Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 12 September 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Spruch aus dem Seelenkalender (24.) von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (25.) von Rudolf Steiner
«Prooemion» von J. W. v. Goethe
«l. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«Parabasc» von J. W. v. Goethe
«II. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«Epirrhema» von J. W. v. Goethe
«III. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«Antepirrhema» von J. W. v. Goethe
«]V. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«Der Schatzgräber» von J. W. v. Goethe
Evoe mit Musik von Max Schuurman
Heiterer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Humoresken von Christian Morgenstern: «Die Lämmerwolke»; «Die Stationen»; «Der Salm» mit Musik von Jan Stuten

Sehr verehrte Anwesende! Die eurythmische Kunst, von der wir Ihnen auch heute wiederum eine Probe vorzuführen uns erlauben, geht aus von gewissen, neu zu eröffnenden Quellen, künstlerischen Quellen, und will eine Art neuer künstlerischer Formensprache werden. Aus diesem Grunde werden Sie mir gestatten, wie sonst vor diesen Aufführungen auch heute ein paar Worte vorauszusenden - nicht um die Vorstellung zu erklären, sondern es muss ja Künstlerisches durch sich selbst im unmittelbaren Eindruck wirken, aber um Formensprache und Quellen anzudeuten, aus denen dasjenige kommt, was Ihnen hier als eurythmische Kunst vorgeführt wird.

Das, was zugrunde liegt der eurythmischen Kunst, das ist eine Art sichtbare Sprache. Der ganze Mensch führt in seinen Gebärden Bewegungen aus, oder auch: Er führt Bewegungen im Raume aus oder Menschengruppen führen Bewegungen aus im Raume. Das alles könnte aufgefasst werden als eine gewöhnliche, eben darstellende, gewöhnliche Tanzkunst, ist aber beides durchaus nicht, sondern beruht auf einem sorgfältigen Studium der gewöhnlichen Sprache des Menschen. Diese ist es, welche durch das Ohr des Menschen wahrgenommen wird. Aber zugrunde liegt eine gewisse Bewegungstendenz des Kehlkopfes und anderer Sprachorgane. Unter diesen Bewegungstendenzen ist zu verstehen, was als vibrierendes Weben der Luft mitgeteilt wird: Es ist nicht etwas Höhergestelltes, als sonst der Gedanke ist, sondern etwas Tieferliegendes zu verstehen, etwas, was sich in einer scheinbar einfacheren Weise abspielt als die Luftvibrationen, was aber durch die Luftvibrationen sich eben ausdrückt, wenn sich der Ton, der dieser Bewegungstendenz zugrunde liegt, ausdrückt.

Man kann studieren dasjenige, was der Kehlkopf, was die Sprachorgane bei einem Laute tun, wie sie sich verhalten bei einem ganzen Wort, bei einem Satzübergange, wie sie sich verhalten dann, wenn gewisse Lautfolgen sich abspielen und dergleichen. Das alles kann studiert werden - lassen Sie mich diesen Goethe’schen Ausdruck gebrauchen - durch sinnlich-übersinnliches Schauen. Dann kann man dasjenige, was sonst bloß veranlagt ist — deshalb sagte ich: Bewegungstendenzen -, was sonst bloß veranlagt ist im Kehlkopf und den andern Sprachorganen, im Entstehen sich umwandelt in kleine Schwingungen, dann übertragen. Und dann bedeutet dasjenige, was die Sprache beschreibt, dasjenige, was der Mensch in seinen Bewegungen oder in Bewegungen im Raume ausführt oder auch was Menschengruppen ausführen, das bedeutet dann dasjenige, was erlebt werden kann, erlebt werden kann als ausgeführt auf der einen Seite durch die Sprache, auf der andern Seite durch die sichtbare Sprache der Eurythmie. Man kann ausdrücken durch diese Eurythmie dasjenige, was musikalisches Schaffen ist - Sie werden dann heute auch Proben zu sehen bekommen -, man kann ausdrücken auch dasjenige, was dichterisches Schaffen ist.

