And The Temple Becomes Man

GA 286 — 30 March 1914, Munich

Einleitung anschließende Vortrag

Meine lieben Freunde, gestatten Sie mir einige Worte vorauszusenden über etwas, was vielleicht manchem von unseren Freunden erwünscht ist zu wissen.1

Wir haben es bei dem Bau zu tun mit etwas, das in die Welt zu stellen wir durch unser Karma verbunden sind. Die Art, wie die Sache von der Welt beurteilt worden ist, schon als das Projekt entstand, den Bau hier in München aufzurichten, zeigt uns, daß wir wirklich dieser Angelegenheit gegenüber in die Notwendigkeit versetzt worden sind, auf nichts zu schauen als das, was aus unserer geisteswissenschaftlichen Überzeugung folgen kann. Wir müssen selbstverständlich voraussetzen, daß alle Außenstehenden das Unternehmen mißverstehen müssen. Dadurch, daß dieses Unternehmen, das für die Vorstellungsweise der Gegenwart so fremd, unsere Geisteswissenschaft vor mehr Seelen der Außenwelt stellt, wird sie auch in Mitleidenschaft gezogen, indem sie auch mehr Feindliches erfahren muß als sie sonst hätte erfahren müssen. Es ist schon einmal so in der Gegenwart, daß die Leute auf etwas aufmerksam werden, wenn sie mit der Nase darauf stoßen, und so wird man von der Geisteswissenschaft mehr wissen in der Welt, als es uns erwünscht ist, durch dieses Wahrzeichen, das für manche groß genug ist, nun auch ein Urteil über die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung zu fällen. Wie diese Urteile sind, darüber kann sich ja jeder überzeugen. Wir aber müssen uns darüber klar sein, daß wir gegenüberstehen dem, was man nennen könnte den wirklichen inneren Pulsschlag der Zeit.

Als in der abendländischen Entwickelung, innerhalb der christlichen Zeitrechnung das Jahr 1000 heranrückte, ging durch die europäischen Seelen weit und breit das Fühlen, daß etwas Bedeutsames sich abspielen müsse in dem Gang der Weltordnung. Und weil das Empfinden immer mehr materialistische Formen annahm, dachte man sich dies Bedeutsame als den physischen Weltuntergang. Das ist nur eine ins Materielle umgesetzte Vorstellung von einem Weltengesetz.

Es ist wirklich so, daß sich mit dem Ende eines Jahrtausends Vorgänge abspielen, die bedeutungsvoll sind für das ganze Menschenleben. Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht durch den Hinweis auf das Herankommen der Anschauung des Atherleibes des Christus, der sich dem menschlichen Wahrnehmen immer mehr geltend machen wird, je mehr wir und die, die uns nachfolgen, dem Jahre 2000 entgegengehen.

Bedeutsame geistige Ereignisse stehen immer in der menschlichen Entwickelungsströmung darinnen, wenn ein solcher Zeitraum naht. Dieses 20. Jahrhundert, an dessen Ausgangspunkt wir stehen, ist wirklich für den geistigen Blick so sich darstellend, daß, je mehr es in die nächste Zukunft hineingeht, desto mehr luziferische und ahrimanische Kräfte die Menschheit umfangen werden. Luziferische und ahrimanische Kräfte, welche gegen den Christus-Impuls in der Welt arbeiten, machten sich ja auch geltend als Mißverständnis, wodurch die Seelen, die dem Jahr 1000 entgegengingen, von Weltuntergang sprachen.

Würden heute dieselben Denkgewohnheiten herrschen, so würden die Seelen wieder von Weltuntergang sprechen. Dazumal, als das Ende des ersten christlichen Jahrtausends heranrückte, machten sich - nicht so sehr in den Vorstellungen, die äußerlich wahrnehmbar waren, sondern in den Tiefen der Seelenentwickelung - antichristliche Impulse geltend, welche Denkformen in die Welt hineinstellen, welche direkt unter ahrimanischem und luziferischem Einfluß standen.

Damals war ein Werkzeug dieses Wirkens das aus dem Morgenland über Afrika nach Südeuropa hereindringende mohammedanisch-arabische Geistesleben. Wir haben da weniger an die Dogmen des Islam zu denken, an das, was da an Ideen in Spanien sich ausbreitete, als mehr an die in den Tiefen der Seelen wirkenden Impulse. Tief bedeutsam ist da eine Form, die uns entgegentritt: der Bogen, der oben in eine Spitze ausläuft.

In dieser Spitze liegt das Kainszeichen des Ahriman. Solche Dinge werden in die menschliche Entwickelung hineingeschoben. Als ich nachforschte nach den inspirierenden Wesenheiten, die uns die Gnade verliehen, auf die Formen hinzuweisen, die wir am Dornacher Bau anwenden, da stellte sich heraus, daß das dieselben waren, welche gegen Ahriman und Luzifer ankämpften, als das erste Jahrtausend sich schloß. Als die normannischen Völker von Norden nach Süden zogen, brachten sie Bauformen mit, die in Holz ausgeführt wurden. Und wir, die einen neuen Baustil begründen wollen, der ja hier nur unvollkommen sein wird, weil wir für mehr nicht die Mittel haben, wir wurden nun inspiriert mit Bauformen, die im Großen und in Einzelheiten das Runde hervorheben. Es stellt sich die Sache so dar, daß das, was die Formen dieses unseres Baues sind und mit Holz ausgefüllt ist, bei den Normannen leer gelassen war, und umgekehrt, was damals ausgefüllt wurde, ist bei uns freier Raum, ist leer.

Wir waren sozusagen in die Notwendigkeit versetzt worden, den inspirierenden Wesenheiten mehr zu folgen als ihnen dazumal gefolgt wurde am Ende des ersten Jahrtausends, als diese Wesen sich Luzifer und Ahriman entgegensetzen wollten.

Mannigfaltiges hat sich seitdem geändert, im geistigen Leben der Menschheit ist viel vor sich gegangen. Wenn man das alles zusammenfassen will, was man in die Formen des Baues hineinfügen will, muß man sich klar sein, daß vieles von dem, was sich christlich nennt und den Christus-Namen trägt, im antichristlichen Sinn wirkt, daß das der beste Kunstgriff luziferischer und ahrimanischer Mächte ist, unter dem Christus-Namen antichristliche Impulse in die Welt zu bringen. Wir müssen uns immer mehr bewußt werden, daß bis in die einzelnen Formen hinein alles Einzelne im Sinne der fortschreitenden geistigen Mächte der Menschheit gemacht ist, wenn auch unvollkommen, weil es ein Anfang ist.

Ich wollte damit unseren Bau nicht rühmen, sondern damit nur das sagen, was sich in unser Bewußtsein hereindrängen muß und was von mir ausgesprochen wird in der Absicht, daß Sie alle diesen Bau liebgewinnen, daß er Ihnen zu einer Herzenssache wird, von der Sie sozusagen denken lernen, daß sie ein Denkmal dessen ist, was wir nicht willkürlich wollen, sondern wollen müssen. Je mehr wir diesen Bau lieben werden, desto mehr wird es gelingen, ihn so in die Welt zu stellen, wie es die fortschreitenden Wesenheiten im Sinne des Christus-Impulses in der Gegenwart wollen.

Schließen Sie diesen Bau und was damit zusammenhängt in Ihr Herz, denken Sie, daß es eine wichtige Sache ist, wenn wir Ende des Jahres ihn eröffnen können. Daß der Bau nicht hier auf geführt wird, ist nicht unsere Schuld, es ist unser Karma. Es ist unser Schicksal, daß er an einem einsam gelegenen Ort aufgeführt wird, aber an einem Ort, der doch nach seiner lokalen Lage einige Wichtigkeit hat für das geistige Leben der neueren Zeit.



  1. Der an diese Einleitung anschließende Vortrag findet sich in der Gesamtausgabe in «Vorstufen zum Mysterium von Golgatha» (Bibl.-Nr. 152). ↩

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