Freie Literarische Gesellschaft IN Berlin 1898
Am 13.März fand in der «Freien Literarischen Gesellschaft» zu Berlin der vierte Vortragsabend dieses Winters statt. Zum Vortrag kam ein einaktiges Drama «Märtyrer» von Georg Reicke und moderne Iyrische Dichtungen, beides durch den Königlichen Hofschauspieler Arthur Kraußneck. Dem Vortrag ging eine Conference voraus, die Dr. Rudolf Steiner hielt. Er suchte namentlich die Iyrischen Dichtungen Nietzsches und zwei Balladen Maurice Maeterlincks, die zum Vortrage kamen, aus dem Wesen dieser beiden Persönlichkeiten herzuleiten. Nietzsches Lyrik kommt zumeist aus einer Stimmung heraus, die uns auf den ersten Blick in Verwunderung versetzt bei dem stolzen Philosophen, der frohlockend an die Stelle des jenseitigen Gottes den diesseitigen Übermenschen gesetzt hat, der den Menschen zeigen will, daß sie Schaffende sein sollen, nicht von göttlichen Mächten Empfangende. Aber Nietzsche, der Lyriker, ist Nietzsche, der Mensch, auf dem das individuelle Leben schwer lastet, der das Glück nur allzuwenig kennengelernt hat. Aus dem leidenden Menschen heraus hat Nietzsche ein Bild des lachenden Philosophen geschaffen. Die Größe dieses Bildes erdrückte Nietzsche, den Menschen. Aus solchen Stimmungen heraus sind seine Gedichte erwachsen. Was Nietzsche, der leidende Einzelmensch, gegenüber dem hohen Bilde seines Übermenschen empfand, das strömt uns aus seinen Dichtungen entgegen. — Maeterlinck ist abhold den groben, in die Augen fallenden Tatsachen des Lebens. Nicht die großen Worte, nicht die starken Empfindungen und Leidenschaften sind ihm die Verkünder des Allertiefsten in der Welt. Wenn ich einen Menschen nur flüchtig sehe, so kann sich zwischen seiner und meiner Seele etwas ereignen, das tiefer und göttlicher ist, als was sich in den Worten eines Plato oder Fichte oder in der Leidenschaft eines Othello ausspricht. Solch grobe Aussprüche, solche Leidenschaften verdunkeln für uns nur das Tiefere, das in den scheinbar alltäglichsten Ereignissen gesehen werden kann. Die beiden vorgetragenen Balladen zeigen, mit wie einfachen Mitteln Maeterlinck erschütternde Wahrheiten ausspricht.
Herr Kraußneck machte durch seinen Vortrag einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Reickes Einakter stellt die traurige Lage dar, in welcher die Familie eines Pastors ist, der sein Amt aufzugeben hat, weil ihn sein Gewissen in einen Konflikt mit den Lehren der Kirche gebracht hat. Die Frau ist tor. Die Tochter allein muß für den Vater und die Geschwister den Unterhalt verdienen. Sie könnte sich verheiraten und ihr Glück finden. Aber sie darf ihren Posten innerhalb der Familie nicht verlassen. Die Art, wie ihr Vater sie auf diesem Posten zu halten sucht, und ihr herzzerreißender Verzicht auf das Glück wird im Zusammenhange mit den Charakteren in packender Weise dargestellt. Herr Kraußneck fand die Art, die feine Psychologie des Werkes zur Geltung zu bringen. Nicht minder wirksam war der Ausdruck, den er den ergreifenden Dichtungen Nietzsches und Maeterlincks gab.
Den Abschluß machte eine in echt volkstümlichem Ton gehaltene Legende «Die vier Räuber» von Ludwig Jacobowski. Dieser Dichter sucht die einfachsten, ungekünstelten Töne und erreicht damit eine Höhe der Kunst, wie wir sie an dem vollendeten Volkslied bewundern.