Max Burckhard

Über den künstlerischen Wert der «Bürgermeisterwahl» und des «Katherl» lasse ich andere urteilen. Ich bringe es nicht zustande, die Bedenken, die ich gegen diese beiden Theaterstücke habe, hier aufzuzählen, wenn ich an den Eindruck denke, den ich von der Persönlichkeit ihres Autors empfangen habe. Wie ein kleinlicher Nörgler käme ich mir vor, wenn ich Einzelleistungen Max Burckhards auf ihre Schwächen hin beurteilen wollte, da ich gesehen habe, wie groß der Umfang dessen ist, was dieser Mann will, und wie stark die Energie, die ihm zu Gebote steht, sein Wollen durchzusetzen. Man braucht ihm nur eine Stunde zugehört zu haben, um den einfachen, großen Stil schätzen zu können, in dem er lebt und wirkt.

Das erste, was an ihm auffällt, ist sein durch kein Vorurteil getrübter Blick für die Dinge, die ihn interessieren. Und sein Horizont ist ein großer. In weiten Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, der Volkserziehung, der Rechtspflege, der Volkswirtschaft ist er zu Hause. Überall sieht er klar .und sicher. Er sieht die großen Linien. Und er sagt das, was er zu den Dingen zu sagen hat, mit rücksichtslosester Offenheit. Solche Offenheit gehört zu den größten Seltenheiten in unserer Zeit. Bis jetzt ist Burckhard in derartigen Stellungen gewesen, die geeignet sind, rückhaltlose Offenheit nicht aufkommen zu lassen. Keine dieser Stellungen hat es offenbar vermocht, ihn von dem klaren, geraden Wege abzubringen, der ihm durch seinen Charakter und seine Begabung vorgezeichnet ist.

Ein scharfes Auge hat er für die Schäden unserer Zeit im großen und kleinen; und ein gesundes Urteil ist ihm eigen darüber, was zur Besserung beigetragen werden kann. Das Schwelgen in unerreichbaren Idealen, die Aufstellung nebelhafter Utopien scheint ihm fremd; aber das Erreichbare weiß er anzugeben. Er hat eine Schrift: «Zur Reform der juristischen Studien» geschrieben, die auf jeder Seite beweist, was ich sage. Über die Stellung der Kunst innerhalb des sozialen Organismus hat er in einer anderen Schrift zielbewußt geurteilt.

Jede Stellung, die er einnimmt, jede Aufgabe, die ihm die Verhältnisse stellen, wird Burckhard in dem Sinne ausnützen, der seiner Natur entspricht. Ob er Burgtheater-Direktor, ob er Hofrat bei irgendeinem Gerichtshofe ist, ob er Vorträge an einer Universität hält: immer wird er sich dafür einsetzen, daß die soziale Entwickelung in eine Richtung gebracht wird, die er für zukunftverheißend hält. Jedes Amt, in dem er sich betätigt, jedes Stück, das er schreibt, wird für ihn nur Gelegenheit sein, sich durchzusetzen. Der Mensch in ihm wird immer größer als jedes Amt, jede einzelne Leistung sein. Er wird allem sein Wesen aufdrücken.

Wir brauchen solche Persönlichkeiten. Es tut ihrer Bedeutung keinen Abbruch, daß sie in manchem, was sie vollbringen, als Dilettanten erscheinen. Leute, die von ihrem Fache das Gepräge erhalten, haben wir genug. Persönlichkeiten, die jede äußerliche Prägung durch ihre Individualität sprengen, wenige. Burckhard ist eine.

Schon sein Äußeres wirkt symbolisch. Für einen Burgtheater-Direktor schickt es sich nicht, daß er einen «Stößer» trägt, das ist nämlich ein Zylinderhut, wie ihn die Wiener Fiaker (Droschkenkutscher) tragen. Burckhard hat sieben Jahre lang das Burgtheater mit einem solchen «Stößer» auf dem Kopfe geleitet. Er muß gefunden haben, daß sich das für ihn schickt; und was ging es ihn dann an, daß es sich für einen Burgtheater-Direktor nicht schickt. Und so ist er in allen Dingen. Wenn sie ihn — wie es heißt — zum Hofrat machen werden, so wird er auch manches machen, was sich für einen Hofrat nicht schickt; aber er wird machen, was sich für Max Burckhard schickt.

Ein geradezu naiver Wahrheitssinn ist für Burckhard kennzeichnend. Daß irgendeine Stellung dem Menschen Rücksichten auferlegt — diese feige gesellschaftliche Ausrede so vieler Schwächlinge —, scheint eine Vorstellung zu sein, die nie durch Burckhards Kopf gegangen ist. Ehrlich und echt ist alles, was er sagt und tut. Der Begriff der Pose ist für ihn niemals erfunden worden.

Und alle die Eigenschaften, die ich an ihm beschrieben, trägt er mit der in Wien einheimischen Gemütlichkeit. Man muß sich förmlich zwingen, von ihnen zu reden, denn sie treten uns mit der vollendetsten Selbstverständlichkeit entgegen. Ich glaube, Burckhard kann nie begreifen, daß man so viel über seine Vorzüge redet. Er wird sich selbst kaum für viel mehr als einen anständigen Menschen halten. Er haßt nicht die Schäden, die er geißelt. Es ist im Grunde eine harmlose Ironie, mit der er von ihnen spricht. Er behandelt die Menschen so, daß sie nicht eigentlich als Schurken erscheinen, sondern bloß als Dummköpfe, als Feiglinge, als Schwachköpfe. Er sagt den Leuten, daß sie eine «Bagasche» sind, aber in einem Tone, der ihnen zugleich begreiflich macht: ihr könnt nichts dafür. Die stärksten Bissigkeiten wird er in der herzlichsten, liebenswürdigsten Weise sagen.

Burckhard steht wirklich über den Dingen, mit denen er sich beschäftigt. In Fällen, wo ein geringerer Geist mit fanatischer Wut sprechen würde, spricht er mit überlegenem Lächeln. Ich glaube, er trägt es den Leuten nicht nach, die ihn aus dem Burgtheater herausgedrängelt haben; denn er versteht sie... Er weiß, daß sie nicht anders konnten, und über dieses Können hat er sein sachgemäßes Urteil... Er verlangt von niemandem, daß er gescheiter sein soll, als er ist.

Ich bin der Meinung, eben diese Eigenheit Burckhards ist es, die ihn als einen Mann erscheinen läßt, dessen Wirken ein tiefgreifendes sein wird. Er mutet den Dingen und Menschen nichts Unmögliches zu; deshalb wird er erreichen, was er will. Es ist eine Freude, ihn von dem sprechen zu hören, was er beabsichtigt. Wenn ihm auch manches nur halb, manches gar nicht gelingt: so ist das einerlei. Er ist so bedeutend, daß ein Mißerfolg bei ihm gar nicht in Betracht kommt. Und wenn ein Österreicher (Alexander von Weilen in der «Zukunft» vom 8. Januar [1898}) sagt: «Man gebe ihm einen großen, seiner würdigen Wirkungskreis, der ihn ganz ausfüllt», so möchte ich entgegnen: stellt ihn hin, wo ihr wollt; er wird immer sein, was er sein muß: Max Burckhard. Und das ist genug.

German original of Max Burckhard · ← Previous · Next →