Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 22 July 1923, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

«The rune of the four winds» von Fiona Macleod
«The moonchild» von Fiona Macleod
Aus den «Kinderszenen» von Robert Schumann
«Das Märchen von der Phantasie» aus dem 6. Bild der «Pforte der Einweihung» von Rudolf Steiner
«Davidsbündler Tänze» op. 6,2 von Robert Schumann
«Sind unsere Wünsche so flüchtig» von Wladimir Solowjow
Präludium in es-moll von J. S. Bach
«Als am dritten Tage» von Albert Steffen
Adagio con esprit op. 27,1 von L. v. Beethoven
«Feuerrotes Fohlen» von Albert Steffen
«Edward» in der Übertragung von J. G. Herder
«Erinnerung» von Anton Bruckner
«Schlummerlied» aus op. 124 von Robert Schumann
«April» von William Watson
Thema mit Variationen in G-Dur KV 379 von W. A. Mozart
«Who is Sylvia?» aus «The two gentlemen of Verona» von William Shakespeare
«Spring» aus «Love’s Labour lost» von William Shakespeare mit Musik von Jan Stuten

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Ich möchte diesmal, nachdem ich ja gestern mehr von der Kunstanschauung einige allgemeine Einleitungsworte gesprochen habe, möchte ich heute anlässlich der so wichtigen Tatsache, dass zahlreiche anthroposophische Freunde zum Teil aus sehr fernen Gegenden da sind, unserer eurythmischen Vorstellung einiges vorausschicken über das Hervorgehen - ich erwähnte es schon gestern -, über das Hervorgehen des Eurythmischen aus einer solchen Geistesanschauung, wie sie die Anthroposophie liefern kann. Ich möchte das noch tiefer veranschaulichen. Daher möge man es mir heute nachsehen, wenn ich auf anthroposophische Voraussetzungen baue und über Eurythmie rein anthroposophisch ein paar Worte spreche.

Dasjenige, was aus der menschlichen Wesenheit herauskommt - seien es die Gedanken, Gefühle, Willensimpulse, sei es aber auch die sprachliche oder gesangliche oder die rezitatorische und deklamatorische Leistung -, das alles stammt nicht aus irgendeinem Partiellen der Menschennatur, sondern durchaus aus einem Ganzen der Menschennatur. Und einsehen, wie sich der Mensch auf die eine oder andere Weise offenbart, kann man eigentlich nur, wenn man den Anteil prüft, den die verschiedenen Glieder der Menschennatur, der Menschenwesenheit, an einer solchen Offenbarung des Menschen haben.

Nun müssen wir ja aus einer Erkenntnis heraus, die so exakt ist wie nur irgendeine andere Erkenntnis des heutigen wissenschaftlichen Lebens - ja, wohl noch viel exakter -, wir müssen, wenn wir von der menschlichen Wesenheit sprechen, so sprechen, dass wir sagen: Der Mensch gliedert sich nach seinem physischen Leibe, nach dem ersten übersinnlichen Teil seiner Wesenheit, nach dem sogenannten ätherischen oder Bildekräfteleib, dann nach demjenigen, was schon zusammenhängt mit dem inneren Seelenleben selber, nach dem astralischen Leib, und dann nach der Ichorganisation. Wir haben zunächst die gesamte menschliche Wesenheit vor uns, wenn wir diese vier Glieder dieser Wesenheit uns vor das Seelenauge stellen. Diese vier Glieder sind nun je nach ihren verschiedenen Grundkräften und Grundelementen an jeder menschlichen Offenbarung beteiligt, und es kommt nur darauf an, wie sie beteiligt sind.

Nun kann ich natürlich dasjenige, was ich zu sagen habe, nur andeutend sagen. Aber, wie gesagt, da es sich um eine Versammlung der Anthroposophen eigentlich aus der ganzen Welt handelt, so möchte ich einmal über die Eurythmie ganz anthroposophisch sprechen. Man kann ja populäre Erörterungen bei anderen Eurythmie-Aufführungen besprechen.

Ich möchte zunächst darauf aufmerksam machen, wie dasjenige, was wir Ich-Organisation nennen und astralischen Leib nennen, jedes Mal, wenn der Mensch im Schlafzustande ist, sich getrennt haben von dem physischen Leib und dem Äther- oder Lebensleib, Bildekräfteleib. Dadurch aber stehen zu den Dingen und Vorgängen der Erde das Ich und der astralische Leib in einer zunächst für den Menschen unbewussten Art in einem Verhältnis. Wir stehen ja mit unserem Inneren [im Wachen] — also mit unserem Ich und astralischen Leib - zu der Außenwelt nicht in jenem innigen Verhältnisse, in dem wir unbewusst stehen, wenn wir uns im Schlafzustand befinden; denn wir nehmen die Außenwelt, wenn wir uns im Wachzustand befinden, nur wahr mit Hilfe des physischen Leibes und seiner Organe, mit Hilfe des ätherischen Leibes und seiner Organe. Nun, dadurch, dass das Ich und der astralische Leib während unseres gesamten Erdenzustandes jedes Mal in den Schlafzuständen nähere Verbindungen mit der Außenwelt eingehen, dadurch stehen sie in der Tat, ich möchte sagen in einem ganz intimen Verhältnis zur Außenwelt und können dadurch auch dasjenige vermitteln, was in den Offenbarungen der Menschenwesenheit als Unbewusstes sich in das Bewusste hineinbegibt.

Denken wir also daran: Wir sprechen; wir sprechen in Vokalen, wir sprechen in Konsonanten. Dann ist ja das zunächst für diejenige Anschauungsweise, die man in der Gegenwart fast allein gelten lassen will - für die Anschauungsweise der Sinne und des die Sinneseindrücke kombinierenden Verstandes -, es ist dieses Sprechen an den physischen Leib gebunden. Es ist das Sprechen der Ausdruck eines Formens gewisser Organe, und es kann selbstverständlich dasjenige, was da mit dem physischen Leib geschieht, mehr oder weniger genau dargestellt werden. Aber die übrigen übersinnlichen Glieder der Menschennatur sind durchaus an diesem Sprechen beteiligt.

Nun müssen wir bedenken, was eigentlich dieser, dem physischen Leib am nächsten stehende Äther- oder Bildekräfteleib, der sich auch in der Nacht beim Schlafe nicht vom physischen Leib trennt, für den Menschen bedeutet. Dieser ätherische oder Lebens- oder Bildekräfteleib ist der Träger des Gedankenelementes, der Träger aller derjenigen Kräfte, die im Menschen den Gedanken formen. Es ist ja in Wahrheit so, dass wir den Gedanken mit Hilfe des physischen und Ätherleibes formen und dass wir im Schlafzustande nur deshalb vom Gedanken fern sind - ihn gewissermaßen nur treffen, aber in einer chaotischen Weise, träumend beim Aufwachen oder Einschlafen -, es ist ja nur deshalb so, weil wir im Schlafzustande mit unserem eigenen Inneren, mit unserem Ich und Astralleib, auch von dem Teil getrennt sind, der unser Gedankenleben enthält. Wir denken in Wahrheit die ganze Nacht, nur wissen wir nichts davon.

Sodass also das Gedankliche lebt in dem Äther- oder Lebensleib. Und das macht es auch, dass wichtiger, als man eigentlich meint, für die Art und Weise, wie der Mensch denkt, die Erziehung ist, die der Mensch durchmacht in Bezug auf seinen physischen, aber auch in Bezug auf seinen Äther- oder Bildekräfteleib. Wird ein Mensch in Bezug auf die Handhabung seiner Organisation, wenn ich mich so ausdrücken darf, schlampig erzogen, dann drückt sich das auch in der schlampigen Handhabung seiner Gedanken aus. Wie ein Mensch innerlich organisiert ist - nur wenn in diese Organisation eben einbezogen wird der Bildekräfteleib -, so ist er in seinem Denken.

Dasjenige aber, was als Gedanken in die Sprache oder selbst in das Singen einfließt, das rührt also her von dem physischen Leib und von dem Äther- oder Bildekräfteleib. Aber in die Sprache - reden wir hauptsächlich von der Sprache - fließen ein tatsächlich die Elemente der Außenwelt. Wir müssen in unserer Sprache wiedererkennen dasjenige, was von Ich und Astralleib auf dem Umwege durch die Atmung und Blutzirkulation in unser Sprechen und auch in unser Singen hineinkommt. Dasjenige, was in unser Sprechen und in unser Singen auf dem Umwege durch die Atmung und Blutzirkulation hineinkommt, das rührt vom Ich und Astralleib her, die die Gelegenheit haben, sich immer wieder und wieder mit der Innenwelt intim zu verbinden, wenn sie von der Außenwelt getrennt sind. Suchen wir zum Beispiel nach jener eigentümlichen Gestaltung, welche, sagen wir der menschliche Lippenapparat annimmt, um gewisse Konsonanten zu formen, so kann man nicht beim Menschen stehenbleiben, wenn man dieses, ich möchte fast sagen geheimnisvolle Gestalten von Lippe, Zunge und so weiter kennenlernen will. In dieser Beziehung ist unser heutiges, sogenanntes wissenschaftliches Zeitalter außerordentlich äußerlich.

Sie wissen ja, es gibt zwei Arten Sprachtheorien, die vielleicht heute schon weniger, aber einmal recht viel Aufsehen gemacht haben. Man nennt die eine die Bimbam-Theorie und die andere die Wauwau-Theorie. Nun, die Dinge sind von gelehrten Leuten vertreten worden, und Sie könnten natürlich das, was dazu beigetragen ist, bei Max Müller, dem Oxforder Professor, genauer nachlesen, als was ich Ihnen jetzt sage. Aber im Wesentlichen ist die Bimbam-Theorie [so: Man] nimmt an, dass so, wie bei dem Glockenschlag ertönt etwas von dem Inneren des äußeren Dinges, so ist es - nun jetzt nicht immer durch das Hören, aber für die Wahrnehmung der anderen Sinne - für die Vorgänge und Dinge der Außenwelt [so], dass der Mensch in der Lage ist, sich in sie hineinzuversetzen. Nun ist das nicht so äußerlich, wie es die Bimbam-Theorie darstellt, sondern es kommt das zustande durch die innerliche intime Gemeinschaft, die Ich und Astralleib immer eingehen, wenn sie getrennt sind von der Außenwelt.

Wir passen uns auch nicht so äußerlich an die Tierlaute an, wie es die Wau-Wau-Theorie annimmt, aber wir erleben gerade durch unser Ich und den astralischen Leib die Außendinge. Und man wird jene wunderbare Gestaltung von Lippen und Zunge und Gaumen und so weiter bis hinab zu allen möglichen Sprachorganen, man wird sie erst verstehen, wenn man diese Tatsache richtig ins Auge fasst, dass nicht nur etwa von innen heraus — was durch Physiologie etwa zu ergründen wäre -, sondern von außen in den Menschen herein Zunge, Lippen, Gaumen und so weiter geformt werden, dass die Dinge der Außenwelt wirklich in den Gestaltungen der Organe, die der Sprache zugrunde liegen, leben.

Wäre das nicht so, die Menschen hätten niemals zur Sprache kommen können. Denn in der Sprache ist nicht etwa bloß eine Offenbarung desjenigen vorhanden, was der Mensch in dem Inneren, das heißt innerhalb seiner Haut erlebt, sondern in den Sprachen ist vorhanden dasjenige, was in den Geheimnissen der irdischen Dinge um uns herum lebt und das wir gewahr werden dadurch, dass eben unser Ich und astralischer Leib abgetrennt ist vom physischen und Ätherleib. Und die Sprache ist es, was wir in der Außenwelt lernen. Bis zu den Stimmbändern hinauf, da vibriert, da wellt, da wirkt nach dasjenige, was in intimer Bekanntschaft mit dem Äußeren das Ich und der astralische Leib erfahren. Und da ist es so, dass in der Tat in unseren zivilisierten Sprachen eben schon ganz abgeschliffen ist dasjenige, was in einer ungeheuer intimen Weise das Sprachliche verbindet mit der Außenwelt. Daher ist es nicht zu unterschätzen, wenn gesagt wird aus einer tieferen Erkenntnis heraus, als die heutige materialistische Physiologie oder dasjenige, was sich auf dieser Grundlage aufgebaut sehen kann, wenn gesagt wird: Ja, wenn wir zum Beispiel ein z oder ein e oder ein » aussprechen, so ist das nicht bloß eine Äußerung der Menschennatur, sondern das ist durchaus etwas, was der Mensch in seiner ganzen Wesenheit mit der äußeren Umwelt erlebt.

Man braucht nur einzugehen auf die Gestaltungen, die sich einem sofort als Imagination vor das Seelenauge zaubern, wenn man die Beziehung eines i oder eines « zu den Dingen der Außenwelt kennenlernt. Wer ein i aber nachzuempfinden vermag, der weiß: In diesem i liegt etwas, was, richtig gefühlt und empfunden, so etwas ist, wie was uns aus der Außenwelt unsere eigene Existenz verleiht. Daher: Alle Sprachen, welche das i in dem [Wort] «Ich» haben, geben einfach durch die Sprache dem Menschen ein Existenzgefühl, das solche Sprachen dem Menschen nicht geben können, die das i nicht in dem «Ich» haben. - Das » stellt sich vor die Seele hin, wie etwa, wenn zweierlei Elemente der Außenwelt, die übersinnlich sind, miteinander in Berührung kommen, sich berühren und der Mensch aufmerksam sein muss auf diese Berührung.

Und so gibt es entweder musikalische oder plastische Bilder, welche sich uns vor die Seele hinstellen, wenn wir in die Intimitäten der Sprache hineingehen wollen. Und wenn wir diese Bilder verstehen, dann kommen wir erst dazu, jene wunderbare Verbindung zu durchschauen, die zwischen unserem ganzen Seelenleben, unserem ganzen Gemütsleben und der Sprache besteht. Und wir lernen ja erst erkennen, wie im Grunde genommen das gewöhnliche Sprechen auf der einen Seite im Menschen bis zum Denken geht, auf der anderen Seite aber physisch hinuntergeht bis zur Blutzirkulation. Denn wenn auch selbstverständlich es nicht so ist, dass man am Puls grob abfühlen kann, wie dieser Puls sich verändert beim i- und beim u-Sprechen, so ist die Veränderung dennoch im Kleinen vorhanden. Man könnte geradezu von einer mikroskopischen - Sie wissen, es ist das bildlich gemeint -, von einer mikroskopischen Veränderung des Pulses sprechen, wenn der Mensch ganz durchfühlt dasjenige, was im Verlaufe eines Wortes, eines Satzes die Seele erlebt, indem sie in die Intimitäten der Sprachlaute oder der Gesangstöne hinein sich lebt. Wir müssten suchen jene Bewegungen, die entsprechen dem gewöhnlichen Sprechen oder Singen, die also den Gedanken, der eigentlich ein unkünstlerisches Element ist, in sich tragen, wir müssten suchen diese menschliche Bewegung im menschlichen Blute.

Gehen wir aber von der Sprache zu den Imaginationen - seien sie musikalisch, seien sie plastisch, seien sie malerisch - hinauf, dann finden wir die Möglichkeit, dasjenige, was in der Sprache liegt, ganz so gesetzmäßig, wie es sich in der Sprache selber verhält, durch wirkliche sichtbare Raumesbewegungen der einzelnen menschlichen Glieder oder des ganzen Menschen im Raume zum Ausdruck zu bringen. Und [wir] bekommen dadurch eine wirklich sichtbare Sprache, die dasjenige offenbaren kann, was in der hörbaren Sprache nur geoffenbart werden kann durch das Wie, durch die Behandlung der Sprache. Ist man in der Lage, den einen Laut durch den anderen im Verlaufe des Redens zu kolorieren, ist man in der Lage, bei der dichterisch-künstlerisch behandelten Sprache in der richtigen Weise Takt, melodiöses Thema zu verkörpern, dann kommt man allmählich in die Geheimnisse der Rezitation und Deklamation hinein. Frau Doktor Steiner hat das durch Jahre hindurch versucht zu studieren, um hinauszukommen über dasjenige, was in einer unkünstlerischen Zeit wie die unsrige mehr im prosaischen Pointieren gesucht wird, um das in der wirklichen Rezitation und Deklamation, das heißt in der Behandlung desjenigen, was aus der Sprache heraus dichterischkünstlerisch gestaltet ist, zu erreichen.

Diese geheime Eurythmie, die schon in der Sprachbehandlung liegt, die ist eigentlich bei jedem wahren Dichter schon vorhanden. Aber wahre Dichter - das sind wirklich nicht ein ganzes Prozent von denjenigen, die heute als Dichter genommen werden. Wir können rundweg sagen: neunundneunzig Prozent von denjenigen, die heute dichten, sind nicht wirklich dichterische Künstler. Damit aber, dass man eingeht auf dasjenige, was das Wie ist in der Sprachbehandlung, [erkennt man,] wie dieses Wie der Sprachbehandlung im viel höheren Maße die Möglichkeit gibt, irgendetwas Seelisches auszudrücken als der Prosainhalt des Wortes. Denn der Prosainhalt des Wortes drückt eigentlich das Unkünstlerische aus, das Wie drückt das Künstlerische aus. Man muss immer durch eine Art Divination das Künstlerische erst erlösen aus demjenigen, was einem ja einzig und allein bei der Mitteilung des Gedichts auf dem Umwege durch den Druck gegeben werden kann.

Der Dichter empfindet den ganzen Menschen, indem er sich sprachlich auslebt. Und immer wieder und wieder muss ich erinnern an das schöne dichterische Wort: «Spricht die Seele, so spricht, / ach, schon die Seele nicht mehr.» Das gilt für diejenige Sprache, bei der es hauptsächlich auf den Prosagehalt der Sprache abgesehen ist. Diejenige Sprache, die da lebt in dem Plastisch-Koloristischen, das der Laut dem Laute geben kann, das die Lautbehandlung geben kann, diejenige Sprache, die da lebt in dem musikalischen Elemente der Sprache, von der kann gesagt werden: Spricht dadurch die Seele, so versucht gerade die Seele das zu sagen, was sie durch die schon prosaisch gewordene Sprache, unkünstlerisch gewordene Sprache, nicht zu sagen vermag. Das aber gerade ist möglich herauszuholen aus Sprache und Gesang durch die Eurythmie, da die ausdrucksvollsten menschlichen Glieder in Bewegung gebracht werden nicht wie beim Tanz, der ja die weniger ausdrucksvollen menschlichen Glieder - die Beine und Füße - in Bewegung bringt. Die Eurythmie ist kein Tanz, denn sie bringt nicht diese Glieder hauptsächlich in Bewegung, obwohl sie das auch tun muss, aber dadurch keine Verwandtschaft mit dem Tanz hat. Aber in Bezug auf das vorhin Angedeutete ist die bestimmte Formung gerade der Arme und Hände - der ausdrucksvollsten Glieder der menschlichen Organisation - die entsprechende sichtbare Sprache.

Und ist man imstande, aus einer solchen Einsicht in die Menschennatur, wie ich sie nur andeuten konnte, ist man imstande, aus einer solchen Einsicht heraus für jeden Finger, für jede Armbewegung, für jede Veränderung des menschlichen Organismus im Raume einen so gesetzmäßigen Ausdruck zu finden, wie die Natur und ihr Geist selbst gefunden haben, indem sie aus dem Unbewussten des Menschen heraus während der Kinderzeit uns die Sprache und den Gesang in naiver Weise erlernen lassen, ist man imstande, in so gesetzmäßiger Weise eine solch sichtbare Sprache zu schaffen, dann ist diese sichtbare Sprache eben, ich möchte sagen etwas, was auf einem anderen Instrumente dasselbe spielt, was Gesang oder Deklamation oder Rezitation auf der einen Seite spielen. Man bekommt wirklich eine Art orchestralen Zusammenwirkens zwischen demjenigen, was auf der Bühne vorgeht und demjenigen, was an Musikinstrumenten angeschlagen wird oder was durch die menschliche Stimme rezitatorisch oder deklamatorisch ertönt.

Man hat so die Möglichkeit, aus den Quellen, die ich erst gestern genannt habe, herauszuholen eine Kunst, die bisher eben von der Menschheit noch nicht gefunden worden ist aus dem einfachen Grunde, weil ja jede Kunst aus den besonderen Kulturvoraussetzungen heraus erst geschaffen werden kann, die in den aufeinanderfolgenden Zeitepochen gegeben worden sind innerhalb der Menschheitsentwicklung.

Man bekommt in der eurythmischen Kunst eine neuartige Kunst, die sich des Menschen selbst noch mehr als die mimische Kunst als eines Instrumentes bedient. Und da der Mensch schon einmal alle Geheimnisse der Welt wie ein Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos in sich enthält, so darf man wohl, trotzdem heute noch die verehrten Zuschauer immer um Nachsicht gebeten werden müssen vor jeder Eurythmie-Aufführung - wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, wissen, dass wir ganz im Anfang mit der Eurythmie sind, aber es darf auch gesagt werden, dass gerade durch die besondere Art, wie man hier sich des Menschen bedient, der alle Geheimnisse der Welt in sich als ein Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos enthält, dass man gerade dadurch hoffen darf, dass Eurythmie einmal werden wird das, was sie heute noch nicht sein kann: eine vollberechtigte jüngere Kunst neben den vollberechtigten älteren Künsten.

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