Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 8 March 1925, Berlin

Eurythmie-Aufführung

277d-89
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Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner, Berlin, 8. März 1924

Lieber E., nun haben wir auch die zweite Aufführung im Lessing-Theater hinter uns. Man kann schon von einem starken Erfolg sprechen. Viel Beifall und ein volles Haus. Auch die erste Aufführung, die ja wegen der Landestrauer am Sonntag auf den Montag 4 Uhr nachmittags verlegt werden musste, - also ungünstiger Tag und ungünstige Stunde, war ausverkauft. Am Montag waren keine Kritiker, heute viele. Morgen werden sie also schimpfen, oder schweigen. Beim «Trunknen Lied», das brausenden Beifall hervorrief, hat einer mächtig gezischt, wurde aber kaum gehört.

In Danzig gab es auch ein ausverkauftes Haus, 1500 Menschen. Also Frau v. Brederlow hat gut vorgearbeitet, sah auch ganz mager aus, - oder aber wir sind mächtig berüchtigt. Das Publikum war ja anfangs wohl etwas verdutzt, ging aber mit. Die «Steffen» schlugen auch ein; wie ein Versuch zum Applaus gemacht wurde, wurde aus Andacht gezischt; beim Allegro von Mozart und weiterhin kam dann Beifall. Wir haben ja dort nur 35 Mitglieder. Unsere Damen und Herren waren bei Nicht-Mitgliedern untergebracht, lauter Leuten aus guten Kreisen, und es gab ein gegenseitiges Entzücktsein. Auch von der Eurythmie waren diese Leute und deren Freunde begeistert. Aber die Zeitungen! Die haben geschimpft, was das Zeug hält, so ungefähr wie in Kristiania. Alles und jedes wäre schlecht und grässlich. Es tut mir nur leid, wegen der Frau v. Brederlow, die bei näherer Bekanntschaft doch sehr gewinnt, denn sie ist rührend aufopferungsfreudig. Die paar Tapsereien, die sie macht, geschehen nur aus Übereifer, und man braucht einen mächtigen Eifer, um gegen die Welt von Widerständen, da allein, so weit weg, zu kämpfen. Es sind, wegen Vergehen einiger übler Mitglieder, große Feindschaften gegen die Bewegung entstanden. Groh hat auch nicht durchgehalten, ist wieder in Kristiania. Aber die gute Frau v. Brederlow lässt den Mut nicht sinken; ihr Mann ist auch ein netter Mensch. Clason und mich hatte sie im Hotel Kurhaus am Meer untergebracht; wir waren fast alle in Zoppot. Die paar Stunden Seeluft haben mir sehr gut getan.

Das Landestheater ist uns wieder genommen; das Kultusministerium hatte es nicht erlaubt. So brauche ich das Auto erst später. Wenn wir in der Landhausstraße spielen, erst am 16. Sonst telephoniere ich aus Stuttgart, falls ich es früher brauche.

Allerherzlichsten Dank für Deine lieben, lieben Briefe und herzlichste Gedanken. Marie

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →