Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 23 May 1924, Eisenach
Eurythmie-Aufführung

Aus der Ansprache bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich, Paris, 25. Mai 1924
Und da darf ich erwähnen, mit einem wie großen Eifer, mit wie großem inneren Verständnis französische Freunde sich seit vielen Jahren unserer eurythmischen Kunst gewidmet haben. Es war wirklich immer mit innerem Interesse und Anteil zu verfolgen, wie gerade auch auf diesem Gebiet der Eurythmie der innere Anteil an Anthroposophie, der hier lebt in Dornach, zum Ausdruck gekommen ist. Es ist ja so, dass gerade Eurythmie in mancher Beziehung darauf angewiesen ist, wenn sie richtig und durchgreifend verstanden werden soll, dass wirklich die Angehörigen der verschiedensten Nationalitäten zusammenwirken. Denn man wird sehen, wie das, was eurythmisch zum Ausdruck kommt, jeder Sprache den besonderen Charakter entnimmt. Es ist ein anderer Aspekt, ein französisch gesprochenes Gedicht eurythmisiert zu sehen als ein russisches Gedicht. Gerade Eurythmie ist darauf angewiesen, dass die verschiedenen Nationalitäten eng miteinander Fühlung haben, denn die eurythmische Kunst kann nur durch diesen universellen Charakter alles dasjenige offenbaren, was das ihrige ist. Und das hat dazu geführt, dass in so dankenswerter Weise, in schöner Weise, vor kurzem hier eine eurythmische Vorstellung stattfinden konnte durch die energische, nie ermüdende, man möchte fast sagen, über ihre Kräfte gehende Arbeit von Mademoiselle Rihouät, der ich aus dem Geiste der Eurythmie heraus meinen Dank sagen möchte.
Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Erfurt, 26. Mai 1924
In Nürnberg ging es uns recht gut, bis auf Stutens Erkrankung. Die Mitglieder sind dort recht rührig gewesen; der große Saal des Kulturvereins, - wohl der größte, in dem ich gesprochen habe (mit Ausnahme Wiens), — war voll. Oben in einer Loge entdeckten wir sogar einen akustischen Platz und ich glaube, es klang gut. Es war ein absoluter Erfolg, - Kritiken hat man uns noch nicht zugeschickt. Ein junger Mediziner, Schenk, las ganz ordentlich aus dem «Goetheanum». [...] Eisenach hat ein ganz nettes Theater, - zwanzig schlafende Mitglieder, die ganz rührend sind in ihrer Abgeschiedenheit. Der Herr Pöttschacher sagte, er musste alles alleine machen; und seine Frau sei Gegnerin seit 20 Jahren. Ich glaube, er hat sich angestrengt, - doch sagten Eisenacher Menschen, es wäre viel zu wenig bekannt geworden. Die Aufnahme war eine sehr gute, — die Arbeiter sagten, die Eisenacher seien noch nie so warm geworden, aber das Theater war nicht halb gefüllt, vielleicht sogar ein drittel. Der Hotelier vom Rautenkranz, wo wir alle gut untergebracht waren, war sehr entzückt, und sagte, er höre von den verschiedensten Seiten nur Gutes; wir sollten nur ja wiederkommen; es würde dann sicher voll werden. Heute geht es also in Erfurt los. Da soll der Direktor mit ziemlichem Widerstreben das Theater gegeben haben. Die Probe beginnt recht spät, alles an einem Tage.
Herzlichen Dank für Telegramm und Brief, den ich in Eisenach bekam. Die Formen habe ich noch nicht erhalten, wo hat sie wohl Frl. Bauer hingeschickt? Hoffentlich zerreißt man Dich nicht zu stark in Paris; wegen des «Patrons» bin ich so ängstlich.
Die Kritik des rechtsstehenden Blattes in Eisenach war durchaus günstig. Ein anderes Blatt findet das Ton-Eurythmische sehr schön. Morgen geht es nun nach Naumburg. Herr Ritter las in Eisenach und liest hier.
Aus einem Brief von Rudolf Steiner an Marie Steiner, Paris, 27. Mai 1924
Meine liebe Maus!
Herzlichsten Dank für Deinen Brief aus Nürnberg. Es freut mich, dass es so weit ganz gut gegangen ist. Hoffentlich hält sich Deine Gesundheit. An die muss ich viel denken. Wenn sich nur nicht solch frostige Dinge wie das beschriebene am Montag bei der Ulmer Vorstellung zu oft wiederholen!
Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Naumburg, 28. Mai 1924
Lieber E., jetzt fängt vielleicht die schwierige Zeit unserer Tournee an. In Erfurt, wo es ein schönes großes Theater gab, das recht gut gefüllt war, (es soll sonst nie so voll sein) hatten wir als der erste Applaus (nach der zweiten Programmnummer) einsetzte einen Zischer. Er tat so nach jeder Nummer, und als das Publikum weiter klatschte und Wiederholungen forderte, pfiff er sehr laut und kunstvoll. Dann begann er zu pfeifen, wenn ich eine Nummer ankündigte. Nun hätte das nicht mal so viel geschadet, auch nicht das Kichern einiger Schauspielerinnen, das sich dazu gesellte, wenn wir im zweiten Teil alle klug geblieben wären und außer der Schlussnummer, wie ich es wollte, keine Wiederholungen gegeben hätten. Denn ich nahm an, dass sich der Opponent im zweiten Teile noch skandalsüchtiger benehmen würde. Wir kamen ziemlich glücklich bis zur «Nixe Binsenfuß», wo er pfiff und das Publikum so viel klatschte, dass Schuurman dachte, er müsse wiederholen. Es war unglücklich, weil das viele Klatschen mehr Demonstration gegen das Pfeifen war, und die Stimmung doch nicht mehr vorhanden war. Nach der Wiederholung begann der Mann zu trampeln und die Schauspielerinnen zu quietschen, und eine Dame rief: «Kann man diese Bande nicht herauswerfen?». Der Tartini, die Schlussnummer, wurde dann besonders ostentativ beklatscht, und wiederholt. Aber die Blätter können nun doch durch die vorletzte Scene von einem Skandal sprechen, und das kann uns nun weiter verfolgen auf dieser Reise, auch der Pfeifer, was doch recht grässlich ist und Gott weiß wie enden kann. Ich habe noch kein Erfurter Blatt gesehen, aber da soll gerade eine «Mitteldeutsche Zeitung» erscheinen, die uns besonders feindlich ist und sich besonders über den Brand des Goetheanum gefreut haben soll. Es wäre ein Glück, dass dieser Krötenbau vernichtet worden sei. Heute ist mir natürlich nicht besonders schön zu Mute in Erwartung der Vorstellung. Am meisten geht es doch gegen mich. Und jetzt hab ich keinen Stuten, wenn ich nicht weiter kann.