The Art Of Recitation And Declamation

GA 281 — 24 November 1913, Stuttgart

Ansprachen für Christian Morgenstern I

Sie gestatten mir wohl, daß ich der Rezitation von Dichtungen unseres verehrtesten lieben Mitgliedes Christian Morgenstern einige Worte vorangehen lasse. Darf ich doch bei einer solchen Gelegenheit anders sprechen, als ich sonst immer vor Ihnen zu sprechen habe. Sonst fühle ich mich verpflichtet, wenn ich spreche, Persönliches nicht zu berühren und unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung sprechen zu lassen. Dieses Mal aber darf ich so zu Ihnen sprechen, wie ich sprechen muß, wenn ich zu einer solchen Verpflichtung nicht verhalten bin. Ganz persönlich darf ich zu Ihnen sprechen gerade bei einer solchen Gelegenheit.

Gern möchte ich bei einer solchen Gelegenheit die Seelen unserer lieben Freunde sehen in einer Art von Festesschmuck, weil mir vorkommt, daß dies eine Gelegenheit ist, wo wir in einer gewissen Beziehung fühlen können und fühlen dürfen etwas unmittelbar Menschliches von dem Werte und der Wahrheit dieser unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung. Etwas von dem Werte und der Wahrheit dieser unserer geistigen Bewegung können wir aber auch sicher wissen dadurch, daß wir anführen die Gründe und die guten Belege zu dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Das aber sind Dinge, die ein jeder selbst besorgen muß, wenn wir uns richtig verstehen, ganz unbekümmert um das, ob er diesem oder jenem Standpunkte unserer Weltanschauung zustimmt oder nicht — aber es gibt andere Beweise. Es gibt solche Beweise, die uns recht sehr zu Herzen sprechen können. Lassen Sie es mich schlicht und einfach aussprechen, daß es diese Beweise unserer Weltanschauung recht gut geben kann. Dieses schlichte Aussprechen ist aber recht sehr herzlich gemeint. Es ist das Wort, das unserer Weltanschauung etwas von seiner inneren Wahrheit gibt dadurch, daß sie sagen darf: Auch Dichter kommen zu uns. Und derjenige wird mich am besten in diesem Augenblick verstehen, der so tief, wie es gerade Christian Morgenstern gegenüber sein kann, das Wort: Auch Dichter kommen zu uns —- empfindet, gerade im Hinblick auf den inneren Wahrheitswert und die Verdeutlichung desjenigen, was der Kern unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sein mag.

Es gibt Erlebnisse des menschlichen Herzens, die - soweit man Umschau hält in allen Welten des Natürlichen, Menschlichen und Göttlichen - nur auf dem Wege die rechten sind, den man gehen darf an der Seite der Seele des Dichters. Und das empfinden, heißt eigentlich erst so recht erleben, was der Dichter dem Erdenleben ist. Und es gibt Momente, wo gerade von seiten des Dichters der menschlichen Seele gegeben werden kann, was unvergänglich ist.

Wie gesagt, ich möchte nur einiges Symptomatische, ganz Persönliche sprechen, nur weil wir uns vielleicht auf diesem Wege zu jenem Festesschmuck der Seele recht rüsten, den ich so gern sehen würde, wenn so etwas wie Christian Morgensterns Dichtungen in den Mußeaugenblicken, die man hat, auf die Seele sich senken. Dann fühlt man etwas von dem, was ich eben angedeutet habe.

Für mich selbst gab es in den letzten Tagen noch etwas ganz Besonderes in Verbindung mit diesen Dichtungen. Ich las einige Seiten, die unser liebes Mitglied Christian Morgenstern niedergeschrieben hat, und ich darf gestehen — vielleicht wird mir das von Christian Morgenstern selbst nicht übel genommen, wenn ich ein paar Minuten vor der Rezitation dazu in Anspruch nehme -, daß zu den Momenten seltener Freude, ganz innerer Freude das Lesen so mancher der anspruchslos schlichten Worte gehört, die als «Autobiographische Notiz» in dem Verlags-Almanach Piper, München, erschienen sind. Ich darf ja persönlich sprechen. Man fühlt sich gerade durch die Berührungen von Christian Morgensterns Liebe erweckender Gremeinschaftsseele mit einer andern zusammen in Regionen getaucht, wo man sich mit dieser Seele zusammen zwar vereinsamt, aber von den Weltenmächten umspült findet, wenn man so etwas liest wie die Anfangsworte zur Autobiographischen Notiz. Man erfühlt sich so wie von etwas eigenartigem Geheimnisvollen angeweht, wenn jemand so etwas sagt. Vielleicht wird manchem sonderbar erscheinen, daß ich dieses hier ausspreche, aber es ist so.

«Das Jahr 1901 sah mich über den «Deutschen Schriften» Paul de Lagardes. Er erschien mir - Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet — als der zweite maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.»

