«Mutter Erde»
Drama in fünf Aufzügen von Max Halbe
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin
Wie Liebende sprechen, das hat Max Halbe bis auf den Grund erforscht. Er kennt sie alle, die ewig jungen Gefühle: das Jauchzen des seligen, trunkenen und die herbe Pein des unglücklichen Herzens. Und er hat zarte, weiche Töne, um von süßen Seelengeheimnissen und lieblichen Schwärmereien zu singen. Ebensowenig fehlt ihm die Kraft zu dem Aufschrei des gequälten Innern, das umsonst nach Labung für seinen Liebesdurst lechzt, oder dem der zeitweilig gewährte Genuß von dem herzlosen Schicksal entzogen wird.
Spricht Max Halbe diese Sprache der Liebesleidenschaft von der Bühne herab zu uns, dann schmeichelt er sich ein in unsere Herzen. Seine Beziehungen zum Publikum sind dann selbst ein Liebesverhältnis. Leider wird dieses Liebesverhältnis dann gestört, wenn er uns die großen Menschheitsprobleme und die Psychologie der selteneren Menschen, die an der Lösung dieser Probleme mitarbeiten wollen, vorführt. Es gibt Menschen, deren Wesen sich dem feinen Beobachter leicht enthüllt, die dem forschenden Blick keine Rätsel aufgeben. Solche Gestalten gelingen Halbes Künstlerschaft bis zur Vollendung. Den andern Naturen gegenüber, bei denen schonungslose Zergliederung des Seelenanatomen der formenden Kraft des Künstlers die Richtung geben muß, ist Halbe weniger glücklich. Ich glaube an den Tiefblick Halbes. Ich meine, wenn er ihn entfaltete, diesen Tiefblick: er müßte auf die entlegensten Gründe der menschlichen Seele kommen. Das scheint ihn aber gar nicht zu reizen. Dieses Gefühl habe ich Halbes Schöpfungen gegenüber immer gehabt. Sein neues Drama «Mutter Erde» hat es neuerdings in mir befestigt. Das Kunstwerk hat einen starken Eindruck auf mich gemacht, aber mehr durch die Kräfte, die in den Motiven stecken und die der Dichter nicht herausgelöst hat, als durch das, was dieser wirklich vor unseren Augen sich abspielen läßt.
Ein begabter Jüngling wird aus dem Vaterhause verstoßen, weil die Ideale eines jungen Weibes, das für die Freiheit ihres Geschlechtes arbeiten will, ihn mehr reizen als die Aussicht, dereinst mit der ihm vom Vater zugedachten Frau gemeinsam dem Gutsbesitze seiner Ahnen vorzustehen und ein Leben zu führen, wie es Vater, Großvater und so weiter hinauf geführt haben. Er verläßt den Vater und das Mädchen, das er wirklich liebt, um in kalter Verstandesehe mit der nüchternen Frauenrechtlerin zu leben und mit ihr zusammen eine Zeitung zu gründen, welche gegen die Knechtung des Weibes kämpft. Zehn Jahre dauert diese als Ehe verkappte Freundschaft zwischen Paul Warkentin und Hella Bernhardy, da stirbt des ersteren Vater. Aus diesem Anlasse reisen das «Ehepaar» und ein Freund des Hauses, der Pole Dr. von Glyszinski, nach dem Gute. Dieser Pole spielt eine sonderbare Rolle. Er schwärmt für Hella wie der schmachtende Liebhaber; sie benützt ihn zu Sekretärdiensten und stößt ihn zurück wie einen Kautschukballon, wenn er ihr zu nahe kommen will. Paul ist er gleichgültig. Er duldet den Nebenbuhler, weil er ihn bei der Geschlechtslosigkeit Hellas für ganz ungefährlich hält. Hella und Paul sind verschiedene Naturen. Sie lebt in lauteren Abstraktionen, ihr Kopf ist von körperlosen Idealen vollgestopft. Sie redet wie ein Buch. Sie hat Paul für ihre Ideen begeistert; aber diese Begeisterung geht nicht tief. Er fühlt sich unglücklich. Denn in ihm lebt das Blut vollsaftiger Landmenschen, sein Inneres bleibt hungrig bei den Abstraktionen, die ihm die «Gattin» auftischt. Während zehn Jahren lebt er das Leben so dahin. Als er aber nach des Vaters Tode wieder in die Heimat kommt, die Herrlichkeiten seines Gutes wieder sieht und aufs neue schätzen lernt, ja, nun gar das Weib wiederfindet, das er einst geliebt: da lebt in ihm wieder auf, was er, durch Hella verblendet, aus sich verbannen wollte. Paul ringt sich los von seiner Versucherin; Antoinette verläßt den platten, dummgutmütigen, ekeln Gatten, dem sie nur gefolgt ist, weil Paul sie verschmäht hat. Beide wollen von jetzt ab nur noch einander gehören. In lüsternen Zügen trinken sie die Liebe, die sie Jahre entbehrt haben.
