The Dornach Building

GA 287 — 24 October 1914, Dornach

Dritter Vortrag

Wenn wir in der Betrachtung der Evolution der europäischen Kulturen in der fünften nachat lantischen Kulturperiode nun weiterschreiten, so kommen wir zu derjenigen Kulturepoche, für welche sich mir bei der Bearbeitung unserer Säulen das folgende Zeichen ergab:

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Sie kennen dieses Zeichen alle von unseren Säulen her. Dabei wäre zu berücksichtigen, daß es begleitet ist von einem tropfenartigen Motiv hier oben (a). Man kann die Berechtigung dieses Zeichens fühlen, wenn man auf die mitteleuropäische nachatlantische Kultur blickt. Ich sage ausdrücklich die mitteleuropäische nachatlantische Kultur; und der Grund, warum ich so sage, wird sich aus den Betrachtungen selbst ergeben.

In dieser mitteleuropäischen nachatlantischen Kulturepoche schließen sich ja seit vielen Jahrhunderten die verschiedensten nationalen Elemente zusammen, und dieses Zusammenschließen der verschiedenen nationalen Elemente macht es unmöglich, bei dieser mitteleuropäischen Kultur in demselben Sinne von einer «nationalen» Kultur zu sprechen, wie gesprochen werden muß von einer nationalen Kultur bei den südlichen und westlichen Völkern Europas.

Wir müssen natürlich zunächst ins Auge fassen, wenn wir diese mitteleuropäische Kultur betrachten, daß sie ja heute so augenscheinlich sich zusammenfügt aus den Völkern zweier Staatengebilde. Wohlgemerkt, ich spreche in diesen ganzen Auseinandersetzungen ausdrücklich nicht von Staaten, sondern von Kulturen und deute hier an, daß sich die mitteleuropäische Kultur zusammenfügt aus den zwei Staatengebilden: aus dem Deutschen Reich und Österreich.

Bei Österreich sehen wir gleich, daß es geradezu absurd wäre, von einem nationalen Staate zu sprechen; denn in Österreich sind die verschiedensten nationalen Kulturen zusammengefügt. Das hat sozusagen die Geschichte gemacht, und das österreichische Leben besteht in der Wechselwirkung dieser nationalen Kulturen. Ebenso hat es sich durch die Geschichte gemacht, daß die Kultur des Deutschen Reiches gewissermaßen in einem einheitlichen Gefüge erscheint. Allein wenn wir fragen nach der Kultur der Bevölkerung Deutschlands und nach der Kultur der deutschen Bevölkerung Österreichs - die zwar vielfach zusammenhängt mit der deutschen Bevölkerung, auch geographisch, aber andererseits wiederum durch mächtige Gebirge geographisch von ihr geschieden ist -, so müssen wir zunächst fragen nach dem, wir könnten sagen «deutschen Elemente».

Und wenn man innerhalb des deutschen Elementes die Frage aufwerfen würde: Was ist deutsch? - so würde man diese Frage nicht in demselben Sinne aufwerfen können wie etwa die Frage: Was ist französisch? - was ist englisch? - was ist italienisch? - innerhalb der betreffenden Völker. Man kann das aus dem Grunde nicht, weil der Angehörige des deutschen Volkes, wenn man den Ausdruck durchaus gebrauchen will, im Grunde genommen gar nicht weiß - niemals in einem bestimmten Zeitalter weiß -, unter welche Definition er sich eigentlich bringen will.

Dasjenige, was er zur Not ausdrücken würde, wenn er sagte: «Ich bin ein Deutscher», das würde sich in verhältnismäßig kurzen Zeiträumen rasch ändern, er müßte den Begriff des Deutschtums von Zeitalter zu Zeitalter fortwährend modifizieren.

Bedeutsam ist es ja, daß, als in der Bedrängnis Deutschlands Johann Gottlieb Fichte seine berühmten «Reden an die deutsche Nation» hielt, er in zwei dieser Reden nach einem Begriff der Deutschheit rang. Also ein Ringen nach einem Begriffe «deutsch» war es, so wie man ringt nach Begriffen, denen man ganz objektiv gegenübersteht, nicht so subjektiv, wie sonst ein Volk dem Begriff seiner Nationalität gegenübersteht.

Es liegt in dem Streben der Bewohner Mitteleuropas etwas, was eben durchaus als «Streben etwas zu werden» bezeichnet werden muß, und nicht schon als ein «Streben etwas zu sein». Also etwas zu «werden» und nicht etwas zu «sein», so daß in diesem Mitteleuropa der Mensch, der sich selbst versteht, sich eigentlich auflehnen müßte dagegen, jemals unter irgendeinen Begriff notifiziert zu werden. Er will das, was er ist, eigentlich erst werden; es schwebt ihm das, was er werden soll, sozusagen als sein Ideal vor, und deshalb ist der charakteristische Ausdruck für das innerste Streben Mitteleuropas der Faust Goethes. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», oder auch: «Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.» Es ist das Werden im Sein, das niemals stillstehende Sein, das Zu-etwas-Hinstreben, das Erblicken in weiter Ferne desjenigen, was man eigentlich sein will.

So können wir sagen: Es mußte aus dem «flüssigen» Streben des menschlichen Wesens dasjenige Werk hervorgehen, das so charakteristisch ist für das mitteleuropäische Wesen: eben die Goethesche Faust-Dichtung, dieser Goethesche «Faust», der im Grunde genommen trotz all seiner Vollkommenheiten unendlich viel Unvollkommenes an sich hat, der kein in sich abgeschlossenes, ganz abgerundetes Kunstwerk ist. Dieser «Faust» könnte im Grunde genommen in einer späteren Epoche wieder geschrieben werden, und er könnte ganz anders geschrieben werden und würde dennoch das Wesen des mitteleuropäischen Menschen ausdrücken. Wenn man gerade dieses im Faust ausgedrückte Wesen auf sich wirken läßt, dann kommt man dazu, in dem aufstrebenden Ich das Wesen der mitteleuropäischen Menschheit zu sehen, schlangenumwunden. Schlangenumwunden! Das heißt, strebend in der noch unentschiedenen Weisheit, strebend in der sich bildenden Weisheit, strebend in der werdenden Weisheit, niemals im Grunde genommen in irgendeiner Sicherheit der Abgeschlossenheit seines Wesens lebend, ist der mitteleuropäische Mensch.

«Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor.»

Und dann der Hinaufgang des Faust in die geistige Welt am Schlusse des zweiten Teils. Man möchte sagen, durch Goethe wird Faust ein «Götterbote. Man kann das gewiß nicht anschaulicher ausgedrückt empfinden, als wenn man dem Merkurstab sich gegenübergestellt sieht.

Aber noch inanderer Weise ist gerade dieses deutsche Element dasjenige, das man am besten bezeichnen kann damit, daß man sagt, seine Glieder sind Boten. Der Bote, der Geistesbote, war der Merkur. Man braucht nur hinzusehen auf das, was sich zugetragen hat, und man wird finden, wie das deutsche Volk in der Kulturbotschaft seine tiefere Aufgabe hat.

Auf einzelne Erscheinungen darf ich dabei aufmerksam machen. Betrachten wir in bezug darauf gerade die Kultur Österreichs. Wenn man in den österreichischen Staat, in dieses merkwürdige, komplizierte Staatsgebilde hineinsieht, lernt man drei Völkersplitter, könnte man sagen, kennen, die als solche jetzt größtenteils verschwunden oder im Verschwinden begriffen sind: die Bewohner des nördlichen Ungarn, in der Zipser Gegend, gewisse Bewohner Siebenbürgens, gewisse Bewohner der unteren Theißgegend, des Banates. Was waren das für Leute? Das alles waren Leute, die in früheren Jahrhunderten aus mehr westlichen Gegenden ausgewandert sind, Leute, die von dort ihr deutsches Denken, ihre deutsche Sprache mitgebracht haben. Ein solcher Völkersplitter hat sich südwärts der Karpaten im nördlichen Ungarn angesiedelt: man hat sie in meiner Jugend noch die Zipser Deutschen genannt; sie sind heute zum großen Teil untergegangen im Magyarentum. Sie haben das, was sie waren als Volkssubstanz, fast vollständig aufgegeben, aber es lebt diese Volkssubstanz im Magyarentum weiter. Sie ist nicht verschwunden, sie lebt weiter in einer großen Anzahl von Impulsen, die im Magyarentum vorhanden sind; aber auch in der emsigen und fleißigen Arbeit, welche die Leute von Nordungarn geleistet haben. Sie haben keinen Anspruch erhoben, etwas Besonderes zu sein neben den umwohnenden Völkerschaften, sie haben sich im Grunde genommen nicht gewehrt gegen die Hinopferung des Deutschtums.

In Siebenbürgen sind die Siebenbürger Sachsen. Die stammen ursprünglich vom Rhein. Ich habe sie selber noch kennengelernt im Jahre 1889, als ich einen Vortrag hielt in Hermannstadt. Sie sind heute im Begriff, vom Magyarentum aufgenommen zu werden, geradeso wie die Zipser Deutschen. Die Volkssubstanz lebt weiter, sie geht auf im mitteleuropäischen Wesen, aber die Siebenbürger Sachsen haben keinen Anspruch darauf erhoben, daß ihr nationales Element besonders betont werde.

Die Leute in der südlichen Theißgegend, im sogenannten Banat, sind echte ausgewanderte Schwaben. Sie sind ausgewandert aus der Gegend des heutigen Württemberg. Ganz genauso ist es ihnen ergangen wie den Bewohnern der Zipser Gegend; sie waren Boten für das, was jetzt aufgeht in anderer Sprache, in ganz anderer nationaler Form, richtige Boten. Und wenn man genauer die Verhältnisse kennt, weiß man, wie notwendig das Aufgehen dieser Menschen in einem mitteleuropäischen Elemente war, damit dieses mitteleuropäische Element für sich gedeihen konnte.

Ähnliches ließe sich in zahlreichen anderen Fällen anführen. Derjenige, der etwas begreifen will und nicht bloß nach äußeren Begriffsschablonen urteilen will, der wird durch solche Dinge anschaulich dargelegt finden, daß sie darstellen ein Überwinden des nationalen Elementes, ein Zurückdrängen des nationalen Prinzipes. Es ist in Mitteleuropa durchaus alles darauf angelegt, den Menschen aus dem Nationalen herauszuholen, den «Menschen an sich» geltend zu machen. Daher wäre es auch lächerlich, den «Faust» einen «Deutschen» zu nennen, obwohl er nur in Mitteleuropa entstehen konnte, obwohl er zu den repräsentativen Werken Mitteleuropas im wahrsten Sinne gehört.

Meine lieben Freunde, wenn man solche Auseinandersetzungen wirklich durchschauen will, dann muß man die verschiedenen Verschlingungen ins Auge fassen, die in der Evolution der Menschheit stattfinden. Diese verschiedenen Verschlingungen zeigen uns zum Beispiel wenn man das Augenmerk lenkt auf das gestern Gesagte -, daß in der französischen Kultur ein Wiederaufleben des griechischen Altertums stattgefunden hat. Natürlich lebt das griechische Altertum in einer gewissen Beziehung auch in der deutschen Kunst, namentlich in der deutschen Dichtung auf, und es könnte ganz gut jemand sagen: Lebt denn nicht die griechische Iphigenie in Goethes «Iphigenie» wieder auf? Hat denn Goethe nicht eine «Achilleis» gedichtet, wenigstens einen Teil?

Diesen Dingen muß man durchaus auf den Grund gehen, um sehen zu können: Gewiß lebt das Griechentum auf in der ganzen fünften nachatlantischen Kultur, aber worauf es ankommt, ist, daß es so, wie es gelebt hat in der Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele, wiederum auflebt in den Verstandes- oder Gemütsseelen-Elementen des Franzosentums. Es lebt nicht in der Denkweise des einzelnen Franzosen, in seiner Individualität, sondern es lebt in der Volksseele, es lebt in der Art des Seins dieser Volksseele. Im einzelnen Franzosen lebt es bewußt vielleicht sogar weniger, als beispielsweise in Goethes oder Schillers Anschauung die Meinung gelebt hat, daß das alte Griechentum wieder auftaucht in der französischen Kultur. Aber in der ganzen Art und Weise, wie die Volksseele wirkt, lebt in der Volksseele des Franzosentums ein Wiederauftauchen des alten Griechentums.

Gewiß, man kann sich auf so etwas berufen, was Voltaire schrieb in einem Briefe vom Jahre 1768: «Ich habe stets daran geglaubt, ich glaube und ich werde stets daran glauben, daß Athen, was Tragödien und Komödien anlangt, von Paris in jeder Beziehung übertroffen werde. Ich behaupte kühn, daß alle griechischen Tragödien wie schülermäßige Arbeiten aussehen, verglichen mit den herrlichen Szenen des Corneille und den vollendeten Tragödien Racines.» Man könnte das auch vergleichen mit einem Schreiben Schillers an Goethe, in dem er etwa sagt: Da Sie nicht als Grieche und nicht als ein Italiener geboren sind, da Sie geboren sind in dieser kalten nordischen Natur, so haben Sie in sich ein ideelles Griechenland erstehen lassen müssen. - Aber trotzdem darf man nicht glauben, daß in Mitteleuropa das Griechentum in einer so adäquaten Weise aufgetaucht ist wie im Franzosentum. Wenn man die «Iphigenie» nimmt, sieht man, es lebt darin die Sehnsucht nach dem Griechentum. Goethe glaubte die Kunst anders verstanden zu haben, nachdem er sie in Italien erlebte - und doch: in der «Iphigenie» Goethes lebt etwas ganz anderes als in einem griechischen Kunstwerke. Über die Art und Weise, wie die Dinge künstlerisch gestaltet sind, könnte ich viel sagen; ich will aber diese Dinge in diesen Vorträgen nur andeuten.

Das Wiederaufleben der Verstandes- oder Gemütsseele im französischen Volke zeigt sich in der Art zu leben. Wenn wir Voltaire in seiner Abschätzung der Entwickelungsgeschichte der Menschheit betrachten, so erscheint er uns ganz als Grieche. Man hat ja allerdings sich da und dort ganz phantastischen Begriffen vom Griechentum hingegeben. Aber wenn man weiß, was das Griechentum ist und liest ein kleines Gedicht Voltaires, so fühlt man, was mit dem Wiederaufleben der griechischen Kultur gemeint ist. Es ist folgendes in dem kleinen Gedichte enthalten: «Voll von Schönheiten und von Fehlern - hat der alte Homer meine Hochachtung er ist, wie seine Helden sämtlich - geschwätzig, übertrieben, jedoch erhaben.»

So hätte ein Grieche selbstverständlich nicht über Homer sprechen können, wohl aber in dieser Art über etwas anderes. Es ist ganz griechische Art.

Wenn wir für die mitteleuropäische Kultur nach einem Worte suchen, das wir an die Stelle des Wortes «Nationalität» setzen müssen, so finden wir, schon rein angesichts der geographischen Notwendigkeit, das Wort «Streben nach Individualität». Und mit diesem Wort «Streben nach Individualität» können wir nicht etwa bloß die Deutschen charakterisieren, sondern da müssen wir noch eine ganze Anzahl von anderen Völkern zu Mitteleuropa rechnen. Dieses Streben nach Individualität haben sie alle in allerhöchstem Maße. Wir finden es - trotz allem, was diese Völker äußerlich verschiedenes haben - bei den Tschechen, bei den Ruthenen, bei den Slowaken, bei den Magyaren, und wir finden es endlich in dem anderen Pole des Deutschtums, bei den Polen. Bei ihnen ist alles bis ins Extreme getrieben von der Individualität durchtränkt. Daher die so individualistische Weltanschauung bei den großen polnischen Männern Towianski, Slowacki und Mickiewicz, die ganz aus dem einzelnen Menschen fließt. Ob die polnische Philosophie dem einen oder anderen sympathisch oder antipathisch ist, darauf kommt es nicht an, die Dinge müssen objektiv genommen werden. Wir können jederzeit bei dem, was als polnisches Religionselement auftaucht, davon absehen, daß der Betreffende ein Pole ist.

Und so ist es bei diesem ganzen Völkerkonglomerat, das die Kultur Mitteleuropas ausmacht: als Gemeinschaftliches ergibt sich das Streben nach Individualität. Der polnische Messianismus ist nur der andere Pol des Strebens nach Individualität; da ist es mehr abstrakt gefaßt, mehr als philosophisches Ideal hingestellt; aber es ist dasselbe, was im Goetheschen «Faust» als strebender Persönlichkeitscharakter, als Streben der einzelnen Persönlichkeit zum Ausdruck kommt.

Für alles dieses, was da in Mitteleuropa als das individuelle Element spielt, zeigt sich als richtig dieses Zeichen (Merkurstab),

287-07
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und dasjenige, was von oben kommt, ist angedeutet in dem zweigliedrigen Motiv darüber. Es muß zweigliedrig sein, weil auf der einen Seite dasjenige auszudrücken ist, was in diesem Mitteleuropa an Idealismus vorhanden ist und auf der anderen Seite dasjenige, was in praktischem Sinne vorhanden ist. Dabei kommt es nicht auf die Größe an, sondern darauf, daß das eine neben und das andere über dem unteren Motiv sich wölbt.

In dem, was sich über dem Merkurstab wölbt, ist ausgedrückt die eigentümliche, nicht starke Art des Zusammenhanges der mitteleuropäischen Völker mit dem Grund und Boden, wie sie bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger vorhanden ist. In der Form des Merkurstabes drückt sich aus das gedankenhafte Element Mitteleuropas, das Element, welches zur philosophischen Spekulation hinneigt. Man hat ja die Deutschen von seiten einer auswärtigen Nation einmal so charakterisiert, daß man diese zwei Elemente in der Charakteristik, wenn auch wenig verstanden, darinnen hat. Man hat nämlich einmal mit Bezug auf die Deutschen gesagt: Die Deutschen können das Land bebauen und sie können in den Wolken segeln - man hat damit nicht Luftballons gemeint, sondern die deutsche Träumerei -, aber sie werden niemals die Meere befahren können. - Es ist dies ein sonderbares Urteil, wenn man an die deutsche Hanse denkt; aber es ist gefällt worden.

Es träufeln hier herunter (siehe Figur S. 38) die in die Deutschen hineingelegten Anlagen, von denen zwei zugleich mitteleuropäische Anlagen sind.

Im Ich ist dasjenige Element in der Menschenseele gegeben, das vor allen Dingen mit sich selbst zurecht kommen muß. Es wird daher in diesem Ich-Elemente vor allen Dingen ein Brodeln und Quirlen in sich selbst geben. Was auch die Deutschen nach außen an Kriegen geführt haben und führen werden, die charakteristischen Kriege sind diejenigen, welche Deutsche gegen Deutsche geführt haben, damit im Innern das Ich zutage komme. Wenn man diese Kriege verfolgt, dann hat man ein getreues Abbild der Kriege, die im Ich des Menschen selber vor sich gehen.

Ich habe einmal darauf aufmerksam gemacht, daß des Menschen Ich niemals voll zum eigenen Bewußtsein kommen könnte, wenn es nicht jeden Morgen an der Außenwelt sich von neuem entzündete. Es ist dieser Gedanke an mehreren Stellen meiner Vorträge enthalten. Das Ich kommt dadurch zum Bewußtsein, daß es an der Außenwelt sich entzündet, sonst wäre das Ich zwar da, aber es würde nicht voll bewußt werden. Alles, was die Leitlinien der Geisteswissenschaft geben über das, was der Mensch ist, findet seine Bestätigung durch die äußeren Tatsachen.

Die äußere Konfiguration, die sich die Staaten Mitteleuropas gegeben haben, rührt in gewissem Sinne nicht von diesen Staaten selber her, sondern ist von außen veranlaßt. Wenn ich zunächst von Österreich rede, so muß ich sagen: In meiner Jugend gab es in Österreich zahlreiche Menschen, die immer davon sprachen, Österreich, dieses Völkerkonglomerat, müsse sich doch bald auflösen; es könne sich nicht halten; es sei reif zur Auflösung. Die Menschen, die etwas von der Weltentwickelung verstanden, haben das nicht geglaubt, weil sie wußten, daß Österreich nicht nur von innen zusammengehalten, sondern von außen zusammengeschoben wird. Das läßt sich mit allen Einzelheiten nachweisen in der Geschichte.

Wenn man dann ganz objektiv von der neuesten Konfiguration des Deutschen Reiches sprechen wollte, so müßte man sagen: Die Deutschen haben zwar immer von dem einigen Deutschen Reich geredet, sie haben es lange als Ideal vor sich gehabt, aber vielleicht wäre es heute noch nicht da, wenn nicht 1870 die Franzosen den Krieg erklärt und dadurch dazu gedrängt hätten, das Deutsche Reich zu gründen. Es ist tatsächlich von außen dazu gebracht worden, so wie das Ich jeden Morgen sein Bewußtsein an der Außenwelt entzündet; sonst wäre es wahrscheinlich als Strebensziel, als Ideal auch heute noch nur in den Gedanken der Bewohner vorhanden.

Alle diese Dinge müssen ganz objektiv erwogen werden, insbesondere von denjenigen, die wirklich ganz streng auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen wollen. Nur so kann man ruhig und gelassen die Überschau halten über dasjenige, was sich in der fünften nachatlantischen Kultur entwickelt. Ich will nur einzelne Leitlinien eben anführen, denn das, was ich darüber zu sagen hätte, könnte in fünfzig Vorträgen selbstverständlich nicht erschöpft werden. Aber jeder einzelne Vortrag würde einen neuen Beweis liefern für die Wahrheit dessen, was hier nur mit wenigen Worten angedeutet werden kann.

So dürfen wir sagen: Der Geisteswissenschafter kann ein Bild der europäischen Kultur gewinnen für das, was ihm als Prototyp des Zusammenwirkens von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele und Ich vor Augen schwebt. Und es kann als ein hohes Ideal vor unserer Seele stehen, daß wir - durch das, was wir als Geisteswissenschafter über das Zusammenwirken dieser Seelenglieder wissen - wirklich das Unsere dazu beitragen, daß an Stelle dessen, was jetzt als ein Chaos im Zusammenwirken vor uns liegt, dasjenige entstehe, was uns als Ideal des Zusammenwirkens auch in bezug auf die menschlichen Einzelseelen erscheinen muß.

