262 Wien

GA 277d — 7 October 1923

An Rudolf Steiner in Dornach
Sonntag, 7. Oktober 1923

Wien, 7. Okt.

Lieber E., bis jetzt ging alles gut;1 es war mir nur nicht möglich Samstag einen Augenblick zum Schreiben zu finden, da ich immer unterwegs war. Gestern früh wurde ich angeläutet, es war eine entsetzlich lange Prozedur mit Hallo von mir und dem Kellner und Rufen und Fragen vom Fräulein vom Amt, aber weiter gedieh die Geschichte nicht.

In Gmunden war alles sehr gut vorbereitet und hübsch. Zitkowsky2 war nach jeder Richtung vorsorglich und gescheit. Das gemütliche alte Theater war ganz zu unserer Verfügung, die Beleuchtung ausgezeichnet (wie in Stuttgart, er hat sich’s 2 Millionen kosten lassen), die Leute willig und nett. Das Hotel [Krone] dicht am See bürgerlich sauber und gemütlich, mit ausgezeichneter Kü-. che (österreichischer - ich musste an Dich denken und seufzte nach so einer Erholungszeit), die Wirtin und Magd menschlich liebenswürdig und nett: sie hätte nicht geglaubt, dass es so etwas Schönes überhaupt gäbe, hat die Wirtin nach der Vorstellung gesagt. - Das Theater war ausverkauft und die königlichen Herrschaften (Herzogin von Cumberland)3 anwesend; die alte Hoheit soll sehr entzückt gewesen sein, bloß die Musik zu den vier Winden hat ihr nicht gepasst.

Grunelius telegraphierte, dass er das Theater in Salzburg für Donnerstag Abend bekommen hätte; wir schickten ihm Frau v. Molnar4 mit Programmen, die dann hierher gekommen ist und berichtete, dass sich der Direktor interessiert und jeden Tag eine Notiz in die Zeitung bringen wird. Hoffentlich geht alles gut.

Salzburg, 9. Okt.

Ich wollte ausführlich schreiben, doch musste ich bald aufhören, da fortwährend Menschen zu mir kamen. Die zweite Vorstellung wurde ebenso warm aufgenommen wie die erste, der Besuch war nicht ganz 3/4. Aber es war sehr schlecht plakatiert. Hier hat ja Grunelius alles vorzüglich vorbereitet. Der Direktor rechnet auf ein volles Haus und schlägt eine zweite Vorstellung vor, oder bei den Arbeitern in Hallein. Wir werden wohl den Verlauf der ersten abwarten müssen, bevor wir uns zu einer zweiten entschließen. Ich überlege mir, ob ich auch die Talente von Grunelius für Innsbruck verwerten soll, damit wir uns eventuell bis St. Gallen herunterspielen. Aber überlege mir noch immer, ob es zu kühn ist. Wenn wir’s nicht jetzt machen, machen wir es wohl kaum je, — könnten aber auch sehr isoliert sein.

Danke für die Telegramme, hoffentlich geht es Dir gut, - und hoffentlich hat Dich Rietmann auch zu einem Vortrag nach St. Gallen eingeladen; sonst tut er es ja doch zwei Monate später; die Probe am Sonntagmorgen hatten wir, aber ohne Vorhänge! Pfeiffer5 muss heute Nacht reisen und nimmt den Brief.

Herzlichsten Gruß auch an Mieta und die 3 Fräulein6 Marie

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  1. Nach der Herbstveranstaltung in Wien (26. September bis 1. Oktober) reiste Rudolf Steiner am 4./5. Oktober nach Dornach, Marie Steiner mit der Eurythmiegruppe weiter nach Gmunden, Wien, Salzburg und St. Gallen. ↩

  2. Dr. Wilhelm von Zitkovszky (gest. 1942), in Gmunden am Traunsee, Oberösterreich, Mitglied seit Januar 1913 im Zweig Linz. ↩

  3. Thyra, geb. 1853 als Prinzessin von Dänemark, vermählt mit Ernst August, ehemals Kronprinz von Hannover, der sein Land 1866 an Preußen verlor, lebten in Gmunden im Exil, wo er am 14. November 1923 starb ↩

  4. Helene (Ilona) v. Molnar (gest. 1945), aus Ungarn, Mitglied seit Januar 1920, Eurythmistin, Sie gab in Gmunden Eurythmie-Kurse für Laien. ↩

  5. Ehrenfried Pfeiffer (1899-1961), seit 1920 in Dornach, zunächst um eine für die Eurythmie geeignete Bühnenbeleuchtung zu entwickeln. In seinem kleinen Forschungslabor in Dornach machte er schon 1922 nach Angaben Rudolf Steiners Versuche mit Präparaten für die Landwirtschaft und entwickelte die Methode der Kupferchlorid-Kristallisation zum Nachweis ätherischer Bildekräfte. Seit 1938 in USA. ↩

  6. Die 3 Haushalthelferinnen: Helene Lehmann, Helene Dubach, Olga Zibell. ↩

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