Ria Claassen über «Symbolik in Lyrik und Drama und Hugo von Hofmannsthal»

Vorträge, wie der am 26. November 1898 im «Verein zur Förderung der Kunst» gebotene, gehören zu den Seltenheiten auf dem Gebiete der Redekunst. Was wir so oft bei Vorträgen entbehren, daß vor uns eine Persönlichkeit steht, in deren Bann wir uns gerne eine Stunde lang begeben, war hier in vollstem Maße vorhanden. Frau Ria Claassen sprach über «Symbolik in Lyrik und Drama und Hugo von Hofmannsthal». Was sie sagt, könnte sie auch in einem Aufsatze sagen. Aber ein solcher Aufsatz würde zum Beispiel für mich nur ein Viertel von dem bieten, was mir die Vortragende an jenem Abend gab. Ich habe so oft bei Vorträgen das Gefühl: hier redet nicht ein Mensch, sondern eine Anschauung. Der Vortragende könnte sich auch durch einen anderen vertreten lassen, der diese Anschauung hat. Bei Ria Claassen hatte ich den Eindruck: nur sie persönlich konnte mir sagen, was sie gesagt hat. Die internationale Kultur Europas hat Ria Claassen in sich aufgenommen und in sich so verarbeitet, daß alles, was sie vom Standpunkte fortgeschrittenster Gegenwartsbildung aus sagt, wie der unmittelbare, naive Ausfluß ihrer Persönlichkeit erscheint. Jeder Ausdruck der modulationsfähigen Physiognomie, jede Bewegung der Hände sagt bei der Vortragenden etwas. Ich habe nicht oft gesehen, daß Hände den Worten so zu Hilfe kommen wie in diesem Falle.

Die Vortragende sprach über Hugo von Hofmannsthal und die Blüte der neuen Kunst, die besonders durch diesen Wiener Dichter ihre Pflege gefunden hat: die Symbolik. Daß diese Kunstgattung jetzt, nach der Epoche des modernen Naturalismus, auf dem Horizonte des Geisteslebens auftritt und nicht geringe Wirkungen übt, ist im höchsten Maße charakteristisch für die Zeitseele. Und der Ausdruck, den Ria Claassen findet, um diese Symbolik zu deuten, ist nicht weniger charakteristisch.

Eine Sehnsucht nach dem Paradiese des Geistes ist es, die in Ria Claassen lebt. Sie hat Bedürfnisse nach etwas Seltenem, Besonderem, das in der Fülle des alltäglichen Lebens nicht zu finden ist. Und diese Bedürfnisse wirken in ihr mit der Stärke einer religiösen Empfindung. Der Naturalismus kann diese Sehnsucht nicht befriedigen. Denn er sucht gerade das Leben, aus dem Ria Claassen sich fortsehnt, getreulich wiederzugeben. Er betrachtet es als den Triumph der Kunst, wenn er sagen kann: dieses Drama wirkt von der Bühne herab so, daß wir nicht Kunst vor uns zu haben glauben, sondern daß wir das wirkliche, alltägliche Leben vor uns zu haben meinen. Für Ria Claassen wird ein Kunstwerk um so höher stehen, je mehr es uns dieses wirkliche, alltägliche Leben vergessen läßt und die höheren Mächte, die in den Tiefen des Daseins walten, vor uns hinstellt. Nicht das Leben, sondern die «Mysterien des Lebens» sollen der Gegenstand der Kunst sein.

In der Dramatik Richard Wagners sieht Ria Claassen ihre Kunstsehnsucht verwirklicht. In einem Werke, wie «Tristan und Isolde» eines ist, werden die Kunstmittel nicht dazu verwendet, die Wirklichkeit abzubilden, sondern die tieferen Kräfte des Daseins. Wagner glaubt nur in der Musik ein Mittel zu finden für diese höhere Mission der Kunst. Daß auch ohne Zuhilfenahme der Tonwelt eine symbolische Kunst möglich ist, zeigen Maeterlincks und Hofmannsthals Schöpfungen. Diese Dichter stellen eine Anzahl von Sätzen so vor uns hin, daß wir aus ihnen die Offenbarungen eines höheren Lebens empfinden. Ein Höhepunkt in dieser Kunstströmung ist — nach Ria Claassens Ansicht — in Hofmannsthals Lyrik erreicht. Sie ist eine Kunst der Worte, solcher Worte, bei deren Anhören wir göttliche Stimmen zu hören bekommen.

Wie innig Ria Claassen mit dieser von ihr charakterisierten Kunst verwachsen ist, hat sie durch ihren Vortrag mehrerer Hofmannsthalscher Dichtungen gezeigt. Ich möchte die Art ihres Vortrags selbst als symbolistische Rhetorik bezeichnen. Aus ihrem feinen, vornehmen Organ glaubte ich auch etwas von dem zu vernehmen, was sie in der symbolistischen Kunst sucht. Hofmannsthal kann sich kaum einen besseren Rezitator wünschen.

German original of Ria Classen on “Symbolism in Lyric and Drama and Hugo von Hofmannsthal” · ← Previous · Next →