Das ist aber nur dann möglich, wenn jeder Einzelne sich zur Objektivität durchringt. Der Einzelne, der Mensch, steht höher als die Nation. In unserer Zeit sind diese Dinge vielfach getrübt. Solche Bemerkungen zu machen, bin ich nun schon einmal genötigt. Es ist meine spirituelle Pflicht, sie Ihnen zu machen, und nur weil es meine spirituelle Pflicht ist, mache ich diese Bemerkungen in unserer Zeit.

Wir leben ja heute in einer Zeit, in der mehr als je getrübt zu sein scheint der Blick für dasjenige, was die angedeutete Harmonie der Völkerseelenglieder ausmacht, und für alles das, was um uns herum vorgeht. Ich will nicht einmal dabei den Hauptnachdruck auf dasjenige legen, was in den Schlachten geschieht, die muß man aus anderen Notwendigkeiten begreifen, sondern auf das, was vorgeht in der Beurteilung der einzelnen Völker. Alles das scheint zu widersprechen dem, was in der fünften nachatlantischen Kulturepoche sein sollte.

Ich habe schon früher in den Auseinandersetzungen, die ich hier gepflogen habe, darauf aufmerksam gemacht, wie gewissermaßen für mich symptomatisch war mein Erleben mit meinem zuletzt erschienenen Buch, dem zweiten Band von «Die Rätsel der Philosophie». Bis Seite 2061 hatte ich geschrieben, als der Krieg ausbrach. Dasjenige, was nach Seite 206 folgt, namentlich der «Skizzenhaft dargestellte Ausblick auf eine Anthroposophie», ist schon während des Krieges geschrieben. Ich habe dazumal versucht, die Philosophie Boutroux’ und Bergsons in objektiver Weise darzustellen. Ich glaube, daß jedermann diese Darstellung, bei der Kürze, mit der es geschehen mußte, objektiv finden kann. Allerdings mußte aufmerksam gemacht werden auf die Tatsache, daß Bergsons Philosophie nicht eine originale ist und in gewissem Sinne leicht gewoben ist. Ohne irgendein Urteil abzugeben, werden die philosophischen Ansichten Boutroux’ und Bergsons auf Seiten 199 bis 204 dargestellt,2 und dann sagte ich auf Seite 204: «Aus leicht gewobenem, leicht erringbarem Nachdenken bringt damit Bergson eine Idee der Entwickelung hervor, welche bereits vorher 1882 W.H.Preuß in seinem Buche «Geist und Stoff (Oldenburg, 2. Aufl. 1899) gedankentief ausgesprochen hat.» Dann werden die Ideen des einsamen Denkers Preuß abgehandelt auf Seiten 205 bis 206. - Natürlich wäre es Bergsons Pflicht gewesen, diese Ideen des Preuß zu kennen. Ich sage ausdrücklich, es wäre seine Pflicht gewesen, die Philosophie des Preuß zu kennen, denn ein Philosoph muß die Philosophie seiner Zeitgenossen kennen, wenn er schreiben will. Ich bitte, das ins Auge zu fassen, daß ich sage: es wäre seine Pflicht gewesen, das Angedeutete zu kennen - damit nicht jemand behauptet, ich hätte gesagt, Bergson hätte absichtlich Preuß verschwiegen. Das habe ich nicht gesagt.

Nehmen wir an, alles das, was die Völker übereinander gesagt haben und was geschehen ist in den letzten Wochen, wäre nicht gekommen, dann würden die über Bergson geschriebenen Worte einfach objektiv dastehen. Selbstverständlich werde ich zu keiner Zeit über dieses Faktum mich anders aussprechen können. Wer auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, muß objektiv bleiben. Aber dasselbe Faktum tritt uns in einer Rede entgegen, die gehalten worden ist am 10. September 1914 von dem auch in Frankreich bekannten Philosophen Wilhelm Wundt «Über den wahrhaften Krieg».

Selten wohl habe ich so stark die Empfindung gehabt «der Ton macht die Musik», wie beim Durchlesen dieser Rede. Denn was sagt Wundt über eine Äußerung, die Bergson gemacht haben soll? Ich will noch immer glauben, daß Bergson das angedichtet worden ist, denn so etwas Läppisches möchte ich ihm doch nicht zutrauen. Was sagt also Wundt? «Das ist es, was diesen Krieg für uns zu einem so schweren und schmerzlichen macht, daß er vor allem ein Krieg gegen das uns stammverwandte und trotz allem, was seit den Tagen Altenglands sich im geistigen Charakter der Briten, nach unserer Meinung nicht zu ihrem Vorteil, verändert haben mag, doch auch am meisten uns Deutschen geistesverwandte England ist. Was kümmern uns demgegenüber die Belgier, die in ihrer waghalsigen Verblendung diesen Krieg geführt haben, um vor aller Welt endgültig ihre Existenzunfähigkeit als Staat zu beweisen? Und wer ist unter uns, der nicht mit dem schönen Frankreich, das in der ungeheuren Mehrheit seiner Bevölkerung diesen Krieg nicht gewollt hat, in den es durch den gewissenlosen Ehrgeiz einer Handvoll abenteuernder Politiker gestürzt worden ist, aufrichtiges Mitleid empfände? Selbst mit den bramarbasierenden Journalisten, die diese selbstverschuldete Demütigung Frankreichs durch törichtes Schimpfen auf das deutsche Volk wettmachen wollen, werden wir nicht allzu streng ins Gericht gehen. Was verschlägt es uns, wenn Herr Henri Bergson, den in Deutschland kein ernst zu nehmender Philosoph jemals ernst genommen hat, uns Barbaren schilt? Wissen wir doch, daß dieser Philosoph seine Gedanken, soweit sie überhaupt etwas taugen, uns Barbaren gestohlen hat, um sie dann nachträglich mit dem Flittergold seiner Phrasen aufgeputzt als eigene Erfindung in die Welt zu schicken.»

So darf natürlich die Ich-Kultur nicht sprechen über die Verstandes- oder Gemütsseelenkultur. Hier aber ist getrübt dasjenige, was klar gesehen werden sollte. Wenn jedoch eine genügend große Anzahl von Leuten die Geisteswissenschaft in ihr Herz geschlossen haben wird, von der Geisteswissenschaft wirklich durchdrungen sein wird, dann wird aus dieser Trübung das hervorgehen, was wir als Ideal uns vorhalten müssen aus den Wahrheiten der Geisteswissenschaft heraus. Wir müssen nur genügend tief in diesen Wahrheiten darinnenstehen, dann können wir sie recht empfinden. Derjenige, der die Wahrheit von dem Verhältnis der verschiedenen Kulturen zueinander empfinden will, der lese - indem er richtig fühlt - wie durch eine besondere Art von Chiromantie, die Zeichen dessen, was in unseren Säulen und Architraven darinnen ist. Er sehe sich die verschiedenen Windungen und Formmotive an, die da ausgeprägt sind, und er wird erkennen, welches die verschiedenen geistigen Verhältnisse der einzelnen Nationen sind. Da ist kein einziges Motiv einem Zufall verdankt, sondern bei jedem Motiv ist zu fragen: wofür ist es das Zeichen? Während du dieses Motiv siehst, siehst, wie es übergeht in das der dritten Säule, wird zugleich damit ausgedrückt, was da zwischen den Völkern steht, die zu den beiden Säulen Beziehung haben. Die inneren Strukturverhältnisse des Seelenlebens der Völker können Sie ablesen an diesen Säulen- und Architravmotiven.

Und gehen Sie nach Osten zur russischen Kultur, so können Sie darin finden, was den Menschen zum Menschen macht dadurch, daß er das Gute, das Vortreffliche von allen Einzelkulturen in seiner Seele zusammennimmt, von dem wir hoffen, daß es symphonisch zusammenklingen wird in dem zweiten, dem kleineren Bau, also in dem, was unter der zweiten, der kleineren Kuppel ist. Indem wir also weiter nach Osten gehen, schließt sich an dieses Motiv (Zeichnung Seite 38) das andere an:

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Man sieht, daß es aus dem Merkurstabe entstanden ist; man sieht aber auch, daß, während der Merkurstab sein Schlangenmotiv horizontal in der Welt ausbreitet, hier das Hauptmotiv nach oben gipfelt, nach unten sich gabelt, um zu empfangen, um aufzunehmen dasjenige, was von oben kommt wie eine Blüte, die sich von oben nach unten öffnet.

In diesem Motiv - es ist das Jupitermotiv, so wie das vorige das Merkurmotiv ist - kommt die Jupiterkultur des europäischen Ostens zum Ausdruck. Sie drückt sich da aus in der ganz nach oben gerichteten «Schlangenheit» des Motivs, in dem, ich möchte sagen, «Gefalteten», das sich wie gefaltete Hände entgegenstreckt dem, was von oben kommt, und an denen vorbeigleitet das, mit dem der irdische Mensch sich zu verbinden hat, das, was von oben kommt wie eine Blüte.

Dieses Motiv und das, was dahintersteht, ist für den Europäer gar nicht so leicht zu begreifen, weil es zusammenhängt mit der Zukunft, weil es viel mehr zusammenhängt mit der Zukunft als mit der Gegenwart. Es ist außerordentlich schwierig, aus dem Grundcharakter der gegenwärtigen Sprache schon die Worte zu finden, um das zu charakterisieren, was hinter diesem Motiv sich verbirgt. Es ist aus dem Grunde so außerordentlich schwierig, weil, sobald man an dieses Motiv kommt, die Worte gleich etwas ganz anderes bedeuten müssen als vorher, wenn man den Charakter der Sache adäquat treffen will. Man kann nicht von russischem Wesen in demselben Sinne sprechen, wie vom englischen, französischen und italienischen Wesen. Wir haben schon gesehen, daß man beim mitteleuropäischen Wesen nicht in demselben Sinne von nationalem Wesen sprechen kann wie bei den westeuropäischen Völkern; noch weniger kann man von dem russischen Wesen, in bezug auf das Nationale, dasselbe sagen wie von den westeuropäischen Völkern. Denn blickt demjenigen, der den Blick hinwendet zu Rußland, etwas Ähnliches entgegen, wie dem, der auf das englische, französische und italienische Volk den Blick richtet? Nein! Da ist etwas im russischen Wesen, was wie eine ganz anders geartete Verwandlung Westeuropas ist.

Im Westen Europas blicken uns entgegen nationale Kulturen, deren Grundwesen wir finden, wenn wir uns in dasjenige, was als Kultur da ist, vertiefen. Beim deutschen Wesen finden wir ein Streben, ein Nicht-Fertiges, ein Streben nach etwas, was noch nicht da ist, was nur als Ideal nur da ist. Aber dieses Streben nach dem Ideal lebt im Blute, im astralischen und ätherischen Leibe des Mitteleuropäers. Blicken wir nach Osten, so sehen wir eine grandiose, geschlossene, religions-philosophische Kultur, vor allem eine religiöse Kultur. Aber ist sie russisch zu nennen? Es wäre unsinnig, sie russisch zu nennen - wenn die Russen dies auch tun -, denn es ist die Fortsetzung der Kultur, die vom alten Byzanz herübergekommen ist.

Es ist ganz natürlich, daß dasjenige, was in der Empfindungsseele lebt, aus der Empfindungsseele kommt, daß das, was in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, aus der Verstandes- oder Gemütsseele kommt, daß das, was in der Bewußtseinsseele lebt, aus der Bewußtseinsseele, und das, was im Ich lebt, wenn es auch ein Flüssiges, ein Werdendes ist, aus dem Ich kommt. Das aber, was aus dem Geistselbst kommt, ist etwas, was sich in Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele aus dem Geiste niederläßt.

Wir wissen ja, daß wir zu konstruieren haben: Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele und Ich, dann das Geistselbst als etwas, das sich von oben in diese vier herabneigt. Dieses Geistselbst muß sich dadurch ankündigen, daß etwas Fremdes, wie herabträufelnd, über das nationale Wesen kommt.

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So sehen wir, daß im Grunde genommen der russischen Seele alles fremd ist, was sie bisher als ihre Kultur erlebt, fremd von dem Momente an, wo die griechisch-byzantinische Kultur gesucht wird, bis zu den äußeren Einrichtungen, die durch Peter den Großen alle von außen geholt werden. So sehen wir, wie durch das Geistselbst hinuntergesenkt wird die Kraft, die herunterstrebt zu den Seelenkräften, nur daß das Geistselbst seine wahre Kraft, seinen wahren Charakter erst in Zukunft erhalten wird, daß aber die russische Seele sich zu gewöhnen, sich vorzubereiten hat, dieses Geistselbst zu empfangen.

Selbstverständlich ist dasjenige, was jetzt von Fremdem an die russische Seele herangekommen ist, nicht das Geistselbst der Zukunft. Aber so wie jetzt das byzantinische, das östliche Christentum, wie die westliche Kultur sich niedergesenkt haben auf die russischen Seelen, so wird sich einst das Geistselbst niedersenken. Es ist heute nur die Vorbereitung, die Neigung dazu da, das Geistselbst zu empfangen.

Für alles, wozu die Geisteswissenschaft die Leitlinien gibt, können Beispiele angeführt werden. Hier ein naheliegendes Beispiel, wie ich es schon öfter erwähnt habe. Ich habe die Größe des Philosophen Solowjews oftmals hervorgehoben. Es schwebte mir zunächst durch Geisteserkenntnis die Größe des Philosophen vor, denn ich weiß, daß er noch größer ist, seit er im Jahre 1900 gestorben ist, daß er nach dem Jahre 1900 noch Größeres gewirkt hat, als er früher schon gewirkt hatte.

Aber nun betrachten wir die tatsächlichen Verhältnisse. Sie können sich selbst überzeugen aus Solowjews Schriften. Manches von Solowjew ist übersetzt worden. Wir haben die Übersetzungen von Nina Hoffmann, von Ernst Keuchel und dann das ausgezeichnete Buch, das Frau von Vacano übersetzt hat «Die geistigen Grundlagen des Lebens».

Nun versenke man sich als Mitteleuropäer in die Werke von Solowjew. Etwas sehr Eigentümliches kann man da bemerken, namentlich nachdem wir die letzte Übersetzung bekommen haben. Es ist außerordentlich interessant. Derjenige, der ausgerüstet ist mit alle dem, was die Philosophie West- und Mitteleuropas bietet, namentlich nachdem er so vorbereitet ist, wie es durch unsere Anthroposophie geschehen ist, wird sich zunächst bei Solowjew fragen: Nun, was bietet er denn Neues gegenüber der mittel- und westeuropäischen Philosophie? - Suchen Sie, was bei Solowjew vorliegt gegenüber dem, was im Westen gedacht worden ist. Sie werden keinen einzigen neuen Gedanken finden. Alles was vorliegt, ist westliche Philosophie dem Wortlaute nach; nichts, gar nichts, auch nicht einmal in einer Wendung, was nicht ebensogut, dem Satzgepräge und dem Wortlaute nach, hätte im Westen geschrieben werden können.

Und doch ist es etwas ganz anderes. Aber wenn Sie das suchen würden in der Philosophie, in dem, was da so ausgesprochen ist, daß Sie es lesen können wie ein gewöhnliches westeuropäisches Buch, so finden Sie nicht das, was das Andere ist. Das Andere steht nicht in dem Buche drinnen, in keiner Wendung; es steht nicht darin und ist doch darin enthalten. Wahrhaft darin enthalten ist dasjenige, was man durch die fühlende Seele findet, wenn man das Buch gelesen hat, trotzdem man sich davon überzeugt hat, daß nichts anderes als westeuropäische Philosophie darin enthalten ist. Es ist eine gewisse Nuance des Empfindens darin enthalten, die der Mitteleuropäer empfinden kann wie eine ganz schwüle Atmosphäre. Man könnte sagen, manchmal ist man darinnen wie in einem Backofen, besonders wenn große, bedeutsame Fragen aufgeworfen werden. Dann aber, wenn Sie solche Fragen aufgeworfen finden, werden Sie bemerken, daß nichts dabei herauskommt, nichts in dem Stile, in dem bei westeuropäischen Philosophen etwas herauskommt. Ein Gefühlston aber ist angeschlagen, der ausklingt wie ein Unendliches, wie ein Erwartungsvolles; ein Gefühlston, der mystischen Charakter hat; allerdings ist es noch eine ganz schwüle Mystik, die sogar dem Westeuropäer etwas gefährlich werden kann, wenn er sich auf sie einläßt.

Wenn man bekannt ist mit demjenigen, was in den Untergründen der menschlichen Seele ist - und man muß schon damit bekannt sein, wenn man sich einlassen will auf diese Eigentümlichkeiten mystischer Schwüle -, dann ist diese Schwüle ganz gewiß ungefährlich. Ich glaube, wer gar nicht bekannt ist mit den Untertönen der menschlichen Seele, bemerkt die Sache gar nicht und hat einfach einen westeuropäischen Philosophen vor sich. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, eine Erscheinung, die so recht darauf hinweist, daß dasjenige, was aus dem Osten kommen muß, noch nicht ausgesprochen ist, überhaupt noch nicht in Worte gegossen ist.

Man kann von einer anderen Seite die Eigentümlichkeiten der europäischen Kulturen kennenlernen, wenn man zum Beispiel folgendes vor seine Seele rückt. Sehen Sie, etwas von der ganzen französischen Verstandes- oder Gemütsseelenkultur liegt in einem Voltaireschen Worte. Wer den Sinn dafür hat, aus Symptomen Realitäten zu empfinden, der muß das empfinden. Voltaire wird zugeschrieben, mit Recht zugeschrieben, das Wort: «Wenn Gott nicht existierte, so müßte man ihn erfinden.» Das setzt voraus - denn sonst hätte der Ausspruch keinen Sinn -, daß man dann an ihn glauben müßte; denn zum Spaß würde man ihn doch wohl nicht erfinden.

Das konnte nur ein Geist sagen, der ganz aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus wirkt und Vertrauen hat zu dem, was aus der Verstandes- oder Gemütsseele kommt, denn das Erfinden, das gehört zur Verstandes- oder Gemütsseele.

Jetzt nehmen wir einen Russen: Bakunin. Er hat den Spruch anders geprägt, und das ist sehr merkwürdig. Er sagt: «Wenn Gott existierte, so müßte man ihn abschaffen!» - So ungefähr sagt er. Er findet, daß er, um seiner Seele Geltung zu verschaffen, nicht ertragen kann, daß Gott da ist. Und sehr charakteristisch ist ein Wort, das Bakunin geprägt hat: «Wenn Gott existiert, so ist der Mensch Sklave» - die eine Alternative; oder die andere: «Der Mensch ist frei - also dann gibt es keinen Gott.» Bakunin kann nämlich nicht begreifen, wie er aus diesem Zirkel herauskommt und er sagt sich: Jetzt wollen wir wählen. Er wählt das zweite: «Der Mensch ist frei - also gibt es keinen Gott.»

Ich möchte sagen: Genauso steht die ganze westeuropäische Kultur gegenüber der osteuropäischen. Die westeuropäische Kultur kann die Idee des freien Menschen zunächst noch mit der Gottesidee vereinen; aber die osteuropäische Kultur findet: Wenn ich frei sein soll, das heißt, aus mir selber heraus denke, dann darf kein Gott existieren, der mich zwingt, sonst bin ich Sklave; es gibt keinen über mir.

Man fühlt die ganze Kluft zwischen Empfindungs-, Verstandes-, Bewußtseinsseele und Ich und dem Geistselbst, das noch wie in seinem Gegenteil dasteht im Osten und sich auf sein Wesen erst vorbereitet. Man fühlt die ganze Kluft zwischen dem Westen und dem, was uns vom Osten Europas entgegentritt, und die Unverwandtschaft dieses Ostens mit dem Westen, man fühlt sie dann in eigentümlicher Weise, wenn man vernimmt, wie repräsentative Persönlichkeiten des europäischen Ostens auf die westeuropäische Kultur reagieren. Wer sollte im Westen verstehen, wenn er nicht schon Schüler der östlichen Kultur ist, was der Teufel zu Iwan Karamasow sagt? Wer versteht so ohne weiteres, was Gorki eine «grausige, aber wahre Wahrheit» nennt? «Ja, was heißt Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit! Was heißt überhaupt «Mensch»? Das bist nicht du, und nicht ich bin’s, und nicht sie sind es... Nein! Sondern du, ich, sie, der alte Luka, Napoleon, Muhamed ... alle miteinander sind es! Das ist - etwas ganz Großes! Das ist etwas, worin alle Anfänge stecken und alle Enden... . Alles im Menschen, alles für den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles Übrige - ist das Werk seiner Hände und seines Gehirns! Der Mensch! Einfach großartig! So erhaben klingt das! M-men-nsch! Man soll den Menschen respektieren! Nicht bemitleiden .. . nicht durch Mitleid erniedrigen soll man ihn .. . sondern respektieren!»

Und der, welcher Schauspieler gewesen ist, wie spricht sich der über sein Verhältnis zum Publikum aus! Und wie der Sträfling! «Ich habe die Menschen immer verachtet, die um das Sattwerden gar zu besorgt sind. Nicht darauf kommt’s an. Der Mensch ist die Hauptsache! Der Mensch steht höher als der satte Magen!»

Das Verständnis für solche Dinge wird etwas schwer im Westen, denn sie drücken aus das mystische Leid des Ostens, sie lassen die Kluft empfinden zwischen dem, was werden soll im Osten Europas und dem, was in West- und in Mitteleuropa lebt.

Diese ungeheure Kluft weist uns darauf hin, daß alles, was im Osten lebt, heute noch ganz und gar nicht der Osten ist. Ich müßte viel darüber reden, aber ich kann diese Dinge nur andeuten. Dieser Osten ist etwas, was noch unausgesprochen lebt; etwas, wovon dieser Osten selber noch nicht viel weiß; etwas, wovon er erst empfindet und fühlt, was es einmal in der Zukunft werden wird.

Schwierig, das verstehen wir, muß es diesem Osten werden, die Brücke finden zu müssen zu seiner eigenen Wesenheit, schwierig muß es diesem Osten werden, sich selber zu finden, denn es liegt uns ja kein geringeres Phänomen vor als: dieser Osten lebt noch im Gefühl, lebt noch in dem Unaussprechbaren, er sucht nach einer Form der Aussprache; er sucht sie im Osten, sucht sie im Westen. Im Osten ist vieles für ihn in dem, was das byzantinische Wesen gebracht hat, und wenn er es ausspricht, ist es nicht sein eigenes Wesen mehr, ist es ein Fremdes, es ist nichts Eigenes.

Aber, meine lieben Freunde, über alle Klüfte führt eines: dasjenige, was wir als die wahre Geisteswissenschaft kennen. Und wenn sich uns jetzt schon in West- und Mitteleuropazeigen kann, daß die weitere Evolution ad absurdum gehen müßte ohne die Geisteswissenschaft, so zeigt sich uns, daß in dem Verhältnis zwischen Mittel- und Osteuropa ganz einfach eine Unmöglichkeit des Fortganges vorliegt, ohne daß über diese Kultur der Wahnsinn heraufkommt, eine Unmöglichkeit weiterzukommen, ohne die Verständigung durch die Geisteswissenschaft. In der Geisteswissenschaft werden sich die Menschen finden und verstehen, und sie werden sich auch so verstehen, daß nicht nur ihre theoretischen Triebe in der Geisteswissenschaft sich befriedigt finden, sondern daß durch die Geisteswissenschaft auch die Kulturleiden geheilt werden.

Mehr als sonstwo wird man noch im Osten Gelegenheit haben, die heutigen Ereignisse als eine starke Prüfung zu empfinden; denn dasjenige, was gerade im Osten wird empfunden werden müssen, wird im vollen Gegensatz stehen zu allem, was in diesem Osten diesen Krieg gewollt hat. Und noch mehr als im Westen und noch mehr als in Mitteleuropa gilt es für den Osten, daß das Sich-Identifizieren mit den Motiven, mit den aktiven Motiven dieses Krieges, eine Verleugnung des eigenen Wesens ist. Darum wird alles dasjenige, was zu diesem Kriege geführt hat, schwinden müssen im Osten, wenn das Heil, wenn die Sonne des Heils über dem Osten aufgehen soll.

Meine lieben Freunde, ans Herz soll uns wachsen unser Bau, denn er spricht alles das tiefer aus, als ich versuchen kann, mit skizzenhaften Worten zu seiner Interpretation zu sagen. Tiefer als durch meine Worte können Sie dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, empfinden, wenn Sie den Bau richtig empfinden, wenn Sie empfinden: Darin liegt alles. - Man muß nur jede Windung und jenes Schützende, das in den Windungen [dieses Architravmotivs] liegt, richtig empfinden. Denn unser Bau soll sein, was man nennen kann: eine Kuppel des gegenseitigen Verstehens der europäischen Menschen. So ist er vielleicht in einem ganz besonderen Sinne auch etwas von dem, was ich schon gesagt habe in der Vorrede zu meiner «Theosophie: Geisteswissenschaft ist etwas, was unsere Zeit verstandesmäßig abweist, und was sie auf der anderen Seite seelenhaft wiederum verlangt und gerade braucht, wahrhaftig braucht.

Wenn wir jetzt die Zeitereignisse betrachten, so können wir sagen, die Anthroposophie ist etwas, was die europäische Menschheit gerade in den jetzigen Wochen als etwas so Fernestehendes ansieht, wie es ihr nahestehen sollte, etwas, was sie mit jeder Faser des Herzens im Unterbewußtsein verlangen müßte. Denn wenn Geisteswissenschaft so eindringt in unsere Herzen, wie es nur andeutungsweise jetzt gesagt werden konnte in der Interpretierung der Säulen- und Architravformen, dann werden die Seelen der europäischen Menschheit in der richtigen Weise zueinander stehen. Und wenn Anthroposophie - und das ist für unsere unmittelbare Gegenwart das noch Wichtigere - diejenige Aufgabe ausführt an der Menschenseele, daß sie klärend in die menschlichen Gedanken eingreift, sie wirklich klärend durchsetzt und zurechtrückt, so wird ungeheuer viel gerade für die allernächste Zukunft gewonnen sein. Denn nicht nur, daß die Herzen nicht richtig zueinander stehen in unserer materialistischen Gegenwart, deren Karma wir erleben, sondern es stehen auch die Gedanken nicht richtig zueinander. Die Menschen wollen sich nicht verstehen. Aber noch mehr: die Menschen haben sich vielleicht noch nie in größerem Stile so angelogen wie in unserer jetzigen Zeit. Das ist schlimmer noch, meine lieben Freunde, als dasjenige, was auf den äußeren Schlachtfeldern geschieht, weil es nachhaltiger wirksam ist, weil es hinaufwirkt bis in die geistigen Welten.

Es ist im Grunde genommen eine Lotterigkeit im Denken, worin die Menschen es heute schon so weit gebracht haben. Deshalb muß man sagen: Anthroposophie ist dasjenige, was heute das Dringendste und Notwendigste ist für die Menschen.

Man darf schon die Frage aufwerfen: Können denn die Leute heute noch denken? Und man darf die andere Frage aufwerfen: Fühlen denn die Leute noch, daß man erst das Wahre, das Wirkliche der Tatsachen haben muß, wenn man darüber denken und sprechen will?

Ich bin - in dem angedeuteten Sinne - aus der spirituellen Welt heraus dazu verpflichtet, diese Fragen zu stellen.

Dasjenige, was in Mitteleuropa lebt, hat der amerikanische Expräsident Theodore Roosevelt «Bernhardismus» genannt. Ich will nicht darüber sprechen, was dieser Expräsident gesagt hat, ich will Ihnen nur ein kleines Pröbchen geben von denjenigen Dingen, die gewöhnlich nicht bemerkt werden. Im Grunde genommen ist das Buch, das ich hier in der Hand habe Friedrich von Bernhardi «Deutschland und der nächste Krieg» - und auf das ja Roosevelt angespielt hat, ein sehr ernstes Buch, denn der, der es geschrieben hat, wußte auf äußerliche Weise sehr viel von diesem Kriege. Deshalb ist in diesem Buche von exoterischen Gesichtspunkten aus etwas außerordentlich Instruktives gegeben. Aber wie steht es mit dem Denken bei einem so - in seiner Art - aufrichtigen Buche?

Es gibt da ein Kapitel «Das Recht zum Kriege». Selbstverständlich, wenn man von einem «Recht zum Kriege» spricht, muß man sich auf einen Standpunkt stellen, der da erzeugt wird, wo Völkergemeinschaften höher gestellt werden als die Menschen als Individualitäten: man muß aus dem Bewußtsein luziferischer und ahrimanischer Geister sprechen. In diesem Kapitel findet sich ein Satz, der vom Standpunkt des Verfassers so gut wie möglich gemeint ist. Es wird versucht zu erklären, daß, solange es Völker gibt, Völker ein Recht haben, sich zu bekriegen. Der Satz lautet: «Wie der einzelne sittlich nichts Höheres leisten kann, als mit seinem Leben einzustehen für seine Überzeugung, als das eigene Ich der Sache zu opfern, der er dient, oder auch nur dem Begriff des Wertes idealer Güter für die sittliche Persönlichkeit, ...» sehr schön, es wird die höchste Selbständigkeit als Ideal charakterisiert; dann heißt es weiter: «... so können auch Völker und Staaten nichts Erhabeneres vollbringen, als ihre ganze Kraft für ihre Selbstbehauptung, ihre Ehre und Würde einzusetzen.»

Nun, meine lieben Freunde, das ist ein Salto mortale, wie er schöner nicht zu denken ist! Denn was im ersten Teil des Satzes gesagt wird, ist ja an sich richtig, aber in Verbindung mit dem Gedanken im zweiten Teil des Satzes ist es das Tollste, was man sich denken kann, denn die Staaten können nicht auf einen selbstlosen Standpunkt sich stellen, weil da ganz andere Verhältnisse vorliegen. Man muß sich das nur klarmachen. Stellen Sie sich zum Beispiel auf den Standpunkt eines österreichischen Staatsmannes, nachdem das geschehen war, was zu dem Attentat eines Serben in Sarajewo geführt hat. Kann man da im Sinne des Satzes von Bernhardi sprechen? Keineswegs! Der Staatsmann hat zu handeln in dem Sinne, wie der Egoismus des Staates es ihm auferlegt. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie heute Sachen gesagt werden, die ganz falsch gedacht sind. Da wird klärend im eminentesten Sinne die geisteswissenschaftliche Gesinnung eingreifen, wenn nur genug Menschen dafür da sind. Das sind keine Kleinigkeiten, das sind «Großigkeiten». Denn aus diesem setzt sich alles das zusammen, was heute zu dem furchtbaren Ausbruch des Krieges geführt hat. Das sage ich, weil ich es wirklich zu wissen glaube. Ich sage es, weil ich zugleich wirklich sagen darf - soweit so etwas im Sinne eines Okkultisten gesagt werden kann -, weil ich genug gelitten habe unter den Verhältnissen der letzten Wochen, und genug darunter leide, und genug Erschütterndes durchgemacht habe, angefangen von dem Sarajewo-Attentat bis zu manchem anderen. Niemals habe ich selbst ein Gleiches gesehen oder von Okkultisten ein Gleiches schildern gehört an Überraschendem als das, was sich angeschlossen hat an das Attentat von Sarajewo. Eine Seele wurde da so heraufgehoben in die geistige Welt, daß sie sich ganz anders benimmt als eine jede andere Seele, etwas wie eine kosmische Seele, wie einen kosmischen Kraftmittelpunkt bildend, um den sich alles gruppierte, was an Furchtelementen lebte. Jetzt strebte alles, was an Furchtelementen da war, hin zu dieser Seele. Und jetzt, in der geistigen Welt, ist alles von entgegengesetzter Wirkung: In der physischen Welt hat die Furcht den Krieg zurückgehalten, in der geistigen Welt war sie ein kriegförderndes Element, da hat sie den Krieg mit schnellen Schritten heraufgeführt.

Solche Erfahrungen zum ersten Mal zu machen, gehört allerdings zu dem Erschütterndsten, was man an okkulten Beobachtungen erleben kann. Wenn einstmals objektiv überblickt werden wird dasjenige, was in den letzten acht oder zehn Wochen geschehen ist, wird man auch schon durch Verfolgung der äußeren Ereignisse etwas von dem erkennen können, was wie ein Spiegelbild des Geistigen ist.

Aufgabe des Anthroposophen ist es, heute mehr als je, Objektivität zu lernen, wahre Objektivität gerade an den Zeitereignissen zu lernen. Weit, weit entfernt ist die Gegenwart von dieser Objektivität. Und ich versuchte das auseinanderzusetzen, indem ich die zwei Fragen aufwarf. Die eine versuchte ich gewissermaßen relativ negativ zu beantworten: «Können die Leute noch denken?» und die andere Frage war: «Suchen die Menschen heute noch nach den Tatsachen, wenn sie denken oder sprechen wollen? Tun sie das?»

Überall, wo wir hinschauen, wo die Menschen sich so grandios anlügen in der Welt, wo ganze Völker sich in großem Stile anlügen, überall sehen wir, daß ein Gefühl für die Verpflichtung zur Prüfung der Tatsachen selbst an ersten Stellen nicht vorhanden ist.

Diese Verpflichtung zur Prüfung der Tatsachen muß uns als Anthroposophen als etwas ungeheuer Tiefes ins Herz geschrieben werden. Lernen müssen wir, daß bei ernst zu nehmenden Menschen die Dinge nicht mehr vorkommen dürfen, die jetzt gerade in so ausgiebigem Maße vorkommen.

Da ließe sich natürlich noch unendlich vieles anführen; ich will aber nur ein Beispiel anführen, denn die Beispiele, die man noch benützen könnte, sind sehr zahlreich.

Ich habe hier einen Brief vor mir - ich habe ihn sowohl im englischen Original als auch in deutscher Übersetzung vor mir -, den eine Anzahl englischer Theologen an Professor Harnack in Berlin schrieben. Diesen Brief habe ich nicht aus Zeitungen, denn an Zeitungen wendet man sich heute nicht, wenn man die Wahrheit erfahren will, sondern an Dokumente, und Dokumente prüft man. Dieser Brief beginnt: «Wir, die nachstehend unterzeichneten Theologen, die Ihnen persönlich und der großen Menge deutscher Lehrer und führender Geister mehr als wir sagen können verdanken, haben mit Schmerzen Kenntnis genommen von einem Bericht über eine kürzlich von Ihnen gehaltene Rede, wonach Sie das Verhalten Großbritanniens in dem gegenwärtigen Kriege als das eines Verräters an der Zivilisation bezeichnet haben sollen.»

Wer diesen Brief beurteilen will, darf ihn nicht bloß lesen, sondern er muß sich auch überzeugen, ob der erste Satz wahr ist. Er ist nicht wahr! Denn wer liest, was Harnack gesagt hat, der wird finden, daß er nichts davon gesagt hat, daß er Großbritannien anklagen wolle eines Verrates an der Zivilisation. Es ist also in den Wind hinein geredet die ganze Sache. Aber nehmen Sie an, Menschen, die nicht kennen, was Harnack gesagt hat - es war ja etwas phrasenhaft, was er gesagt hat, aber darauf kommt es jetzt nicht an -, lesen den Brief, welchen die englischen Theologen geschrieben haben; was sollen sie bei dem Brief denken? Er wird ja da und dort abgedruckt. Es wird dadurch Gift ausgestreut, Unwahrheiten gesagt von Menschen, die in der Welt Ansehen haben, von Menschen, die glauben, ein Gewissen für die Wahrheit zu haben.

Ich wollte nur einen der glimpflichsten Fälle, der aber schrecklich genug ist, erwähnen, denn als Anthroposoph muß man richtig erkennen und empfinden, daß diese Dinge scharf ins Auge zu fassen sind, sonst kommen wir aus dem Kulturchaos nicht heraus. Scharf und ernst müssen wir auffassen unseren Grundsatz: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.» Unser ganzer Bau ist eine Umschreibung dieses Satzes. Unseren Bau zu lesen, darauf kommt es an. Wenn man ihn richtig lesen wird, dann wird in den Herzen ein Gefühl von Ernsthaftigkeit, von Gewissenhaftigkeit sein, von Wahrheitssehnsucht gegenüber allem, was im Kultur- und Geistesleben vorhanden ist.

Wenn unsere Freunde sich durchdringen damit, daß die Wahrheit auf dem Grunde der Tatsachen liegt, dann werden sie viel segensreicher wirken können, überall, unter welchen Nationen sie auch sind. Wenn sie sich aber selbst auf den einseitigen Standpunkt der Nationalität stellen, dann werden sie wahrhaftig nicht das Richtige in anthroposophischem Sinne bewirken können.

Dasjenige, was die Theosophie der Blavatsky unmöglich gemacht hat, ist die Tatsache, daß von vornherein das Interesse eines Teiles der Menschheit - nicht der Engländer, sondern der Inder - über das Interesse der Gesamtmenschheit gestellt worden ist. Und es ist im tiefsten Sinne wahr, daß nur das zu wahren okkulten Wahrheiten führt, was das Interesse der Menschheit jederzeit über das Interesse eines Teiles derselben stellt, aber ernsthaft, in dem wirklich ernsten, tiefsten Fühlen. Die okkulte Wahrheit verdunkelt sich alsobald, wenn das Interesse eines Teiles der Menschheit über dem Interesse der gesamten Menschheit steht. So schwer das auch sein mag in einer Zeit wie der unsrigen, angestrebt muß es werden von denjenigen, die sich im wahren Sinne des Wortes Anthroposophen nennen.



  1. 7.-9. Auflage, Gesamtausgabe Bibl.-Nr. 18, Seite 566. ↩

  2. a.a.0. Seiten 558-564. ↩

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