Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 26 January 1924, Dornach

Eurythmie-Aufführung

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Meine sehr verehrten Anwesenden!

Über Kunst und eine künstlerische Darstellung sollte man eigentlich nicht sprechen. Wenn ich mir aber dennoch erlaube, unsere Eurythmievorstellung mit einigen Worten einzuleiten, so geschieht das aus dem Grunde, weil unsere eurythmische Kunst mit Quellen und mit einer besonderen künstlerischen Formensprache rechnet, die noch ungewohnt sind heute und über die eine Verständigung nötig sein könnte. Sie werden, sehr verehrte Anwesende, auf der Bühne hier den bewegten Menschen sehen und auch Gruppen von Menschen, die im Raume in gewissen Formen sich bewegen. All das in Begleitung auf der einen Seite von Dichterischem, auf der anderen Seite von Musikalischem, oder auch so, dass Dichterisches mit Musikalischem zusammenwirkt.

Es soll sich aber dabei weder um irgendetwas Mimisches handeln — denn es handelt sich durchaus um eine Kunst, welche von der bloßen mimischen Darstellung sehr bedeutsam verschieden ist, noch soll es sich handeln um eine Tanzkunst, sondern um etwas, das eigentlich zwischen der mimischen Kunst und der Tanzkunst mitten drinnen steht und in den Bewegungen des Menschen, in der Bewegung von Menschengruppen im Raume eine wirkliche Sprache darstellt, eine Sprache, die durchaus nichts Willkürliches oder im Augenblicke an einer Dichtung Zustande-Gekommenes enthält. Sondern man hat es zu tun mit einer Sprache, die durchaus ebenso menschlich natürlichen Gesetzen unterliegt wie die Lautsprache oder der Gesang selbst.

Man weiß ja heute von dem Zusammenhange der menschlichen Sprache mit der ganzen menschlichen Wesenheit eigentlich sehr wenig. Aber eines ist doch in weitesten Kreisen bekannt: Dass das eigentliche Sprachorgan im Gehirn liegt, an der linken Seite des Gehirns. Man weiß, dass dies der Fall ist bei den meisten Menschen, die Rechtshänder sind. Und eine auffällige Tatsache ist diese, dass diejenigen Menschen, die ausnahmsweise Linkshänder sind, ihr Gehirnsprachzentrum auf der rechten Seite haben. Das weist uns darauf hin, wie ein gewisser Zusammenhang ist in den Tiefen des menschlichen Organismus, der heute noch wenig bekannt ist und der in einer Beziehung steht zwischen den menschlichen Bewegungen und demjenigen, was als Sprache aus der menschlichen Kehle mit Hilfe des Werkzeuges des Gehirns zustande kommt.

Ein genaueres Studium über all das aber ist nur möglich anzustellen für dasjenige, was hier in der Eurythmie und im Goetheanum in Dornach als Geisteswissenschaft betrieben wird. Dadurch ist es möglich zu erkennen, wie nicht nur etwa rechte oder linke Hand oder rechter oder linker Arm, sondern der ganze menschliche Organismus zusammenhängt mit dem, was als Sprache sich aus dem Menschen heraus offenbart. Man kann sagen, dass dasjenige, was der Mensch eigentlich einer tiefen Veranlagung nach aus seinem Gemüt, aus seiner ganzen Seele heraus durch artikulierte Bewegungen als Ausdruck seiner Sympathie und Antipathie mit der Welt offenbaren will, dass das sich konzentriert in einem abgesonderten Organ - im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen. Aber in dieser gewöhnlichen Lautsprache fließt ja vorzugsweise das gedankliche Element ein, und je entwickelter eine Sprache ist, desto schwieriger ist es, desto mehr entfernt sie sich im Grunde genommen von dem Ursprünglichen der menschlichen Seele, sodass der Dichter nicht mit Unrecht sagt: «Spricht die Seele, so spricht / ach schon die Seele nicht mehr.» Es ist eben dasjenige, was wir als Lautsprache haben, so, dass da hineingeheimnisst wird das Gedankenelement als Ausdruck unserer Erkenntnisse, unseres Wissens, oder auch für dasjenige, was wir im gewöhnlichen Umgange - der eine Mensch dem andern - mitteilen wollen. Dadurch kommt etwas von dem Menschen Sich-Absonderndes in die Lautsprache hinein.

Man kann nun geradeso wie in der kindlichen Entwicklung dasjenige, was der Veranlagung des Kindes nach ja eigentlich durch die Bewegung des ganzen Körpers zum Ausdruck kommen will, sich aber dann, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf als «Körperbewegung» beruhigt und konzentriert in den Sprachorganen, man kann das, was in den Sprachorganen liegt, wieder zurückführen in gesetzmäßige Körperbewegungen. Dann wird man sehen, dass dasjenige, was in der gewöhnlichen Tanzkunst zum Ausdrucke kommt, eigentlich das ist, was leidenschaftlich, willensgemäß nun in die Betonung unserer Worte und Sätze hineinfließt, währenddem dasjenige, was vom Kopfe kommt, was vom Gedanken kommt, mehr in das Grammatikalische, in die Ausdrucksform unserer Sätze hineinfließt. Nach beiden Richtungen hin entfernen wir uns von dem eigentlichen Seelischen. [In der Eurythmie aber] führen [wir] wieder zurück jeden Laut, jedes Wort, aber auch grammatikalische Wendungen, dichterisch geformte Sprache, Rhythmus, Takt und so weiter auf die entsprechende Bewegung. So bekommen wir in der Tat eine Sprache, die in Bewegungen im Raume besteht, von der man sagen kann: Jede einzelne Bewegung stellt ebenso ein seelisches Erlebnis dar wie der einzelne Laut, und jede Bewegungsfolge stellt ein solches seelisches Erlebnis dar wie der Satz, wie die Folge der Worte im Dichterischen und so weiter.

Ebenso, wie auf diese Weise dasjenige, was die Seele bewegt, statt durch die Sprache durch den bewegten Menschen oder Bewegungen von Menschengruppen im Raume dargestellt werden kann, so kann man auch dasjenige, was gesanglich ist, im Gesange das Instrumental-Musikalische begleitet, ausdrücken durch solche Bewegungsformen im Laut. Man bekommt dann ein wirkliches Singen durch menschliche Bewegungen. Und gerade wenn man sich ein gewisses Verständnis erwirbt für die Art und Weise, wie dieser Gesang ist, der in Bewegung besteht, dann wird man den Unterschied der eurythmischen Kunst von der Tanzkunst - gegen die aber gar nichts gesagt werden soll selbstverständlich - schon fühlen. Es handelt sich um etwas ganz anderes bei der eurythmischen Kunst als bei der Tanzkunst. Daher wird man es auch zunächst auffällig finden, dass [die Beinbewegung] gewissermaßen nur das nebensächlichere Element in der eurythmischen Bewegung ist, während in der Hauptsache zum Ausdruck kommt die Offenbarung des Menschen durch Eurythmie auch beim Musikalischen durch die Bewegung der Arme und Hände. Das sind ja die ausdrucksvollsten Gesten, die der Seele am nächsten stehenden Organe des menschlichen Organismus. So kann man auf der einen Seite in der Tat dasjenige, was tief im menschlichen Gemüte, in der menschlichen Seele begründet ist, durch den bewegten Menschen zum Ausdrucke bringen.

Das, was so auf der Bühne gesehen wird, wird dann begleitet entweder vom Musikalisch-Orchestralen oder aber von der Rezitation und Deklamation der Dichtung. Und gerade die Art und Weise, wie als Begleitung des Eurythmischen deklamiert und rezitiert werden muss, kann wiederum intimer hineinführen in das ganze Wesen der eurythmischen Kunst. Gerade dasjenige, was die Lautsprache nicht eigentlich herausbringen kann, wenn man bloß ihren Prosainhalt pointiert, das muss Rezitation und Deklamation, ich möchte sagen durch eine schon in der Sprache selbst liegende Eurythmie herausbringen. Diese Eurythmie war eigentlich immer im Rezitieren und Deklamieren vorhanden in denjenigen Zeitepochen, in denen man das eigentlich Künstlerische der Redekunst ganz besonders zu betonen wusste. In der neueren Zeit ist ja das vielfach abhandengekommen. Man legt heute mehr Wert darauf, das Prosaische des Inhaltes mehr zu pointieren. Damit aber könnte man die Eurythmie nicht begleiten, denn die Eurythmie bringt gerade dasjenige, was in dem Wie, in der ganzen Art der Sprachbehandlung zum Ausdrucke kommt, das bringt sie gerade zur Offenbarung. Und so muss auch in der Art, wie Frau Doktor Steiner nun die Rezitations- und Deklamationskunst seit Jahren ausgebildet hat, Eurythmie von Rezitation und Deklamation in einer heute allerdings ungewohnten Art begleitet werden. Es muss auf Takt, Rhythmus, das Musikalische oder Bildhafte eine besondere Rücksicht genommen werden.

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, zeigt, dass gerade Eurythmie auf das Stilelement der Dichtung und des Musikalischen wiederum das rechte Licht werfen wird. Goethe hat dafür selbst seine Jambendramen mit dem Taktstock in der Hand wie ein Kapellmeister mit seinen Schauspielern einstudiert. Davon ist man heute weit entfernt. Aber heraufzuheben dasjenige, was in der gewöhnlichen Prosa des Lebens ist, ins Dichterische, heißt zugleich, es heraufheben in den Stil. Das kann ganz man besonders merken, wenn man so etwas eurythmisch zur Anschauung bringt, wie es die erste Szene des zweiten Teiles des Goethe’schen «Faust» ist, die im ersten Teil unseres heutigen Programms dargestellt wird. Dadurch kann man zugleich anschaulich machen, wo eigentlich Eurythmie ihre Berechtigung hat. Wenn man die dichterische Darstellung nimmt, wie sie im Sinne des Goethe’schen «Faust» sich gibt, so ist sie auch ganz besonders interessant dadurch, dass Goethe in der Sprachbehandlung wirklich ja das übersinnliche, das traumhafte Element, das geistige Element so schön zum Ausdruck gebracht hat, bevor er den Faust wiederum in der Prosa des Lebens, die aber auch durchaus in diesem «Faust» poetisch ist, sprechen lässt. Und man wird in diesen Darstellungen, die wir heute bringen, sehen, wie das, was den Menschen ins Übersinnliche hinaufführt in der «Ariel-Szene», in seinen Erlebnissen in Träumen, man wird an dem sehen, wie Eurythmie sich besonders dann bringen lässt, wenn das Dichterisch-Künstlerische hinaufgeht in das Übersinnliche. [Es folgt ein unklarer Passus, siehe Hinweise.]

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich das gesagt haben in Bezug auf das Künstlerische der Eurythmie. Ich habe dem nur noch hinzuzufügen gleichzeitig - wie in Parenthese -, dass die Eurythmie außerdem, wie sie sich hier als Kunst darbietet, noch zwei andere Elemente hat: Ein pädagogisches, das wir schon in der Waldorfschule in Stuttgart für alle Volksschulklassen eingerichtet haben, auch für die höheren Klassen. Da zeigt es sich, dass dieses In-Bewegung-Setzen durch diese sichtbare Sprache der Eurythmie mit derselben Selbstverständlichkeit von den älteren Kindern aufgenommen wird, wie die Lautsprache in einem weit jüngeren Alter von dem Kinde aufgenommen wird. Gerade dadurch sieht man, dass diese beseelte Sprache aus einer wirklichen, allseitigen Erkenntnis des Menschenwesens herausgeboren ist und durchaus nicht auf einer Willkür beruht. Ein Zweites ist, dass die gesunde Natur des Menschen aus der Form in die Bewegung ja immer übergehen will. Man kann sich nicht denken, dass irgendetwas, was am Menschen ist- ein Finger, eine Hand — die Form nur habe, um Form zu sein; sinnlos ist die Form als solche. Form zeigt überall, wie sie sich bewegen will. Daher ist die Bewegung auch dasjenige, was als Gesundes unter Umständen aus der menschlichen Organisation auch herausgeholt werden kann. Und darauf beruht der dritte Zweig der Eurythmie: die Heileurythmie, die insbesondere im Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim gepflegt wird. Dadurch, dass man gewisse Heilungsprozesse unterstützt durch Heileurythmie, das zeigt, dass durch Eurythmie ja Segensreiches geleistet werden kann in vielen Fällen.

Heute ist, wie gesagt, Eurythmie noch etwas Ungewohntes. Aber da sie hervorgeholt ist aus der ganzen Menschennatur und sozusagen der ganze Mensch in die Sprache gebracht wird, der ganze Mensch dazu kommt, [sich] auszudrücken in dem, wie er sich äußerlich gibt, wie er sich äußerlich bewegt, sich äußerlich formt, so darf man wohl gerade [die] Eurythmie [als etwas sehen, in dem] man zeigt, dass der Mensch eine wirkliche kleine Welt, ein Mikrokosmos ist und sich offenbart als Mikrokosmos, dass durch ihn alles, was Weltgesetze und Weltgeheimnis ist, sich offenbart, was in der großen Welt, im Makrokosmos sich bildet.

Und man kann daher auch alles dasjenige, was künstlerisch auf uns Eindruck macht von der großen Welt, gerade dadurch zum Ausdruck bringen, dass man es in der kleinen Welt, im ganzen Menschen wiederum aufsucht und vom Menschen heraus als seelisches Erlebnis zur Geltung bringen kann. Insofern bedient man sich in der Eurythmie des vollkommensten Instrumentes. Man bedient sich in der Eurythmie nicht äußerer Werkzeuge, nicht äußerer Instrumente, sondern des Menschen selbst in seinen Bewegungen. Sie wird dadurch zur bewegten Verständigung, sie wird zu einem wirklichen Ausdruck der tiefsten Weltgeheimnisse - wie ja der Mensch selbst ein solcher Ausdruck der Weltgeheimnisse ist. In dieser Hinsicht darf man glauben, dass die Eurythmie einmal sich als eine vollkommene Kunst neben andere, schon ältere Künste vollberechtigt wird hinstellen können.

Ich möchte nur immer wiederum erwähnen mit solchen Vorreden, dass Eurythmie gewiss heute noch in ihrem Anfang ist, dass sie aber notwendig ist und immer notwendiger werden wird. Und so unvollkommen sie heute noch sein mag - wir denken selbst im Allerbescheidensten über sie, wir wissen, was Eurythmie heute erst sein kann -, weil sie aber aus den tiefen Geheimnissen des Menschenwesens herauskommt, muss sie nach und nach immer weiter und weiter sich vervollkommnen können. Ich möchte noch bemerken, dass Herr Froböse vom Züricher Schauspielhaus mitwirken wird als Darsteller des Faust bei der Ariel-Szene, dass die Rezitation der Chöre in der Ariel-Szene hier von der Seitenloge gegeben werden wird.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →