Stilkorruption durch die Presse

Nationale Blätter 1889, Volume II, 5

Man muß heutzutage sich entweder den unbedingten Lobrednern alles dessen, was von der Presse ausgeht, anschließen, oder man gilt bei gewissen Leuten als Finsterling und Rückschrittsmann. Wir müssen diesmal, selbst auf die Gefahr hin, mit diesen wenig schmeichelhaften Prädikaten ausgestattet zu werden, einen tiefgehenden, schädlichen Einfluß unseres Zeitungswesens auf unsere Bildung besprechen.

Die Partei, deren politisches Glaubensbekenntnis in diesen Blättern zum Ausdruck kommt, hat die so verwerfliche Korruption der zeitgenössischen Presse wiederholt gegeißelt und war stets auf Mittel bedacht, wie sie eine dem deutschen Volke würdige und ersprießliche Entwickelung des Zeitungswesens anbahnen könne. Wenn man dabei von «Korruption» spricht, so hat man aber zumeist nur jene äußere Verderbtheit im Auge, welche darinnen besteht, daß der Journalist für Geld alles vertritt, daß er jeder Bestechung zugänglich ist. Danebenher geht aber eine innere Korruption der Presse, die sich in ihren Folgen heute schon überall bemerklich macht. Wir meinen die Korruption des deutschen Stils und der deutschen Sprachbehandlung. Man unterschätze diesen Umstand nur ja nicht. Insbesondere eine nationale Partei muß Wert darauf legen, daß ihre Anschauungen und Ideen in einer der Nation angemessenen und ihrem Wesen gemäßen Art zum Ausdrucke kommen. Ein entwickeltes, sicheres Sprachgefühl, das jedem Worte, jeder Wendung gegenüber mit Bestimmtheit fühlt: «das ist deutsch oder das ist nicht deutsch», ist ein notwendiges Erfordernis jedes gebildeten Deutschen. Von niemandem mehr aber muß man das verlangen als von jenen, die sich zu Vertretern der öffentlichen Meinung aufwerfen wollen. In unseren Wiener Blättern, die «tonangebende» «Neue Freie Presse» mit eingeschlossen, finden wir nun aber die gröbsten Verstöße gegen das Sprachgefühl. Wer Sinn und Empfindung für deutsche Art zu sprechen hat, wird, wenn er überhaupt Zeitungen liest, nur entrüstet sein können über die Versündigung an seiner Muttersprache. Er wird finden, daß es fast in jedem Leitartikel der «Neuen Freien Presse» wimmelt von stilistischen Verkehrtheiten, von undeutschen Wendungen. Sätze, in denen das Subjekt an unrechter Stelle steht, solche, die statt in der leidenden in der tätigen Form stehen, unrichtig angebrachte Partizipien und Nebensätze finden sich in jeder Spalte des genannten «Weltblattes». Jüdisch-mundartliche und andere der deutschen Sprache hohnbietende Wendungen sind in jedem dritten Satze zu finden.

Die deutsche Sprache gehört zu jenen, die, wie die lateinische, ein strenger Ausdruck der Logik sind; sie läßt eine Genauigkeit der Sprechweise wie wenige zu. Unsere Journalistik versteht es, jegliches Ding in dieser Sprache bis zur Unklarheit und Undeutlichkeit zu verzerren. Unsere Sprache ist schlicht und einfach, das Zeitungsdeutsch geschraubt und geziert. Unsere deutschen Schriftsteller zeichnen sich durch hohe Vornehmheit des Sprachbaues aus; die Journalistik tritt in einer geradezu pöbelhaften Ausdrucksweise auf: verlottert, schlottrig, schleuderhaft. Ganz Europa bewundert an unseren Prosaikern die strenge Gliederung ihrer geistigen Produkte; unsere Zeitungsprosa ist verworren, ohne alle Gliederung, zerfahren. Die Deutschen suchen, wenn sie in ihrer Art sprechen, für einen Gedanken den bezeichnendsten Ausdruck, der den Nagel auf den Kopf trifft; die Journalistik sucht nur nach dem einschmeichelnden Worte, ohne Rücksicht, ob es der Sache auch angemessen ist.

Wer Gelegenheit hat, öffentliche Reden zu hören, der wird bald auch die Früchte dieses Treibens beobachten können. Das Publikum bildet sich unwillkürlich nach diesem Zeitungsdeutsch, und man wird zu seinem größten Erstaunen häufig genug in die Lage kommen, durchaus undeutsche Wendungen aus dem Munde von Leuten zu hören, von denen man es niemals vorausgesetzt hätte. Man glaubt eben gar nicht, welchen Einfluß die Presse auf unser ganzes Geistesleben hat. Gibt es doch eine Unzahl von Menschen, deren Lektüre fast einzig und allein ihr Leibblatt ist. Wir können bemerken, wie mancher gegenständlich ganz und gar einer anderen Ansicht ist als jener in den liberalen Zeitungen, wie aber formell sich sein Geist, seine Sprech- und Denkweise ganz nach diesen richtet. Und dieser Einfluß ist noch viel verderblicher als der durch die verwerflichen Ansichten der Blätter selbst ausgeübte, denn er bewirkt eine unbewußte Abkehr von unserer nationalen Eigenart.

Gegenwärtig ist die von uns angedeutete Stilkorruption sogar noch im Zunehmen. Sie dehnt sich allmählich über unsere Broschüren- und Fachblattliteratur, ja noch mehr, über einen großen Teil auch unserer Buchliteratur aus.

Wir waren jüngst geradezu entsetzt, als wir mehrere Nummern einer jungen, in Wien erscheinenden Zeitschrift für Volks- und Staatswirtschaft, die ein Herr Theodor Hertzka herausgibt, durchgingen. Man kann da aufschlagen, wo man will, und der Blick wird auf eine stilistische Ungeheuerlichkeit fallen. Das sind aber nicht etwa Dinge, die nur für den stilistischen Kenner bemerkbar sind, sondern solche, die jeder halbwegs begabte Knabe der vierten Gymnasialklasse vermeidet. Ein Gleiches wird man in anderen Fachblättern, namentlich in medizinischen und naturwissenschaftlichen, finden, wenn man sich überzeugen will. Wer unsere Behauptung in bezug auf die Broschürenliteratur anzweifelt, der kaufe sich ein halbes Dutzend politischer oder volkswirtschaftlicher Veröffentlichungen, wie sie hier oder anderswo erscheinen, und er wird sein geliebtes Zeitungsdeutsch wiedererkennen.

Die Sache sei ja ganz richtig, höre ich von verschiedenen Seiten einwenden, aber es sei doch zu bedenken, daß solch ein Zeitungsartikel für den Tag geschrieben ist und deshalb die Anforderungen in bezug auf Korrektheit keine allzu hohen sein können. Das Blatt liegt einen Tag auf und dann verschwindet es für immer. Wie sollte ein Schriftsteller dieselbe Feile an ein solch vergängliches Produkt anlegen, die man bei etwas Bleibendem gebraucht? Dieser Einwand ist aber durchaus unberechtigt. Denn wer überhaupt einen gewissen Stil hat, der bekundet ihn, ob er für den Tag oder für die Ewigkeit schreibt. Denn der Stil ist etwas mit dem geistigen Wesen so Verflochtenes, daß ein jeder Gedanke unbedingt in der dem Schriftsteller gewohnten Weise zum Ausdrucke kommt. Jeder wahrhaft stilbegabte Mensch hat eben nur einen Stil, und in diesem schreibt er, weil er nicht anders kann. Der Grund, warum unsere Journalisten schleuderhaft und un deutsch schreiben, liegt nicht darinnen, daß sie nicht besser schreiben wollen, sondern daß sie nicht besser schreiben können. Wir wissen ja ganz gut, daß gute deutsche Schriftsteller nicht undeutsch werden, wenn sie einmal in einer Zeitung Artikel veröffentlichen. Oder ist der Ästhetiker Vischer nicht immer derselbe Mann des kernhaften, wahrhaft deutschen Stiles, ob er über Gegenstände der Wissenschaft oder ob er über «Fußflegelei auf der Eisenbahn» schreibt? Wie fein und vornehm schreibt zum Beispiel Josef Bayer, wenn er auch nur einen Zeitungsartikel bringt; wie schlicht und einfach schreibt so mancher, dessen Worte geradeso mit dem Tage verschwinden wie die des Reporters. Aber gute Stilisten müßten sich eben verleugnen, wenn sie anders schreiben wollten, als es in ihrer Eigenart liegt.

Daß das besprochene Übel auch schon in unsere Schul- und wissenschaftlichen Hilfsbücher seinen Einzug gehalten hat, wollen wir nur beiläufig erwähnen.

Müssen wir uns nun auch sagen, daß die Stilkorruption augenblicklich im Zunehmen ist, so sind wir doch nicht ohne Hoffnung für die Zukunft. Mit der Erstarkung der nationalen Partei, die auf der Grundlage echten Volkstumes aufgebaut ist, muß auch hier eine gedeihlichere Entwickelung eintreten. Die unvolkstümliche Schreibweise ist ja vielfach nur eine Begleiterscheinung der altliberalen, ebenfalls unvolkstümlichen Gesinnung und wird mit dieser wohl auch verschwinden.

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