Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 28 May 1924, Naumberg
Eurythmie-Aufführung

Telegramm von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Hildesheim, 30. Mai 1924
Naumburg gut Störungsversuch nachher Formen erhalten danke
Aus einem Brief von Rudolf Steiner an Marie Steiner, Dornach, 31. Mai 1924
Meine liebe Maus,
recht betrüblich finde ich die Störung der Erfurter Vorstellung. So etwas kann natürlich ein einziger Mensch bewirken, und es kann die schlimmsten Wirkungen im Publikum auslösen. Wenn ich mir die Namen der Städte ansehe, in denen Ihr Vorstellungen gebt, so sage ich mir: wieviel haben doch die letzten Jahre in diese Städte hineingetragen, die zur Zeit meines Lebens in Thüringen wahre Friedferügkeit atmeten. Ich freute mich so über Deine schöne, begeisternde Schilderung des deutschen Mittellandes, dass ich dann, als dein Brief mit den schlimmen Nachrichten eintraf, um so betrübter war. Hoffentlich leidet Deine Gesundheit unter den Strapazen und Aufregungen nicht zu sehr. Recht bedauerlich ist, dass Stuten zurückbleiben musste. Ich habe nun weiter nichts über ihn gehört. Er wird doch hoffentlich bald besser sein.
Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Hannover, 1. Juni 1924
Wir sind nun in Hannover, hatten heute Generalprobe, morgen Vorstellung. Donath ist mal wieder krank, liegt heute zu Bett, hofft aber morgen zu erscheinen. Ich bin heute recht müde, komme eben von einem Kaffee mit Haddon und Müller, und muss bald zu einem geselligen Zusammensein mit andern Mitgliedern. Das Theater — die Schauburg - ist sehr schön. Was uns wohl da blühen wird! In Hildesheim ging alles glatt, - der Besuch war gering, aber so, wie er im Hildesheimer Theater zu sein pflegt: 150 Menschen ungefähr. Eine Anzahl Hannoveraner waren aber brav herübergekommen, da es in Hildesheim nur das eine Mitglied Hensel gibt. Der Theaterdirektor war sehr entzückt (heißt es), und hat sogar statt der Miete die eingenommenen Marks zwischen uns zwei Parteien geteilt. Geklatscht wurde fleißig; bloß ein Rezensent von einer dort bekannten Zeitung, ein dummer Junge, sagt Hensel, soll über das Tanzen von Gedichten geschimpft haben. Sonst soll alles begeistert gewesen sein. - In Naumburg war der Saal ganz voll und die Stimmung eine sehr mitgehende, viel Beifall. Als alles zu Ende war, schwang sich ein Mensch auf die Bühne - erst sah es aus als ob er danken wollte für die Genüsse -, dann fing er an darüber zu reden, dass damit Anthroposophie zum ersten Mal in die Öffentlichkeit gekommen sei, dass man bedenken solle, wo man sei - im Rathaus, in der Reichskrone - hier wurde die Geschichte recht unverständlich - - Er lege Verwahrung ein gegen den Missbrauch deutscher Dichtung - - Hier frug ich: Mit welchem Rechte stehen Sie denn überhaupt da und reden?, - worauf sich unsere Herren in Bewegung setzten und ihn hinunterbeförderten. Das Publikum stand auf unserer Seite. Aber am andern Tage hörte ich, als Meinung gewisser Mitglieder, man hätte ihn doch zu hart behandelt und ihn zu Ende reden lassen sollen; er wäre ein «kunstkundiger» Mann. Er soll ein früherer Kommunist gewesen sein, ein Maler, dann Dadaist, und jetzt hätte er eine Anstellung in reaktionären Kreisen; wäre aber empört, dass Stadt-Baurat Hossfeld (unser Mitglied) den Mund aus Leipzig beschäftige, statt ihn. Die Geschichte hat auch ein Nachspiel in der Zeitung. - Zwei Erfurter Zeitungen haben sich sehr lobend über die Eurythmie ausgesprochen, die dritte, die den Pfeifer angestellt hat, hat geschimpft, was das Zeug hält. In Erfurt wollte eine Theaterverschließerin mich nicht hinunterlassen ins Auto, denn sie sagte, es stünden da verdächtige Gestalten und man könne heutzutage nicht wissen, was passiere; sie kenne uns von München her. Es sollten erst andere mit dem Auto abfahren und mich später abholen. So geschah es; das Merkwürdige war, dass, als ich abfuhr, an 3 Ecken sich Polizisten in Gruppen aufgestellt hatten.
Da ich unterwegs mehrere Briefe und Telegramme aus Görlitz und Breslau gehabt hatte, habe ich zugesagt, die Vorstellung dort zu geben; nur konnte ich nicht mehr eine extra Vorstellung für Pfingsten vorbereiten. Das wurde noch vor Erfurt beschlossen. Jetzt habe ich freilich nicht die Meinung, dass es gut ist, die Reise zu verlängern. Die Pässe reichen bis zum 20.; und ich hätte noch Stuttgart, Konstanz — oder Heidelberg, Konstanz anfügen können.
Der Theaterdirektor in Erfurt hat sich aber durchaus begeistert ausgesprochen und hat zu Schuurman gesagt, dies könne nur eine persönliche Sache sein (die Opposition!).
Telegramm von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Hannover, 2. Juni 1924
Hildesheim recht gut aufführung Breslau zugesagt [reisen] alle haben Begleitung
Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Hannover, 2. Juni 1924
Eben habe ich ein Programm aus Koberwitz erhalten, aus dem ich ersehe, dass wir erst am 17. werden abreisen können. Somit ist es klar, dass die Tournee damit abgeschlossen ist. [...]
Kisseleff hat einen schönen Pfingstspruch von Dir. Vor der Abreise gab ich Dir so viel Englisches, dass ich damit Dir nicht kommen wollte. Wenn Du jetzt vielleicht eine Form dafür würdest machen wollen, so frage nach dem Spruch bei ihr; sie wird selig sein und wir auch.
Hier wird heute abend ein Herr von der Decken, ein Priester, die einleitenden Worte sprechen; er hat recht geschickte Artikel über Eurythmie verfasst, und scheint ein sehr intelligenter, rühriger Mensch zu sein.
Morgen haben wir einen freien Tag und wollen auf den Brocken, womöglich da übernachten, und übermorgen nach Halle, Hotel Stadt Hamburg.
Allerherzlichste Grüße und Wünsche Marie