Ways to a New Style in Architecture
GA 286 — 17 June 1914, Dornach
5. Der Dornacher Bau — Ein Haus der Sprache
Zur Einweihung des Künstlerateliers
Meine lieben Freunde! Mehr noch als das letzte Mal, als ich am Bauplatz zu Ihnen sprechen durfte, mahnt mich die heutige Gelegenheit an das Wort und an die Empfindung, die ich schon dazumal ausgesprochen habe, an die Empfindung, die wir diesem unserer geisteswissenschaftlichen Sache gewidmetem Bau gegenüber haben müssen: die Empfindung der großen Verantwortung gegenüber dem, was die Freunde unserer anthroposophischen Sache nach den großen Opfern, die sie für diese gebracht haben, von uns fordern dürfen. Heute - da wir gewissermaßen den ersten Teil unserer Baulichkeiten seinem Zwecke übergeben - ist ja die beste Gelegenheit, um an diese Verantwortung erinnert zu werden, erinnert zu werden durch eine Betrachtung, die uns herauserwachsen kann aus den Aufgaben, die uns gestellt sind, und aus den Zielen, die wir verfolgen können.
Meine lieben Freunde, indem wir uns sozusagen in diesen Räumlichkeiten hier fühlen, die als ihren nächsten Zweck den haben, für unseren Bau die Glasfenster zu liefern, darf und muß uns eigentlich der Gedanke bewegen, wie wir dem, was wir mit diesen Baulichkeiten zu leisten haben, eigentlich mit unserem menschlichen Können, mit dem, was wir vermögen, doch nicht gewachsen sind. Und ich glaube, daß es eine gute, eine heilsame Empfindung ist, wenn wir die Empfindung des Nichtgewachsenseins durch alle unsere Arbeit weiter forttragen werden. Denn nur so werden wir dasjenige erreichen, was sozusagen das Möglichste von uns zu Erreichende ist. Wir werden die Anfänge einer künstlerischen Umhüllung unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit in der Weise zu Ende führen, wie es in unserer Zeit und mit unseren Mitteln möglich ist, wenn wir eben immer das Gefühl haben: der eigentlichen Aufgabe sind wir dabei doch wirklich recht wenig gewachsen. Jedesmal, wenn wir unseren Bauplatz betreten, fühlen wir uns, ich möchte sagen, ganz wie umgeben von dem Fluidum, das uns überall einflößt: Tue dein Möglichstes, wozu deine Kräfte und dein Können ausreichen, denn in bezug auf das, was geleistet werden soll, kannst du nicht genug tun; und tust du dein Möglichstes, so ist es eben noch lange, lange nicht genug. Etwas, wie ein unbestimmtes Gefühl, wie eine unbestimmte Ahnung, daß uns eine große Aufgabe umschwebt, sollte uns beim Betreten dieses Bauplatzes beseelen. Und in diesem Augenblick, meine lieben Freunde, darf uns insbesondere diese Empfindung durchseelen, in diesem Augenblick, da wir diesen Nebenbau unseres Hauptbaues zunächst der Seele unseres lieben Freundes Rychter und den Seelen seiner Genossen übergeben, auf daß zunächst hier dasjenige Künstlerische geschaffen werde, das in der besten Weise dazu dienen kann, ein organisches Glied zu sein an dem ganzen Organismus unseres Baues.
Wenn wir hier durch dieses Tor in diesen Raum hineintreten, werden wir da nicht das Gefühl haben: Ach, ist es denn nicht doch eigentlich eine Gnade, Gelegenheit zu haben, als ein einzelner Mensch in unserer Gegenwart an solchem Werke, wie die Glasfenster es sind, mitarbeiten zu dürfen? - Und wenn wir die Aufgabe bedenken, die gerade die Fenster an unserem Bau haben werden, so wird uns das bedeutungsvolle Geistige, von dem man wünschen möchte, daß es immer mehr raunen und rauschen möge wie Wellen heilsamer Geistigkeit durch diese Räume, so recht, ich möchte sagen, seelisch-milde umwehen.
Wir werden ja, wenn dieser Bau fertig sein wird, vielleicht oftmals sogar ein bedrückendes Gefühl haben, das man vielleicht in die Worte kleiden kann: Wie notwendig, ach, wie notwendig ist es, über alles Persönliche hinauszuwachsen, wenn es einen Sinn haben soll, Formen, wie die hier gemeinten, als Umrahmung für unsere geisteswissenschaftliche Sache zu haben. - Und das ist in gewisser Beziehung wiederum das Befriedigende an diesem Bau. Und unsere lieben Architekten, Ingenieure und die gesamten Mitglieder, die an dem Bau arbeiten, werden wohl gekräftigt werden können von diesem befriedigenden Gefühl, daß neben all den Sorgen und Mühen, die der Bau doch macht, dieser Bau für uns selber ein schönes, herrliches Erziehungsmittel werden kann; ein Erziehungsmittel über alles Persönliche hinaus. Denn wahrlich, es erfordert mehr, meine lieben Freunde, als die Darlebung eines persönlichen Gefühles. Indem wir an die Aufgaben herantreten, die einzelnen Formen durchdenken, durchfühlen, durchempfinden, fühlen wir gewissermaBen immer neue Aufgaben, von denen wir vorher keine Ahnung hatten. Wir fühlen, daß da etwas Geheimnisvolles um uns waltet, das uns abfordert, die besten Kräfte unserer Seele, unseres Herzens, unseres Verstandes zu Hilfe zu nehmen, um etwas zu schaffen, was weit, weit über unsere Persönlichkeit hinauswächst. Aufgaben uns stellen zu lassen durch das, was jeden Tag um uns herum entsteht, dazu kann dieser Bau uns erziehen. Dann legt er uns nahe die Empfindung, die sich mit so heiligen Tönen eingraben kann in die menschliche Seele, die Empfindung: Oh, um wieviel größer sind doch die Weltenmöglichkeiten als wir kleine Menschen, und um wieviel größer muß dasjenige werden, was als unser Bestes aus unserem Wesen herauswachsen kann, wenn es gewachsen sein soll unserer Aufgabe gegenüber der objektiven Welt, um wieviel größer muß das sein als dasjenige, was wir umfassen und umschließen können im Rahmen unseres persönlichen Selbstes!
