Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 11 May 1924, Dornach

Eurythmie-Aufführung

Prelude in E-Dur op. 28,9 von Frédéric Chopin «Der Aar» von Robert Hamerling «Finsternis - Licht - Liebe» von Rudolf Steiner Grave in D-Dur von J. S. Bach «Schwerer Alp» von Albert Steffen Präludium in f-moll von J. S. Bach «Dass den Traum» von Albert Steffen «Zum Adam und Eva Tag» von Albert Steffen Allegretto in A-Dur, 1. Satz aus der 1. Violin-Sonate von César Franck «Time: I saw a happy» von Fiona Macleod Ballade in As-Dur, Op. 47,3 von Frédéric Chopin «Die Geister am Mummelsee» von Eduard Mörike «Waldesrauschen» von Franz Liszt «Die Nixe Binsefuß» von Eduard Mörike Menuett nach dem Lied «Ehrlichkeit währt am längsten» von A. G. Rosenberg «La Grenouille et le Boeuf» von Jean de La Fontaine «Le Corbeau e le Renard» von Jean de La Fontaine Allegro maggiore in G-Dur KV 301 von W. A. Mozart

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Unserer Eurythmie liegt eine besondere künstlerische Quelle, an die man bisher nicht gewohnt war, und auch eine besondere künstlerische Formensprache, die ebenso ungewohnt ist, zugrunde. Nicht um die eurythmische Vorstellung, die wir nachher versuchen werden, zu erklären, denn das wäre unkünstlerisch, sondern eben um eine Verständigung herbeizuführen über die Quellen, über die besondere künstlerische Formensprache der Eurythmie, seien einige Worte vorausgeschickt.

Die Eurythmie will, trotzdem es zunächst so ausschaut, nicht dasjenige sein, was die Nachbarkünste bedeuten, die mimische Kunst und die Tanzkunst. Diese Nachbarkünste sollen voll gewürdigt werden, und es soll durchaus nicht irgendetwas an ihnen in diesem Augenblicke der Kritik unterzogen werden. Allein die Eurythmie steht gewissermaßen zwischen diesen beiden Künsten mitten drinnen. Die mimische Kunst wird ja dann verwendet, wenn es sich darum handelt, den mehr konventionellen Ausdruck, den man doch nur erreichen kann - namentlich in einer zivilisierten Sprache - durch das bloße Wort, diesen konventionellen Ausdruck persönlicher, individueller zu machen. Wir nehmen dann die Gebärde zu Hilfe, also das Mimische, wenn wir mehr mit unserer Persönlichkeit bei irgendeiner Aussage sein wollen, als wir das sein können durch die bloße Lautsprache - oder wenigstens, wenn wir glauben, das müsste so sein.

Der Dichter aber, der dichterische Künstler, kann natürlich die Gebärde nicht zu demjenigen hinzufügen, was er in seinem Gedichte gibt. Dennoch muss es eine individuelle Offenbarung des Menschen sein, muss unmittelbar aus dem Persönlichen herausfließen. Und man kann schon sagen: Dasjenige, was man um der persönlichen Nuance willen im alltäglichen Leben durch die Gebärde einer Redewendung beifügt, das versucht - allerdings in die Höhe des Künstlertums erhoben - der Dichter dadurch, dass er zum Metrum, zum Reim, überhaupt zur formellen künstlerischen Gestaltung desjenigen schreitet, was er in der Sprache darbietet. Dadurch ist in der künstlerischen Behandlung der Sprache bereits ein Eurythmisches drinnen.

Denn zweierlei finden wir in der dichterischen Sprache. Erstens dasjenige, was wir ein imaginatives Element nennen. Wir hören auf die dichterische Sprache nicht nur so hin, dass wir den Prosagehalt des Gedichtes in uns aufnehmen — das könnten wir ja viel besser, wenn der Dichter nicht dichterisch sich ausdrückte, sondern eben in Prosa seinen Inhalt darbieten würde -, wir hören hin auf dasjenige, was Bild ist, was namentlich von der abstrakten Vorstellung wegführt und Bild ist. Dann aber kommt [es] geradezu [auf] dasjenige [an], was musikalisches Element in der Sprache ist, auf dieses BildhaftPlastisch-Malerische auf der einen Seite, auf das Musikalische auf der anderen Seite — [darauf] kommt es bei der wirklich künstlerischen Dichtung an. Es ist nur ein Zeichen, dass unsere Zeit wenig künstlerisch veranlagt ist, wenn selbst in Deklamation und Rezitation versucht wird, gerade dieses malerisch-plastische und musikalische Element im Rezitieren und Deklamieren zu übersehen und dadurch sich dem zu nähern, was der Prosagehalt der Dichtung ist, auf den es viel weniger ankommt als auf das Wie der Dichtung.

Alles dasjenige, was so in der Dichtung verborgen ist, können wir gerade durch die Eurythmie aus der Dichtung herausholen. Es ist ja das Sprachliche, das Lautliche, durchaus eine besondere Metamorphose der menschlichen Gebärde. Wenn wir die gewöhnliche Gebärde hervorbringen, dann drücken wir durch diese gewöhnliche Gebärde zunächst linkisch, ich möchte sagen unartikuliert dasjenige aus, was in unserer Seele vorgeht. Beachten Sie nur, meine sehr verehrten Anwesenden, welche Gebärde der Mensch macht, wenn er darauf hinweisen will, wie er sich in sich selber besinnen will, wenn er darauf hinweisen will, dass irgendetwas entschieden werden soll oder wenn er darauf hinweisen will, dass er sich verwundert, dass er erstaunt ist. Alle diese Dinge sind ja ganz mimische Gebärden, die wir nicht einmal so und einmal so machen, die auch nicht der Mensch nach besonderen Veranlagungen macht - er macht sie schöner oder hässlicher, linkischer oder vollendeter -, aber sie sehen sich ähnlich bei verschiedenen Menschen.

Es ist das eine wirkliche Sprache. Nur wird sie im gewöhnlichen Leben so zunächst gebraucht, wie das ganz kleine Kind seine Sprache unartikuliert, lallend gebraucht. Wie aber das ganz kleine Kind sich allmählich entwickelt zur artikulierten Sprache, die Sprache sich anpasst demjenigen, was ausgeführt werden soll, so können auch die linkischen, unvollkommenen Gebärden des alltäglichen Lebens ausgebildet werden, sodass sich die gewöhnlichen Gebärden zu diesen ausgebildeten Gebärden verhalten, wie sich das Lallen des Kindes zur vollartikulierten Sprache verhält. Und eine solche vollständige, artikulierte Sprache der Bewegungen, welche zustande kommt als wirkliche sichtbare Sprache durch die Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus, ist in unserer Eurythmie versucht. Man kann sogar sagen: Dasjenige, was dichterisch in einem Inhalte drinnen liegt, das kann durch die Eurythmie ganz. restlos herausgeholt werden. Denn alles Bildliche und alles Musikalische kann in den besonderen Bewegungen des einzelnen Menschen oder der Menschengruppen, die Sie auf der Bühne schen werden, durchaus geoffenbart werden.

Eigentlich ist ja die Lautsprache auch nur eine Gebärdensprache. Nur wird die Gebärde so verwandelt, dass sie in der bewegten Luft erfolgt. Indem wir sprechen, geben wir der Luft eine bestimmte Form. Würden wir das sehen, was wir in der Luft aus uns formen, wenn wir in der gewöhnlichen Sprache sprechen, so würden das durchaus Gebärden sein in der Luft. Diese Gebärden kann man wiederum zurückübertragen auf das, was der Mensch durch seine Arme, durch seine sonstigen Körperglieder in Bewegungsformen zur Anschauung bringen kann. Dann entsteht eben die Eurythmie. Man verwandelt wiederum zurück das, was Lautgebärde, hörbare Gebärde ist, in sichtbare Gebärde. Eine vollständige Sprache, eine sichtbare, plastische Sprache entsteht durch die Eurythmie.

Ebenso, wie man auf diese Art in den Bewegungen des menschlichen Organismus oder von Menschengruppen sprechen kann und [diese] durch Rezitation und Deklamation, die ja schon ihre innere Eurythmie in der Bildlichkeit oder in dem Musikalischen der dichterischen Sprache hat, begleiten kann, ebenso kann man durch entsprechende Bewegungen singen. Sichtbares Singen, nicht Tanz, nicht Mimisches, ist dasjenige, was wir hier bieten. Sichtbares Singen ist es dann, wenn wir das Instrumental-Musikalische, das dann statt der Deklamation und Rezitation ertönt, mit der Eurythmie begleiten. Daher muss auch dasjenige, was als Rezitation oder Deklamation parallel der Eurythmie geht, schon eine innere Eurythmie haben, das heißt das wirklich Künstlerische der Dichtung herausarbeiten, nicht die Prosa pointieren, die man heute so liebt, weil man eben in einem unkünstlerischen Zeitalter ist. Daher ist auch in vieler Beziehung dasjenige, was hier an Deklamation und Rezitation dargeboten wird, heute noch ungewohnt. Und ebenso, wie man sich an die Eurythmie gewöhnen muss, so muss man sich auch an die Deklamation und Rezitation gewöhnen, die diese Eurythmie begleiten muss, die aber eigentlich dasjenige darstellt, was man in Rezitation und Deklamation überhaupt anstreben muss.

Nun wissen wir sehr gut, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir mit unserer Eurythmie heute noch im Anfange sind. Wir sind ja in vollem Werden. Dasjenige, was der Mensch an Bewegungsmöglichkeiten in seinem Organismus hat, haben wir bis zu einem gewissen Grade hervorgeholt, und wir können heute schon manches ausdrücken. Wir können auch schon manches ins gesamte Bühnenbild hineinbringen, was nach und nach aber immer mehr hineingebracht werden muss. Seit einiger Zeit haben wir versucht, immer vollkommener und vollkommener auch eine Eurythmie in der Aufeinanderfolge der Beleuchtungen, die auf der Bühne auftreten, hineinzubringen, und die dann Fortsetzungen desjenigen sind, was durch den bewegten Menschen oder Menschengruppen geschieht. Daher hat man auch darinnen nicht irgendetwas im trivialen Sinne Bedeutsames zu sehen, sondern etwas Künstlerisches. Wenn es also auf der Bühne hell wird einmal, während ein Gedicht eurythmisiert und rezitiert wird, so ist dieses Hellwerden nicht aus dem Grunde etwa, weil im Gedichte steht, dass die Sonne zum Beispiel hervorbricht, sondern es ist deshalb, weil in der Sprachbehandlung an dieser Stelle etwas Lichtartiges zutage tritt. Und so muss man hier bei dieser Beleuchtungseurythmie eben darauf sehen, wie die Beleuchtungen aufeinanderfolgen wie die Töne in der Musik zur Melodie und so weiter.

Aber wir wissen, dass wir im Anfange stehen; habe ich doch vor Kurzem erst die Toneurythmie dadurch wieder ein kleines Stückchen weiterzubilden versucht, dass hier an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ein Kursus für Toneurythmie gehalten wurde, ein besonderer Kursus für Toneurythmie. Wir sind eben, wie gesagt, am Anfange, und sind selbst in dieser Beziehung unsere strengsten Kritiker.

Aber auf der anderen Seite kann man so genau sehen, wie dasjenige, was eigentlich der Dichter will, gerade durch die Eurythmie, durch diese Bewegungskunst im Raume, sich in besonderem Maße offenbaren kann. Mit Recht hat der Dichter die Worte gesprochen: «Spricht die Seele, so spricht, / ach, schon die Seele nicht mehr.» Der Dichter meint dann: Namentlich in den gebildeten Sprachen ist die Sprache mehr der Ausdruck desjenigen, was im menschlichen sozialen Leben konventionell unter den Menschen lebt, oder auch, was Ausfluss der Erkenntnis ist. Aber dasjenige, was die Seele eigentlich bewegt, was in ihr steigen lässt wie in einer wunderbaren Skala die Leidenschaften, die Gefühle, die Emotionen, was in ihr zum Ausdrucke kommen lässt die Hingabe, die Liebe, all dasjenige, was im Gefühlsleben enthalten ist, alles das kann ja heute schon nicht mehr adäquat ausgedrückt werden durch das Konventionelle unserer Sprache. Da fühlt denn der Dichter, wie er die Sprache zu Bildern oder zur musikalischen Gebärde umgestalten muss.

Und ganz gewiss kommt dasjenige, was der Dichter in die Sprachbehandlung hineinlegt, durch die Offenbarung des ganzen Menschen — nicht bloß des Menschen in seinem Lautausdrucke - in der Eurythmie voll zur Geltung, sodass man eigentlich das Innere, Seelische einer Dichtung gerade an dieser eurythmischen Darstellung schauen kann. Und so darf man glauben, dass, weil die Eurythmie aus dem ganzen Menschen heraus wirkt, ja den Menschen selber hat zu dem Instrumente - also das vollkommenste Instrument, das man haben kann, durch den Menschen hat, die größtmögliche Summe von künstlerischen Ausdrucksmitteln selber darinnen liegt -, so kann man hoffen, dass, wenn auch heute noch vielfach Vorurteil dieser Eurythmie entgegengebracht wird, sie sich doch immer weiter entwickeln wird.

Alle Künste haben, um sich ihre Stellung in der Welt zu erringen, von primitiven Ausgangspunkten ausgehen müssen, haben aber dann ihre Vollkommenheit erreicht. Man braucht sich ja nur zu erinnern, wie Malerei, Musik ihre Weltenwege durchgemacht haben. Derjenige, der heute bescheiden genug ist dazu, einzusehen, dass die Eurythmie, trotzdem sie sich manches erarbeitet hat, was immerhin im Reiche der Schönheit wirken kann, noch im Anfange steht, der darf aber auch die Hoffnung haben, dass sie sich, weil sie sich gerade des ganzen Menschen bedient und aus dem ganzen Menschen heraus wirkt, dass sie ihren Weg durchmachen werde von ihren heutigen Anfängen bis zu immer höherer und höherer Vollkommenheit, dass einmal die Zeit kommen wird, wo man unter den Künsten, wie man sie heute aufführt - Architektur, Plastik, Malerei, Musik, Dichtung, Tanz -, auch die Eurythmie als eine berechtigte Kunstform aufzählen wird.

Aus dem Mitgliedervortrag Dornach, 11. Mai 1924

Dann wird am nächsten Dienstag um 8 Uhr hier eine Schüleraufführung in Eurythmie sein. Für gewisse Sympathien, die ja in der neuesten Phase unserer anthroposophischen Entwicklung hier aufgetreten sind, möchte ich doch bemerken, dass auch männliche Eurythmisten bei dieser Schüleraufführung am Dienstagabend um 8 Uhr auftreten werden. Am Freitag um 5 Uhr wird für Anthroposophen eine Aufführung sein, die im Wesentlichen das Reiseprogramm enthalten wird, das dann in verschiedenen Städten in der Folgezeit auftreten wird. Da bemerke ich für Anthroposophen, dass es besonders gut wäre, wenn sie bei dieser Aufführung am Freitag um 5 Uhr anwesend wären, denn Sie sehen da ein wahrscheinlich sehr interessantes Eurythmie-Programm. Aber dann sehen Sie, weil eine lange Eurythmie-Reise sich anschließt, durch Wochen, hindurch keine Eurythmie. Also das könnte schon verlohnen, so etwas sich anzuschauen wie am nächsten Freitag um 5 Uhr.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →