Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 27 May 1922, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

«Urträume» von Fercher von Steinwand mit Musik von Leopold van der Pals
«Elfe» von Joseph von Eichendorff mit Musik von Max Schuurman
«Abendgefühl» von Friedrich Hebbel
«Erinnerung» von Anton Bruckner
«Auf Flügeln des Gesangess von Heinrich Heine
«Amien’s Song: Under the Greenwood Tree» aus «As you like it» von William Shakespeare
«Winter: When icicles hang» aus «Love’s Labour’s Lost» von William Shakespeare
«Ariel’s Song: Come unto» aus «The Tempest» von William Shakespeare mit Musik von Max Schuurman
Satirischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Der Papagei» von Christian Morgenstern
«Tonbild» von Edward Grieg
«Der Zwölf-Elf» von Christian Morgenstern

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Nicht um die Vorstellung zu erklären seien diese einleitenden Worte gesprochen, denn Künstlerisches muss durch seine eigene Wesenheit im unmittelbaren Eindrucke sprechen - sonst wäre es eben unkünstlerisch -, sondern deshalb sei es mir gestattet, diese einleitenden Worte zu sagen, weil Eurythmie dasjenige darstellt, was aus anderen künstlerischen Quellen und durch eine andere künstlerische Formensprache entsteht als Ähnliches, das man bisher schon gewöhnt ist. Und wegen dieses Ungewohnten der künstlerischen Formensprache der Eurythmie selbst, wie auch der besonderen Quellen, aus denen geschöpft wird, möchte ich dies vorausschicken.

Wir haben es hier zu tun damit, dass die verehrten Zuschauer auf der Bühne den bewegten Menschen und bewegte Menschengruppen sehen. Wir haben es dabei nicht zu tun, wenn der Mensch Bewegungen ausführt durch seine Glieder oder wenn Gruppen Bewegungen ausführen im Raume, [wir haben es dabei nicht damit zu tun,] dass dadurch etwa Gebärde oder Mimisches oder Tanzartiges zum Ausdrucke kommen würde. Es würde heißen, die Eurythmie ganz misszuverstehen, wenn man das glaubte. Es handelt sich vielmehr hier um eine wirkliche sichtbare Sprache, um eine sichtbare Sprache, die herausgeholt ist aus dem menschlichen Organismus wie die hörbare Sprache oder auch wie der Gesang.

Dasjenige, was unserem Gesange oder unserer Lautsprache zugrunde liegt, sind Bewegungstendenzen - ich sage nicht Bewegungen, sondern ich sage Bewegungstendenzen - des ganzen menschlichen Organismus. Der Mensch ist wirklich in einer Art von Bewegung, wenn er spricht, ja er ist in einer Art von Bewegung, wenn er bloß zuhört. Nur unterdrückt er im Momente des Entstehens diese Bewegungen und wandelt sie um in diejenigen Bewegungen, die dann in einer einzelnen Organgruppe - im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen — eben zum Ausdrucke kommen, die sich dann wiederum mitteilen der Luft, wodurch vermittelt wird das Hören des Tones oder des Lautes. Dasjenige, was sonst schon im Entstehen unterdrückt wird, sodass der Mensch, wenn er spricht oder singt, mit seinem Organismus in Ruhe ist, was übergeleitet wird in die Metamorphose einer Spezialbewegung, die dann zum Ton, zum Laut wird, das wird hervorgeholt durch sinnlich-übersinnliches Schauen — das ist der Goethe’sche Ausdruck - durch sinnlich-übersinnliches Schauen aus der Organisation des menschlichen Organismus und kommt am einzelnen Menschen oder durch Menschengruppen dann zur Offenbarung. Und das ist Eurythmie.

So, wie also eine ganz bestimmte Konfiguration der Stimmbänder vorhanden ist, die nur in ihren Bewegungen so schnell verläuft, dass von den Bewegungen nichts wahrgenommen wird, sondern nur das Ergebnis des Tones oder Lautes, so sind zum Beispiel irgendeine Armbewegung, eine Handbewegung, eine Bewegung des ganzen menschlichen Organismus, verhältnismäßig zueinander orientierte Bewegungen in Menschengruppen, die sind lautlich oder tonlich in ganz bestimmter Weise aufgesucht, liegen in der Natur, im Wesen des menschlichen Organismus begründet. Sodass man sagen kann: es gibt die Lautsprache, den Tongesang nach der einen Seite; aber es kann auch geben diese sichtbare Sprache, die hier dem Künstlerischen der Eurythmie zugrunde liegt. Und ebenso kann, wie durch den Kehlkopf und die anderen benachbarten Organe tonlich gesungen wird, ebenso kann gesungen werden durch die Bewegungen. Dann sieht man eben den Gesang oder sieht die Sprache.

Also es handelt sich nicht um Gebärden, es handelt sich nicht um Pantomimisches, es handelt sich darum, dass man es mit einer wirklich sichtbaren Sprache zu tun hat. Dasjenige, was so Sprache ist, muss geradeso erst in das Künstlerische umgesetzt werden, wie, sagen wir bei dem Dichter dasjenige, was nur erst als Prosainhalt eines Gedichtes vorliegt, durch die metrische, rhythmische Behandlung der Sprache von dem Dichter ins Künstlerische umgesetzt wird. Daher geht man auch fehl, wenn man bei der Eurythmie das Einzelne der Bewegung, der scheinbaren Gebärde auf irgendetwas schon bezieht. Geradeso, wie es im Musikalischen auf die Aufeinanderfolge der Töne ankommt oder auf den Zusammenklang der Töne, so kommt es hier auf die Aufeinanderfolge der Bewegungen, auf das Zusammenwirken der Bewegungen in Gruppen von Menschen, die diese Bewegungen vollführen, an.

Dadurch ist man in der Lage, entweder zu einem Musikalischen sichtbar zu singen oder aber ein Gedicht, das in der Rezitation oder Deklamation zugleich vorgeführt wird, in dieser sichtbaren Sprache, künstlerisch-eurythmisch gestaltend, zu schauen.

Es wird derjenige, der im Allgemeinen Freude hat an dem Künstlerischen, ja immer auch froh sein über jede Erweiterung des künstlerischen Gebietes. Daher darf man bei wirklich künstlerisch veranlagten Menschen gar nicht daran zweifeln, dass diese Eurythmie - so unvollkommen sie heute auch noch sein mag - im Prinzip als etwas hingenommen werden kann, das seine volle Berechtigung hat. Denn je mehr Ausdrucksmittel der Mensch findet, um dasjenige zur Offenbarung zu bringen, was in seiner Seele lebt, desto froher muss eigentlich der Mensch auch sein.

Man kann nun in der verschiedensten Weise die eurythmische Kunst in die Reihe der anderen Künste hineinstellen. Man kann zum Beispiel sagen, wenn wir plastische, wenn wir bildhauerische Kunst vor uns haben - sagen wir die Menschengestalt: Wir haben das Gefühl, dass in den Formen, welche die Bildhauerkunst von einem Menschen überliefert, dasjenige zum Ausdrucke kommt, was im Allgemeinen in der menschlichen Seele das Schweigen ist. Wer ein gewisses unbefangenes Gefühl hat, wird sogar verlangen, dass das Schweigende in der Seele gerade durch die Bildhauerkunst besonders zum Ausdrucke komme. Dasjenige aber, was in der Seele spricht, das kann durch kein anderes Medium zum Ausdrucke kommen als durch den Menschen selbst, durch den bewegten Menschen. Sodass man diese Eurythmie nennen kann eine bewegte Plastik, weil man sich allerdings nicht eines außermenschlichen Materials zur Verkörperung bedienen kann, sondern nur des Menschen oder der Menschen selber.

Man kann aber auch in anderer Form einreihen die Eurythmie in die Familie der Künste. Man kann zum Beispiel daran denken, wie das Musikalische ein Ausdruck ist desjenigen, was der Mensch in seinem Gefühl erlebt. Dasjenige, was in der Seele Echo bildet für alle Erlebnisse, die wir an der äußeren Natur und im äußeren Menschenleben haben können, für all das kann das Musikalische der künstlerisch gestaltete Ausdruck sein. Gehen wir dann von dem, was im Musikalischen vorzugsweise - weil es Offenbarung des Gefühls, Innerlichstes im Menschen darstellt -, gehen wir von dem über zu dem Äußeren, so nimmt der Mensch dieses Äußere auf durch seine Vorstellungen. Die Vorstellung ist wiederum verkörpert in der Sprache. Indem die dichterische Kunst mit der Sprache arbeitet, bedient sie sich ja vorzugsweise der in der Sprache verkörperten Vorstellungen oder Gedanken, gestalteten Vorstellungen, gestalteten Gedanken. Das ist die dichterische Kunst.

Aber der Mensch steht ja mit der Außenwelt nicht bloß durch seine Gedanken, sondern auch durch seine unmittelbaren Sinneswahrnehmungen in Beziehung. Dasjenige, was wir erleben an der äußeren Welt durch unsere Sinneswahrnehmungen selbst, was also nicht im Gefühl, was nicht ausgedrückt wird durch Vorstellungen, was unmittelbar Sinneswahrnehmung ist, wo der Mensch sich also ganz in die Außenwelt hineinlebt, das kann auch nur künstlerisch gestaltet werden dadurch, dass der Mensch seinen eigenen Organismus in Regsamkeit bringt.

Daher kann man sagen: Die Sprache, sie ist ebenso weit nach innen im Menschen gelagert als Ausdrucksmittel wie der Gedanke selbst. Und um so viel mehr, als das Auge, dessen Wahrnehmungen ja auch der Dichter, auch der Musiker verarbeiten kann, wenigstens in ihren Ergebnissen, in ihren Wirkungen auf den Menschen, soweit das Auge, das Ohr, absteht vom Gefühl und vom Gedanken, so weit geht dasjenige, was durch die Bewegung des Eurythmikers äußerlich zur Offenbarung kommt, ab von demjenigen, was bloß im Innern des Menschen sich abspielt und durch äußere Ausdrucksmittel sich offenbart. Wenn Schiller das schöne Wort ausgesprochen hat aus seinem dichterischen Erleben:

Mein unermesslich Reich ist der Gedanke
und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort,

so könnte man sagen: Es könnte erweitert werden ein solcher Ausspruch dahin, dass man sagt: Mein lebendiger Verkehr mit der Welt ist derjenige, in dem die Sinne künstlerisch diese Welt anschauen. Dann aber wird nicht das geflügelte Werkzeug, sondern dasjenige Werkzeug, wo der Mensch selber an seinem eigenen Organismus offenbart, was er im Zusammensein mit der Welt künstlerisch erlebt, das wird durch die eurythmische Kunst zur Offenbarung gebracht.

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, über das Künstlerische. Dabei muss erwähnt werden, dass, wenn rezitiert oder deklamiert werden soll zur Eurythmie, so kann man heute durchaus schon in Betracht ziehen, die Notwendigkeit fühlen, wieder zurückzukehren zu künstlerischeren Zeitaltern, als das unsrige ist. Heute sucht man vielfach - wenn man auch da oder dort schon wieder davon abkommt — das eigentlich zu Leistende zu Deklamation und Rezitation in der Pointierung des Prosagehaltes einer Dichtung. Man versucht dies oder jenes, wie es das Wortverständnis, das Sinnverständnis ergibt, das sucht man besonders zu pointieren in der Rezitation, in der Deklamation.

So würde man nicht rezitieren und deklamieren können parallel der eurythmischen Darstellung. Da kommt es darauf an, dass das, was das Wesentliche ist an der dichterischen Kunst, nicht die prosaische Gestaltung irgendeines Inhaltes - das ist das Novellistische daran, das ist nicht das eigentlich Künstlerische -, sondern das Rhythmische, das Taktförmige muss pointiert, muss auch in der Sprachbehandlung des Rezitators oder Deklamators zum Ausdrucke kommen. Man kehrt zurück zu dem Künstlerischen in Zeitaltern, die eben mehr künstlerische Empfindungen hatten, als die unsrigen. Goethe studierte mit dem Taktstock wie ein Kapellmeister selbst seine Jambendramen mit seinen Schauspielern ein, wobei es ihm eben nicht so sehr auf den Prosasinn ankam, sondern auf die rhythmische, taktmäßige, auf die melodiöse Gestaltung, welche die Sprache erfahren hat in der künstlerischen Ausgestaltung desjenigen, was der Dichtung zugrunde liegt.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, die Eurythmie hat noch zwei andere Seiten: eine medizinisch-therapeutisch-hygienische. Man kann, weil alle Bewegungen, die hierbei in Betracht kommen, aus dem gesunden menschlichen Organismus herauszuholen sind, wenn man sie umgestaltet — sodass sie verwendbar sind in hygienischer, in therapeutischer Beziehung -, in medizinisch-therapeutischer Weise verwenden. Man kann sie also umgestalten, und sie sind gesundende Bewegungen, sie sind nicht dieselben, die sie hier als die künstlerischen Bewegungen sehen, sondern Metamorphosen derselben, Umgestaltungen, Veränderungen derselben. Sie werden in der eurythmie, in der Heileurythmie, eben auch therapeutisch und hygienisch angewendet. Auch das wird ja schon gepflegt in unseren Instituten in Stuttgart und Arlesheim.

Die dritte Seite ist die pädagogisch-didaktische. In der Stuttgarter Waldorfschule ist als ein obligatorischer Lehrgegenstand neben dem Turnen diese Eurythmie eingeführt. Sie führt durch alle Volksschulklassen, bis in die höheren Klassen hinauf. Und man kann sagen: Da bedeutet Eurythmie ein durchgeistigtes, beseeltes Turnen. Das gewöhnliche Turnen hat es ja nur mit dem Biologischen an dem Menschen zu tun, mit der Ausbildung des Körpers. In den Bewegungen, die hier ausgeführt werden durch die Eurythmie, ist immer Geist und Seele in jeder Bewegung darinnen. Daher kann man auch sehen, wenn die Kinder in der richtigen Weise in die Eurythmie hineingeführt werden, dass sie eine ebensolche innere Befriedigung haben, hineinzuwachsen in diese sichtbare Sprache, wie sie es haben hineinzuwachsen in die hörbare Sprache in einem jüngeren Alter.

Daraus kann man sehen, dass das wirklich aus einem inneren Drang des menschlichen Organismus herauskommt, was da an Bewegungen vollführt wird, weil die Kinder es als selbstverständliche Äußerung dieses Organismus auch hinnehmen. Man kann sagen, dass ganz besonders die Willensinitiative angeregt wird, während das durch das gewöhnliche Turnen nicht geschehen kann. Die Willensinitiative wird angeregt durch dieses bescelte und durchgeistigte Turnen. Jedenfalls ist es ein außerordentlich bedeutsames Unterrichtsund Erziehungsmittel, und es spüren nach und nach die Lehrer, dass allmählich auch aller übrige Unterricht durch das Lebendige, das zugleich in gemäßer Art in die Kinder kommt, durch die Eurythmie im Wesentlichen noch gefördert wird - alles Übrige im Unterricht, in der Erziehung, namentlich aber im Sprachunterricht. Da findet eine wesentliche Förderung durch dieses eurythmische Element statt.

Das sind die verschiedenen Seiten des Eurythmischen. Wir werden Ihnen heute im ersten Teil eine größere Dichtung darstellen im Eurythmischen, die Dichtung eines österreichischen, leider, wenn man seine wirklich große Bedeutung in Betracht zieht, doch unbekannt gebliebenen Dichters - Fercher von Steinwand. Fercher von Steinwand hat neben manchen außerordentlich interessanten dramatischen, Iyrischen und epischen Dichtungen, die ebenso groß sind in Bezug auf die Liebenswürdigkeit in der Kunst wie auch der gedanklichen Tiefe und in Bezug auf den gefühlsmäßigen, enthusiastischen Schwung, er hat neben dem aber dasjenige, was ich nennen möchte seine «kosmischen Dichtungen», solche Dichtungen, die sich hineinverlieren in das Urbildliche der Weltengestaltung. Er entwickelt Gedanken, welche bis in fernste Urzeiten zurück den Weltenlauf wie im Träumen oder in Imaginationen verfolgen wollen.

Dadurch aber kommen ja ganz besonders solche Gedanken zustande, welche in der Bildhaftigkeit dann vor uns stehen können. Sie sind manchmal - das bitte ich Sie beim heutigen Anhören und Zuschauen zu berücksichtigen -, sie sind manchmal für den ersten Anhub nicht gleich unmittelbar fassbar, aber sie stellen weite Perspektiven, tiefes Mitfühlen mit dem kosmischen Geschehen in der Welt dar. Und weil sie so in das Kosmische hineinreichen als Gedanken, als Gefühle, als Empfindungen, und da dasjenige, was durch den bewegten Menschen dargestellt wird [und] weil der Mensch wirklich eine kleine Welt ist, das auch am edelsten sich ausleben kann, wenn die großen Bewegungen des Kosmos nachgeahmt werden: So eignen sich solche Fercher’schen Dichtungen ja in ganz ausgezeichneter Weise gerade für die eurythmische Darstellung. Man kann diese wunderbaren Gedanken- und Gefühlsnuancen, mit denen er die Welterscheinungen verfolgt, gerade auch mit dieser bewegten Sprache, wenn man die verschiedenen Hilfsmittel des Menschen eben heranzicht, ganz besonders zum Ausdrucke bringen.

Es wird allerdings nur dann auch im Anschauen richtig verstanden werden, wenn man eingehen mag auf all die Bewegungsnuancen, die immer eigentlich im Zusammenhange stehen mit demjenigen, was die Welt im Großen zu dem Menschengemüte spricht, wenn dieses Menschengemüt sich zu öffnen vermag eben demjenigen, was dieser Welt im Großen zugrunde liegt. Eine ältere Kunst, die der Eurythmie ähnlich war, nicht dasselbe war, eine Tempeltanzkunst in uralten Zeiten, hat ja insbesondere die Bewegungen der Sterne so, wie man das in älteren Zeiten aufgefasst hat, im menschlichen Tanz und mimischer Bewegung zur Offenbarung gebracht. Und das ist etwas, was allerdings nicht in unmittelbarer Weise heute gebracht werden kann, was aber in einer anderen, eben für die heutige Zeit gemäßen Form durchaus in der Eurythmie auftreten kann.

Und so darf man sagen, trotzdem ich auch heute jene Worte anbringen möchte, die ich immer vor diesen Eurythmie-Aufführungen anbringe - dass die verehrten Zuschauer um Entschuldigung und um Nachsicht gebeten werden, weil wir ja im Anfange erst stehen in dieser eurythmischen Kunst -, so möchte ich doch sagen: Derjenige, der sich gerade vollbewusst ist, dass diese Eurythmie noch im Anfange steht und daher noch sehr viel Unvollkommenes hat - wir sind selbst unsere strengsten Kritiker -, derjenige, der darinnen steht, der weiß aber zugleich, dass dieser Anfang unermessliche Entwicklungsmöglichkeiten in sich hat. Und weil er sich wendet an dasjenige Instrument, das ja durch seine Wesenheit das vollkommenste sein muss, weil er sich wendet nicht an äußere Instrumente, nicht an äußere Werkzeuge, sondern an den Menschen selber, so muss einstmals auch aus dieser Eurythmie etwas werden können, was eine vollkommene Kunstform neben die anderen Kunstformen durchaus hinstellt.

Goethe hatte ja von der Kunst das schöne Wort ausgesprochen: Wenn der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt. Also: Um sich zur Schöpfung des Kunstwerkes zu erheben, da meint Goethe, dass der Mensch Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung aus den anderen Erscheinungen — vielleicht auch aus den physischen Erscheinungen - [zum Beispiel] in der Schauspielkunst zusammennimmt. Aber hier in der eurythmischen Kunst handelt es sich darum, dass die gewissenhaften inneren Gesetzmäßigkeiten des Menschen, wie sie in seinem Organismus liegen, aufgesucht werden durch sinnlich-übersinnliches Schauen, dass erlauscht wird Maß, Harmonie, Ordnung, Bedeutung und dass dasjenige, was so im Menschen selber als ein mikrokosmisches Abbild der Geheimnisse des ganzen Weltenalls liegt, dass das in den Bereich des Künstlerischen heraufgezogen wird.

Daher darf wohl gehofft werden, dass dasjenige, was heute erst ein Anfang mit allen Unvollkommenheiten eines Anfanges ist, dass das sich einmal künstlerisch wird ausbilden können und als eine vollberechtigte jüngere Kunst sich ausbilden wird können, die sich hinstellen kann neben die vollberechtigten älteren Schwesterkünste.

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