Dazu kann uns der Bau und auch dasjenige Gebäude, das wir jetzt als eine erste Fortsetzung des Hauptbaues eröffnen dürfen, ein Erziehungsmittel sein. Je mehr dieser Bau ein Erzieher für uns sein kann, desto mehr werden wir ein richtiges Verhältnis zu ihm gewinnen. Schon jetzt, wenn man den unfertigen Bau betritt, insbesondere auch, wenn man diese Räume betritt, die in gewisser Beziehung die Fortsetzung des Hauptbaues darstellen, muß man oftmals denken: Mit welchen Gefühlen werden wir in diesen Bau hineingehen? Werden wir nicht oftmals von dem Gefühl beschlichen werden: Ach, könntest du doch alle, alle Menschen in solche Räume hineinführen! Verdienst du es denn, das, was du als dein Heiligstes erstrebst, von solcher Umhüllung umhüllt zu haben, da du doch etwas geschaffen hast in dieser Umhüllung, wovon du andere Menschen ausschließest? Möchtest du nicht am liebsten alle, alle Menschen hineinführen? - Insbesondere möchten wir zweifellos alle die Menschen hineinführen, denen die Aufgabe zukommen wird, solche Bauten wie diesen, wenn er Nachahmer, wenn er Nachfolger finden soll, für die Menschheit zu erbauen.
Ich möchte dies an irgend etwas anknüpfen, meine lieben Freunde. Ich will an etwas gerade Naheliegendes anknüpfen. Ich denke zum Beispiel an manche Gebäude, die jetzt aufgeführt worden sind in unserer Zeit mit genialen Architektenkräften und die, obwohl sie keinen neuen Stil bringen und nicht von neuen Geistesfunken durchsät sind, doch geniale architektonische Schöpfungen sind. Aber ein gemeinsames Kennzeichen tragen sie alle: Man kann sie bewundern von außen, wenn man sie betrachtet, man kann in sie hineingehen und kann sie bewundern von innen, aber so umschlossen, wie man sich umschlossen fühlt von seinen Sinnesorganen, so fühlt man sich in diesen Baulichkeiten nicht. Warum fühlt man sich so nicht? Man fühlt sich in ihnen nicht so, weil sie stumm sind, weil sie nicht sprechen, meine lieben Freunde. Und diesen Ausspruch möchte ich Ihnen am heutigen Abend erhärten.
Nehmen wir Gebäude, die gerade so recht im Sinn unserer Zeit heute ausgeprägt werden. Überall fühlen wir, daß die Menschen hinein- und hinausgehen, ohne bei diesem Hineingehen zusammenzuwachsen mit der Architektur, mit den Formen, mit dem ganzen Künstlerischen des Baues. Und überall fühlen wir, daß dasjenige, was gesprochen werden soll durch die künstlerischen Formen, heute notwendig ist, der Menschheit auf andere Weise übermittelt zu werden. Immer mehr und mehr wächst unter der Menschheit der Gegenwart das Bedürfnis, durch äußere Gesetze, durch äußere Verordnungen und Veranstaltungen, die mit dem Wort Dekret bezeichnet werden, Ordnung und Sicherheit, Frieden und Harmonie zu schaffen. Daran soll mit keiner Silbe, nicht einmal mit einer Meinung Kritik geübt werden, denn das ist das Selbstverständliche in unserer Zeit. Aber es soll dazu kommen dasjenige, was in einer anderen Art die Fortentwickelung der Menschheit bedeutet. Vielleicht wird noch nicht mit unserem Bau schon alles das erreicht werden, weil wir eigentlich nur die ersten primitiven Anfänge aufrichten können. Aber wenn in der Menschheitskultur dasjenige einmal zur Ausbildung kommt, was intendiert wird mit diesem Bau, wenn dasjenige, was wir wollen, wirklich erreicht sein wird, werden wir die uns von den Göttern gestellte Aufgabe erfüllen. Wenn die Ideen zu solchen Kunstwerken einmal in der Kultur Nachfolger finden werden, dann werden die Menschen, die durch die Pforten solcher Kunstwerke gehen und sich beeindrucken lassen von dem, was in diesen Kunstformen spricht, wenn sie gelernt haben, die Sprache dieser Kunstwerke mit dem Herzen, nicht nur mit dem Verstande zu verstehen, dann werden diese Menschen ihren Mitmenschen nicht mehr Unrecht tun, denn sie werden von den künstlerischen Formen Liebe lernen; sie werden lernen, in Harmonie und Frieden mit ihren Mitmenschen zusammenzuleben. Friede und Harmonie wird sich ergießen in die Herzen durch diese Formen. Gesetzgeber werden solche Bauten sein. Und dasjenige, was nicht erreichen können äußerliche Veranstaltungen, das werden erreichen die Formen dieser unserer Gebäude!
Meine lieben Freunde, laßt noch so viel die Menschen nachsinnen, wie sie durch äußere Einrichtungen Verbrecherisches und Vergeherisches aus der Welt schaffen: wahre Heilung vom Bösen zum Guten wird in der Zukunft für die Menschenseelen darin liegen, daß die wahre Kunst jenes geistige Fluidum in die menschlichen Seelen und in die menschlichen Herzen senden wird, so daß diese Menschenseelen und -herzen - wenn sie das Fluidum auf sich wirken lassen von dem, was geworden ist in architektonischer Skulptur und anderen Formen - dann, wenn sie lügnerisch veranlagt sind, aufhören zu lügen; daß, wenn sie friedensstörerisch veranlagt sind, aufhören, den Frieden ihrer Mitmenschen zu stören. Baulichkeiten werden zu sprechen beginnen. Eine Sprache werden sie sprechen, die heute die Menschen noch nicht einmal ahnen.
Heute versammeln sich die Menschen in Kongressen, um über den Weltfrieden zu verhandeln. Sie glauben, daß das, was von Mund zu Ohr geht, wirklich Friede und Harmonie schaffen könne. Aber Kongresse schaffen nicht Frieden und Harmonie. Friede, Harmonie, menschenwürdige Zustände werden erst erfließen können, wenn die Götter zu uns sprechen werden. Wann werden die Götter zu uns sprechen?
Nun, wann spricht ein Mensch zu uns? Wenn er einen Kehlkopf hat. Niemals würde der Mensch zu uns sprechen können, wenn er keinen Kehlkopf hätte. Was die Götter der Natur dem Menschen mit seinem Kehlkopf gegeben haben, wir fügen es dem Weltenganzen ein, wenn wir die rechten künstlerischen Formen finden; die sind dann das, wodurch die Götter zu uns sprechen. Nur müssen wir verstehen, wie wir uns hineinzufügen haben in den großen Zusammenhang des hiermit Angedeuteten. Freilich wird uns dann umsomehr das Gefühl beschleichen: Ach, wie wird es uns nur möglich werden, alle Menschen durch diese Tore hineinzuführen! Und wie wird uns aus diesem Wunsche, da wir ihn jetzt noch nicht erfüllen können, die Sehnsucht erwachsen, so für unsere geistige Strömung zu wirken, daß die Möglichkeit hierzu immer mehr herbeigeführt werden könne.
Meine lieben Freunde, Kunst ist die Herbeiführung der Organe, auf daß durch sie die Götter zu den Menschen sprechen können. Aus diesem Kapitel habe ich schon manches angedeutet; ich habe in früheren Zeiten schon darauf hingewiesen, wie der griechische Tempel in seinen Formen ganz erbaut war so, daß er eine Wohnung des Gottes darstellte. Ich möchte heute noch etwas hinzufügen.
Versuchen wir die Form, gewissermaßen die Grundform des griechischen baukünstlerischen Systems zu empfinden. Da werden wir sehen, daß gerade dasjenige, was aus der griechischen Empfindung eingeflossen ist in das baukünstlerische System, uns so recht zeigt, wie dieses Eingeflossene ganz aus dem Sinn und der Bedeutung der vierten nachatlantischen Epoche herausgeflossen ist. Worauf beruht denn die griechische Empfindung? Worauf beruht sie denn? Gewiß, es ist viel über sie zu sagen, ein einzelnes charakteristisches Moment möchte ich nur hervorheben.
Wir haben hier [es wird zu zeichnen begonnen] die Wandumrahmung des griechischen Tempels, darauf lastend die Horizontale, und wenn etwas über die Horizontale hinausgeht, dieses so zusammengefügt, daß die Kraft selber es zusammenhält, daß sich die Kräfte gegenseitig stützen, so wie wir, wenn wir bauen, zwei Balken in dieser Weise zusammenlegen.

Was ist die Voraussetzung des Empfindens gegenüber diesem System? Die Voraussetzung ist, daß da unten [es wird der Pfeil gezeichnet] die Erde mit ihrer Schwerkraft empfunden wird. Das ist die Voraussetzung dieses Empfindens. Und verwandeln wir jetzt dieses Empfinden in ein, ich möchte sagen, anschauliches Wort, so können wir sagen: In der vierten nachatlantischen Kulturperiode wurde empfunden, wie der Gott den Menschen den Erdenschauplatz geschenkt hat, wie die göttliche Kraft überfließt in die menschliche künstlerische Tätigkeit, so daß mit den Kräften, die die Götter mit der Erde dem Menschen gegeben haben, die Schwerkraft zu überwinden ist. Das wird dadurch ausgedrückt, daß man dem Gott, der dem Menschen die Erde gegeben hat, durch die Systematisierung der Schwerkraft Wohnung schafft.
Diese Wohnung des Gottes ist nicht zu denken ohne das griechische Territorium; oder auch die späteren römischen Tempel sind nicht zu denken ohne das umliegende Territorium. Das gehört dazu. Ich habe schon einmal betont: Ein griechischer Tempel ist fertig abgeschlossen für sich, auch wenn keine Menschen drinnen sind. Denn er ist gedacht als die Wohnung des Gottes, der etwa seine Bildsäule darin hat. Und die Menschen mögen weitherum wohnen in der Gegend, im Territorium, und wenn auch niemand den Tempel betritt sozusagen, das Ganze ist fertig, denn es steht darin in der Gegend als das Wohnhaus des Gottes. Und selbst als der Tempel schließlich dann die schmückenden Formen annimmt, sehen wir sozusagen noch in allen Einzelheiten dieser Formen, wie der Mensch dasjenige, was er aus seiner Verehrung für die Götter tun zu müssen glaubt, an diesen Götterwohnhäusern anbringt. Erinnern Sie sich, wie, als ich das letzte Mal zu Ihnen sprach, ich zu zeigen versuchte, wie das Kapitälmotiv hervorging aus dem Tanzmotiv, aus dem Tanzmotiv jenes Tanzes, der getanzt worden ist, um die Götter der Natur zu verehren. So bringt der Mensch erst im Bilde, später in der Plastik, in dem griechischen Kapital, an dem Wohnhaus des Gottes zunächst dasjenige an, was er sich selber vorstellt, als mit sich verlebendigt, zum Ruhm und zur Verehrung der Götter.
Und gehen wir jetzt gleich, indem wir einiges überspringen, zu den Formen der christlichen Baukunst, der ersten christlichen Baukunst über. Ein Gedanke vor allen Dingen muß uns da in die Empfindung treten, wenn wir vorschreiten vom griechischen Tempel zu der christlichen Kirche.
Der griechische Tempel steht im Territorium drin, er gehört zum Territorium dazu. Die Menschen sind nicht im Tempel; draußen um den Tempel herum wohnen sie. Der Tempel gehört dem Lande, er ist als das Heiligtum des Landes gedacht. Er heiligt seinerseits alle, auch die alleralltäglichsten Beschäftigungen der Menschen im Lande umher. Erdendienst wird dadurch zum Gottesdienst, daß der Gott in seinem Wohnhaus steht oder sitzt als Herrscher und teilnimmt an der Landarbeit und dem Gewerbe der umherwohnenden Menschen. Und mit dem Gotte vereint fühlt sich der Mensch, indem er seine Verrichtungen im Lande herum treibt. Man möchte sagen: Gottesdienst ist vom Erdendienst noch nicht getrennt. Es wächst noch aus dem Menschlichen, manchmal Allzumenschlichen heraus der Tempel als dasjenige, was teilnimmt an demjenigen, was heilvoll oder unheilvoll ringsherum vorgeht. «Erde, sei fest!», das ist die Gesinnung während des vierten nachatlantischen Zeitraumes, da die Menschen noch verwachsen sind mit der Erde, die ihnen von den Göttern übergeben ist, da das Ich des Menschen noch wie in einem Traumbewußtsein schlummert, wo der Mensch noch wie im Zusammenhang sich fühlt mit dem Gruppen-Ich der ganzen Menschheit. Dann wächst der Mensch heraus aus diesem seinem Gruppen-Ich, er wird immer individueller und individueller, und er nimmt den Dienst, den er seinem Geistigen leistet, heraus aus dem Territorium, er sondert ihn ab von dem Leben des Alltags.
In der ersten christlichen Zeit fühlt der Mensch nicht mehr so, wie er in der griechischen Zeit gefühlt hat. Hatte der Grieche, der auf seinem Felde sät, in seinem Gewerbe arbeitet, die sichere Empfindung in seiner Seele: Da steht der Tempel, darin wohnt der Gott, ich bin in seiner Nähe, ich kann hier an dem Orte bleiben, kann hier mein Gewerbe, meine Landarbeit verrichten, der Gott wohnt in dem Tempel - so wird nun der Mensch individueller, ein stärkeres Ichgefühl tritt in ihm auf. Damit sondert sich heraus dasjenige, was durch die althebräische Zeit lange, lange Zeit hindurch vorbereitet worden und im Christentum besonders herausgekommen ist. Damit sondert sich heraus aus der menschlichen Seele das Bedürfnis, den Dienst, den man dem Gotte darbringt, aus dem Alltag herauszugliedern, abzusondern. Die christliche Kirche entsteht, indem man den Bau aus dem Territorium herausnimmt. Das Territorium wird selbständig, und der Bau wird selbständig darin, er wird ein Territorium für sich. Während, ich möchte sagen, der griechische Tempel noch ein Altar war für das ganze Land, wird jetzt durch die Wände der Kirche das Land von dieser abgeschlossen. Es wird ein abgeschlossener Raum hergestellt, in dem sich diejenigen, die den Dienst verrichten, absondern. Die Formen der christlichen Kirche, die Formen auch der romanischen Baukunst gliedern sich nach und nach diesem individuellen Bedürfnis des Menschen für das Geistige ein, und wir verstehen diese Formen nur, wenn wir sie aus dieser Formulierung heraus betrachten: War der Grieche so hineingestellt in das ganze Erdendasein, daß er sich sagte: Ich kann hier bleiben bei meiner Herde, bei meinem Gewerbe, meiner Landarbeit, denn der Tempel steht dort wie ein Altar für das ganze Land und darin wohnt der Gott - so kam jetzt durch das Christentum die andere Empfindung herauf, und es sagte sich der Mensch: Ich muß mich absondern von meiner Arbeit, von meinem Gewerbe, denn in der Kirche da drinnen wird der Gott gesucht. Individualisiert wird, möchte ich sagen, Erdendienst und Himmelsdienst. Die Formen gleichen sich nach und nach dem Individualitätsbedürfnis der Menschen an, so daß die christliche Kirche immer mehr die Form annahm, die nicht mehr taugen würde für die griechisch-römische Baukunst, die Form, die schon in ihrer Formgestaltung zeigte, daß die Gemeinde hineingehört, daß sie umschließen soll die Gemeinde. Wiederum abgesondert von der Gemeinde entstehen nach und nach die abgesonderten Gebäude für die Priesterschaft, für die Lehrerschaft. Man möchte sagen, eine abgesonderte Welt entsteht für diejenigen, die die geistige Welt suchen auf einem Territorium, das sie sich selber erst in Wände eingeschlossen haben. Das entsteht! Früher war es so, daß die ganze Erde so empfunden wurde von den Griechen und Römern, wie später die von Wänden umgebene christliche Kirche. Was der griechische Tempel selber war, das wird jetzt zum Altargehäuse. Ein Abbild der Welt hatte man gesucht in den Formen der Kirche, während man früher die Welt selber nahm und ihr nur dasjenige gab, was sie nicht den äußeren Sinnen zeigte: das Wohnhaus des Gottes.
Und nun, meine lieben Freunde, ist im Grunde genommen die Gotik nur ein Seitenzweig desjenigen, was sich schon früher vorbereitete. Das wesentliche der Gotik besteht darin, daß der Wand abgenommen wird das Tragen und daß das Lastende auf die Pfeiler übertragen wird:

Worauf aber geht diese ganze Konstruktion, daß die Lasten auf den Pfeilern ruhen, und daß man die Pfeiler so gestaltet, daß sie die Last aufnehmen können, zurück? Nun, das System des griechischen Tempels beruht auf einem ganz anderen Gedanken als das hier Aufgezeichnete. Beim griechischen Tempel ist es so, wie wenn der Mensch selber mit der Schwerkraft der Erde entstiegen wäre, im Erdreich die Schwerkraft kennengelernt hätte und nun, auf die Erde gestellt, die Schwerkraft benützt und zugleich überwindet. Das ist der griechische Tempel als Wohnhaus des Gottes. Wenn wir auf die tragenden Pfeiler der Gotik übergehen, so haben wir es nicht mehr mit der reinen Wirkung der Schwerkraft zu tun, sondern hier arbeitet der Mensch; zum gotischen Bau ist es notwendig, daß herbeigebracht wird die Kunst des Handwerks, des höheren und des niedrigen Handwerks. Aus dem Bedürfnis, ein Territorium zu schaffen, welches die Gemeinde umschließt, entsteht in der Gotik noch dazu das Bedürfnis, etwas zu schaffen, woran gleichsam die Kunst der Gemeinde teilnimmt, so daß man in den einzelnen Formen, man möchte sagen, fortgesetzt sieht dasjenige, was die Leute gelernt haben. Es strömt zusammen die Kunst der Handwerker, und wer die gotischen Formen studiert, der schaut diesen Formen ab die Kunst der Handwerker, die in der Stadt dazu beigesteuert haben, die zusammengearbeitet haben.
In den altromanischen Kirchen haben wir noch, daß das Gebäude die Gemeinde, nicht nur den Gott umfassen soll. In der gotischen Kirche haben wir das Gebäude, das die Gemeinde baut, den Gott zu umfassen, zu dem aber beigesteuert haben die Leute des Handwerks. Nicht nur gehen sie hinein in die Kirche, sondern sie arbeiten als Gemeinde an dem Bau mit. Und diese Art Menschenarbeit fließt mit dem Göttlichen zusammen in der Gotik. Die Menschenseelen nehmen das Göttliche entgegen nicht mehr als selbstverständlich; sie vereinigen sich nicht nur und lauschen dem vom Altar herabkommenden Worte des Geistes, sondern sie arbeiten auch zusammen und bringen das, was sie gelernt haben, ihrem Gotte entgegen. Ich möchte sagen: die gotischen Kirchen sind das kristallisierte Handwerk.
Und nun kann man über dasjenige, was dann gekommen ist, da es im wesentlichen eine Erneuerung der klassischen Baukunst ist, leicht hinweggehen. Es ist nicht nötig, daß wir in diesem Zusammenhang über die Renaissance sprechen. Aber von dem, was das fünfte nachatlantische Zeitalter von uns fordert, von dem wollen wir sprechen, meine lieben Freunde.
Sehen wir uns das Tragende und das Lastende am griechischen Tempel recht genau an. Verfolgen wir es selbst bis zum Punkte hin, wo es in der Gotik das kristallisierte Handwerk wird. Indem wir es durchfühlen, indem wir uns mit unserem künstlerischen Empfinden hineinversetzen, müssen wir dem anfühlen: Der griechische Tempel ist etwas in sich selber mit den irdischen Kräften Ruhendes. Darauf kommt es im Grunde an, daß alle diese Bauwerke mit ihren Kräften etwas im Irdischen Ruhendes sind. Gerade beim griechischen Tempel zeigt es sich, wo Sie den Blick hinrichten, überall, möchte ich sagen, daß er auf die Schwerkraft, auf sein Zusammengewachsensein mit der Erde verweist. Am griechischen Tempel können wir überall etwas von der Schwerkraft studieren. Sein Zusammengewachsensein mit der Erde verrät er uns in seinen Formen.
Stellen Sie sich jetzt einmal - wir kommen auf diese Weise am schnellsten zum Ziel - dasjenige vor, in der Grundform mochte ich sagen, was jedem bei unserem Bau gleich von außen entgegentreten wird. Ich will ganz schematisch zeichnen:

Was ist das Charakteristische an diesem Motiv? Vergleichen Sie dieses Motiv mit dem des griechischen Tempels, dann werden Sie den Unterschied finden. Das griechische Motiv steht für sich da, es ist, wenn es zum Beispiel Wand ist, abgeschlossene Wand, die senkrecht herunterfällt. Dieses Motiv hier ist nicht nur Wand, sondern es hat nur einen Sinn, wenn die Wand lebendig wird, wenn sie nicht bloß Wand ist, sondern wenn sie aus sich die ganze Sache herauswachsen läßt. Die Wand ist nicht bloß Wand, sie ist lebendig. Wie der lebendige Organismus Erhöhungen und Vertiefungen gegliedert aus sich herauswachsen läßt, so wachsen aus der Wand die Formen heraus, und die Wand wird damit zu einem Lebendigen. Das ist der Unterschied.
Stellen Sie sich den griechischen Tempel vor. Wenn da noch so viele Säulen davorstehen, so ist er doch durch die Schwerkraft dirigiert. Hier aber bei der neuen Zeichnung steht nicht bloß etwas vor uns als Wand, hier wachsen die Formen aus der Wand heraus. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. Und wenn wir einmal im Innern unseres Gebäudes werden herumgehen können, dann werden wir viele plastische Formen finden: eine fortlaufende Reliefskulptur an den Kapitalen, den Sockeln, den Architraven. Welchen Sinn haben sie? Den Sinn haben sie, daß sie aus der Wand herauswachsen, ja, daß sie aus der Wand so herauswachsen, daß die Wand der Grund und Boden ist, ohne den sie nicht da sein könnten.
Nun, meine lieben Freunde, viel, viel solch Reliefartiges in Holzschnitzerei wird sich finden in unserem Innenraum. Lauter Formen werden da zu finden sein, die nicht in der physischen Welt sonst vorhanden sind, die aber eine fortlaufende Entwickelung darstellen, wie wenn man mit einigen kräftigen Takten hinten zwischen den Saturnsäulen beginnen würde und so symphonisch in Harmonie fortgehen würde, um mit einem Finale im Osten zu schließen. Aber Formen sind es, Formen, die ebensowenig in der äußeren physischen Welt vorhanden sind, wie Melodien äußerlich vorhanden sind. Diese Formen sind lebendig gewordene Wände. Physische Wände werden nicht lebendig, aber Ätherwände, geistige Wände werden lebendig. Ich müßte viel sprechen, wenn ich auseinandersetzen wollte, daß im Grunde genommen die Reliefkunst erst dadurch ihren wirklichen Sinn erhält, aber ich will nur eine Andeutung machen von dem, was ich eigentlich meine. Ein sehr bedeutender Künstler der Gegenwart spricht über die Reliefkunst. Er spricht manches Gescheite darüber. Er spricht über seine Vorstellungsweise von der Reliefkunst. Da sagt er: «Um sich diese Vorstellungsweise recht deutlich zu machen, denke man sich zwei parallelstehende Glaswände und zwischen diesen eine Figur [im Durchschnitt also so etwa gezeichnet - hinschauen würde man dann so in der Richtung des Pfeiles; durch die Glaswände hindurch können wir jetzt die Figur anschauen] «deren Stellung den Glaswänden parallel so angeordnet ist, daß ihre äußersten Punkte sie berühren. Alsdann nimmt die Figur einen Raum von gleichem Tiefenmaße in Anspruch und beschreibt denselben, indem ihre Glieder sich innerhalb desselben Tiefenmaßes anordnen. Auf diese Weise einigt sich die Figur, von vorn durch die Glaswand gesehen, einerseits in einer einheitlichen Flächenschicht als kenntliches Gegenstandsbild - andererseits wird die Auffassung des Volumens der Figur, welches an sich ein kompliziertes wäre, durch die Auffassung eines so einfachen Volumens, wie es der Gesamtraum darstellt, den sie einnimmt, ungemein erleichtert. Die Figur lebt sozusagen in einer Flächenschicht von Reichem Tiefenmaße und jede Form strebt, in der Fläche sich auszubreiten, das heißt sich kenntlich zu machen ...»

Was heißt das? Das heißt, der Betreffende sucht sich einen Begriff vom Relief zu machen. Aber er macht sich diesen Begriff des Reliefs vom Auge aus, und er zeigt uns das so deutlich wie möglich, indem er sagt, das Relief entsteht, wenn man sich die Hinterwand als eine Glaswand denkt und das, was vor der Glaswand liegt, durch eine andere Glaswand abgeschlossen denkt. Also auf das Auge hin macht er den Begriff des Reliefs, und um dies zu veranschaulichen, wählt er die beiden Glaswände, auf denen sich gleichsam die ganze Figur projiziert. Dieser Hildebrandschen Glaswände-Auffassung steht die unsere gegenüber, die übergeht von dem, was sich durch Glaswände und Projektionen veranschaulicht, zu dem, was lebt. Unsere Darstellung will das Relief als etwas Lebendiges veranschaulichen, so daß es als Relief und nur als Relief dargestellt wird. Ein Relief hat gar keinen Sinn, wenn man die Figuren nur an einer Wand anbringt, sondern es hat nur dann einen Sinn, wenn man die Anschauung hervorruft, daß die Wand selber lebe und die Figur hervorbringen kann.
Meine lieben Freunde, es gibt ein Relief, das ganz sinnvoll schon in die große Welt hineingestellt ist, nur können wir dieses Relief nicht ordentlich beobachten. Es gibt ein Relief, das nach dem richtigen Begriffe gebaut ist, so daß die Wände das hervorbringen, was die Reliefdarstellung ist. Diese Reliefdarstellung ist die Erde, die Erde mit ihrer Pflanzenwelt. Nur müßten wir von der Oberfläche der Erde in den Weltenraum hinaustreten, um dieses Relief zu studieren. Die Erde ist die Fläche, die lebendig ist, welche aus sich hervorbringt ihr Gebilde. So aber muß auch unser Relief sein, so daß wir der Wand ihre Lebendigkeit glauben, wie wir sie der Erde glauben, die aus ihrem Schöße die Pflanzenwelt hervorbringt. Dann erreicht man die wirkliche Reliefkunst. Was über dieses Prinzip der Reliefkunst hinausgeht, das versündigt sich schon an dem Prinzip der Reliefkunst. Wenn wir auf das Relief der Erde herunterschauen, so wandeln Menschen und Tiere darauf, aber die gehören nicht zu dem Relief. Selbstverständlich kann man auch sie auf das Relief bringen, weil die Künste nach allen Richtungen erweitert werden können, aber es ist nicht mehr reine Reliefkunst.
Unser Bau soll durch seine Innenformen sprechen, aber sprechen soll er die Sprache der Götter. Meine lieben Freunde, gedenken Sie, wie eigentlich die Menschen auf der Erde, das heißt unmittelbar auf ihrer Oberfläche leben. Wir brauchen jetzt gar nicht einmal unsere geisteswissenschaftlichen Lehren heranzuziehen, wir brauchen bloß die Paradiesessage heranzuziehen. Wäre der Mensch im Paradies geblieben, so hätte er das wunderbare Relief, das Bild der Erde mit den Pflanzenformen von außen her gesehen. So aber wurde er auf die Erde herabversetzt und lebt in diesem Relief drinnen; er konnte es nicht von außen beobachten. Fr ist aus dem Paradies ausgezogen und die Sprache der Götter kann nicht hinaussprechen zu den Menschen, denn die Sprache der Erde übertönt die Sprache der Götter. Belauschen wir die Organe der Götter, die sie selbst geschaffen haben, die sie als Elohim der Erde den Menschen gegeben haben, belauschen wir die ätherischen Formen der Pflanzen und bilden wir sie nach in unseren Formen an den Wänden, dann schaffen wir - so wie die Natur im Menschen den Kehlkopf zum Sprechen geschaffen hat -, dann schaffen wir die Kehlköpfe, durch die die Götter zu uns sprechen können; belauschen wir unsere Formen an den Wänden, die da sind die Kehlköpfe für die Götter und wir suchen den Weg zurück zum Paradies.
Meine lieben Freunde! Über das Malerische werde ich bei einer anderen Gelegenheit sprechen. Heute möchte ich nur noch über dasjenige sprechen, was gewissermaßen in unser Reliefartiges und in unsere Skulptur hineingestellt ist, dem zunächst gewidmet ist dieser Bau, den wir heute eröffnen dürfen. Wir haben versucht, uns eine Empfindung zu verschaffen von der Art, wie das Relief jenes Organ der Götter werden kann, durch das sie zu uns sprechen können. Wir werden einmal Gelegenheit haben, davon zu sprechen, wie die Farben Organe der Götterseele werden müssen. Wenig, wenig Sinn hat unsere Gegenwart für solche Betrachtungen, wie sie uns beseelen müssen, wenn wir wirklich unsere Aufgabe gegenüber unserem Bau erfüllen wollen.
Wir haben gesehen, wie der griechische Tempelbau das Wohnhaus des Gottes war, wie die christliche Kirche die Umrahmung war für die Gemeinde, die mit ihrem Gotte vereint sein wollte! Was soll unser Bau werden? Er zeigt wiederum selbst schon in seinem Grundriß und in seiner Kuppelform das Charakteristische dessen, was er werden soll:

Zweigliedrig ist er ja auch, aber die beiden Glieder sind in ihren architektonischen Formen völlig gleichwertig. Es ist nicht der Unterschied wie zwischen dem Altargehäuse und dem Gläubigenhaus der christlichen Kirche. Der Unterschied in der Größe bedeutet nur, daß hier, in der großen Kuppel, das Physische größer ist, und daß in der kleinen Kuppel hier versucht worden ist, das Geistige überragend zu machen. Aber es ist eine Erhebung zum Geiste schon durch diese Form ausgedrückt. Wie ein solches Erheben zum Geiste entspricht dem, daß im Bau ein Organ geschaffen wird, daß die Götter zu uns sprechen können, das muß sich in allen Einzelheiten ausdrücken.
Wenn ich sagte, daß derjenige, der den Bau vollständig verstehen wird, das Lügen und das Unrechttun verlernen wird, daß der Bau ein Gesetzgeber sein kann, Sie können es an den einzelnen Formen studieren. Vielfach finden Sie in den Architraven und den sonstigen Formen dieses eigentümliche Zeichen [es wird zu zeichnen begonnen]. An keiner Stelle ist dieses Eigentümliche ohne inneren Wert. Wie nichts im Kehlkopf des Menschen ohne inneren Wert ist und wie nicht ein Wort herauskommen würde, wenn der Kehlkopf nicht am entsprechenden Orte eine entsprechende Form hätte, so auch, wenn Sie hier eingraben, wenn sich hier die Hohlform eingräbt und hier darüber eine Art Bedachung sich wölbt [es wird weitergezeichnet]:

so entspricht das ganz genau der Tatsache, daß erfüllt sein soll dieser Bau von den Empfindungen der Herzen, die in Liebe zusammenströmen sollen.
So wirkt im Grunde genommen in dieser ganzen Architektur nichts für sich allein. Nichts ist so angeordnet, daß es für sich allein ist. Das eine strebt zum andern, und jedes strebt dem andern entgegen. Oder, wenn es dreigliedrig ist, so schließt die Mitte die beiden Formen zusammen. Das sind, etwas radikal gezeichnet, die Fenster- und Türformen:

Nun, meine lieben Freunde, dasjenige, was in den Skulpturformen lebt, ist dreidimensional und das Relief ist die Überwindung des Zweidimensionalen - der Fläche - in die dritte Dimension hinein. Das ergibt sich nicht dadurch, daß man sich auf den Standpunkt des Beobachtens und Anschauens stellt, sondern wenn man lebendiges Empfinden dafür hat, wie die Erde Pflanzen aus sich herauswachsen läßt.
Werde ich einmal von Malerei sprechen, so wird sich ergeben die Bedeutung des Zusammenhanges des Innern, des Seelischen im Universum mit der Farbe. Es hätte keinen Sinn, jemals mit Farben zu malen, wenn die Farbe nicht noch etwas anderes wäre, als was sie für die äußere physikalische Betrachtung ist. Den Satz: Farbe ist die Sprache der Naturseele, die Sprache der Seele des Universums - diesen Satz zu erläutern, wird Aufgabe einer späteren Betrachtung sein.
Jetzt aber will ich noch aufmerksam machen darauf, wie durch unsere Glasfenster herbeigeführt werden soll die Verbindung des Äußeren mit dem Inneren. Jedes unserer Glasfenster wird einfarbig sein, aber wir werden doch an den verschiedenen Stellen verschiedene Farben haben. Darin drückt sich aus, daß geistig-musikalisch gegliedert sein muß der Zusammenhang des Äußeren mit dem Inneren. Und innerhalb des Glasfensters selber, da es einfarbig ist, wird es nur geben die Gliederung in dichtere und dünnere Flächen, das heißt, wir werden Flächen vor uns haben, wo uns die Materie dichter, materieller entgegentritt, und Flächen, wo uns die Materie dünner, substantiell in dünneren Verhältnissen entgegentritt. Das Licht wird starker einfallen durch die dünneren Stellen der Glasfenster, es wird schwächer einfallen durch die dickeren Stellen und dadurch dunklere Farben geben. Geist und Materie in ihrem Zusammenhange, sie werden empfunden werden können in dem, was die Glasfenster ausdrücken. Aber die ganze Innenfläche soll sprechen wollen, sozusagen Organ sein für die Sprache der Götter. Und wie wir sagen, der Mensch hat einen Kehlkopf, durch diesen bist du imstande zu sprechen, so werden wir die Empfindung haben können: diese ganze Reliefgestaltung ist Organ für die Sprache der Götter, die zu uns sprechen sollen von allen Seiten des Universums. Es sind überall Sprachorgane der Götter.
Was können wir wollen, wenn wir also suchen unsere Wände zu durchdringen, wenn durch die Art, wie diese Wände geformt sind, diese sich selbst vernichten wollen, sobald wir den Weg finden, durch die Wände durchzudringen, weil wir die Wände zu Organen der Sprache der Götter machen?
Da können wir nichts anderes anstreben, als zu zeigen, daß der Mensch, wenn er so zu sich sprechen läßt die Götter durch ihre Organe, indem er die Wand durchbricht, den Weg sucht zu dem Geiste. Und so werden wir diese Fenster anschauen; sie sollen uns darstellen in ihrem Helldunkel, in ihrem farbigen Helldunkel: So findest du, o Mensch, den Weg zum Geiste!
Da wird uns gezeigt werden, wie die Seele, wenn sie in der Nacht schläft und außer dem Leibe ist, im Verhältnis steht zu der geistigen Welt. Da wird uns gezeigt, in welchem Verhältnis die Seele zu der geistigen Welt steht, wenn sie entkörpert ist zwischen Tod und neuer Geburt. Da wird sich uns zeigen, wie der Mensch, wenn er an die Schwelle herantritt, den «Abgrund» empfindet; die Stationen des Weges in die geistige Welt hinein werden sich uns zeigen. Sie werden auftauchen wie gleichsam Gestaltungen des Lichtes selber, vom Westen herein uns die Geheimnisse der Initiation zeigend. Das wird das Eigentümliche sein, daß wir hier Wände schaffen wollen, die sich selbst aufheben, selber vernichten durch ihre Formung. Das «Wie-wir-die-Wände-Durchbrechen», das müssen uns die Darstellungen der Fenster zeigen, sie müssen uns Gestalten zeigen, denen wir begegnen, wenn wir den Weg suchen zu diesen geistigen Welten, oder ihn unbewußt gehen; sie müssen uns zeigen, wie wir uns verhalten müssen zu den geistigen Welten.
Ja, meine lieben Freunde, hat man den griechischen Tempel als ein Wohnhaus des Gottes gebaut, hat man später Wohnhäuser für die Gemeinde gebaut, die mit ihrem Gotte vereint sein wollte, so waren das alles Umhüllungen, die als Umhüllungen dazu da waren, um etwas abzuschließen. Unser Bau soll nicht abschließen. Seine Wände sollen leben, aber so leben, wie es der Reliefdarstellung in Wahrheit entspricht; er soll in seinem Relief ausdrücken dasjenige, was wir als lebendiges Relief der Pflanzenwelt erlebt hätten, wenn wir sozusagen nicht aus dem Paradies vertrieben worden wären. Dann würden wir dasjenige gewahr, was als sprechendes Relief die Erde aus ihrem Schoß in den Pflanzenformen heraustreibt, was über die geologische Gliederung der Gebirge hervorkommt und diese nur an denjenigen Stellen kahl sein läßt, wo sie kahl zu sein haben. Wenn wir da sitzen werden in unserem Bau, so müssen wir die Empfindung haben, daß wir ruhen können und daß dann die Götter zu uns sprechen. In dem Augenblicke aber, wo wir in unserem Empfinden den Übergang finden von dem «Ruhigseinkönnen», von dem «Ruhigsitzen» und «Die-Götter-zu-uns-sprechen-Lassen», zu der Empfindung, daß wir jetzt in Bewegung kommen wollen, etwas tun wollen, um den Weg zu den Göttern zu finden, in diesem Augenblick müssen wir - um Bewegung, aber innere Bewegung zu haben - die Wände durchbrechen. Und dann müssen wir wissen, was wir tun müssen, was wir in der geistigen Welt zu tun haben. Wenn wir die Wände durchbrechen, dann müssen diese Fenster da sein, die unsere Seelen auffordern, nun auch in Bewegung den Weg anzutreten zu denjenigen Orten, aus denen zu uns durch die Formen der Wände gesprochen wird. Und wir müssen das Gefühl haben: Hier sitze ich; die Organe der Geister sind rund um mich herum; ich muß mir nur die Fähigkeit aneignen, die Sprache, die durch diese Formen gesprochen wird, zu verstehen, aber in meinem Herzen muß ich sie verstehen, nicht anfangen nur auszudeuten.
Wer auszudeuten beginnt, was diese Formen «bedeuten», der ist auf dem falschen Wege, meine lieben Freunde, der kommt nicht zurecht. Er steht ungefähr auf demselben Boden wie jener, der die alten Mythen und Sagen symbolisch, allegorisch deutet und glaubt, damit Theosophie zu treiben. Nun, ein solcher Mensch, der die Mythen und Sagen und ebenso unsere Formen deuten wollte, der würde vielleicht sehr gescheit und geistreich sein, wäre aber so wie der, der unter das Kinn schauen wollte, um die Symbolik unseres Kehlkopfes zu deuten. Nein, nicht dadurch verstehen wir die Sprache der Götter, daß wir mit unserem menschlichen Verstande die Eulenspiegelei begehen, so wie Mythen und Sagen, auch unsere künstlerischen Formen symbolisch oder allegorisch zu deuten, sondern nur dadurch werden wir die Sprache der Götter verstehen, wenn wir sie mit unserem Herzen verstehen wollen. Dann wird in uns lebendig werden, daß wir empfinden: Hier sitzest du, und die Geister der Welt sprechen zu dir! - Und wenn wir so zu beleben verstehen diese Empfindung, was die Seele zu tun hat, um den Weg zu finden dahin, woher die Sprache der Geister kommt, dann richten wir den Blick dahin, wo die Wände durchbrochen sind durch die Fenster. Und da, wo die Wände durchbrochen sind, wird uns gezeigt werden, was im Menschen lebt, wenn er den Weg vom Physischen zum Geistigen bewußt oder unbewußt zu gehen hat.
In diese Worte, meine lieben Freunde, möchte ich ausklingen lassen dasjenige, was ich als eine Betrachtung mit Ihren Herzen und Seelen anstellen wollte heute, wo wir dieses Haus übergeben der Sorgfalt und der sorgfältigen Arbeit unseres Freundes Rychter und seiner Genossen. Mögen sie es empfangen so, daß sie etwas verspüren von der Heiligkeit ihrer Aufgabe, von jener Heiligkeit, die eben angedeutet worden ist. Daher darf gesagt werden: Da oben im Hauptbau auf dem Hügel arbeiten wir zunächst noch daran, die Sprachorgane für den Geist zu schaffen, um den Menschen, die da sitzen werden, zu zeigen, daß durch solche Sprachorgane die Götter zu uns sprechen können. Dann aber muß in uns das heilige Verlangen entstehen, zu den Orten dieser Geister die Wege, die Pfade zu finden. Dasjenige, was in diesen Räumen von unserem Freunde Rychter und seinen Genossen erarbeitet werden wird, es wird hinaufgetragen werden hier über den Hügel, und es wird dasjenige sein, was in die durchbrochenen Stellen der Wände gesetzt wird, und was die Seelen derjenigen, die sich vereinigen werden oben in dem Bau, in Bewegung bringen wird, was ihnen den Pfad weisen wird, den Pfad zu dem Weg des Geistes.
Möge diese heilige Stimmung in diesem Räume walten, möge sozusagen jeder Strich in das Glas im Bewußtsein dieser Empfindung gemacht werden, daß sich darstellt das Bild: Ich habe hier zu bilden dasjenige, was die Seelen, die lauschen werden oben, mit ihren Empfindungen durch die Räume führen wird zu den Orten der Geister. Ich habe die Empfindungen in den Seelen so rege zu machen mit meinen Gebilden, daß der Weg zu dem angedeutet wird durch das Helldunkel der Glasfarben, woher sprechen die geistigen Welten durch die Formen des Baues, durch die Innenformen des Baues - und mögen die Schwierigkeiten noch so groß dann sein, möge es in bezug auf mancherlei selbst mißlingen und in bezug auf anderes nur recht unvollkommen gelingen, was gewollt wird - eine große Hilfe, daß es gelinge, wird die Empfindung sein, die eben ausgesprochen wurde, wenn eben diese Empfindung in diesen Räumen hier walten wird.
Nicht darum war es mir zu tun, meine lieben Freunde, am heutigen Abend Euch zu bringen allerlei, was Künstlerisches verständlich machen kann allein, sondern darum war es mir zu tun, daß an dem heutigen Abend etwas aus meinem Herzen in Eure Herzen übergehen kann von der Empfindung, mit der ich Euch durchdringen möchte und von der ich möchte, daß sie Eure lebenden Herzen durchtränken möchte, der Empfindung, welche innerlich durchpulst ist von der Heiligkeit der Arbeit gegenüber dem, was unser Bau werden soll. Besser als durch Worte, meine lieben Freunde, weihen wir ein diese Arbeitsstätte - denn eine Arbeitsstätte soll sie sein -, wenn wir jetzt, indem wir das Tor wieder verlassen, uns konzentrieren mit allen Kräften unseres Herzens auf die Liebe zur Menschen- und Geisteswelt, damit gefunden werde durch dasjenige, was in diesen Räumen geschaffen werden wird, der Weg zum Geiste, zum Geiste, von dem ausgehen wird, wenn der Mensch ihn in Liebe findet, Friede und Harmonie unter den Menschen auf Erden. Dann aber, wenn alles beseelt ist von diesem Geist, den ich herbeirufen möchte durch diese Worte in diesem Raum am heutigen Abend, wenn alles, was über diesen Hügel hin gearbeitet wird, mit diesem Geist der Liebe, der zugleich doch immer der Geist des echten Künstlertums ist, erfüllt ist, dann wird von diesem Hügel, von dem, was ihn bedeckt, ausstrahlen in die Welt der Geist des Friedens, der Geist der Harmonie, der Geist der Liebe. Dann wird die Möglichkeit herbeigeführt werden, daß dasjenige, was auf diesem Hügel geschaffen wird, Nachfolger finden wird, damit recht viele Zentren solch irdisch-geistigen Friedens, solch irdisch-geistiger Harmonie, solch irdischgeistiger Liebe in der Welt gedeihen werden. Möchten wir in solcher Friedens-Harmonie und Liebesgesinnung das Lebendige unseres Werkes ergreifen, auf daß uns vorkommen möge dieses Werk selber wie etwas, das aus dem Geiste des Daseins als ein Lebendiges herauswächst, auf daß, während da waren Gebäude, die Wohnhäuser waren der Götter, Wohnhäuser der Gemeinde, auf daß da werde ein Sprachorgan für den Geist und ein Wegweiser zum Geiste. Gewohnt hat der Gott im griechischen Tempel, wohnen kann die Gemeinde mit ihrem Geiste in dem romanischen, im gotischen Bau, sprechen aber soll die Geisterwelt durch den Bau der Zukunft. Das Haus der Erdenkräfte und der Erdenformen haben wir hingehen sehen über die Menschheitsentwickelung, das Haus des Zusammenseins der Menschenseele mit der geistigen Welt haben wir dahingehen sehen über die geistige Entwickelung der Erde; das Haus der Sprache, das sprechende Haus, das in all seinen Wänden lebendige Haus, meine lieben Freunde, laßt uns das in Liebe zur wahren Kunst und damit auch in Liebe zur wahren Geistigkeit und damit auch in Liebe zu allen Menschen erbauen!