Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 4 October 1920, Dornach

3. Aus Einer Fragenbeantwortung

Es wurde gefragt nach den Ursachen von Sprachstörungen (Stottern) und deren Behandlung.

Dann aber wird man [auch] nach und nach erkennen, welch ein bedeutsames Heilmittel man gegen solche und ähnliche Fehler des menschlichen Organismus in der Eurythmie haben kann. Diese Eurythmie, sie kann, ich möchte sagen nach zwei Seiten hin verfolgt werden. Die eine ist die, auf die ich immer in den Einleitungen aufmerksam mache, die ich zu den Vorstellungen gebe. Da zeige ich, wie bewusst wird durch sinnlich-übersinnliches Schauen an dem heutigen Menschen der Sprachorganismus mit seinen Bewegungstendenzen, die dann auf den ganzen menschlichen Organismus übertragen werden.

Aber nicht wenig Bedeutung hat auch der umgekehrte Weg. Denn sehen Sie, bei dem, was Ihnen heute von einem anderen Gesichtspunkt aus sehr gut vorgebracht worden ist von Dr. Treichler: Bei der Sprachentstehung spielt ganz zweifellos, ganz gewiss eine Ureurythmie der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Die Dinge haben nicht den Klang gleichsam in sich in dem Sinne, wie es die Bim-BamTheorie behauptet, aber es besteht zwischen allen Dingen, zwischen dem ganzen Makrokosmos und der menschlichen Organisation, diesem Mikrokosmos, eine Beziehung, und im Grunde genommen kann alles dasjenige, was äußerlich in der Welt geschieht, auch durch die menschliche Organisation in einer gewissen Weise gebärdenhaft in Bewegung nachgebildet werden. Und so haben wir denn fortwährend im Grunde genommen allen Erscheinungen gegenüber die Tendenz, sie durch unseren eigenen Organismus nachzubilden. Wir führen das nur mit dem physischen Organismus nicht aus, sondern wir führen es mit dem Ätherorganismus aus. Der Ätherorganismus ist in einer fortwährenden Eurythmie begriffen.

Der ursprüngliche Mensch war viel beweglicher als der heutige. Sie wissen, dieses Entwickeln von der Beweglichkeit zu der Ruhe, das bildet sich ja noch darinnen ab, dass es heute in gewissen Kreisen durchaus für ein Charakteristikon der Bildung angesehen wird, wenn man möglichst phlegmatisch sich verhält, während man spricht, mit möglichst wenig Gesten sein Sprechen begleitet. Es ist angesehen worden bei gewissen Rednern, die Hände immer in der Hosentasche zu haben, damit sie nur ja nicht mit ihren Armen irgendwelche Gesten machen, denn das gilt als der Ausdruck einer besonders guten Redehandhabung, wenn man wie ein Klotz ruhig dasteht. Aber das, was da karikaturhaft zum Ausdrucke kommt, das entspricht nur jenem Vorschreiten der Menschheit von der Beweglichkeit zur Ruhe.

Und wir müssen auf dem Urgrunde der menschlichen Entwickelung in Urzeiten einen Übergang von einer gebärdenhaften Sprache, von einer Art Eurythmie zu der Lautsprache konstatieren. Dasjenige, was im Organismus zur Ruhe gekommen ist, hat sich spezialisiert in dem Sprachorganen, hat selbstverständlich erst die Sprachorgane eigentlich ausgebildet: Wie das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet an einer zuerst tonlosen Sprache. Und wenn man diese ganzen Zusammenhänge kennt, dann wird man nach und nach das Eurythmische, indem man es ganz ordentlich einführt in das Didaktische, man wird das Eurythmische ganz besonders gut verwenden können, um entgegen zu arbeiten all dem, was sprachstörend eingreifen könnte.

Und nach dieser Richtung hin wird es ja, wenn nur ein wenig Muße dazu vorhanden sein wird, eine sehr reizvolle Aufgabe sein, unsere jetzige, mehr künstlerisch und pädagogisch ausgebildete Eurythmie immer mehr und mehr auch nach der therapeutischen Seite hin auszubilden und eine Art Heileurythmie auszugestalten, die sich dann insbesondere auf solche therapeutischen Forderungen erstrecken wird, wie diejenige ist, von der hier gesprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob es schon erschöpfend ist, was ich gesagt habe, aber ich wollte gerade mit einigen Worten darauf eingehen.

Es wird natürlich in derselben Progression, in der sich die Fragen häufen, im zunehmenden Sinne also, wird natürlich abnehmen müssen die Ausführlichkeit der Beantwortung.

Frage: Es liegt hier eine Frage vor, wie das gemeint sei mit der Bewegung der Eurythmie in Bezug auf den Ätherleib, ob er bei der geisteswissenschaftlichen Forschung dieselbe Form wie der Körper habe. Ist der Ätherleib lokalisiert beim Kehlkopf? Sind die Ungarn, von denen neulich erzählt wurde, die beim Kartenspiel in dem ungarischen Grenzort von Dr. Steiner beobachtet waren, selber unter die Tische gefallen, oder nur ihr Ätherleib? War das ein Vorgang, den man nur am Ätherleib beobachten konnte?

Rudolf Steiner: Verstehen Sie mich richtig: die Eurythmie ist so, dass sie im physischen Leibe und durch den physischen Leib dasjenige ausführen lässt, was heute nur der Ätherleib des Menschen ausführt. Dadurch, dass der Mensch als Eurythmist mit seinem physischen Leib die am Ätherleib studierten Bewegungen ausführt, dadurch ist noch nicht gegeben, dass dann derjenige, der eurythmisierend dasteht, wenn er gerade, ich will sagen irgendeinen abscheulichen Gedanken hat, dass er diesen abscheulichen Gedanken nicht mit seinem Ätherleibe ausführte. Er kann also mit seinem äußeren physischen Leibe die schönsten Bewegungen ausführen, und da tanzt dann der Ätherleib, seinen Emotionen folgend, unter Umständen in recht karikaturhafter Weise.

Aber jene Menschen, die an der ungarischen Grenze kartenspielend neulich von mir charakterisiert worden sind, die habe ich natürlich durchaus nur dem Verlaufe ihres physischen Treibens nach charakterisiert, habe nur gesagt, dass man die Leidenschaften in ihnen, die sie dazu geführt haben, solche Dinge über und unter dem Tisch auszuführen und sich nachher auch noch zu kratzen und zu zerfleischen, dass man diese Leidenschaft geistig-seelisch studieren konnte.

Ich möchte noch das Folgende sagen: Nicht wahr, es ist im Allgemeinen so, wenn man den ruhenden Menschen ansieht, dass der Ätherleib ruhig ist, der etwas größer [ist] als der physische Leib. Aber das wird nur dadurch bewirkt, dass für den Ätherleib des Menschen, schematisch gezeichnet, der physische Leib nach allen Seiten verluftigend wirkt. Der Ätherleib, wenn er nicht vom physischen Leib in seiner Form gehalten würde, wenn er nicht vom physischen Leibe gebannt würde, dann würde er ein ganz bewegliches Wesen sein. Der Ätherleib hat an sich durchaus die Möglichkeit, nach allen Seiten hin sich zu bewegen, und er ist außerdem im wachen Zustande unter dem fortwährenden Einfluss des nun allem Seelischen folgenden beweglichen Astralischen.

Sodass also der Ätherleib für sich etwas durchaus Bewegliches ist. Und als Maler hat man zum Beispiel die Schwierigkeit, wenn man so etwas Ätherisches malen will, dass man, ich möchte sagen malen muss, wie wenn man den Blitz malen könnte. Man muss das Bewegte in Ruhe übersetzen. Also in dem Augenblick, wo man aus der physischen Welt herauskommt, in dem Augenblick erhält ja auch der Begriff Distanz. Und alle diese Dinge, die eigentlich nur auf den ruhenden Raum sich beziehen, das hört alles auf, und es beginnt ein ganz anders geartetes Vorstellen. Es beginnt ein Vorstellen, das eigentlich nur so charakterisiert werden kann, dass man sagt, es verhält sich zu dem gewöhnlichen Vorstellen räumlicher Dinge, wie sich eine Saugwirkung zu einer Druckwirkung verhält. Man wird in die Sache hineingerissen, statt dass man sie betastet und so weiter, und so weiter. Also so verhält es sich mit der Beziehung des ätherischen Leibes zum physischen Leib.

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