Wenn man vorbereitet ist zum Aufnehmen einer selbständigen Charakteristik des Dichters, so wird einem viel durch die Seele ziehen können bei solch schönen, scheinbar anspruchslosen Worten.

Das möchte ich andeuten, um sagen zu können, daß bei Christian Morgensterns Dichtungen etwas empfunden werden kann von dem, wovon ich meine, daß es eben in Regionen führt, in die man als Menschenseele nur auf zwei Wegen kommen kann: entweder als Schaffender, oder aber an der Seite der Seele eines Schaffenden. Sonst werden einem verschlossen diese Regionen menschlichen Empfindens und Erlebens, die gefunden werden können, wo entstanden sind Dichtungen wie «Der Stern», oder wie manches wunderbar schöne Landschaftsbild in Christian Morgensterns Werk. Sonst ist einem der Weg zu dieser Region verschlossen.

Und das zweite Wort, das ich aussprechen möchte, wo wir einen tieferen Eindruck vom Leben erhalten, ist jenes Wort, das uns so recht offenbart, was jeder Mensch als einzelne Individualität für sich ist. Es gibt etwas in der Welt für jeden, der als Dichterindividualität vor uns steht, was ein Heiligtum ist, zu dem kein anderer Mensch als nur er selber kommen kann. Denn die Götter haben für jede solche Seele einen einsamen, isolierten Ort im weiten Weltenall geschaften, wovon die andern ausgeschlossen sind, wenn der Betreffende sich ihnen nicht nähert so, daß er sie zu seinem Heiligtume hinführt, wenn er sie nicht geistig an der Hand nimmt und hinführt. Daß man etwas empfinden kann von der Schöpfung, von der inneren Seelenschöpfung, die der Dichter in die Welt hineinstellen will, das möchte ich Ihnen mit diesen Worten zum Ausdruck gebracht haben.

Über die Dichtungen selbst, die zum Teil aus früheren Zeiten stammen, zum Teil in den letzten Zeiten geschaffen sind, obliegt mir nicht zu sprechen, denn es gibt ein Fühlen, das uns sagt: Dichtungen gegenüber ist es in gewisser Beziehung nicht gestattet, mit Worten sich ihnen zu nähern, sondern nur mit jenen Tiefen der Seele muß sich ihnen ein jeder selbst nähern, in denen Worte nicht mehr sprechen. Das sind solche Tiefen der Seele. Das ist etwas von dem, was ich wünschen möchte, daß es gefühlt werde.

Und da ich schon einmal ganz persönlich zu Ihnen sprechen kann in diesen Minuten, so gestatten Sie mir auch noch diese Bemerkung. Ich habe oftmals die Empfindung haben dürfen, daß innerhalb unserer Bewegung der eine oder andere ist, der aus diesem oder jenem Grunde den Impuls hat, einem eine Freude zu machen. Persönliche Freude wird es mir immer sein, wenn viele Seelen, die innerhalb unserer Bewegung sich gerade vertieft haben durch das, was unsere Bewegung auf diesem Gebiete leisten kann, wenn viele Seelen sich hinzuwenden vermögen zu rechter, zu wahrer, schöner Aufnahme Morgensternscher Dichtungen. Und wenn ich eben von einer Freude, die der eine oder andere mir persönlich machen will, sprechen soll, so kann er sie mir eigentlich am besten dadurch machen, daß er sich bereitfindet zu einem verständnisvollen Eindringen in so etwas, wovon wir Ihnen jetzt einige gute Proben geben möchten. Dies sind die Dinge, durch die man sich auch persönlich mit unserer Bewegung verbunden fühlen darf, und einmal auch gleichsam aus der Rolle fallen darf, und intim persönlich von seiner Freude sprechen darf, auch davon sprechen darf, daß zu dieser Freuden größten die gehört, daß wir Dichter wie Christian Morgenstern unter uns haben, in unserer Mitte. Das Beste, was ich Ihnen geben will, ist nicht eine Einführung in das, was doch wohl durch sich selbst sprechen kann. Aber was ich gerne hätte, ist, daß Freude, viel Freude von meiner Seele in die Ihrige, meine lieben Freunde, hinüber sich ergieße, daß mancher mitfühlt mit mir, was ich selber so gerne fühle und immer fühlen werde. Möge unser lieber Freund Christian Morgenstern viele, viele von seinen dichterischen Schöpfungen, die sich in seiner Seele häufen, uns schenken. Wünschen wollen wir recht innig aus der Seele, daß wir vieles von dem erleben, daß er vieles uns noch schenkt, und daß wir immer die Stimmung finden mögen, recht vieles von ihm entgegennehmen zu dürfen.

Damit wollte ich dasjenige, was Ihnen in der Rezitation gegeben werden soll, mit ein paar Worten begrüßen.

Es folgte die Rezitation durch Marie Steiner. Die Reihenfolge ist nicht bekannt.

German original of Speech for Christian Morgenstern I · ← Previous · Next →