Zur Psychologie der Phrase
Sicherlich stellte sich derjenige eine große Aufgabe, der es unternehmen wollte, die Macht des Schlagwortes erschöpfend zu schildern. Denn es wird weniges in der Welt geben, was so suggestiv wirkt wie das Schlagwort, und dessen Wirkungen so geheimnisvoll sind. Die Hauptsache ist, daß das Schlagwort in aller Munde ist, daß es jeder bedeutungsvoll ausspricht, ohne dabei etwas zu denken, und daß es ebenso jeder bedeutungsvoll anhört, wieder ohne das geringste dabei zu denken. Es muß nur sowohl der Sprechende wie der Hörende davon überzeugt sein, daß etwas Bedeutendes gemeint ist. Gleichzeitig muß derjenige für töricht gelten, der es einmal unternimmt, nach dem Sinne des Schlagwortes zu fragen. Denn ein solcher würde die Wirkung des Schlagwortes zerstören. Er muß sie zerstören. Denn einen Sinn hat das Schlagwort natürlich. Einfach deswegen, weil jedes Wort einen Sinn hat im Munde desjenigen, der es zuerst in einem gewissen Zusammenhange gebraucht. Auf diesem Sinn aber beruht die Wirkung nicht. Sie beruht auf etwas, was mit dem Sinn nichts zu tun hat.
Ein verständiger Politiker gebraucht ein Wort. Es hat innerhalb der Ausführung, die er gibt, seinen guten Sinn und seine volle Berechtigung. Nun tritt der Fall ein, daß uns dieses Wort eine gewisse Zeit hindurch in dem Lande, dem der Politiker angehört, in jeder politischen Auslassung begegnet. Als der erste verständige Politiker es gebraucht hat, wirkte es zündend, weil der Sinn der übrigen Ausführungen dasselbe beleuchtete. Aber an diesen Sinn denken die unzähligen anderen, die es gebrauchen, gar nicht. Bismarck hält eine bemerkenswerte Rede. Eine Rede, die eine politische Tat ist. Er sagt in dieser Rede: «Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.» Diese Worte haben einen Sinn innerhalb seiner Rede. Sie wirken aber als Schlagwort weiter. Man kann sie nun in unzähligen Reden hören. Aber man darf auch ruhig einen Preis aussetzen für eine vernünftige Auslegung der Worte in diesen unzähligen Reden. Dennoch werden die meisten dieser Reden ihre Wirkung dem Umstande verdanken, daß der Redner die Worte gebraucht hat.
Man kann ruhig behaupten: ein Wort muß erst seinen Sinn verlieren, wenn es zum Schlagworte werden soll. Denn nichts liebt die große Menge so wie die Worte; und für nichts ist sie so wenig zu haben als dafür, den Sinn der Worte zu verstehen. Die Sprachwerkzeuge der Menschen sind von einem ungeheuren Tätigkeitsdrange beseelt, die Denkwerkzeuge sind die trägsten Organe, die ein Organismus besitzt. Die Menschen wollen recht viel sagen und recht wenig denken. Deshalb soll es möglichst viele Schlagworte und Phrasen geben, bei denen man eine starre Wirkung verspürt, ohne etwas zu denken zu haben.
Wer sich auf die Beobachtung des Mienenspieles der Menschen versteht, wird oft folgendes sehen können: Zwei Menschen unterhalten sich. Sie suchen sich auf sinnvolle Weise zu verständigen. Das geht eine Zeitlang so fort. Plötzlich wird einem von beiden die Verständigkeit zu langweilig. Es fällt ihm ein Schlagwort ein, mit dem er die Unterhaltung zu Ende bringen kann. Auf beiden Gesichtern drückt sich nun die Zufriedenheit aus, die sie darüber empfinden, nicht mehr über die Sache weiter reden zu müssen. Das Schlagwort, das keinen Sinn hat, bringt eine lange, vielleicht gar nicht sinnlose Unterhaltung zu Ende.
Eine entfernte Ähnlichkeit mit der Neigung, durch Schlagworte zu wirken, hat die Sucht, für Behauptungen Zitate zu bringen. Zumeist werden die Zitate in dem Zusammenhange, in dem sie gebraucht werden, allen Sinn verlieren, weil sie aus ihrem ursprünglichen herausgerissen sind.
Wir treffen überall Zitate. Auf Fahnen, auf Denkmälern, über Eingangspforten von Häusern, in Stammbüchern, in Leitartikeln, auf Pfeifenköpfen, Spazierstöcken und so weiter. Jedesmal fordert uns der Anblick eines solchen Zitates auf, den Sinn zu vergessen, den es ursprünglich gehabt hat.
Ich möchte aber mit alle dem nichts gegen die Schlagworte und gegen den Gebrauch der Zitate gesagt haben. Denn die witzigsten Wendungen der Reden werden bisweilen dadurch erreicht, daß man ein Zitat in einer Weise anwendet, die seinem ursprünglichen Sinn widerspricht. Lehrreich wäre aber doch eine Sammlung über Beobachtungen darüber, wie Schlagworte wirken. Man könnte, wenn man dieses Kapitel der Volkspsychologie schriebe, zwei Fliegen mit einem Schlage treffen. Denn man hätte damit auch ein gutes Stück eines andern Kapitels der Seelenlehre geschrieben, das da heißt: «Die Gedankenlosigkeit der Menge». Wie die Menge das Denken zu vermeiden sucht, sieht man am besten gerade im Gebrauche des Schlagwortes.
Es gibt Journalisten, die auf diese Eigenschaft der Menge ihre ganze Existenz aufbauen. Sie schreiben — sagen wir jede Woche — einen Artikel, der irgendein Wort enthält, das geeignet ist, acht Tage lang nachgesprochen zu werden. Dann haben die Leser acht Tage ein Mittel, über etwas zu reden, ohne ihre Gedanken in Anspruch zu nehmen. Sie bringen eine Woche lang bei jeder Gelegenheit den neuesten Ausspruch des Journalisten X. an. Manche Journalisten können nur deswegen einen großen Erfolg verzeichnen, weil sie die Kunst besitzen, Worte zu prägen, die neben ihrem Sinn auch noch etwas haben, durch das sie suggestiv wirken; durch das sie wirken, wenn sie ihren Sinn ablegen. Der Psycholog der Phrase wird zu erforschen haben, was dieses «Etwas» ist, das übrigbleibt, wenn der Sinn aus einem Worte herausdestilliert ist, und das dann die Zauberkraft hat, das sinnlose Wort zu einer Macht zu erheben, die über die Menschen herrscht.
Ein wichtiger Beitrag zur Herdenpsychologie wird diese Psychologie der Phrase sein.