Ein kühner Dichter, der es versteht, Charaktere zusammenzubringen, deren gegenseitiges Verhältnis von höchstem Interesse für jeden modernen Menschen ist, hat diesen Stoff ersonnen. Schade nur, daß die Charaktere zu wenig vertieft sind, um dieses Interesse wirklich zu erregen. Hella ist nicht das Weib, von dem wir begreifen, daß es seiner Natur nach für die Freiheit seines Geschlechtes eintreten muß. Sie ist doch nur ein wandelndes und redendes Programm. Paul Warkentin hat ebensowenig Leib und Seele. Er handelt nicht aus Stärke, nicht aus Schwäche, nicht aus dem Gefühle, nicht aus Verstandesimpulsen: er tritt erst für die Rechte der Frau ein und sinkt dann Antoinette in die Arme, um mit ihr zur Mutter Erde zurückzukehren, weil der Dichter die zwei Seiten der Menschennatur — die zur Schwäche führende Vergeistigung und die gesunde Ursprünglichkeit — zeigen und miteinander in Konflikt bringen will. Wir würden uns keinen Augenblick wundern, wenn Paul doch wieder mit Hella in die Stadt zurückkehren würde. So wenig fließen seine Taten aus seinem Charakter. Vollends unbegreiflich bleibt, warum Hella den Gatten nicht freigibt, als sie sieht, daß er von Antoinette nicht lassen will. Hat sie denn mit den Ideen der Freiheit nur geflunkert? Und für mein Gefühl noch unbegreiflicher ist, daß die beiden Menschen, Paul und Antoinette, die nach zehn Jahren sich wiederfinden, in den Tod gehen müssen, weil Antoinette es nicht ertragen könnte, wenn die Leute sagten, das fortgelaufene Weib lebt mit dem fortgelaufenen Mann. Die Freiheitsheldin, die ihren Mann an dem Zipfel feschält, den ihr die Gesetzgebung in die Hand drückt, und das liebende Weib, das dem brutalen gesellschaftlichen Vorurteile sich beugt, machen uns nicht warm.
Trotz alledem hat Halbes Drama eine große Wirkung auf mich ausgeübt. Wenn sie sich auch nicht ganz auslebt, so waltet doch darin eine bedeutende dramatische Kraft. Und wenn die Personen auch nicht recht auf den Beinen stehen, so spielen sich doch vor unseren Augen Konflikte ab, die in unserer Zeit tief begründer sind. Wir glauben dem Dichter, wenn wir auch seinen Personen nicht glauben.
Die Darstellung hätte mit Leichtigkeit manche Lücke ausfüllen können, die der Dichter gelassen hat. Eine völlig befriedigende Leistung bot nur Else Lehmann als Antoinette. Rudolf Rittner trug nichts zur Aussöhnung der zwei feindlichen Seelen bei, die in Pauls Brust wohnen, und Alwine Wiecke hat gezeigt, daß sie eine kluge Schauspielerin ist, die bei modernen Charakteren ihre Mittel so gut zu verwenden weiß wie bei klassischen; hinreißend wirkt sie aber da und dort nicht, weil sie zu wenig Temperament hat.