Noch ein Wort über die Vortragskunst

In einem meiner Aufsätze ist auch der Vortragskunst Ludwig Tiecks gedacht. Ich möchte über diesen Gegenstand, anknüpfend an den vorigen Aufsatz, ein paar Worte vorbringen. Dort wurde die Wichtigkeit und der künstlerische Wert des Vortrages hervorgehoben. Das Beispiel Tiecks liefert einen schlagenden Beweis für das über diesen Wert Vorgebrachte. Ich möchte die Behauptung wagen, daß Tieck ein so ausgezeichneter Theaterleiter hauptsächlich deshalb war, weil er ein solch hervorragender Vortragsmeister war. Dadurch stand er als ausübender Künstler in einem Gebiete dem Theater nahe, das eng mit der Schauspielkunst verwandt ist. Der Theaterleiter soll, was auch in diesen Blättern bereits hervorgehoben worden ist, ein Literat, entweder ein dramatischer Dichter oder ein Kritiker sein. Nur dadurch ist er imstande, das Theater in das richtige Verhältnis zur Literatur zu bringen. Ein Schauspieler oder Regisseur als Bühnenleiter wird stets die Neigung haben, die Stücke unter dem Gesichtspunkte zu betrachten, wie sie durch die Kunst des Schauspielers wirken. Ihr literarischer Wert wird für ihn gegenüber der Frage, ob sie gute Rollen enthalten, ob sie theatralisch wirksam sind und dergleichen, weniger in Anschlag kommen. Als Literat oder Dichter wird aber der Bühnenleiter den praktischen Theaterleuten gegenüber nur sehr schwer sich Autorität verschaffen können. Wesentlich erleichtert wird ihm das letztere dadurch werden, daß er als Vortragsmeister eine Wirkung auszuüben vermag. Dies eben wird durch Tieck bewiesen.

In der Zeit, in der Tieck am Dresdner Theater tätig war, gehörten seine Vorträge zu den Dingen, welche in der Stadt künstlerisch in Betracht kamen. Wie man als Besucher Dresdens in die Gemäldegalerie ging, so suchte man auch Zutritt zu einer solchen Vorlesung zu gewinnen. Dadurch wirkte der Bühnenleiter ungemein anregend auf die Schauspieler.

Man weiß, daß Tieck es verstand, beim Vortragen meisterhaft zu charakterisieren. Es ist schade, daß er uns nicht Ausführungen über diese Kunst hinterlassen hat. Sie wären gewiß ebenso lehrreich wie seine Aussprüche über Dramaturgie und Schauspielkunst. Denn eine Theorie der Vortragskunst fehlt uns beinahe ganz. Mehr als auf irgendeinem Gebiete ist auf diesem der Lernende ganz sich selber und dem Zufalle überlassen.

Nicht nur für den Schauspieler, sondern für weiteste Kreise der Gebildeten wäre heute eine solche Theorie von Nutzen. Bei der Gestalt, welche unser öffentliches Leben angenommen hat, kommt gegenwärtig fast jeder in die Lage, öfter öffentlich sprechen zu müssen. Man wäre gerne geneigt, für die Ausbildung der Sprachkunst etwas zu tun, wenn man gezwungen ist, öffentlich zu sprechen. Aber man ist, wenn man auf diesem Gebiete sich zu entwickeln sucht, darauf angewiesen, zu einem Bühnenkünstler oder zu einem Vortragsmeister zu gehen, der die Kunst des Vortrags auch nur mit Rücksicht auf die Bühne übt. Der Redner soll aber kein Schauspieler sein. Die Erhebung der gewöhnlichen Rede zum Kunstwerk ist eine Seltenheit. Wir Deutsche sind darin unglaublich lässig. Es fehlt uns zumeist ganz das Gefühl für Schönheit des Sprechens und noch mehr für charakteristisches Sprechen. Unsere bedeutendsten Redner sind keine Künstler des Redens. Man glaube nicht, daß eine ohne alle Kunst vorgebrachte Rede die gleiche Wirkung haben kann wie eine solche zum Kunstwerk veredelte.

Dies alles hat nun freilich wenig mit der Bühnenkunst zu tun. Es wird aber doch auch für diese wichtig. Wer selbst einige Ausbildung in der Kunst des Sprechens erlangt hat, wird ein viel richtigeres Urteil über die Leistungen eines Schauspielers erlangen können als derjenige, der von dieser Kunst nichts versteht. Bei weitem die Mehrzahl der Literaten und Journalisten, die heute über das Theater schreiben, sind unfähig, ein Urteil über die Kunst des Sprechens abzugeben. Dadurch erhalten ihre Urteile etwas Dilettantenhaftes. Niemandem wird man das Recht zugestehen, über einen Sänger zu schreiben, der keine Kenntnis des tichtigen Singens hat. In bezug auf die Schauspielkunst stellt man weit geringere Anforderungen. Man ist mit allgemeinem laienhaftem Herumreden über künstlerische Leistungen auf diesem Gebiete zufrieden. Die Leute, die verstehen, ob ein Vers richtig gesprochen wird oder nicht, werden immer seltener.

Man hält künstlerisches Sprechen heute vielfach für verfehlten Idealismus. Dazu hätte es nie kommen können, wenn man sich der künstlerischen Ausbildungsfähigkeit der Sprache besser bewußt wäre.

Auch unsere Schulen legen auf die Pflege künstlerischen Sprechens viel zu wenig Gewicht. Man übersieht, daß nachlässiges, unkünstlerisches Sprechen auf denjenigen, der dafür die richtige Empfindung hat, ebenso abstoßend wirkt wie eine geschmacklose Kleidung. Wir gehen daran, dem Kunsthandwerk eine größere Sorgfalt zuzuwenden, als dies bisher geschehen ist. Wir wollen die Wohnungen nicht nur zweckmäßig, sondern auch kunstgemäß einrichten. Eine Art Kunsthandwerk ist auch das Sprechen. Auch bei ihm muß die Natur zur Kultur erhöht werden.

Die Wohnungen wollen wir so einrichten, daß sie nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön sind. Alles soll auf die Bestimmung der Wohnung hindeuten. Aber es soll nicht abstrakt-zweckmäßig, es soll nicht nüchtern sein. Der Zweck soll so erscheinen, daß er auf eine schöne Weise auf die Bestimmung hindeutet.

Ein Ähnliches möchten wir von der Rede verlangen. Zunächst hat sie die Aufgabe, den Sinn dessen zu vermitteln, was mitgeteilt werden soll. Man soll sie dazu so geeignet wie möglich machen. ‚Aber diese Aufgabe kann in verschiedener Weise erreicht werden. Es kann so geschehen, daß auf Schönheit und Grazie des Ausdruckes gar kein Wert gelegt wird. Dann wird — bei noch so bedeutendem Gegenstande — die Rede nüchtern, vielleicht sogar geschmacklos wirken. Es kann aber auch so geschehen, daß das Zweckmäßige auf schöne, auf graziöse Weise erreicht wird.

Hier wird dem persönlichen Takte ungeheuer viel zugemutet. Ein Redner, der einen Inhalt in einer Weise ausspricht, welche die Absicht merken läßt, schön zu reden, wird als «Schönredner» wenig Eindruck machen. Aber es gibt einen Grad von Schönrednerei, der genau dem Gegenstande entspricht. Trifft der Redner diesen Grad, so wird in seiner Rede die Harmonie zwischen Ausdrucksweise und Inhalt empfunden — und zwar sympathisch empfunden werden.

Diesen Takt kann aber nur derjenige bei sich ausbilden, der ein Gefühl für die Schönheit und den Stil des Sprechens überhaupt hat. Dieses Gefühl muß zum unbewußten Bestandteil der Persönlichkeit des Redners werden. Sobald man die Gesuchtheit in der Rede merkt, ist es um die Sympathie der Zuhörer geschehen.

Um aber diese Unbewußtheit der Empfindung in bezug auf die schöne, die stilisierte Rede zu erreichen, muß eine Erziehung zur Rhetorik angestrebt werden. Man muß eine Zeitlang sprechen um des schönen Sprechens willen, dann wird man später auch stilisiert sprechen, wenn man es nicht bewußt anstrebt.

Der Deutsche hat die Eigenheit, solche Dinge wie stilisiertes Sprechen als nebensächliches Außending anzusehen. Er tut sehr unrecht damit. Es gilt hier mehr als auf irgendeinem anderen Gebiet der Satz: Kleider machen Leute. Wir werden uns zwar niemals zu der Anschauung, die französische Redner haben, bekehren, daß es gleichgültig sei, was wir reden, wenn wir nur herausgefunden haben, wie wir reden sollen. Aber wir sollten auf dieses Wie doch mehr Gewicht legen, als wir es zu tun gewohnt sind.

Einem Redner, der zu sprechen versteht, laufen die Worte nach. Er reißt die Hörer hin. Das ist ein Erfahrungssatz. Warum sollen wir nicht nach diesem Satze handeln? Wir dienen dem Inhalte mehr, wenn wir ihm durch Rhetorik zu Hilfe kommen, als wenn wir mit Ausschluß aller Rhetorik unser Sprüchlein nur so hinsagen.

Gerade weil wir dem Inhalt seine Geltung verschaffen wollen, sollen wir ihm eine sympathische Form geben. Sympathisch werden wir aber nur reden, wenn wir eine Erziehungsschule der Vortragskunst durchgemacht haben.

German original of Another Word on the Art of Lecturing · ← Previous · Next →