Das deutsche Drama des neunzehnten Jahrhunderts

Dr. Siegismund Friedmann, Professor an der R. Academia Scientifico-Letteraria in Mailand, hat sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte des deutschen Dramas nach Schiller darzustellen. Die von Ludwig Weber besorgte Übersetzung seines Buches ist soeben erschienen (Erster Band. Leizpig 1900). Wir haben es mit einer literarischen Erscheinung zu tun, die in der Anlage und Durchführung ihrer Aufgaben als eine bemerkenswerte Leistung bezeichnet werden darf. Wer eines Führers bedarf, um sich in der deutschen dramatischen Literatur nach Schiller und Goethe zu orientieren, kann in diesem Buche einen zuverlässigen und im höchsten Maße anregenden finden. Aber auch wer bereits ein ausgereiftes selbständiges Urteil besitzt, wird sich mit Interesse in Friedmanns Auseinandersetzungen vertiefen. Ein Mann von energischer, feiner künstlerischer Empfindung spricht zu uns. Von einer hohen Warte herab werden die Dramatiker: Heinrich von Kleist, Christian Dietrich Grabbe, Christian Friedrich Hebbel, Otto Ludwig, Franz Grillparzer geschildert. Friedmann ist es vortrefflich gelungen, die literarischen Porträts dieser Persönlichkeiten in individualisierender Charakteristik herauszuarbeiten. Er hat die Gabe, auf die Eigenart des einzelnen Geistes einzugehen und ein geschlossenes Bild von ihm zu gewinnen, ohne in die Unart vieler moderner Charakteristiker zu verfallen, welche die Persönlichkeit durch allerlei Nebensächliches ihres bürgerlichen Daseins zu kennzeichnen suchen. Einen ästhetischen Kritiker und einen geschichtlichen Betrachter lernen wir kennen. Der eine beeinträchtigt den andern nicht. Eine gründliche Kenntnis der deutschen literaturgeschichtlichen Leistungen verleiht dem Buche eine außerordentliche Gediegenheit. Und es wirkt besonders wohltuend, daß der Autor nicht ein zopfiger Gelehrter ist, sondern ein freier, weltmännischer Beobachter. Eine gerechte Würdigung einer solchen Arbeit kann nur derjenige üben, der zu beurteilen vermag, welche Fülle von Studien vorangehen müssen, um zu solcher Freiheit des Urteiles zu gelangen. Was den Fehler so vieler literarhistorischer Bücher bildet, daß uns ihre Verfasser mit einer Masse von unverarbeitetem Stoffe überschütten, das ist hier ganz vermieden. Friedmann gibt die Ergebnisse, ohne uns durch Vorführung der Studien abzustoßen.

Der Verfasser findet überall die springenden Punkte, um uns in die Seele der Persönlichkeiten zu führen, die er schildert. Charakteristiken wie diejenige von Kleists «Penthesilea» oder Hebbels «Gyges und sein Ring» sind Meisterstücke. Die an der Grenze zwischen pathologischer Exzentrizität und philosophischer Tiefe wie über einem Abgrunde schwebende Gestalt Kleists, die herbe Psychologenkunst Hebbels, der grüblerische Genius Otto Ludwigs, die von einer gewissen Philistrosität nicht freie Klassizität Grillparzers: sie kommen alle zur vollen Geltung und anschaulichen Darstellung.

Rühmend hervorheben möchte ich, daß Friedmann ein echtes Gefühl dafür hat, wieviel von einer genialischen Persönlichkeit der Zeit angehört und wieviel nur aus dem Grunde ihrer Individualität herausgeholt werden muß. In dieser Beziehung wird ja gerade von Literarhistorikern besonders viel gesündigt. Die einen stellen nur «Strömungen» dar und lassen die Persönlichkeiten innerhalb dieser Strömungen wie Marionettenfiguren erscheinen, die von den Fäden des Zeitgeistes gezogen werden, die andern übersehen das, was eine Persönlichkeit ihrer Zeit verdankt, mehr oder minder ganz. Keine literarhistorische Methode kann davor bewahren, in den einen oder den andern Fehler zu fallen. Einzig und allein ein richtiges Taktgefühl kann den Ausschlag darüber geben, was in einem Geiste originell, individuell, und was nur ein Ergebnis der Zeit ist, in der er gelebt hat. Und man muß gerade Friedmann das Zeugnis ausstellen, daß er diesen Takt besitzt. Er läßt sich in seiner Beurteilung nicht durch eine von vornherein feststehende Methode beeinträchtigen. Seine Methode ist in jedem einzelnen Falle ein Ergebnis der Sache.

