Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 13 August 1924, Torquay
Eurythmie-Aufführung
In Torquay fand der halböffentliche Sommerkurs «Die wahren und die falschen Wege der geistigen Forschung» (GA 243) vom 11. bis 22. August 1924 mit vier Eurythmie-Aufführungen statt; daran schloss sich ein Aufenthalt in London bis Ende August. Auch dort wurde am 26. August 1924 eine Eurythmie-Aufführung gegeben. - Für die Eurythmie-Ansprachen in England schrieb Rudolf Steiner einen Aufsatz nieder - sein letzter zur Eurythmie -, der die ihm wesentlichen Punkte zusammenfasst. Vermutlich wurde dieser Aufsatz übersetzt und so vor den Aufführungen verlesen.
«Eurythmie»
Es kann sich nicht darum handeln, der eurythmischen Vorstellung als eines Kunstwerkes eine Einleitung voraus zu schicken. Kunst muss durch sich selbst wirken; und eine Kunstschöpfung erklären wollen, ist etwas Unkünstlerisches. Aber bei den eurythmischen Versuchen hat man es nicht mit den alten, gewohnten Kunstquellen und der gewohnten künstlerischen Formensprache zu tun, sondern in beiden Beziehungen mit etwas Neuen. Deshalb sei es gestattet, über diese neuen Kunstmittel und diese künstlerische Formensprache einiges zu sagen.
Man wird auf der Bühne den bewegten Menschen und bewegte Menschengruppen sehen. Diese Bewegungen werden den Inhalt von Dichtungen und von musikalischen Schöpfungen zum Ausdruck bringen. Aber das geschieht nicht durch mimische, oder pantomimische, und auch nicht durch tanzartige Gesten. Mit diesen Nachbarkünsten, gegen die aber durchaus nichts eingewendet werden soll, darf Eurythmie nicht verwechselt werden.
Eurythmie ist eine wirkliche sichtbare Sprache und ein sichtbarer Gesang. Sie ist aus der Gesetzmäßigkeit der menschlichen Organisation so herausgebildet wie der Ton im Gesang und das Wort in der Sprache.
Das musste durch ein sorgfältiges Studium dessen geschehen, was im Sprechen und Singen im menschlichen Organismus vor sich geht. Man kann das nicht durch die gewöhnliche physiologische Beobachtung erreichen, sondern nur durch «sinnlich-übersinnliches Schauen».
Für ein solches Schauen stellt sich dar, dass im Sprechen des Menschen Gesten, mimische Bewegungen unterdrückt werden. Diese Gesten wollen entstehen; sie entstehen aber nicht, sondern sie werden durch den Gehirnorganismus in Bildekräfte umgesetzt, die mit der Tätigkeit des Willensorganismus vereinigt und durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane auf die Luft übertragen werden. In dem Studium, das die Eurythmie geschaffen hat, werden die in der Sprache und im Gesange lebenden unterdrückten Gesten zutage gefördert und auf den ganzen Menschen und auf Menschengruppen übertragen. Dadurch kann durch Bewegungen gesprochen und gesungen werden. - Man erhält dadurch Raumesbewegungen am Menschen, zu denen sich die gewöhnlichen mimischen Gesten und auch der Tanz verhalten wie das Lallen zu der Sprache.
Eine Dichtung oder ein Musikstück kommen dadurch für das Auge zur Anschauung wie andererseits durch Sprechen oder Singen für das Ohr zum Gehör.
Es kann das ganze Bühnenbild im Sinne der Eurythmie gestaltet werden. So versuchen wir die Lichteffekte auch so auszugestalten, dass sie in ihrer Aufeinanderfolge wie zu einem sichtbaren melodiösen Ausdruck des Dichterischen oder Musikalischen werden.
Parallel mit der sichtbaren eurythmischen Wiedergabe des Dichterischen erscheint die Rezitation und Deklamation. Diese muss, wenn sie mit der Eurythmie auftritt, selbst auch eurythmisch gestaltet sein. In der wahren künstlerischen Dichtung liegt Sprachgestaltung zum Grunde. Diese und nicht der Prosagehalt der Dichtung ist die Hauptsache. Das Melodiöse und das Imaginative ist in der Wortgestaltung enthalten. Dieses Musikalische und Sprach-Bildnerische muss in der Deklamation und Rezitation herausgearbeitet werden; nicht die Pointierung des Prosagehaltes. Auf diese Art wird das Künstlerische der Dichtung gerade beim Rezitieren und Deklamieren zur Eurythmie zur Darstellung kommen. Prosaisch pointiert lässt sich zur Eurythmie nicht rezitieren, weil in den eurythmischen Bewegungen Bild und Melodie, und nicht Sprachlogik lebt. Neben dem künstlerischen Element der Eurythmie, das in dieser Aufführung zur Darstellung kommt, gibt es noch zwei andere: das hygienisch-therapeutische und das pädagogisch-didaktische.
Weil die Bewegungen, welche in der Eurythmie von dem Menschen ausgeführt werden, aus dem gesunden Organismus stammen, können sie auch so umgestaltet werden, dass der kranke oder schwache Organismus, wenn er sie in sachkundiger Art ausführt, durch sie gesundet oder erstarkt. Es entsteht dadurch eine Heil-Eurythmie. Sie ist nicht dasselbe wie die künstlerische Eurythmie, aber sie ist aus ihr hervorgebildet. In den klinisch-therapeutischen Instituten, welche sich an das Goetheanum in Dornach, in Dornach und Stuttgart angegliedert haben, wird diese Eurythmie als ein therapeutischer Zweig gepflegt.
In der Waldorfschule in Stuttgart und an der Fortbildungsschule in Dornach wird die Eurythmie in pädagogisch-didaktischer Absicht als ein seelisch-geistiges Turnen (Gymnastik) gepflegt. In mehrjähriger Erfahrung hat sich gezeigt, dass die Kinder sich in derselben Art in diese Bewegungssprache hineinleben wie vorher in die Wortsprache. Und weil dabei Seele und Geist mittätig sind, ohne dass der Körper dabei vernachlässigt wird, stellt sich diese Eurythmie als eine wohltätige Ergänzung der Gymnastik ein. Besonders kommt dabei die Willensbildung des Kindes in der freien Beherrschung des Körpers zum Rechte.
Gegenwärtig ist die Eurythmie noch im Anfange ihrer Entwickelung. Das wissen deren Schöpfer gut. Aber sie wissen auch, dass sie einer unermesslichen Vervollkommenung fähig ist. Denn sie bedient sich als Werkzeug des menschlichen Körpers selbst. Dieser aber ist ein Ausdruck aller Weltgeheimnisse. Er ist ein wahrer Mikrokosmos. Spricht durch ihn die menschliche Seele, so kann sie alle Weltgeheimnisse in der Offenbarung ihres eigenen Innenlebens künstlerisch vor das Auge stellen. Deshalb darf man glauben, dass dereinst die Eurythmie als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben den vollberechtigten älteren Schwesterkünsten wird stehen können. —