Nur muss, wenn die Rezitation, also die künstlerische Wiedergabe des Dichterischen, die Eurythmie begleitet, dann muss zum Beispiel die Rezitation das eurythmische Element aufnehmen. Heute ist unser Zeitalter in einer gewissen Weise unkünstlerisch, und man hat nicht das Gefühl, dass das eigentlich Künstlerische eines Gedichtes erst dann beginnt, wenn der prosagemäße, der bloße Inhalt, der wortwörtliche Inhalt eines Gedichtes überwunden ist. Es handelt sich ja niemals beim Dichter darum, was er sagt, sondern wie er es sagt, wie er es gestaltet in Takt und Rhythmus oder wie er es künstlerisch gestaltet und fähig ist, dem Bild durch das Wort Gestalt zu geben. Man kann zum Beispiel bei einem Dichter wie Goethe sehen, wie seine dichterische Sprache einen plastischen Charakter hat, wie er die Umwandlung des Bildhaften imaginativ vorstellte. Bei Schiller weiß man, dass er immer, bevor er irgendein Gedicht verfasste, in seiner Seele leben hatte eine Art Melodie. Es war ihm gleichgülug zunächst, was aus dieser Melodie als Dichtung entstehen sollte — «Der Taucher» oder «Der Kampf mit dem Drachen»: Er hatte sie als Melodie in der Seele leben, das andere reihte sich eben dann in der Dichtung auf. So kann man eben mit der melodischen, mit der plastischen Dichtung gestalten.

Das alles kommt bei einer richtigen Rezitation zum Vorschein. In unserem unkünstlerischen Zeitalter wird meist das herausgeholt, was auf den Prosainhalt geht, auf das Wortwörtliche. Was der Dichter künstlerisch gemacht hat aus dem Inhalt, ist das eigentlich FormalKünstlerische auch in der Rezitation. Und dann stimmt dasjenige, was in der Dichtung geboten wird, auch mit der sichtbaren Sprache Eurythmie geboten wird, mit der Rezitation zusammen. Man weiß, wie man zu gestalten hat diesen oder jenen Laut, diese oder jene Wortbildung und dergleichen, dass dann so aus dem Ganzen etwas Künstlerisches zustande kommt, namentlich auch, dass das Künstlerische der eurythmischen Darbietung richtig parallel gebildet ist der Dichtung, der künstlerischen Bildung eines Gedichtes. Das ist eben eine rein künstlerische Tätigkeit. Und man muss unterscheiden zwischen dem Elementaren der eurythmischen Formensprache und dem, was da künstlerisch dabei zum Vorschein kommt. Aber es ist nicht so, dass die Eurythmie etwas Pantomimisches, Mimisches oder bloße Gesten- oder Tanzkunst wäre, sondern es ist alles so, dass eigentlich alles in der künstlerischen Aufeinanderfolge der Bewegungsformen liegt, sodass das Melodiöse, Musikalische in der Aufeinanderfolge, in dem Zusammenwirken der Töne liegt. So auch liegt eine innere Gesetzmäßigkeit im Raume und in der Zeit der Eurythmiedarbierung zugrunde.

Diejenigen der verehrten Zuschauer, die öfters schon da gewesen waren, werden bemerken, wie wir uns gerade in den letzten Monaten bemüht haben, dieses Element des künstlerischen Formengebens immer mehr und mehr in der Eurythmie herauszuarbeiten, und dahin kommen, dasjenige zu treffen in kunstvoll gestalteten Formen, was der Dichter aus dem wortwörtlichen Inhalt gemacht hat. Da kann man sich ganz genau anpassen dem Humoristischen oder dem Tragischen oder der balladenförmigen Sprache oder dem sonstigen Gang eines Gedichtes.

Durch diese Eurythmie wird also zunächst etwas Künstlerisches geboten. Der Mensch selber ist das Instrument für seine eurythmischen Darbietungen. Dadurch wird im eminentesten Sinne durch diese Eurythmie gerade dasjenige erreicht, was Goethe im Sinne hatte, als er den Ausspruch tat: Wenn der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Zahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt. Man bedenke, dass wiederum in seinem Wesen zusammenströmen sichtbare und unsichtbare Welten, dass alle Kräfte, die im Sichtbaren und Unsichtbaren wirken, in irgendeiner Weise in ihm sich spiegeln, in ihm im Kleinen gestaltet sind. Und wenn dann der Mensch sich selber als Instrument zum Ausdruck der Kunst macht durch seinen Organismus, so kommt dasjenige ganz besonders zum Ausdruck, was dann beim Menschen in seiner Seele zur Bewegung hinstrebt. Eurythmie ist eine Kunst, die, wenn sie ganz unmittelbar sich ergibt, in Wahrheit aus den Bewegungen des Menschen herausarbeitet.

Das ist die künstlerische Seite der Eurythmie. Auf der anderen Seite hat diese Eurythmie etwas, was - ganz abgesehen von manchem andern - als ein therapeutisch-hygienisches Element angesprochen werden kann, von dem ich aber jetzt nicht sprechen will. Aber ein anderes Element der Eurythmie ist das pädagogisch-didaktische Element, das sie in sich trägt. In unserer Freien Waldorfschule in Stuttgart, die von Emil Molt begründet [ist] und von mir selbst geleitet wird, hat es sich ergeben, dass wir gerade die Eurythmie eingeführt haben als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand neben dem Turnen.

Man wird als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand diese Eurythmie erst einmal schätzen, wenn man über gewisse Vorurteile herausgekommen sein wird - die ich von meinem Standpunkte aus gar nicht so arg bekämpfen möchte — bezüglich des Turnens. Das Turnen ist rein aus dem Körperlichen herausgeholt. Man mag über diejenigen Bewegungen, die der Physiologe aus der körperlichen Beschaffenheit des Menschen herausholt, seine eigene Meinung haben. Ich will sie nicht hier bekämpfen, aber es ist doch so, dass das gewöhnliche Turnen nur physiologische Bedeutung hat zur Harmonisierung für den physischen Körper des Menschen. Obwohl ich meiner Meinung nach nicht so weit gehen möchte, wie mir kürzlich ein Naturforscher gesagt hat, der sich meine Einleitungsworte angehört hat in dieser Beziehung und der meinte: Er würde gar nicht einmal so sehr das Turnen schätzen, wie ich es einschätze. Er würde es nicht für etwas physiologisch Wirksames halten, sondern einfach für eine Barbarei. Aber die Gegenwart, sehr verehrte Anwesende, wird dagegen schon viel einwenden, insbesondere, wenn man wegen der anderen Zweige seiner Tätigkeit manche Feindseligkeit heraufbeschwören muss, so möchte man nicht gerade gleich zu solchen Empfindungen übergehen.

Aber das ist dasjenige, was man besonders betonen muss - gleichgültig, ob das Turnen bloß physiologisch mehr den menschlichen Körper ausbildet oder ob es auch eine Barbarei ist: Die Kräfte der Seele, die Initiative des Willens wird jedenfalls - das betone ich ganz besonders - durch die Eurythmie bei den Kindern ausgebildet, wenn das Kind sich durch diesen obligatorischen Unterrichtsgegenstand so hineinlebt in diese eurythmischen Bewegungen, wenn die ausgeführt werden in rechter Weise, wie man sich sonst als kleines Kind in die Lautsprache selbstverständlich hineinlebt. Aktivität der menschlichen Seele wird geweckt durch Eurythmic, sodass die Schläfrigkeit, in der die Seelen befangen sind, überwunden werden kann. Sie würde sonst in der furchtbarsten Weise immer mehr und mehr überhandnehmen. Wenn Sie sich, sagen wir die nächste Generation vorstellen, so muss man sich gestehen, dass man doch nur über diese Dinge hinauskommen kann dadurch, dass dem gewöhnlichen äußeren unbeseelten Turnen wenigstens zur Seite tritt dieses beseelte Turnen in der Eurythmie.

Alles in der Eurythmie ist ja heute noch im Anfange, Sie können aber ganz sicher sein, wir sind selbst unsere strengsten Kritiker. Wir wissen, was uns noch fehlt, und sind bemüht, stets weiter und weiter darin zu kommen. Ich habe schon öfter erwähnt, dass wir zum Beispiel in der Formgebung - insbesondere eben der großen Formen - ein gutes Stück weitergekommen sind. Wir werden Ihnen heute diese großen Formen zeigen in einem Fercher[-Gedicht], «Chor der Urtriebe», der heute vorgeführt wird, der sich wirklich in einer merkwürdigen kosmischen Richtkraft bewegt, indem er — Fercher von Steinwand - dichterisch gestaltet. Indem Sie diesen Urtrieb-Chor sehen werden, werden Sie vielleicht bemerken, wie wir etwas versucht haben und weiter versuchen werden, um ein gutes Stück immer wieder vorwärts zu kommen. Die eurythmische Kunst wird mit der Zeit immer mehr und mehr vervollkommnet werden, entweder durch uns selbst oder aber wahrscheinlich durch andere, sodass sie sich als eine vollwertige neuere Kunst neben die älteren vollwertigen Künste wird hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →