchte, eine unbestimmte melodiöse Gestaltung; dann suchte er erst dazu den Prosainhalt. Wenn man zurückgeht in gewisse Urzeiten des menschlichen Empfindens, so findet man überall, wie - ich möchte sagen eine Ur-Eurythmie vorhanden ist. Es wird nicht so rezitiert, wie heute rezitiert wird, sondern es wird vielfach in einer Art bewegender Begleitung rezitiert. Selbst noch hat man bei herumzichenden Rezitatoren, die allerdings in den letzten Jahrzehnten immer mehr und mehr abgekommen sind, ich möchte sagen diese primitive Eurythmie noch sehen können.

Wenn dasjenige, was wir als Eurythmie denken, sich wirklich dem künstlerischen Bestreben der Zeit in der Zukunft einfügt, dann ist dazu geholfen, dass wiederum ein gewisser Aufschwung im eigentlich künstlerischen Empfinden daraus hervorgeht. Denn je mehr die Sprache kultiviert wird, desto mehr wird sie auf der einen Seite der Ausdruck des Konventionellen, das im Menschenverkehr waltet, was ja eigentlich das Künstlerische vollständig ausschließt, oder sie wird der Ausdruck von Gedanken, von logisch geformten Gedanken, was wiederum das Künstlerische ausschließt. Alles Intellektualistische ist ja ein Unkünstlerisches. In der Lautsprache aber ist es ja selbstverständlich, und es wird selbstverständlich, je kultivierter sie ist, ein Zusammenfließen des Intellektuellen, des gedanklichen Elementes und des Willens- und Gefühlselementes. Dadurch ist die Lautsprache, möchte ich sagen, nur halb geeignet, wirklich zum Ausdruck eines Künstlerischen zu werden. Die Eurythmie lässt weg dasjenige also, was das Gedankenelement ist. Es geht alles dasjenige, was in Bewegung umgesetzt wird, aus dem Empfinden, aus dem Willenselement hervor, setzt sich um in Willensform, in die Bewegung. Daher kommt auch der ganze Mensch in dieser eurythmischen Bewegungsform zum Ausdrucke. Es wird gewissermaßen dasjenige, was sich da offenbart, mehr in den Menschen zurückgeschoben, dadurch aber auch im Wesentlichen mehr künstlerisch gemacht. Selbstverständlich will ich nicht etwa behaupten, dass damit das Eurythmische nun schon irgendwie etwas ist, das wie ein Muster dastehen könne gegenüber heute schon vielfach vorkommenden künstlerischen Bestrebungen. Wir sehen, wie das alte Künstlerische wert ist, zugrunde zu gehen, wie ein neues künstlerisches Element tatsächlich durch die Zeit erfordert wird. Aber in einem gewissen Sinne wird doch diese Eurythmie gerade befruchtend wirken können auf diese Sehnsucht, die bei künstlerischen Naturen in der Gegenwart in so hohem Maße gerade vorhanden ist, namentlich auch in der Richtung, dass ja diese Eurythmie gewissermaßen den Menschen heraufhebt über dasjenige, was heute in die Zeit, ich möchte sagen als kulturverheerend hereinragt. Wir leben ja in einer Zeit, in der die wichtigsten Angelegenheiten der Welt von der weitaus größten Menge der Menschen mit einer Art schlafender Seele verfolgt werden; und in vieler Beziehung, wenn wir heute von Mystik, von Theosophie und dergleichen hören, so hören wir eigentlich von etwas, was den Schlafzustand, den so viele verehren, der soviel Katastrophales in der letzten Zeit angerichtet hat, noch erhöht. Man muss bedenken, wie in dieser Beziehung eigentlich Eurythmie wirkt.

Nehmen wir den Gegenpol des Eurythmischen, das menschliche Träumen. Worin besteht es denn eigentlich? Die Tageszeit des Menschen, ich möchte sagen die Tagesverfassung des menschlichen Organismus wird herabgestimmt; der Mensch lebt, indem er träumt, nur in Gedanken. Wenn er Bewegungen ausführt in Gedanken, so sind es eben keine Bewegungen, an denen sein Organismus teilnimmt, sondern es sind gedachte Bewegungen. Der Mensch kann regungslos sein, er kann in einem von der äußeren Wirklichkeit getrennten, eben im Traumelemente sein. Dieses Traumelement, das den menschlichen Willen so abschwächt, das den Menschen so kulturschläfrig macht, das ist dasjenige, was gerade durch die Eurythmie völlig überwunden wird. Mit nichts müssen wir mehr kämpfen bei entstehenden Eurythmisten, die immer wiederum zurückfallen möchten in allerlei mystisches Träumen - selbst da, wo es sich um das Gegenteil handelt -, als mit diesem Zurückfallen in Bezug auf irgendwelche traumhaften Zustände. In der Eurythmie handelt es sich um den Gegenpol. Man wird gerade [Lücke im Text] das Gedankenleben als Element zurückdrängen, [man] wird dasjenige, was im Traum präponderiert, zurückdrängen und dasjenige, was im Traum still liegt, der bewegte Mensch, der ganz vom Willen durchströmte und durchfeuerte Mensch, der wird selber zum Kunstobjekte gemacht.

