Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 10 June 1923, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Nocturne Es-Dur, op. 9 von Frédéric Chopin
«Weihnacht» von Albert Steffen
«Die Seele fremd» von Albert Steffen
«Die Geisterscharen» von Albert Steffen
Etude As-Dur op. 25,1 von Frédéric Chopin
«Als wir auf der goldenen Insel» von Albert Steffen
Sarabande in a-moll aus der «Englischen Suite» von J. S. Bach
«Ganymed» von J. W. v. Goethe
«Der Sänger» von J. W. v. Goethe
«Sehnsucht» von Dschung Tsü mit Musik von Jan Stuten
«Selige Leichtigkeit» von Christian Morgenstern
«Slawischer Tanz op. 46, Nr. 2» von Antonín Dvořák
Humoresken von Christian Morgenstern: «Der Rock»; «Notturno in Weiß»; «Korfs Witze>; «Korf in Berlin»; «Palmström in Stuttgart»
Menuett aus der Sonate op. 78 von Franz Schubert
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Aus einigen Äußerungen, die in der letzten Zeit da oder dort gelegentlich von Eurythmie-Aufführungen gefallen sind, konnte man ersehen, wie langsam und allmählich gerade dasjenige künstlerisch verstanden wird, was mit der Eurythmie gemeint ist. Man macht die Bemerkung gerade der Eurythmie gegenüber, dass naive Menschen, die sich einfach einem künstlerischen Genusse hingeben, die in unmittelbarer Anschauung dasjenige auf sich wirken lassen, was in der Eurythmie gegeben wird, dass diese sehr bald - eben aus der Naivität heraus - ein Verständnis gewinnen für das Eurythmische, dass aber Menschen, die gewöhnt sind, über die Kunst viel nachzuspekulieren, nachzudenken, die zum Beispiel gewöhnt sind, sagen wir Kritiken über die Kunst zu schreiben - da muss man ja nachdenken, nicht wahr, sonst kriegt man die Kritik nicht heraus -, dass solche Menschen eine große Schwierigkeit haben, das Eurythmische wirklich künstlerisch hinzunehmen. Und solche Leute sagen dann oftmals: Ja, da ist so viel Intellektuelles! Es sei die Eurythmie - so wurde jüngst gesagt - ganz geistreich, aber es sei so viel Verstandesmäßiges in den Bewegungen drinnen.
Nun ist eben gerade gar nichts Verstandesmäßiges darinnen. Und das ist gerade das Eigentümliche der Eurythmie, dass gar nichts Verstandesmäßiges drinnen ist, gar nichts Intellektualistisches drinnen ist und dass derjenige am besten die Eurythmie versteht, der nicht erst nachdenkt, sondern einfach sein künstlerisches Auge der Eurythmie exponiert. Denn die Eurythmie ist wirklich zum Anschauen und zum Aufnehmen im unmittelbar anschaulichen Eindruck. Sie ist geradeso naiv hinzunehmen, wie man die Sprache selbst naiv hinnimmt. Bei der Sprache lässt man sich herbei, sie naiv hinzunehmen, weil man sie in so früher Kindheit lernt, dass da es ganz zweifellos ist: Sprache wird aus dem Unbewussten herausgetrieben, wird nicht aus dem Intellektuellen herausgestaltet. Es wäre auch traurig, wenn die Gestaltung der Worte, die Betonung der Worte, das Erleben der Bedeutung der Worte, wenn das alles durch Nachdenken vom Kinde in die Worte hineingelegt werden müsste. Es würde dann, wenn das notwendig wäre, ganz gewiss von dem Kinde niemals die Sprache erlernt. Aber die Sprache erlernt man, das heißt eigentlich, man erlernt sie überhaupt nicht, sondern man erlebt sie nachahmend, wie man wächst. Geradeso wie man das Wachsen nicht aus dem Gedanken heraus betreibt, sondern eben einfach sich seinem Menschen hingibt, so ist es auch mit der Sprache, die man nicht im Einzelnen lernt, sondern die erwächst im Zusammensein des Kindes mit seiner Umgebung.
Nun schaut es für die Eurythmie so aus, als wenn da etwas anderes zugrunde läge, als beim sogenannten Erlernen der Sprache. In Wirklichkeit liegt gar nicht etwas anderes zugrunde, sondern man hat es in der Eurythmie richtig mit einer sichtbaren Sprache zu tun - und sie wird in einer so selbstverständlichen Weise aus dem Menschen herausgeholt, wie herausgeholt wird in naiver Weise die gewöhnliche Lautsprache. Der Mensch übt ja auch etwas Gebärdenhaftes aus, wenn er die Lautsprache übt, nur bemerkt er nicht, dass er da dasjenige, was der Luftstoß in seiner Atmung ist, dass er das gebärdenhaft nach außen schickt. Und so, wie man den Atmungsstrom als Gebärde nach außen schickt und nur dadurch, dass der Atmungsstrom in einer gewissen Weise in Schwingungen ist durch dasjenige, was sich in ihm von gedanklichem Element etwa hineinmischt, damit verwandelt sich dann die Gebärde, die in der ausgeatmeten Atmungsströmung ist, verwandelt sich eben in den hörbaren Laut.
Der hörbare Laut entsteht im menschlichen Haupte. Das menschliche Haupt hat die Eigentümlichkeit am menschlichen Organismus, dass es — während der übrige Organismus für die Bewegung und Beweglichkeit gebaut ist -, dass es ruht. So wie man, wenn der Eisenbahnzug fährt, [der] seinerseits die Bewegungen macht, man selbst im Eisenbahnzug ruht - oder in der Kutsche, während die Pferde sich bewegen, die Räder des Wagens sich bewegen, man selbst darinnen ruht, so ist der Mensch gewissermaßen außerhalb seines Hauptes eine Art Wagen, eine Art Bewegungsorganismus. Das Haupt ruht, und alles dasjenige, was der Mensch im Haupte erlebt, ist zur Ruhe gekommene Bewegung des anderen Organismus.
Äußerlich weiß das die heutige Physiologie eigentlich nur in Bezug auf ein einziges Element der Sprache: Aus dem Zusammenhang der Geste, der Gebärde der rechten Hand und dem Sprachzentrum in der linken Gehirnhemisphäre weiß man, dass da ein Zusammenhang ist zwischen dem, was als Bewegungen im rechten Arm, in der rechten Hand liegt und eben dem Sprachzentrum. Dasjenige, was ich, wenn ich deute, wenn ich Gebärden mache — und wenn man nicht ein ganz phlegmatischer Mensch ist, so begleitet man ja immer seine Rede mit Gebärden, nordische Naturen weniger, italienische, südliche Naturen mehr -, dasjenige aber, was man durch die Gebärde ausdrückt, durch die Gebärde der Arme, das kommt zur Ruhe, wird aufgehalten, in Ruhe fixiert in der Lautsprache.
Wenn ich hauptsächlich diese Worte heute an solche Persönlichkeiten richte, die mit der Anthroposophie etwas bekannt sind oder gar Anthroposophen sind, so möchte ich sagen: Dasjenige, was in der Sprache durch das menschliche Haupt, durch Organe, die namentlich impulsiert werden durch das menschliche Haupt - wenn sie auch nicht im menschlichen Haupte durchaus sind, werden sie impulsiert durch das menschliche Haupt —, was da durch solche Organe in Fixierung, in Ruhe umgewandelte Bewegung ist, das ist vorzugsweise ein Ausdruck, eine Offenbarung des menschlichen Ich. Und insoferne die Lautsprache eine Offenbarung des menschlichen Ich ist, wäre sie - sie ist durchaus der Gefahr ausgesetzt -, wäre sie durchaus etwas Egoistisches, etwas, wodurch der Mensch nur seine Wünsche, Begierden, mehr oder weniger zum Ausdrucke bringen wollte, wenn der Mensch nicht durch das ganze Erleben des Sprachlichen gewissermaßen in Bezug auf seinen Organismus im Gebrauch der Sprache gebändigt würde. Er würde nur das innere Erleben zum Ausdrucke bringen, wie es beim Kinde im Beginn der primitiven Sprache der Fall ist, wo eben nur innerliche Emotionen, Willensäußerungen, Gefühlsäußerungen in der noch unartikulierten Sprache zum Ausdrucke kommen.
Aber der Mensch ist darauf angewiesen, durch die Sprache sich hineinzustellen in die ganze Umgebung, in die Umgebung der Erde, als Mensch unter anderen Menschen. Dadurch wird die Sprache verallgemeinert, aus dem Ego herausgerissen. Die Sprache wird zu einer Gemeinsamkeit eines Volkes, einer Menschengruppe überhaupt. Es ist immer, indem der Mensch von den Naturlauten, die nur sein Egoistisches zum Ausdruck bringen, sich der im Volksgenius befindlichen Sprache einpasst, ist es ein Herausarbeiten aus der Egoität in etwas Allgemeines hinein, das aber wiederum seine Schattenseiten hat. Es hat seine Schattenseiten so, dass der Dichter diese Schattenseiten sehr schön zum Ausdrucke gebracht hat in dem Worte: «Spricht die Seele, so spricht, ach! [schon] die Seele nicht mehr.» Es ist schon noch die Seele, die da spricht, wenn das Kind anfängt, unartikuliert dasjenige, was es innerlich erlebt, wenn es auch Instinkte und Begierden sind, zum Ausdrucke bringt. Und sein Hineinfinden in ein Unegoistisches, in ein Allgemeines im Sprachlichen, das vergeistigt zunächst für das Erdenleben den Menschen. Das Seelische wird vergeistigt in der Lautsprache. Gehen wir dann darauf aus, die Lautsprache zu begleiten mit Gebärden, mit Mimischem, so nehmen wir das, was in der Sprache im Ich ist, wiederum in unseren Astralleib zurück. Wir stecken es wiederum in das Seelische hinein. Fühle man nur, wie derjenige, der seine Worte, die er natürlich aus der gemeinsamen Sprache herausnehmen muss, wie der, der diese Worte begleitet mit Gebärden, eigentlich das Bedürfnis hat, Individuelles, Persönliches hineinzubringen in dasjenige, was in der Sprache doch allgemein ist. Man schiebt durch die Gebärde das Sprachliche wiederum in die Seele, das heißt in den astralischen Leib zurück, wiederum in das Persönliche hinein.
Dadurch aber bekommt man gerade der Gebärde gegenüber — wenn sie nicht als Begleitgebärde gebraucht wird für das, was sich zu allgemein ausnimmt im gewöhnlichen Sprechen -, man bekommt der Gebärde gegenüber etwas wie eine Art Schamgefühl, weil das, was durch die Gebärde ausgedrückt wird, zu sehr dem Eigenen des Menschen angehört. Man entblößt sozusagen durch die Gebärde sehr stark die Seele. Also da wird, indem man zum Mimischen greift — und das gilt jetzt als das Element aller Charakteristik der Schauspielkunst -, indem man zum Mimischen greift, wird dasjenige, was in der Sprache mehr geistig geworden ist, wiederum in das Seelische zurückgeschoben, in den Menschen hineingeschoben.
Betrachten Sie jetzt, meine sehr verehrten Anwesenden, etwas anderes, wodurch sich der Mensch in seiner Natur äußerlich offenbart. Er offenbart sich auf der einen Seite, ich möchte sagen im Kopfpol durch die Sprache, die Lautsprache. Er offenbart sich auf der anderen Seite im Fuß-, im Beinpol durch den Tanz. Nun ist der Tanz etwas, wo der Mensch, wenn der Tanz wirklich schön sein soll, wo der Mensch nicht mehr mit seiner Egoität drinnen stecken darf. Der Tanz muss ganz rhythmische Form sein, wenn er noch schön sein soll. Der Tanz muss sozusagen abgestreift haben das, was aus dem Menschen kommt. Wenn getanzt wird in einem bestimmten Schwung, so hat man es zu tun eigentlich mit der Anschauung der Schwunglinie. Man hat es zu tun mit der Anschauung des objektiven Rhythmus in der Schwunglinie. Da ist der Mensch eigentlich im Tanzen ganz aus sich herausgefahren. Da steckt er nicht mehr in sich. Da ist er ganz Körper geworden. Der Körper tanzt unter Körpern, macht Bewegungen, als ob schon schließlich gar nicht mehr eine Seele in ihm steckte, wenn er tanzt. Denn dasjenige, was man bewundert am Tanzen, ist eben der Schwung und der Rhythmus der Tanzlinie.
Sagt der Dichter: «Spricht die Seele, so spricht ach! [schon] die Seele nicht mehr», so muss man gegenüber dem Tanz sagen: Tanzt der Körper, hat er im Tanze, ach, die Seele schon verloren. Es wird die Seele abgestreift im Tanze. Schieben Sie nun so wie bei der Sprache [den Tanz] mehr in das Egoistische der Seele zurück, ins Mimische dasjenige, was sich offenbart, so schauen Sie gerade, [wenn Sie das äußerliche Tanzen zurückschieben vom physischen Leib in den Ätherleib, Sprache. In Mimisches zurückschieben dessen, was als Sprache im Ich lebt in den astralischen Leib: Da kommt man zu schr ins Innere hinein.]
Eurythmie ist Zurückschieben der [rJeinen Körperbewegung des Turnens oder Tanzens aus dem bloß Leiblichen, Physisch-Leiblichen in den ätherischen Leib, also in dasjenige, was der Seele wieder nahe steht. Man gibt der Bewegung, die der Mensch macht, wiederum Secle. Und während sich in der Sprache das persönliche Ich ausdrückt - es wird nur Gemeinsamkeit durch das Allgemeine der Sprache -, wird dasjenige, was Bewegung des Menschen ist in der physischen Welt, [in der Eurythmie] zurückgeschoben ins Geistig-Ätherische. Es wird die Bewegung des Menschen beseelt.
Und wenn das in der richtigen Weise gemacht wird - und in der Eurythmie wird es so gemacht -, dass geradeso wie jeder Laut, a, i, l, m, mit einer bestimmten Gesetzmäßigkeit aus dem menschlichen Organismus hervorgeht, so wird alles dasjenige, was in der Eurythmie in der einzelnen Bewegung, in dem Bewegungszusammenhange, in der Gestaltung der Bewegung auftritt, wird aus der Natur und Wesenheit des Menschen gewonnen. Sodass sich durch Eurythmie der Mensch in Bewegungen in sichtbarer Art so ausdrückt, wie er sich in hörbarer Art durch die Lautsprache ausdrückt. Und so wie ein a etwas ganz. Bestimmtes ist, ein e etwas ganz Bestimmtes ist als Laut im Anhören, so ist eine Bewegung etwas ganz Bestimmtes als Ausdruck im ganzen Menschen, indem die Bewegung des Menschen zurückgenommen wird in das menschliche Innere, in den ätherischen Leib.
Dadurch aber wird das erreicht, dass man sagen kann: In der gewöhnlichen Lautsprache drückt der Mensch sich als Erdenmensch aus. In den Bewegungen, die so sehr intim mit seinem ganzen ätherischen Wesen zusammenhängen, die, wenn er Eurythmie ausführt, sichtbare Sprache werden, da drückt der Mensch eigentlich dasjenige aus, was die Götter aus ihm machen wollten. Da kommt der ganze göttliche Mensch, nicht der irdische, sondern der göttliche, der in der Form wohnt, auch in der Form wohnt, zum Ausdrucke. Da ist es nicht mehr bloß die Bewunderung der Tanzschwunglinie und des Rhythmus in der Bewegung, sondern da ist es die Bewunderung desjenigen, was uns durch den Menschen als kosmischem Wesen gesagt werden soll, weil er einmal ein geistbeseelter Mensch ist und etwas zu sagen hat als geistbeseelter Mensch.
Wird daher auf der einen Seite ein Gedicht rezitiert oder deklamiert oder ein Musikstück gespielt und dazu die Eurythmie aufgeführt, so ist das tatsächlich so, dass man sagen kann: Da ist ein orchestrales Zusammenwirken. In der Rezitation, im musikalischen Spielen offenbart sich dasjenige, was der Mensch ist, insofern er sich als geistig-seelischer Mensch auf der Erde äußert. Insofern er hier auf der Erde ein Fremdling ist, das Geistig-Seelische gebracht hat, indem er auf die Erde herabgestiegen ist, aber es noch in sich trägt als die Erbschaft aus anderen Welten, äußert er sich so, dass er in der sichtbaren Sprache der Eurythmie spricht.
Das alles braucht man gar nicht zu wissen, sondern nur ein entsprechendes Empfinden, ein künstlerisches Empfinden und Anschauen zu haben. Dann wird man in dem, was auf der Bühne vorgeht, eben den naiven Eindruck haben. Dass man ein paar Worte voraussagen muss, ist nur eben, um darauf aufmerksam zu machen, wie dasjenige, was einem da in voller Naivität entgegentritt, aus der ganzen Wesenheit des Menschen, ja aus der Weltstellung des Menschen heraus gewonnen ist. Aber dasjenige, was zuletzt naiv ist, ist ja gerade aus den tiefsten Geheimnissen des Lebens des Menschen in der Welt herausgeholt. Nichts ist großartiger und weiser, als die Äußerungen des ganz kleinen Kindes, die eben auf eine unbewusste Art herausgeholt sind. Ob das nun mehr oder weniger bewusst herausgeholt wird in der Begründung der Eurythmie, das macht eigentlich für den unmittelbaren künstlerischen Eindruck gar keinen Unterschied.
Deshalb sollte man nicht meinen, das Eurythmische beruhe auf irgendetwas Intellektuellem, sondern geradeso, wie man bei der Mimik, der mimischen Kunst dasjenige, was im Kopfe auftritt, vom Kopfe hinunterschiebt in die Arme, so schiebt man dasjenige, was sonst Bewegung des Menschen ist, in die Bewegung der Arme herauf, bekommt dadurch eben einen beseelten Eindruck des Menschen, wie der ganze Mensch sich ausspricht durch seine Wesenheit innerhalb der Welt.
Das alles macht natürlich notwendig, dass auch gerade das Eurythmisieren verlangt, dass die parallelgehende Deklamation und Rezitation nun Rücksicht darauf nimmt, dass ja jeder wirkliche Dichter schon in der Behandlung der Sprache, in dem, was man das imaginative, das musikalische Element der Sprache nennen kann, eine gewisse verborgene Eurythmie, die eben nur in die Sprache sich hineinschleicht und zur Ruhe kommt, drinnen hat. Und das muss man hören, wenn zur Eurythmie rezitiert und deklamiert wird. In unserer Zeit liebt man das nicht, weil unsere Zeit viel Unkünstlerisches in sich hat. Frau Doktor Steiner hat sich ja jahrelang bemüht, gerade eine solche Rezitation auszubilden, die wiederum auf das eigentlich Künstlerische der Sprachbehandlung zurückgeht. - Leider muss ja gesagt werden, dass sie jetzt nicht rezitieren kann wegen ihrer Erkrankung, auch heute leider nicht.
Aber man wird auch gerade durch die Eurythmie wiederum auf das Eurythmische der Sprache zurückkommen Und wenn man will so richtig empfinden das Wesen des Eurythmischen, so beachte man nur einmal das Folgende. Da gibt es immer wieder Leute, die sagen: Ja, da wird uns gesagt, die Eurythmie sei eine sichtbare Sprache, die Eurythmie ist kein Tanz und kein Mimisches. Das ist sie auch wirklich nicht! Aber am besten - so sagt wieder nicht der naive Mensch, aber derjenige, der eben gerade intellektualistisch nachgedacht hat über die Kunstrichtungen, der sagt: Am besten hat uns gefallen dasjenige, was zur Musik getanzt worden ist. Aber es wird nämlich gar nicht zur Musik getanzt! Das Niedlichste ist nämlich dabei, dass die Leute glauben, weil Musik da ist, so werde dazu getanzt in der Eurythmie. So grob sieht man heute die Dinge an. Es wird eben nicht getanzt zur Musik in der Eurythmie, sondern es wird bewegt gesungen. Es ist Gesang in Bewegung, so wie Eurythmie überhaupt Bewegung ist und Sprache [und] Gesang ist, so ist eben auch das, was als Begleitung zur Musik auftritt, Singen, nicht Tanzen, nur ein Singen in Bewegungen. Diesen Unterschied muss man fühlen im Anschauen, dann beurteilt man die Sache richtig.
Und so muss sich nach und nach eben ein Verständnis gerade für das Bedeutsame der Eurythmie als einer ganz aus heute noch ungewohnten künstlerischen Quellen heraus geschöpften Kunst geltend machen. Man wird verstehen müssen das ja ganz spezifisch Eigentümliche, das zwischen Tanz, Mimischem und auch Sprachlichem drinnen liegt. Aber ein wirklich Sprachliches ist nämlich ein aus der Bewegung des Menschen nicht bis zum Kopfe Heraufgeleitetes. Wenn man es bis zum Kopfe leitet, wird es Lautsprache. Wenn man anhält dasjenige, was eigentlich bis zum Kopfe geleitet Lautsprache wird, wenn man das anhält in Armen und Händen - die liegen zwischen dem Kopf und den Füßen, die sind zwischen den beiden Polen -, dann drückt sich da, ich möchte sagen ohne nach der einen oder anderen Seite ins Extrem heraus sich zu lösen, das Wesentliche des Menschen aus, wie er in die Erde hereingestellt ist.
Und man möchte sagen: In der bloßen Sprache drückt der zeitliche Mensch das aus, was er an irgendetwas empfindet. In der Eurythmie drückt der ewige Mensch dasjenige durch Bewegungen aus, was cr an irgendeinem Ereignis erlebt. Und deshalb ist es ganz selbstverständlich, dass die Eurythmie sich sagen darf, wenn sie auch heute noch — das muss immer gesagt werden - in ihren ersten Schritten ist und weil sie dadurch noch unvollkommen ist, erst in ihrem Anfange ist, wir wissen das ganz gut, wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, sie wird sich weiterentwickeln, denn sie bedient sich des Menschen selbst, der eine kleine Welt ist, alle Weltengeheimnisse in sich enthält. Sie wird sich weiter ausbilden und als eine vollberechtigte Kunst neben den anderen, älteren, vollberechtigten Künsten sich hinstellen können.