Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 23 December 1923, Dornach
Eurythmie-Aufführung
Sarabande von J. S. Bach
«Treue leben ewig» von Albert Steffen
«Ich sah ein bleiches Licht» von Albert Steffen
Romanze von Robert Schumann
«Wenn wir sagen ewiglich» von Albert Steffen
Sarabande in d-moll aus der 2. Suite für Cello von J. S. Bach
«Ich und Du» von Albert Steffen
«Es saugt die leere Finsternis» von Albert Steffen
Andante teneramente in c-moll aus der Cello-Sonate von Johann Ernst Galliard
Largo in B-Dur op. 2,8 von G. F. Händel
«Das Heidenröslein» von J. W. v. Goethe Siciliana von J. S. Bach
«Adler und Taube» von J. W. v. Goethe Air in D-Dur von J. S. Bach
«Abend» von Albert Giraud in der Übersetzung, von O. E. Hartleben mit Musik von Leopold van der Pals
Scherzo von L. v. Beethoven
Meine lieben Freunde!
Da ja heute vor allem unsere auswärtigen Gäste, sofern sie schon angekommen sind, in dieser eröffnenden Eurythmie-Vorstellung anwesend sind, so habe ich nicht nötig, im Besonderen zu sprechen über das Wesen der Eurythmie. Es ist ja unseren Freunden bekannt aus den Darstellungen, die in unsere[m] «Goetheanum» jetzt schon erschienen sind. Dagegen möchte ich nun gerade mit Rücksicht darauf, dass wir wiederum einmal zu einer anthroposophischen Unternehmung beieinander sind, auch diese Eurythmie-Vorstellung mit ein paar Worten einleiten.
In der Eurythmie haben wir ja zunächst diejenige Kunst, welche aus anthroposophischem Boden ganz ursprünglich hervorgegangen ist. Nun war es ja immer so in der Welt, dass eine jede künstlerische Betätigung, die etwas Neues in die Zivilisation hineinbrachte, hervorging aus übersinnlichem Menschheitsstreben. Man kann hinschauen auf Architektur, auf Plastik, auf Malerei, auf das Musikalische, auf das Dichterische, überall wird man zunächst finden, dass die Impulse, die einem entgegentreten im äußeren Verlauf der künstlerischen Menschheitsentwicklung, dass diese doch in irgendeiner Weise zurückgehen auf okkulte übersinnliche Grundlagen, Grundlagen, die wir geradezu im Mysterienwesen zu suchen haben. Die Kunst kann eben nur in die Menschheitsentwicklung hineinfließen, wenn sie Kräfte, Impulse übersinnlicher Art in sich hat. Und die Anschauungen, die man in der Gegenwart über die Kunst hat, sie sind ja im Wesentlichen zusammenhängend mit der ganzen materialistischen Denkrichtung, die Europa und Amerika ergriffen hat seit dem 15. Jahrhunderte. Aber wenn auch eine gewisse Art von wissenschaftlicher Erkenntnis in diesem Materialismus gedeihen kann - Künstlerisches, wirklich Künstlerisches kann da drinnen nicht gedeihen: Wirklich Künstlerisches kann nur hervorgehen aus spirituellem Leben. Und deshalb darf man es als etwas, ich möchte sagen Selbstverständliches ansehen, dass auch eine besondere Kunstrichtung hervorging aus dem spirituellen Leben der anthroposophischen Bewegung.
Man muss sich ja darüber klar sein, dass das Künstlerische durch die Vermittlung des Menschen herausgeboren werden muss aus dem Übersinnlichen. Geht man von dem Übersinnlichen abwärts bis zu der äußeren sinnlichen Erscheinung, so hat man oben, möchte ich sagen, da, wo der Mensch zusammenfließt mit dem Übersinnlichen, die Intuition. Wenn der Mensch schon selbstständig dem Übersinnlichen gegenübersteht, es vernimmt, es sich offenbaren lassen kann, dann hat man es zu tun mit der Inspiration. Und wenn der Mensch das Inspirierte so intensiv mit seiner eigenen Wesenheit verknüpfen kann, dass er es zu gestalten in der Lage ist, dann tritt die Imagination ein.
In der Sprache haben wir etwas, was allerdings im äußeren Bilde auftritt, aber in diesem äußeren Bilde der Inspiration außerordentlich ähnlich ist. Wir können schon sagen: Das, was wir eigentlich in der Seele tragen, wenn wir sprechen, ist der Intuition ähnlich. Dasjenige, was sich uns auf die Zunge, in den Gaumen, durch die Zähne auf die Lippen legt, indem wir sprechen, das ist das sinnliche Bild der Inspiration.
Aber woher rührt dasjenige, was wir da von unserem inneren Seelenleben nach auswärts drängen in der Sprache? Es rührt her von unserer beweglichen Körpergestaltung, ich könnte auch sagen, von unserer Körpergestaltung in Beweglichkeit. Die Bewegungsmöglichkeit sowohl der Beine wie der Arme und Hände, der Finger - sie sind es, in denen der Mensch als ganz kleines Kind zunächst sein Verhältnis zur Außenwelt fühlt. Das erste Erlebnis, das ins Bewusstsein der Seele hereindrängen kann, ist dasjenige, was wir in der physischen Bewegung der Arme, der Hände, der Beine haben. Die anderen Bewegungen sind mehr mit dem Menschen zusammenhängend. Aber gerade diejenigen Glieder, die der Mensch sozusagen von sich ab in die Weite streckt, die geben ihm Weltgefühl. Und ebenso wie der Mensch sein Bein ausstreckt zum Gehen oder Springen, wie er seine Arme zum Greifen, seine Finger zum Fühlen ausstreckt, so strömt wiederum, was er da erlebt, strömt wieder zurück. Und beim Zurückströmen ergreift es Zunge, Gaumen, Kehlkopf und so weiter und wird zur Sprache. Und so ist der Mensch der bewegte Ausdruck des ganzen Menschen in seinem Organismus. Und indem man anfängt, dies zu verstehen, empfindet man, wie das, was in der Sprache mehr der Inspiration ähnlich ist, heruntergehen kann in die Imagination.
Wir können wieder zurückführen, was ja ein Geschenk an unsere Gliedmaßen, an Zunge, Kehlkopf, Gaumen und so weiter ist, können es wieder zurückholen, können es zurückströmen lassen, können fragen in der folgenden Weise: Welche Art von Gefühlen, welche Art von Empfindungen strömt im Organismus nach aufwärts, so dass es ein a gibt? - Wir werden immer finden: ein a entsteht durch etwas, was in dieser Weise oder jener Weise in der Luft sich ausdrückt durch eine besondere Bewegung unserer Sprachorgane oder in Augenachsen sich ausdrückt, die sich kreuzen und so weiter. Und wir werden dann dasjenige, was auf diese Weise herangeströmt ist, zum Laut, zum Sprachelemente geworden ist, das werden wir wiederum zurücksenden können in den ganzen Menschen, in den Gliedmaßenmenschen, und werden für das, was die Sprache der Inspiration ähnlich macht, etwas bekommen, was anzuschauen ist, was gestaltet ist, was der Imagination ähnlich ist.
Und so ist eigentlich die Eurythmie zustande gekommen: Dass dasjenige, was unbewusst im Menschen gewirkt hat, damit seine Bewegungsmöglichkeit zur Sprache wird, dass das wiederum zurückgeholt wird aus der Sprache in die Bewegungsmöglichkeit. Und so wird ein inspiratives Element zu einem imaginativen Element gemacht. Deshalb ist es schon mit dem Verständnis der Eurythmie verknüpft, dass man geradezu durch sie darauf kommt, wie zusammenhängen Intuition, Inspiration, Imagination.
Man hat ja natürlich da nur die Bilder, aber die Bilder sprechen klar. Nehmen Sie einmal, meine lieben Freunde, das Gedicht - das Gedicht, wie es bloß in der Seele lebt. Wenn der Mensch sich ganz innerlich identifiziert mit dem Gedichte, wo er es, sagen wir so sehr in sich aufgenommen hat, so stark in sich aufgenommen hat, dass er gar nicht mehr die Worte gebraucht, sondern die Empfindungen hat und diese Empfindungen in der Seele erleben kann: Intuition.
Nehmen wir an, er kommt jetzt dazu, das Gedicht zu rezitieren oder zu deklamieren. Er versucht, in dem Vokalklang, in der Harmonie, in dem Rhythmus, in den konsonantischen Bewegungen, im Tempo, Takt und so weiter, er versucht also, in der Sprache rezitatorisch oder deklamatorisch das zum Ausdrucke zu bringen, was in der Empfindung liegt: Inspiration. Aus dem rein Seelischen, wie es im Nervensystem lokalisiert ist, ist hinuntergedrängt durch das Inspirationselement die Sache in Kehlkopf, Gaumen und so weiter.
Jetzt lassen wir es hinuntersinken in die menschlichen GliedmaRen, sodass der Mensch in seiner eigenen bewegten Gestaltenbildung das zum Ausdrucke bringt, was Sprache ist: Dann haben wir das dritte Element: eurythmisiertes Gedicht - Imagination.
Sie haben, ich möchte sagen ein Bild des Hinuntersteigens der Weltentwicklung bis zum Menschen - jene Skala, die der Mensch wiederum zurückmachen muss von der Imagination durch die Inspiration zur Intuition. Sie haben aber in dem eurythmisierten Gedichte Imagination, in der Rezitation und Deklamation Inspiration im Bilde; und das nur innerlich erlebten Gedicht, bei dem man nicht den Mund aufmacht, sondern es nur innerlich erlebt, sich selbst damit identifiziert, eins wird mit ihm: Intuition.
Und so haben Sie in der Tat, wenn Sie ein eurythmisiertes Gedicht vor sich haben, das Sie innerlich erleben, das rezitiert wird, haben Sie die drei Stufen - allerdings in einem äußerlichen Bilde - vor sich. Wir haben es hier in der Eurythmie mit einem künstlerischen Element zu tun, das ganz aus innerer Notwendigkeit aus der anthroposophischen Bewegung hervorgehen musste. Es handelt sich darum, sich zum Bewusstsein zu bringen, was es für eine Bewandtnis damit hat, Erkenntnis zu gewinnen zum Aufsteigen von der Imagination zur Inspiration, zur Intuition.