Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 2 July 1922, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Die Aufführung fand im Kuppelraum des Goetheanum statt. Es waren speziell Kinder aus Dornach und Umgebung eingeladen.

«Göttermahl» von C. F. Meyer mit Musik von Leopold van der Pals
«Hochländisch» von J. W. v. Goethe
«Frühling» von Rudolf Steiner mit Musik von Leopold van der Pals
«Sommerbild» von Friedrich Hebbel
«Erinnerung» von Anton Bruckner
«Sturmesmythe» von Nikolaus Lenau
Evoe mit Musik von Max Schuurman
«Die sterbende Meduse» von C. F. Meyer
«Der Zwölf-Elf» von Christian Morgenstern
Scherzo von Franz Schubert
Arie von. S. Bach
«Beherzigung» von J. W. v. Goethe
«Ländliches Lied» von Robert Schumann
«Das Butterbrotpapier» von Christian Morgenstern
Satirischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Im Reich der Interpunktionen» von Christian Morgenstern
Menuett von L.. v. Beethoven

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass ich, wie immer vor diesen unseren eurythmischen Versuchen, mit ein paar Worten unsere Vorstellung einleite. Das geschieht ja nicht, um das Künstlerische zu erklären, denn Künstlerisches muss in unmittelbarem Anschauen sich von selbst erklären. Und insbesondere heute muss sich das zeigen, dass schon im unmittelbaren Anschauen dasjenige, was hier von der Bühne aus sich bietet, verstanden werden kann, denn wir erlauben uns ja zu bemerken, dass wir uns heute des Besuches einer so zahlreichen Kinderschar erfreuen, die selbstverständlich nur nach demjenigen, was unmittelbares Anschauen ist, einen Eindruck haben kann.

Dasjenige, was hier von der Bühne aus gesehen wird, soll nicht irgendetwas Tanzartiges sein, soll gar nicht etwas Mimisches sein, sondern es ist das Mittel für unsere künstlerische Offenbarung eine wirklich sichtbare Sprache. So, wie sich der Sprachorganismus, der Kehlkopf und die anderen Sprachorgane im menschlichen Leibe zum Ausdrucksmittel der Seele machen in der Ton- und in der Lautsprache, so kann man auch [den] ganzen Menschen dadurch, dass man seine Glieder in Bewegung bringt oder auch dadurch, dass man Menschengruppen in Bewegung setzt, zu einem künstlerisch sprachlichen Ausdrucksmittel verwenden. Dann wird eben dieses Ausdrucksmittel eine sichtbare Sprache.

Nichts, was Sie hier sehen werden an einer Handbewegung, an einer scheinbaren Gebärde ist irgendwie willkürlich, irgendwie etwas bloß Ausgedachtes. Ebenso wenig ist dasjenige, was hier als Bewegung auftritt, etwas Ausgedachtes, wie der Laut a oder der Laut oder der Laut e oder der Laut z etwas Ausgedachtes ist, sondern etwas, was aus der ganzen Natur des menschlichen Wesens herauskommt. So auch wird durch sinnlich-übersinnliches Schauen erkannt, welche Bewegungen aus der menschlichen Natur beispielsweise bei diesem oder jenem Laut, der gesungen oder gesprochen werden kann, als einem wirklichen Ausdrucksmittel nötig ist. Und aus solchen Bewegungen wird dann dasjenige zusammengesetzt, was künstlerisch verstanden als Eurythmie auftritt.

Dadurch bekommt man eine Kunst, welche man nennen könnte eine bewegte Bildhauerkunst. So, wie die Bildhauerkunst ausdrückt, man möchte sagen: immerfort das menschliche Schweigen durch die Ruhe der Glieder, so drückt Eurythmie aus das menschliche Sprechen und Singen durch die bewegten menschlichen Glieder oder auch durch bewegte Menschengruppen. Und es kommt nicht darauf an, wenn man anschaut eine solche eurythmische Vorstellung, dass man die einzelne Gebärde, die einzelne Bewegung auf dies oder jenes bezieht, sondern dass man sich ein Gefühl erwirbt, eine Empfindung erwirbt [für] die Aufeinanderfolge der Bewegungen, so wie man sich etwa in der Musik das Gefühl erwerben muss für die Aufeinanderfolge der Töne.

So wird Eurythmie wirklich etwas, was sich als eine neue Kunst hinzustellen kann zu den alten Künsten. Und man bekommt die Möglichkeit, dasjenige, was auf der einen Seite als Dichtung gesprochen wird, durch diese bewegte Sprache künstlerisch zum Ausdrucke zu bringen, [und auch,] dass dasjenige, was musikalisch dargeboten wird in dieser Weise, ich möchte sagen durch bewegte Töne, durch tönende Töne zu singen. Denn man kann ebenso in dieser bewegten Sprache der Eurythmie singen, wie man durch die Tonsprache singen kann. Nur muss man sich natürlich klar sein darüber, dass, wenn in der Rezitation oder Deklamation zu gleicher Zeit dasjenige auftritt, was in der Kunst der Eurythmie auftritt, dass dann anders rezitiert und deklamiert werden muss, als man es heute liebt. Heute liebt man eben, unkünstlerisch zu rezitieren, sodass man eigentlich nur den Prosagehalt der Dichtung pointiert. Das aber kann hier nicht gemacht werden, sondern es muss die geheime Eurythmie gesucht werden, die schon in der dichterischen Sprache drinnen liegt. Denn eigentlich ist ein unsichtbares Eurythmisches jeder wirklichen Dichtung zugrunde liegend, jeder wirkliche Dichter weiß dies. Schiller hat nicht zuerst den Prosainhalt seiner Dichtungen gehabt, sondern zunächst eine unbestimmte Melodie, das Musikalische, das Bildhafte; und dann wurde erst aufgereiht dasjenige, was der wirkliche Prosainhalt war.

Derjenige, der eine wirkliche Freude an der Kunst haben kann, der wird auch eine Freude haben an der Kunst der Eurythmie, an der Kunst, wie sie durch solch eine eurythmische Darstellung vorgeführt wird. Das nur mit ein paar Worten charakterisierend, wie Eurythmie als Kunst wirken soll.

Wir haben dann noch andere Seiten, durch die Eurythmie wirken will. Da ist zunächst dasjenige, was ich nennen möchte das Medizinisch-Hygienische. Weil alle Bewegungen, die hier ausgeführt werden aus dem gesunden menschlichen Organismus, aus dem gesunden menschlichen Körper stammen, so können sie auch umgesetzt werden in Bewegungen, die dann sogar für den kranken Körper heilend wirken. Und wir haben schon in den gemeinten Intentionen in der Waldorfschule in Stuttgart die Pflege einer Hilfsklasse einrichten können. Es sind nicht dieselben Bewegungen, die hier auf der Bühne als Kunst auftreten, sondern es sind etwas verwandelte Bewegungen, die mitberechnet sind, in dieser Weise gesundend auf den menschlichen Organismus zu wirken.

Als drittes Element tritt in der Eurythmie auf das Pädagogisch-Didaktische. In der von Emil Molt begründeten, von mir geleiteten Waldorfschule in Stuttgart haben wir neben dem Turnen für alle Schulklassen, von der untersten Volksschulklasse bis zu den höchsten Klassen herauf die Eurythmie eingeführt als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand. Diese Eurythmie ist ja in pädagogischer Beziehung durchaus notwendig, ist dasjenige, was ich nennen kann ein beseeltes, durchgeistigtes Turnen. Während das gewöhnliche Turnen es eigentlich nur mit dem Köper und seinen Bewegungen zu tun hat, hat die Eurythmie es zu tun mit Körper, Seele und Geist. Und dass sie dadurch auch etwas für das Kind Bedeutsames in der Erziehung und im Unterricht liefert, das geht daraus hervor, dass man sieht, wie die Kinder, wenn sie in der richtigen Weise in Eurythmie eingeführt werden, in dieser sichtbaren Sprache lernen mit derselben Selbstverständlichkeit, wie gelernt wird in den jüngeren Jahren die kindliche Sprache. So lernt das Kind Tonsprache, Lautsprache mit derselben Selbstverständlichkeit. Die Kinder finden sich spielend in die Eurythmie hinein, sodass man sagen kann: Die Jahre hindurch, in denen Eurythmie als Unterrichtsgegenstand in der Waldorfschule wirkt, haben schon bewiesen, dass die Eurythmie eben auch ein außerordentlich gutes Erziehungs- und Unterrichtsmittel ist.

Hier auf der Bühne werden Sie Verschiedenes dargestellt sehen in eurythmischen Formen, Dichterisches, Musikalisches. Ich möchte nur herausheben, dass man ganz insbesondere dasjenige, was mehr geistiger Art ist, durch die Eurythmie ganz besonders darstellen kann. In dieser Beziehung weise ich hin auf die Schlussnummer unseres ersten Teiles der Darbietung vor der Pause, wo dargestellt wird Perseus gegenüber der sterbenden Meduse. Die sterbende Medusa ist ja dasjenige, was aus der griechischen Mythologie bekannt sein kann: Sie stellt dar alles dasjenige, was in alten Zelten die Menschheit einmal als Vorstellungswelt gehabt hat, die noch halb in Phantasiegedanken war, wobei der Mensch vielen Irrtümern ausgesetzt war. Und in Perseus wird eine starke Persönlichkeit dargestellt, die die Menschheit befreit hat, möchte man sagen von dem, was wie alte fantastische Vorstellungsweisen gleich wie ein Alp auf den Menschen lastete. Diese Bekämpfung alter Irrtümer irrtümlicher Vorstellungen, nebelhafter Vorstellungen, die aber den Menschen gefährlich sind wie eine Schlange - daher das Schlangenhaupt der Medusa [und] diese Bekämpfung alter, zu Irrtümern führender, nebelhafter Vorstellungen durch den Helden Perseus -, sie wird zur Darstellung kommen im letzten Stück vor der Pause. Dann wird eine Pause eintreten, und zuletzt werden noch allerlei, auch humoristische Dinge zur Darstellung kommen.

Das ist dasjenige, was ich vorausschicken wollte zum Verständnis unserer Eurythmie. Ich muss nur auch heute wie immer sagen, dass wir erst im Anfange stehen dieser eurythmischen Kunst, dass wir uns aber bewusst sind, dass sie sich immer mehr vervollkommnen wird, denn sie bedient sich des vollkommensten Werkzeuges, das man für die Kunst haben kann, des Menschen selbst und seines bewegten Körpers. Wenn sich andere Künste äußerer Werkzeuge bedienen, so muss eben die Eurythmie - so unvollkommen sie heute noch ist, [ist sie] aber einer unermesslichen Vervollkommnung fähig — sich sagen: Der Mensch ist der vollkommenste Ausdruck der Natur. Und deshalb kann man auch, wenn man heute noch immer um Nachsicht bitten muss wegen des unvollkommenen Anfanges, dennoch sich der Hoffnung hingeben, da wir uns des Menschen und seiner inneren Gesetzmäßigkeit - also des Bedeutungsvollsten, was uns im Menschen in dieser Beziehung entgegentritt - bedienen, dass sie sich einmal neben die vollkommeneren Schwesterkünste, die heute schon gang und gäbe sind, als ebenso vollkommene Kunst hinstellen wird.

Und in diesem Sinne darf man auch hoffen, dass gerade die Jugend durch diese bewegten, künstlerisch bewegten Menschenkörper, die eigentlich alle Geheimnisse der Welt zum Ausdrucke bringen können, die dichterisch und musikalisch auch in einer besonderen Art die Geheimnisse der Welt zum Ausdruck bringen können, auch einen wirksamen Eindruck haben kann.

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