Kleist hat in den beiden Gestalten Penthesilea und Käthchen von Heilbronn die beiden Pole der Weiblichkeit dargestellt. Das Weib «so mächtig im Aufopfern, in der Hingebung wie der Mann in der Tat und im Vollbringen, personifizierte er in seinem Käthchen von Heilbronn». In der Penthesilea ergibt sich gleichsam als Moral: «die Erklärung und die Verdammung jenes unmenschlichen, fabelhaften Staates, in welchem die Frauen die Männer aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen haben, es ist die Verdammung der Frau, welche die — nach den Ideen Rousseaus und Kleists — sehr engen Grenzen durchbrechen will, die ihr von der Natur angewiesen sind». Nun deutet Friedmann taktvoll auf den philosophischen Ursprung dieser Entgegensetzung hin, einerseits ohne Kleists Individualität dadurch zu verwischen, andererseits ohne die Inhaltsfülle der individualisierten dichterischen Gestalten in abstrakte Schemen aufzulösen. «Das Gegenteil eines solchen Charakters, Penthesilea, die er selbst als «negativen Pol dem positiven Pol Käthchen> gegenüber bezeichnete — nach der dunklen Philosophie seines Freundes Müller, der gerade zu dieser Zeit (1808) das System des Gegensatzes aufstellte — mußte untergehen, denn sie stand nicht nur außerhalb der Natur, sondern auch jenseits der inneren Moral der Dinge.»

Mit schlagenden, kurzen Bemerkungen weiß Friedmann über geschichtliche Erscheinungen Licht zu breiten. Bei Besprechung der schrecklichen Erschütterung, die die Aussicht auf den nahen Tod in dem Prinzen von Homburg hervorruft, sagt er zum Beispiel: «Es handelt sich hier um eine Reaktion aus der physischen Seite, denn gleich darauf überwiegen wieder die edlen Momente seiner Natur über die rebellischen Sinnesregungen, und der Prinz zeigt sich in seiner ganzen sittlichen Kraft, in dem Glanze seiner Großmut. Durch diese augenblickliche physische Schwäche lehrt uns der Dichter, die Selbstopferung besser zu schätzen, die der Held nachher vollbringen wird, und ihn noch mehr zu bewundern in seiner stolzen und moralischen Größe. Er hat ihm die Marmorkälte genommen, welche die Helden des Theaters seit dem klassischen Altertum besaßen.» Hier ist gleich gut ein Charakter geschildert wie eine künstlerische Erscheinung. Um den Horizont Friedmanns zu kennzeichnen, dessen Weite sein Buch zu einem interessanten macht, möchte ich noch den Satz anführen, durch den er Kleist seine Stellung in der Weltliteratur anweist: «Durch das Individuell-Psychologische unterscheiden sich die Personen Kleists von den typischen Idealfiguren der klassischen Schule. Dieses empfanden die Zeitgenossen, und sie fühlten sich eben dadurch von seinen Werken abgestoßen, so daß sie ihnen den verdienten Beifall nie spendeten. Wir aber, die wir immer mehr mit der von ihm eingeschlagenen künstlerischen Richtung vertraut werden durch die Werke Ibsens, Björnsons und überhaupt des heutigen Theaters, wir können ihnen, gerade dieser ihrer neuen Richtung wegen, unsere Bewunderung nicht vorenthalten.»

German original of German Drama of the 19th Century · ← Previous · Next →