Dadurch gerade wird diese Eurythmie im Wesentlichen als dasjenige, was ich an zweiter Stelle nennen möchte neben dem eigentlich Künstlerischen der Eurythmie, dadurch wird sie zum Beispiel zum bedeutenden pädagogisch-didaktischen Element in unserer Zeit. Ich möchte sagen: Sie wird dadurch ein Element, das wirklich in die Schulen hineingehört - wie wir denn auch in der Stuttgarter Waldorfschule als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand diese Eurythmie eingeführt haben.

Zeiten, die ruhiger und objektiver über diese Dinge denken werden wie wir, die werden wissen, dass das Turnen zwar in Bezug auf das äußerlich Körperliche des Menschen sehr gesund ist, dass aber das Seelische gerade beim Turnen, so wie es gedacht wird als aus der physiologischen Beschaffenheit des Körpers hervorgehend, zu kurz kommt. Dasjenige, was - und Sie werden die Probe von Kinder-Vorstellungen heute in der Eurythmie auch dargestellt finden -, was die Eurythmie dem Kinde geben kann, ist, dass tatsächlich jede Bewegung, die ausgeführt wird, nicht unseelisch ausgeführt wird, nicht bloss physiologisch diktiert ist, sondern durchseelt ist, dass der ganze Körper in beseelter Bewegung ist. Das aber ist etwas, was gerade auf den Willen wirkt, was vor allen Dingen auf dasjenige wirkt, was zum Erziehen ein Haupterfordernis unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft ist, ohne den wir in der Erziehung nicht weiterkommen können: Es wird das Willenselement, die innere Seeleninitiative befördert, wenn man diese Eurythmie als Unterrichtsgegenstand verwendet.

Von einem dritten Elemente, dem hygienisch-therapeutischen Elemente zu sprechen bei dieser Eurythmie, würde zu weit führen heute.

Dasjenige, was wir bieten können, wird natürlich in vieler Beziehung von Ihnen noch mit Nachsicht aufgefasst werden müssen, denn wir stehen ja mit dieser eurythmischen Kunst durchaus noch im Anfange. Man muss zwar sagen, wir selber sind die strengsten Kritiker. Wir wissen, wie sehr wir noch im Anfange stehen, aber wir haben uns bisher voll bemüht, die Sache weiter zu bringen, namentlich in Bezug auf die Ausgestaltung des Formellen, in der Ausgestaltung der Raumformen, die sich namentlich den Dichtungen einfügen. Wir versuchen immer mehr und mehr hineinzukommen in das eurythmische Element da, wo der Versuch, dichterisch zu gestalten, selbst schon im Eurythmischen verläuft wie zum Beispiel bei meinen «Wochensprüchen», wo zwar Gedanken zugrunde liegen, aber nicht das Gedankenelement, wie es meistens eben als das Wesentliche zugrunde liegt, sondern wo durch die Verschlingung der Gedanken [die] fortströmende Folge der Gedanken, das Auftreten eines Gedankens bei einer bestimmten Stelle die Hauptsache ist- wo es nicht gleichgültig ist, ob ein Gedanke in der dritten oder in der vierten Zeile steht. Dieses Nachfolgen der dichterischen Gestaltung, des dichterischen Elementes in der Eurythmie - das ist dasjenige, wo wir versuchen, immer weiter und weiter zu kommen.

Aber die Eurythmie steht trotzdem im Anfange. Sie wird vervollkommnet werden müssen. Ob das durch uns selbst geschehen kann oder — wie es wahrscheinlicher ist - durch andere geschehen wird: Derjenige, der das Wesen des Eurythmischen in seinem Innersten erfasst hat, der wird aber der Überzeugung sein, dass einstmals, wenn dasjenige, was wir heute nur in einem ersten Versuch vorführen können, auf einem höheren Vollkommenheitsgrad angelangt sein wird, sich die Eurythmie als eine jüngere Schwesterkunst neben die älteren und daher heute noch vollkommeneren Schwesterkünste würdig wird hinstellen können als eine vollkommene Kunst, wie die älteren Schwesterkünste es waren.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →