Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 24 July 1924, Arnheim

Eurythmie-Aufführung

Aus dem pädagogischen Vortrag Arnheim, 24. Juli 1924, vormittags

Wer den Menschen musikalisch versteht, der weiß, dass der Ton in ihm wirkt. Was da rückwärts beim Menschen sitzt, wo die Schulterblätter zusammengehen, was dort beginnt und sich von da in den ganzen Menschen hinein formend gestaltet, das sind diejenigen Menschenformen, die aus der Prim heraus sich konstituierten; geht es weiter zum Oberarm, so geht die Form nach der Sekund über. Und geht es zum Unterarm, so kommen wir in die Terz. Und weil es eine große und eine kleine Terz gibt - nicht eine große und eine kleine Sekund -, deshalb haben wir einen Oberarmknochen; aber wir haben große und kleine Terz, und daher zwei Unterarmknochen: Speiche und Elle. In diesem allem steckt die Tonskala; wir sind nach ihr gebildet. Und wer den Menschen nur äußerlich studiert, der weiß nicht, dass nach den Tönen der Mensch in seiner Form gestaltet ist. Und kommen wir dann zur Hand, so kommen wir damit zur Quart und dann in die Quinte. Und in der freien Beweglichkeit kommen wir dann ganz aus uns heraus; da ergreifen wir die andere Natur. Daher die eigentümliche Empfindung, die man hat bei den Sexten und Septimen, namentlich wenn man in der Eurythmie sich in die Dinge hineinlebt. Denken Sie nur, wie der Stil wird der verhältnismäßig spät in der musikalischen Entwicklung erscheinenden Terz, er wird so, dass der Mensch in sein Inneres kommt, das in der Terz lebt; während dann, wenn der Mensch in der Septime lebt, der Stil so wird, dass man am besten das Aufgehen in die Außenwelt hat. Das Sich-Aufopfern ist besonders in der Septime drinnen.

Aus dem pädagogischen Vortrag Arnheim, 24. Juli 1924, nachmittags

Auf dem Gebiete der Eurythmie zum Beispiel hat wirklich mehr oder weniger das Schicksal gesprochen. Heute könnte jemand die Sache so anschauen, als ob eines Tages der Gedanke gekommen wäre, es müsse eine Eurythmie geben. Das war nicht der Fall, sondern es war eine Familie da, die den Vater verloren hatte. Eine Anzahl Kinder waren da, und die Mutter hatte Sorgen, wie sie die Kinder versorgen würde. Es sollte aus den Kindern etwas werden. Damals war die anthroposophische Bewegung noch klein. Es trat an mich die Frage heran, was aus den Kindern werden könnte. Da hat man in diesem Zusammenhange die ersten Schritte getan, um zu etwas Eurythmischem zu kommen. Im allerengsten Sinne hat man das getan. So waren denn die ersten eurythmischen Anweisungen da. Das Schicksal hatte gesprochen: Es war herausgekommen aus dem, dass es eine Anthroposophie gab und dass jemand innerhalb des anthroposophischen Bodens einen Lebensberuf gesucht hat. Und bald darauf, cs hat gar nicht lange gedauert, da wurden die ersten, die damals Eurythmie gelernt haben, Lehrerinnen und haben sie weiterverbreitet. Und so ist die Eurythmie - Frau Doktor Steiner hat sich ihrer angenommen - das geworden, was sie heute ist. Da kann man schon zu dem Urteil kommen: man hat die Eurythmie nicht gesucht - die Eurythmie hat die Anthroposophie gesucht.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →