The Dornach Building
GA 287
Nachwort zur ersten Auflage 1937
Ferne, halbvergessene Bilder rufen diese Nachschriften in der Seele wieder hervor. Nur als einzelne Bilder, doch lebensvoll, mit ergreifender Gegenwartskraft tauchen sie auf aus dem allgemeinen Stimmungsgehalt der Erinnerungen an jene so inhaltsschweren, s6 erschütternden Zeiten.
Denn zu groß, zu überwältigend, um in konturierten Gedächtnisvorstellungen festgehalten zu werden, waren diese ersten Monate der Arbeit am Goetheanum. Jeder Tag war ein Geschehnis, brachte Neues im Entstehen dieses für unser Erleben bedeutendsten Werkes der Gegenwart. Und das mitten in den sich ballenden, drohenden und dann in der Menschheitskatastrophe des Weltkrieges ausbrechenden Zerstörungsimpulsen. Wie ein mahnendes Gewissen steht das Bild Rudolf Steiners auf diesem Hintergrunde.
Jung und alt, Berufskünstler, Dilettanten, aber auch viele, die der Kunst gegenüber bis dahin sich eher als unbeschriebene Blätter verhalten hatten, eilten wir scharenweise im Frühjahr 1914 dem Dornacher Hügel entgegen. Aus den verschiedensten Erdgegenden, und aus noch verschiedeneren schicksalsmäßigen und kulturellen Zusammenhängen. Wie würde dieses Sprachengewirr einen gemeinsamen Verständigungsboden finden? Nur eines lebte in jedem Gemüt, stand im Bewußtsein unerschürterlich fest: hier in Dornach wird der Grundstein zu einem neuen Kulturwerk gelegt, denn Rudolf Steiner ist der Begründer davon, und an diesem Werk sich zu beteiligen, danach verlangten die Hände. Lind freudig tönte uns von weitem der Hammerschlag entgegen aus dem Netz von Gerüsten, welche die Umrisse des zukünftigen Baues auf dem Hügel andeuteren. Dem man wohl am öftesten auf diesem von durchnäßtern Lehm bedeckten Hügel begegnete, war eben auch Dr. Steiner, Im Arbeitskittel und hohen Stiefeln eilte er aus einer Werkstatt in die andere, ein Modell, einen Skizzenblock in der Hand, hielt einen an mit einem freundlichen Wort oder Handgruß. Nur ein paar Künstler hatten schon mehrere Monate mit ihm gearbeitet, harten Einblick in das zu Geschehende. Die meisten warteten in völliger Ahnungslosigkeit.
In dem von Brettern schon befreiten Betonunterbau leimten Arbeiter das schöne Holz zu kolossalen Blöcken zusammen. Grünlich-helle Weißbuche, goldig schimmernde Esche, rötlicher Kirschbaum, dann bräunlich warme Eiche und Rüster, und wieder die helleren Farben von Ahorn und Birke. Jedes Holz hatte seinen eigenen Geruch, jedes fühlte sich anders an unter der Hand.
Anfang März war es, als die Schnitzarbeit - zunächst an den Kapitellen in diesem Raume - in Angriff genommen werden mußte. Dr. Steiner fing diese Arbeit selber an, Wir versammelten uns im Kreise um ihn herum. Hoch auf zwei Kisten stehend, mit Meißel und Klöppel, schlug er langsam einen Span nach dem andern von dem massiven Holz, das in seinen Umrissen ein Kapitellmotiv andeutete. Er war ganz in seine Arbeit vertieft, als ob er die Bewegungen seiner Hände innerlich studierze, als ob er dem Holz etwas ablauschen wollte. Und so verging eine Stunde nach der anderen, ruhig, ununterbrochen. Man war schon müde vom Stehen, ging weg, kam wieder. Er arbeitete weiter. Und langsam schälte sich aus der Holzmasse eine plastische Form. Ab und zu schaute er ein kleines Kapitellmodell an. Warum stand denn ein Zicklein aus Holz daneben? Mir solchen harte ich als Kind gespielt. Manchmal stieg er von den Kisten herunter, schaute seine Arbeit an, sagte uns ein paar Worte. Da bekamen wir auch das Zicklein näher zu sehen: es war eine russische Bauernarbeit. Er zeigte, wie verständnisvoll und charakteristisch das Spielzeug in Flächen geformt sei. An dem Griff eines russischen Beiles, einer Axt, sagte er auch, kann man viel lernen. Dort hat man nach ein Gefühl dafür, wie aus der schwingenden Bewegung vom Beil der Griff sich zu formen hat, Hier bei uns hat man immer weniger und weniger Sinn dafür. So wird der Griff zu einem geraden Stock.
Am nächsten Tag stürzten sich alle auf die Arbeit. Jeder bekam Meißel und Klöppel - aber wie war doch das Holz so hart und widerspenstig! Nach einer halben Stunde hatte man schon die Hände ganz wund, und ohne sichtliche Resultate; es war, wie wenn eine Maus an dem Holz genagt hätte. Und doch hatte auch Dr, Steiner gestern zum erstenmal so viele Stunden gearbeiter und so vieles geleistet. Es galt aber auch den eroberten Platz zu behaupten, denn der Schüchterne wurde bald von den Hammerschligen seines Nachbarn herausgeschoben.
Nach ein paar Tagen vergeblichen Kampfes kam Dr. Steiner und führte die Überflüssigen mit sich in die Schreinerei zu den Architraven. Noch gewaltiger, wie unüberwindliche Festungen, standen die unverständlichen Gebilde der zukünftigen Architrave da, entmütigend groß. Doch hare man wenigstens Raum um sich.
In den Schreinereiräumen waltete bis auf weiteres eine Bildhauerin. Im kurzen Kasak, hohen Stiefeln, einen langen Holzspeer in der Hand, kommandierte sie über eine Gruppe von italienischen Arbeitern. 50 war man wiederum auf eigene Erfahrungen angewiesen, und es brauchte Zeit bis die Hinde lernten, Kraft durch Rhythmus zu ersetzen, das Holz gefügig zu machen, und vor allem, bis man den Weg in den Modellraum fand, um sein Motiv zu studieren und zu messen.
Dieses Goetheanum-Modell - das einzige was von damals her erhalten blieb - in den ersten Zeiten seiner Entstehung, wenn man unter die doppelten Kuppeln hineinschlüpfte, ja, man atmete seinen Eindruck in sich ein, man wagte nicht mit seinen Gedanken an es heranzutasten. Und in der Überzeugung, daß die Gedanken es nicht erfassen könnten, legte man alles vorher Gewußte vor ihm ab.
So war man glücklich, seine Muskeln anspannen zu müssen, durchdrungen von der Stimmung:
Daß sich das größte Werk vollende
Genügt ein Geist für tausend Hände.
Doch nicht nur Arbeitsbegeisterung, viel Humoristisches, viel Dramatisches brachte der Tag mit sich.
Da sammelte sich in einer Ecke eine Gruppe in violettlich-getönten fließenden Gewändern: zierlich bearbeiteten sie in feinen, holzwurmartigen Windungen einen massiven Block, der noch keine Spur von plastischer Form erhalten hatte. In einer andern Ecke versuchte ein einsamer Künstler eine neue Flächenbehandlung: wie in ein dickes Schafsfell eingehüllt kam die Form heraus. Ein Sprachgelehrter ergriff eine Axt und schlug sich erbarmungslos mit dem Holz herum, Da mußte überall Dr. Steiner helfen.
«So einen Ochsen hat man mir da gemacht. Ich würde die Nacht nicht schlafen, wenn ich das geschnitzt hätte», so charakterisierte er das unglückliche Unternehmen eines Dichters.
«In der linken Hand: das Gefühl, - fühlen Sie die Form mit dem Meißel; in der Rechten: die Kraft. Das Zusammenwirken von beiden ist dabei das Wichtige. Studieren Sie die Blumenflächen, das sind die besten Plastiker. Doch deswegen kann man keine Blumen plastisch wiedergeben. Ihr ganzes Gefühl müssen Sie bewußt in der Bewegung der Fläche geben. Durchseelt muß sie werden - Seele muß in der Fläche sein. Wie wird die Kante zwischen zwei Flächen herausfallen? Das dürfen Sie nicht vorher bestimmen, darauf müssen Sie neugierig warten. Warum wollen Sie symmetrische Formen? Ihre Nase ist auch nicht symmetrisch. Schauen Sie doch Ihren Haarwirbel, Dadurch kommt aber inneres Leben zum Ausdruck!» Am meisten verfolgte er die sich wölbenden, rundenden Flächen: «Astralisches Fett! Das muß heraus! Es darf im Bau kein astralisches Fett geben.»
So ging er von einer Gruppe zur andern, aufmunternd, scherzend; doch immer sorgenvoller schien der Augenausdruck. Viel Arbeit stand noch bevor - die Plastik der Außenwand, Motive über den Fenstern, Portale...
Auf den hohen Gerüsten, die den Bau umringten, von Licht und Luft umgeben, während der MeiBel die plastische Rundung der Wand gestaltete, in der glühenden Hitze des August 1914, da eine Kriegserklärung der andern folgte, fühlte jeder erst recht diesen Bau als ein Wahrzeichen höchster Menschlichkeit, gegenübergestellt den in der Menschheit entfesselten, menschenvernichtenden Kräften.
So rückte allmählich die nächste Aufgabe heran: Im Innern des Baues selbst, dieses Mal an Ort und Stelle, die unterbrochene Arbeit an den Architraven weiter zu führen. Diese Arbeit leitete Dr, Steiner und begleitete sie mit Bemerkungen, die uns durch notizartige Aufzeichnungen eines Stenographen erhalten sind (siehe Seite 81).
Im August 1914 sollte der Bau fertig sein, so war es intendiert. Und fieberhaft, mit Anspannung aller Kräfte ging die Arbeit vor sich. Doch zu groß war die Aufgabe, zu schwach waren die Kräfte, Schon grollten von Ferne die Kanonen, schon waren durch die Kriegseinberufungen unsere Künstlerreihen gelichtet, als wir im Oktober die erste Etappe in unserer Arbeit erreichten, die in diesen «Notizen» festgehalten ist.
Noch im rohen Zustand, unfertig, endlich aber doch, wurden die Architrave über die Säulen gestellt, darüber die innere Kuppel gewölbt, und der Raum von Gerüsten befreit.1 Lind so standen wir mit Dr. Steiner zusammen zum ersten Mal im Goetheanum darinnen. Das, woran wir bis dahin als an einzelnen Bruchstücken monatelang gearbeitet hatten, schauten wir plötzlich um uns herum, zu einem Ganzen zusammengefügt, als ein noch nie dagewesener Raum. Ein Eindruck, der unausläschlich bleiben wird, überwältigend trotz aller Unfertigkeiten und Mängel, Und Mängel waren zur Genüge vorhanden.
So hörten wir Dr. Steiners Lob und Tadel an — Lob, das ein tiefes Schamgefühl in der Seele weckte, Tadel, der so herzlich und humorvoll, so aufmunternd klang. Wir hörten ihm zu... doch genau so wichtig war das Anschauen. Sein Gesichtsausdruck, seine Geste, seine ganze Körperbewegung veranschaulichte, ergänzte das Nichtausgesprochene. Der Regenschirm half mit die Bewegung der Formen zu verfolgen, und wenn es komplizierter wurde, mußte der weiche Filzhut, umgebogen und umge dreht, eine plastische Biegung verdeutlichen.
Mangelhaft sind die hier erhaltenen «Notizen». Doch werden sie trotz der Lücken, die das Gedächtnis nicht mehr auszufüllen vermag, ein Dokument bleiben dafür, wie frei und genau, wie immer von unmittelbarem Erleben ausgehend, Rudolf Steiner eine Reihe von jungen Mitarbeitern als Künstler anleitete.
Dieser 12. Oktober 1914, als der Tag im Leben des Goetheanum-Baues, wo wir, zum ersten Mal in ihm drinnenstehend, die Architrave erblickten, ruft unwillkürlich die Erinnerung an einen andern Tag wach, jenen Tag, in dem der Bau zum letzten Mal vor uns stand in unvergeßlicher, aber grauenvoller Schönheit. In der Morgendämmerung des Neujahrtages 1923 ruhte noch der doppelte Architravenring, von den Flammen der Silvesternacht durchloht, durchsichtig wie glühendes Glas auf den lichtgewordenen Säulen. Jetzt wölbte sich der Himmel über ihm. Nicht mehr einzelne Motive - sie waren in den Flammen zerschmolzen -, doch der ganze Grundriß stieg auf zur nächtlichen Bläue im strahlenden Gold. Nur ein Augenblick letzter Verherrlichung.
Dr. Steiner ging den Hügel hinauf, langsam, gebeugt — er, der so leicht bis dahin über die Erde schritt, An seinem zerstörten Werk vorbei wandte er sich zum Atelier. Es war vieles zu ordnen nach dieser Vernichtungsnacht, denn die Arbeit mußte ununterbrochen weitergeführt werden.
—Assja Turgenieff
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Siehe Hinweis auf Seine 89. ↩